Es war dunkel geworden, als die Spaziergänger endlich zurückkehrten.
Schon aus der Tiefe des Gartens, der in der Dämmerung weich versunken
lag, vernahm man ihre hellen, belebten Stimmen.
Die lustige, erregte Lyda lief Maria Iwanowna in die Arme. Auf ihr lag
noch der frische Duft des Flusses. Und mit ihm hatte sich jener
reizvolle Hauch schöner, junger Mädchen verbunden, welche bis zur
äußersten Spannung von liebenswürdigen, jungen Männern, die sie selbst
in gierige Stimmung versetzt haben, erregt sind.
»Abendbrot machen, Mütterchen, Abendbrot machen,« sie zupfte Maria
Iwanowna zärtlich an den Ohrläppchen. »Und inzwischen wird uns Viktor
Sergejewitsch etwas vorspielen.«
Maria Iwanowna ging, um das Abendbrot anzuordnen und dachte dabei, daß
das Schicksal eines so interessanten und ihr so klaren Wesens wie Lydas
nicht anders als glücklich sein könne.
Sarudin und Tanarow gingen in den Saal ans Klavier und Lyda ließ sich in
dem Schaukelstuhl nieder, der auf dem Balkon stand; geschmeidig streckte
und reckte sie ihre Glieder.
Nowikow schritt schweigend auf den knarrenden Dielen des Balkons auf und
ab und betrachtete von der Seite ihr Gesicht, ihre hohe Brust und die
schlanken Füße, die in schwarzen Strümpfen und gelben Schuhen steckten.
Sie aber bemerkte weder seine Blicke noch ihn selbst, ganz hingerissen
von dem mächtigen und zauberhaften Eindruck der ersten Leidenschaft. Sie
schloß die Augen und lächelte rätselhaft in sich hinein.
In der Seele Nowikows ging der alte Kampf vor sich.
Er liebte Lyda, aber er konnte sich nicht in ihr zurechtfinden. Manchmal
glaubte er, daß auch sie ihn liebe; -- dann wieder kam ihm dieser
Gedanke ganz ungeheuerlich vor. In Augenblicken, in denen er sich ihrer
Liebe sicher fühlte, schien es ihm sehr wahrscheinlich, ja
selbstverständlich, daß ihm einst ihr schlanker Körper in seiner jungen
Reinheit angehören würde. Sobald jedoch in ihm Zweifel aufstiegen, ob
sie ihn jemals lieben könne, empfand er die gleichen Gedanken als
schamlos und gemein, und wenn er sich dann bei sinnlichen Vorstellungen
ertappte, nannte er sich einen niedrigen, schmutzigen Menschen, der
Lydas nicht wert sei.
Während er so über die Dielen schritt, suchte er sich selbst eine
Entscheidung zu setzen: Trete ich mit dem rechten Fuß zuerst auf die
letzte Diele, so bedeutet es Ja und ich muß mich ihr erklären; ... und
wenn mit dem linken, so ...
Er wollte nicht zu Ende denken, was dann geschehen müsse.
Die letzte Diele betrat er mit dem linken Fuß und wurde von kaltem
Schweiß übergossen; er sagte sich aber sofort: Pfui, was für Dummheiten!
Wie ein altes Weib! Nun, eins, zwei, drei ... Und mit dem Worte drei
gehe ich grade darauf los und sage, ... ja, was sage ich ... nun, ganz
gleich. Also ... eins, zwei, drei ...
Der Kopf brannte ihm, im Munde wurde es ihm trocken und das Herz klopfte
ihm so stark, daß seine Beine anfingen zu zittern.
»Vielleicht wird es Ihnen doch noch einmal über, herumzulaufen,« rief
ihm Lyda zu, ihre Augen öffnend. »Sie lassen einen ja garnicht zum
Zuhören kommen ...«
Nowikow bemerkte erst in diesem Augenblick, daß Sarudin sang.
Es war die alte Romanze:
Ich liebte dich, vielleicht ist dieses Feuer
In meinem Herzen noch nicht ganz verglüht,
Doch deine Ruh' ist mir vor allem teuer,
Durch nichts betrüben will ich dein Gemüt.
Er sang nicht schlecht, aber doch so wie alle musikalisch nicht
gebildeten Menschen, die den Ausdruck durch Geschrei und Sinkenlassen
der Stimme zu ersetzen suchen. Nowikow erschien der Gesang von Sarudin
besonders unangenehm.
»Was ist denn das? Selbstverfaßt? ...« erkundigte er sich, mit dem
ungewohnten Gefühl des Grolls und der Erregung, nach dieser allbekannten
Romanze.
»Nein! Setzen Sie sich doch hin. Stören Sie doch nicht!« befahl ihm
launisch Lyda. »Wenn Sie die Musik nicht lieben, so gucken Sie eben
solange in den Mond.«
Der völlig runde und rötlichschimmernde Mond sah wirklich eindringlich
und geheimnisvoll hinter den schwarzen Baumwipfeln hervor. Sein
leichtes, unfaßbares Licht strich über die Stufen, über Lydas Kleid, und
über ihr Gesicht, das die eigenen Gedanken belächelte. Die Schatten im
Garten verdichteten sich und wurden allmählich immer schwärzer wie im
Walde.
»Dann schon lieber Sie ansehen,« sagte Nowikow ungeschickt. -- -- »Ach,
was für Abgeschmacktheiten ich zustande bringe, wenn ich rede,« dachte
er weiter.