Lyda lachte laut auf: »Ja, welch ein hölzernes Kompliment.«

»Ich verstehe es nicht, Komplimente zu machen,« erwiderte düster

Nowikow.

»Aber so schweigen Sie doch und hören Sie zu.« Lyda zuckte unwillig die

Achseln.

Ich liebte dich stumm, hoffnungslos und schmerzlich,

Mit all der Qual, die solche Liebe gibt,

Ich liebte dich so wahrhaft und so herzlich,

Gott gäb', daß dich ein andrer je so liebt.

Die Töne hallten vom Piano wie klingende, kristallene Aufschläge in den

Garten hinein. Der Mondenschein wurde immer leuchtender, die Schatten

immer tiefer. Unten im Grase ging Ssanin leise vorüber, setzte sich

unter die Linde, und saß unbeweglich da, bezaubert von der Stille,

welche die Laute des Klaviers und der leidenschaftliche Gesang nicht

verwischen konnten, sondern im Gegenteil noch erhöhten.

Plötzlich fuhr Nowikow in die Höhe, als wäre es ihm mit einemmal

entschieden ins Bewußtsein gekommen, daß er unmöglich noch einen

Augenblick verlieren dürfe: »Lyda Petrowna!«

»Was?« fragte Lyda mechanisch und schaute auf den Garten und den Mond

und über die schaukelnden Zweige, welche sich von seiner runden und

hellen Scheibe abhoben.

»Ich warte schon so lange! ... Ich möchte jetzt sprechen!« fuhr Nowikow

mit abgerissener Stimme fort.

Ssanin wendete den Kopf und horchte auf.

»Worüber? ...« fragte Lyda zerstreut.

Sarudin beendete grade seine Romanze, schwieg eine Weile, und setzte

dann von neuem ein; er glaubte, eine selten schöne Stimme zu haben, und

liebte es, vorzutragen.

Nowikow fühlte, daß er abwechselnd errötete und erblaßte; ein Gefühl der

Uebelkeit stieg in ihm auf und der Kopf schwindelte ihm.

»Ich ... sehen Sie ... Lyda Petrowna ... wenn Sie ... vielleicht geneigt

wären, meine ... Frau ...« seine Zunge schlotterte und er wurde sich

bewußt, daß man in solchen Augenblicken nicht so sprechen dürfe wie er.

Und bevor er noch geendet hatte, erwartete er es schon als etwas ganz

Selbstverständliches, daß sich sogleich ein sehr beschämender Vorgang,

der ebenso töricht wie lächerlich wäre, abspielen müsse.

Mechanisch erkundigte sich Lyda noch einmal: »Wessen? ...« Und plötzlich

wurde sie glühend rot, stand auf, setzte zu einer Antwort an, sagte aber

nichts und wandte sich voller Verlegenheit ab. Jetzt schaute ihr der

Mond grade ins Gesicht.

»Ich liebe Sie!« Nowikow bebte am ganzen Körper; er hatte die

Empfindung, als ob der Mond zu leuchten aufgehört hätte, als ob es im

Garten überaus schwül sei und alles irgendwo in einen hoffnungslosen,

furchtbaren Abgrund stürze. »Ich verstehe nicht zu reden. Aber das ist

ja gleich. Ich habe Sie sehr gern!«

-- -- -- Wozu brauche ich hier das _sehr_, dachte er plötzlich, als

wollte ich über Vanille-Eis sprechen. Er verfiel in Schweigen. Lyda

zupfte nervös an einem Blättchen, das ihr grade in die Hand kam. Es

machte sie verlegen, weil seine Worte für sie gänzlich unerwartet und

unnötig waren. Sie riefen eine traurige Stimmung, die nichts wieder gut

machen konnte, zwischen ihr und Nowikow hervor, an dessen Person sie

seit langem fast wie an einen Verwandten gewöhnt war und den sie auch

ein wenig liebte.

»Ich weiß wirklich nicht! ... Ich habe niemals an so etwas gedacht.«

Nowikow fühlte sein Herz mit einem stumpfen Schmerz irgendwohin

zurückfallen. Er wurde noch blässer, stand auf und griff zur Mütze.

»Auf Wiedersehen!« sagte er, ohne daß seine Stimme ihm selbst in den

Ohren nachgeklungen hätte. Seine Lippen verzerrten sich zu einem

unpassenden, widersinnigen und bebenden Lächeln.

»Wo wollen Sie denn hin? ... Auf Wiedersehen!« Lyda war verwirrt; beim

Händereichen bemühte sie sich, harmlos zu lächeln.

Nowikow drückte rasch ihre Hand und ohne die Mütze aufzusetzen, lief er

mit hastigen Schritten über das betaute Gras, geradeaus durch den

Garten. Als er in die ersten Schatten eintrat, griff er sich erregt in

die Haare: -- -- -- Oh, mein Gott, warum bin ich so unglücklich? ...

Sich eine Kugel durch den Kopf jagen? ... Ach, das sind ja alles nur

Bagatellen. Aber doch, sich eine Kugel durch den Kopf jagen ... so schoß

es wirbelnd und zusammenhangslos durch seine Gedanken und er hielt sich

für den unglücklichsten Menschen, für völlig entehrt und lächerlich.

Zuerst wollte ihn Ssanin anrufen; er bedachte sich aber anders und

lächelte nur. Es kam ihm sehr komisch vor, daß sich Nowikow an den

Haaren riß und beinahe heulte, nur weil es eine Frau, deren Gesicht,

Schultern und Füße ihm gefielen, ablehnte, sich ihm hinzugeben. Dann

aber war es Ssanin auch angenehm, daß seine schöne Schwester Nowikow

nicht liebte.

Lyda stand einige Minuten unbeweglich auf demselben Fleck und Ssanin

folgte mit scharfer Aufmerksamkeit dem hellen Umriß ihrer Gestalt, auf

die grell das Mondlicht fiel. Durch die schon im Mondlicht liegende Tür

trat Sarudin auf die Terrasse heraus; für Ssanin war sein vorsichtiges

Sporengeklirr deutlich hörbar.

Im Saale spielte jetzt Tanarow einen alten Walzer mit zerrinnenden,

duftigen Lauten zaghaft und grämlich.

Sarudin ging leise auf Lyda zu und umschlang ihre Taille mit einer

weichen, geschmeidigen Bewegung; es fiel Ssanin auf, wie plötzlich zwei

Schatten in einen zusammenflossen, der dann im Mondenlicht sonderbar hin

und her schwankte. »Worüber sinnen Sie so verloren nach?« flüsterte

Sarudin leise; seine Lippen ergriffen ihr kleines, zartes Ohr, und seine

Augen blinkten dicht vor den ihren.

Lyda schwamm es süß und ängstlich durch den Kopf. Wie immer, wenn sie

und Sarudin sich umarmten, erfaßte sie ein eigentümliches Gefühl. Sie

war sich klar, daß er seiner geistigen Entwicklung nach unendlich

niedriger stände als sie und daß sie sich ihm niemals unterwerfen würde.

Gleichzeitig aber beherrschte sie ein angenehmer Schauer der

Unsicherheit bei dem Gedanken, diese Berührungen einem starken und

schönen Mann zu gewähren; es war, als blicke sie in einen bodenlosen

Abgrund: -- -- -- Und mit einemmal raffe ich mich auf und stürze mich

hinunter ... will es und stürze mich ...

»Man wird uns sehen ...« flüsterte sie kaum hörbar, ohne sich aber

stärker an ihn zu drücken oder sich weiter von ihm zu entfernen, während

sie ihn grade durch diese hingebende Passivität noch mehr lockte und

erregte.

»Ein Wort!« fuhr Sarudin fort, indem er sich, mit heißem Blut

übergossen, stärker an sie drängte.

Lyda zitterte. Diese Frage stellte er nicht zum ersten Mal an sie und

stets begann in ihr etwas zu sehnen und zu beben, das sie schwach und

willenlos machte.

»Wozu das?« fragte sie ihn dumpf und ihre Augen blickten, von

irgendeinem feuchten Schimmer überzogen, weit geöffnet in den Mond.

Sarudin konnte und wollte ihr nicht die Wahrheit sagen, obgleich er wie

alle Männer, die bei Frauen Glück haben, fest davon überzeugt war, daß

Lyda ihn verstand und im Inneren dieselben Wünsche hatte; sie ängstigte

sich nur.

»Wozu? ... Nun, um Sie endlich einmal frei anschauen zu können. Um mit

Ihnen ein freies Wort zu sprechen. Wie wir jetzt zusammenkommen, das ist

eine Folter. Sie quälen mich. Lyda, Sie kommen, ja? ...« wiederholte er,

seine bebenden Kniee an ihren elastischen und warmen Schenkel drückend.

Diese Berührung seiner Kniee brannte in ihr wie glühendes Eisen; um sie

erhob sich nur noch ein dichter, traumschwüler Nebel. Ihr ganzer,

biegsamer Körper erstarb; er schob und zog sich ohne ihren Willen dem

seinen entgegen. Ihr wurde qualvoll gut und scheu zumute. Ringsumher

hatte sich alles in sonderbarer, unbegreiflicher Weise verändert. Der

Mond war kein Mond mehr, er leuchtete nahe, ganz nahe durch das Gitter

der Terrasse, als hinge er grade über der hellerleuchteten Lichtung. Der

Garten, nicht jener, den sie bisher gekannt hatte, sondern ein anderer,

der viel dunkler und geheimnisvoller war, rückte dicht an sie heran und

drängte sich um sie. Ihr Kopf schwindelte langsam und nachhaltig. Doch,

sich mit eigenartiger Lässigkeit biegend, entwand sie sich seinen Armen

und flüsterte mühsam durch die plötzlich wie ausgetrockneten Lippen:

»Gut!«

Schwankend und schwerfällig ging sie ins Haus; sie verstand daß etwas

Furchtbares, Unabwendbares geschehen war, das sie lockte, lockte, das

sie in den Abgrund zog.

-- -- Es ist ja nur eine Bagatelle, es wird nichts sein, ich mache nur

Spaß; ganz einfach, weil es mir interessant ist, ein Scherz, weiter

nichts; -- -- so bemühte sie sich selbst zu überzeugen, als sie in ihrem

dunklen Zimmer vor dem Spiegel stand und darin nur ihren Schatten sah,

welcher durch den Widerschein der vom Eßzimmer aus beleuchteten Türe

hineingeworfen wurde. Sie hob langsam die Hände über den Kopf, knackte

die Finger zusammen und dehnte sich leidenschaftlich; dabei beobachtete

sie die Bewegungen ihrer schlanken Taille und ihrer breiten, runden

Hüften.

Sarudin durchschauerte es, als er allein geblieben war; er knirschte mit

den Zähnen und zuckte, die Augen schließend, mit den Achseln. Wie

gewöhnlich fühlte er sich glücklich und er empfand, daß ihm ein noch

größeres Glück bevorstände. Lyda erschien ihm in dem Augenblick, in dem

sie sich ihm hingeben würde, so ungewöhnlich, so wollüstig schön, daß

ihm die Erregung physische Schmerzen verursachte.

In der ersten Zeit, als er anfing, ihr den Hof zu machen und auch später

noch, als sie ihm schon erlaubte, sie zu umarmen, konnte er ein Gefühl

der Furcht in sich nicht unterdrücken. In ihren verdunkelten Augen lag

etwas Fremdes, das ihm unbegreiflich war, wie, wenn sie ihn trotz ihrer

Liebkosungen doch im geheimen verachtete. Sie erschien ihm so klug, so

allen jenen Frauen und Mädchen unähnlich, bei denen er stolz seine

Ueberlegenheit empfunden hatte; -- -- ihr klares Selbstbewußtsein zeigte

sie so deutlich, auch während er sie küßte, daß er bei den Umarmungen

zurückhaltend und ängstlich wurde, als erwartete er in jedem Augenblick,

eine Ohrfeige zu bekommen. Der Gedanke, sie ganz zu besitzen, rief in

ihm nur stärkere Furcht hervor. Mitunter kam es ihm geradeso vor, als

spielte sie nur mit ihm und seine Rolle schien ihm dann einfach dumm und

lächerlich.

Nach dem heutigen Versprechen jedoch, welches sie ihm mit einer

eigentümlich ersterbenden, willenlosen Stimme, die er schon von anderen

Frauen her kannte, gegeben hatte, fühlte er, wie seine Kraft unerwartet

zurückkehrte. Er verstand, daß nun alles so kommen mußte, wie er es

wollte.

Und in das beklemmende Gefühl wollüstiger Sehnsucht mischte sich fein

und unbewußt eine Spur von Schadenfreude darüber, daß dieses kluge und

gebildete Mädchen, welches so stolz und rein war, ihm ebenso unterliegen

würde, wie alle die anderen, und daß sie mit sich dasselbe vornehmen

lassen sollte, was er bei den andern zu tun pflegte.

Harte, brutale Szenen stiegen vor ihm empor und schwebten nebelhaft vor

seinen Augen auf und ab; sie waren voll überreizter Wollust und von

ausgesprochener Niedrigkeit. Als Mittelpunkt drängte sich allmählich das

Bild von Lydas nacktem Körper hervor. Sarudin sah ihr aufgelöstes Haar,

ihre klugen Augen; alles das verband sich zu einer wilden Orgie

überhitzter Grausamkeit. Plötzlich erblickte er sie deutlich vor sich

auf dem Boden liegen, hörte das Sausen seiner Reitpeitsche und ein

rosiger Streifen zog über ihren nackten, zarten Körper, der sich in

sklavischer Unterwürfigkeit zuckend dehnte und streckte. Unter einem

plötzlichen Aufschießen des Blutes, das ihm ins Gehirn stieg, schwankte

er zitternd gegen das eiserne Geländer der Terrasse. Goldene Kreise,

Flammen schwirrten ihm vor den Augen. Es war ihm physisch unerträglich,

weiter zu denken. Mit bebenden Fingern zündete er eine Zigarette an,

seine starken Füße hatten alle Kraft verloren; er trat ins Haus.

Wladimir Petrowitsch, der nichts von allem gehört, aber doch genug

gesehen hatte, um Sarudins Lage zu begreifen, ging ihm mit einer

Empfindung der Eifersucht nach. -- -- -- Welch ein Glück doch solche

Bestien haben, dachte er. Weiß der Teufel ... Lyda und dieser ...

Das Abendbrot wurde im Eßzimmer eingenommen. Maria Iwanowna war nicht

gut aufgelegt, Tanarow schwieg gewohnheitsmäßig und träumte davon, wie

angenehm es sein müßte, Sarudin zu ähneln und von einem Mädchen wie Lyda

geliebt zu werden. Es schien ihm, daß er sie nicht so wie Sarudin lieben

würde, der nicht imstande war, ein solches Glück zu schätzen.

Lyda war blaß und schweigsam; sie schaute niemanden an. Listig und

behutsam dagegen benahm sich Sarudin, wie ein Raubtier auf der Fährte,

und Ssanin gähnte wie immer, aß, trank sehr viel Wodka; dem Anschein

nach war er äußerst schläfrig. Das hinderte ihn aber nicht, nach dem

Abendessen zu erklären, er wolle sich noch nicht hinlegen und werde

statt eines Spazierganges Sarudin nach Hause begleiten.

Ssanin und Sarudin gingen bis zur Wohnung des Offiziers in fast völligem

Schweigen; -- -- um sich die tiefe Nacht. Nur in den obersten

Wolkenschichten schwamm, kaum sichtbar, der Mond. Ab und zu blickte

Ssanin auf den Offizier und überlegte, ob es nicht das beste wäre, ihm

eine herunterzuhauen.

»Ja,« sagte er plötzlich, schon dicht vor Sarudins Wohnung, »es gibt

Verschiedenes in der Welt; zum Beispiel so allerlei Lumpen.«

»Wie meinen Sie das? ...« fragte Sarudin, vor Verwunderung die

Augenbrauen hochziehend.

»Ja, so im allgemeinen. Aber grade die Lumpen, das sind die

interessantesten Kerle.«

»Was sagen Sie da? ...«

»Natürlich, es gibt nichts Langweiligeres in der Welt, als ein

rechtschaffener Mensch zu sein. Was ist so einer? Das Programm der

Rechtschaffenheit und Tugend, das ist doch eine allbekannte Geschichte;

was sollte es darin Neues geben? In diesem alten Plunder geht dem

Menschen jede Individualität verloren. Das ganze Leben engt sich in

einen öden, platten Rahmen der Anständigkeit ein. Hehle nicht, lüge

nicht, verrate nicht, brich nicht die Ehe, und dabei ist die Hauptsache,

daß grade alles dies am festesten im Menschen sitzt; jeder Mensch lügt,

verrät, und betreibt besagtes Ehebrechen, nach Maßgabe seiner Kräfte.«

»Doch nicht jeder,« bemerkte nachsichtig Sarudin.

»Nein, jeder! Es genügt schon, sich in das Leben eines anderen Menschen

hineinzuversetzen, um darin auf die Sünde zu stoßen. Sehen Sie, in dem

Augenblick, wo wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, uns dann ruhig

schlafen legen und zum Mittagessen niedersetzen, verüben wir schon

Verrat.«

»Aber was sprechen Sie da?« rief Sarudin unwillkürlich entrüstet.

»Nun wir zahlen Steuern, genügen unsern Bürgerpflichten und die Folge

davon ist, daß wir dem Staat die Mittel geben, Tausende von Menschen in

denselben Krieg zu schicken, über dessen Ungerechtigkeit wir uns

empören. Wir legen uns schlafen und wir denken garnicht daran, die zu

retten, die sich gleichzeitig für unsere Ideen aufopfern. Wir verzehren

soviele überflüssige Bissen und lassen Menschen Hungers sterben, für

deren Wohlergehen wir sorgen müßten, wenn wir wirklich tugendhafte

Menschen wären. Und so fort. Das ist ja verständlich. Aber eine andere

Sache ist es mit dem Lumpen, dem echten, aufrichtigen Lumpen. Das ist

vor allen Dingen ein vollkommen offener, natürlicher Mensch.«

»Ein natürlicher? ...«

»Gewiß, unbedingt. Er tut eben das, was für einen Menschen ganz

natürlich ist. Er sieht irgendetwas, was ihm nicht gehört, aber gefällt,

und nimmt es sich. Er sieht ein prachtvolles Weib, das sich ihm nicht

gleich hingeben will, also nimmt er es mit Gewalt oder mit List. Und das

ist vollkommen natürlich, weil das Bedürfnis und Verständnis für den

Genuß grade einer der wenigen Züge ist, wodurch sich der Mensch vom

Tiere unterscheidet. Je mehr Tier das Tier ist, um so weniger weiß es

etwas vom Genuß oder ist imstande, ihn zu suchen. Tiere befriedigen nur

ihre Triebe. Ich glaube, darüber sind wir uns doch alle klar, daß der

Mensch nicht zum Leide geschaffen ist, und daß Leiden nicht das Ideal

menschlichen Strebens sein kann.«

»Selbstredend,« gab Sarudin zu.

»Also liegt im Genuß das Ziel des Lebens. Paradies ist gleichbedeutend

mit absolutem Genuß und alle Menschen träumen auch, so oder so, vom

Paradies auf Erden. Ursprünglich war es ja auch hier unten, wie man

sagt. Und dieses Märchen vom Paradies ist keineswegs ein Unsinn; es ist

ein Traum und ein Symbol.«

»Ja,« sagte nach einigem Schweigen Sarudin, »die Enthaltsamkeit ist

wirklich keine natürliche Eigenschaft des Menschen; am aufrichtigsten

sind tatsächlich die, welche ihre Begierden garnicht zu unterdrücken

suchen.«

»Ganz recht,« fiel ihm Ssanin ins Wort, »das heißt also solche, die man

in unserer Gesellschaft Lumpen nennt. Sehen Sie, wie Sie zum Beispiel.«

Sarudin zitterte und prallte zurück.

»Sie sind natürlich,« fuhr Ssanin fort und tat so, als wenn er nichts

bemerkt hätte, »der beste Mensch von der Welt. Wenigstens in Ihren

eigenen Augen. Aber gestehen Sie, trafen Sie jemals einen Menschen, der

besser war als Sie? ...«

»Viele,« antwortete unentschlossen Sarudin, der ihn jetzt überhaupt

nicht mehr begriff und nicht mit sich ins Reine kommen konnte, ob es

angebracht wäre, sich beleidigt zu fühlen oder nicht.

»Sagen Sie wen? ...«

Sarudin zog schwankend die Schultern an.

»Nun da haben Sie's,« rief Ssanin heiter, »zuletzt bleiben Sie doch

selbst der allerbeste Mensch. Und ich zähle mich natürlich auch zu

ihnen. Und haben wir beide nicht, wenn's drauf ankommt, den Wunsch, zu

stehlen, zu lügen und ehezubrechen? Selbstverständlich, ... vor allen

Dingen ehezubrechen.«

Sarudin schob wieder die Schultern in die Höhe.

»Originell,« murmelte er.

»Meinen Sie?« fragte Ssanin, mit einer unfaßbaren Nuance von Spott. »Von

der Seite habe ich es noch garnicht angesehen. Ja, Lumpen sind die

aufrichtigsten Menschen. Nebenbei auch die interessantesten. Weil man

sich in der menschlichen Lumpenhaftigkeit gar keine Schranken und

Begrenztheit vorstellen kann. Einem Lumpen werde ich stets mit ganz

besonderer Hochachtung und großem Genuß die Hand drücken.«

Und mit einem ungewöhnlich offenen, freudigen Gesicht drückte Ssanin dem

Offizier die Hand, schaute ihm dabei liebenswürdig gerade in die Augen,

verdüsterte sich aber plötzlich und murmelte, nun schon mit völlig

veränderter Stimme: »Adieu, gute Nacht!« und ging fort.

Sarudin blickte, einige Minuten unbeweglich auf demselben Flecke

stehend, dem fortgehenden Ssanin ganz verdutzt nach. Er wußte nicht, wie

er seine Worte aufnehmen sollte und er befand sich daher in einer selten

peinlichen Stimmung. Aber sofort wurde sie durch die Erinnerung an Lyda

verdrängt; -- -- er dachte daran, daß Ssanin ja ihr Bruder sei und daß

er im Grunde wohl recht hätte; im selben Augenblick empfand er für ihn

auch ein Gefühl brüderlicher Liebe und Freundschaft.

-- -- -- »Er bleibt aber doch ein interessanter Kerl,« dachte er

selbstgefällig, als wenn ihm Ssanin bis zu einem gewissen Grade angehöre

und er selbst für dieses Interesse in Frage komme. Dann öffnete er die

Haustür und schritt, immer noch kopfschüttelnd und von angenehmem

Nachdenken angeregt, in seine Wohnung.

Ssanin kehrte gleichmütig nach Hause zurück, kleidete sich aus, legte

sich nieder, zog die dicke Decke hoch und wollte zum Zarathustra

greifen, den er bei Lyda gefunden hatte.

Aber schon von der ersten Seite an war ihm das Buch langweilig. Die

aufgeblasenen Bilder erweckten in seiner Seele keinen Rhythmus, er

spuckte drauf, warf es beiseite und schlief sofort ein.

Ssanin: Roman · 第 22 / 97 题