Der Ssanin wurde zuerst fortsetzungsweise in der Zeitschrift Sowriemenni
Mir veröffentlicht. Bei der Bedeutung, die die großen literarischen
Revuen für das geistige Leben Rußlands besitzen, ist es kein Wunder, daß
man sofort ganz allgemein zu ihm Stellung nahm. Als der Roman dann in
Buchform erschien, war die erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen.
Die zweite folgte nach kurzer Zeit; das offizielle Verlagsregister gibt
ihren Umfang auf 10000 Exemplare an. Wenige Wochen später wird sie auf
Anordnung der Zentral-Zensurbehörde konfisziert. Das ist für die
Wichtigkeit, die man dem Roman in den Kreisen der russischen Regierung
beimaß, erwähnenswert; für gewöhnlich gehen die zensorischen Maßnahmen
von den Gouvernementsbehörden aus.
Aber das Verbot des Ssanin war ein Schlag ins Wasser; bei der
Konfiskation in den Buchhandlungen fand sich fast kein Exemplar mehr
vor. Auf diese zweite Auflage war sehnsüchtig gewartet worden; man hatte
schon in der Zwischenzeit für gelesene Exemplare 30 und 40 Rubel
bezahlt; das Publikum verschlang auch diese Auflage in wenigen Tagen.
Einer dritten, die vor kurzem in Deutschland erschien, wird es wohl
ähnlich ergehen; in keinem anderen Lande wie in Rußland sind Verbote nur
dazu da, um erlassen zu werden. Umgangen werden sie doch und von den
revolutionären Jahren her ist der Schriftenschmuggel eine liebgewordene
Tätigkeit.
Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Personen, deren Name
unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist. Durch seine
sozialen Wirkungen allein ist der Ssanin aus der Reihe der Werke, die
nur literarisch zu werten sind, ausgeschieden. Selbst wenn er nicht
durch seine künstlerischen Qualitäten zu einer der wichtigsten
Erscheinungen in der modernen Literatur Rußlands geworden wäre, hätten
ihm doch kulturhistorische Gründe bleibende Bedeutung gegeben. Man wird
die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste,
psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den Ssanin
als ihren charakteristischsten Niederschlag in den Mittelpunkt der
Betrachtung zu ziehen.
Es ist hier nicht der Platz, die Ereignisse in Rußland, welche sich um
diesen Roman kristallisiert haben, im einzelnen zu schildern. Der wilde
sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, hat auch schon genug von
sich hören lassen. Die Organisationen der Ssaninisti, die
Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten
Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die
orgiastischen Klubs, die fälschlicherweise behaupteten, die
Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve
taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit für sich; es lohnt
sich nicht, ihrer Existenz durch Erörterungen selbst absprechender Art
neues Leben zuzuführen.
Interessanter ist die Feststellung, wie es überhaupt dazu kam, daß ein
ganzes Volk für seine Gesamtäußerungen mit einem Mal nur noch erotische
Beziehungen finden konnte. Und daß ein einziges Werk -- eben der Roman
Ssanin -- genügt, um sie hervorzurufen und sie mit seinem Namen zu
decken. -- -- --
Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht.
Da leben hundert Millionen von Mushiks, die ihr Stückchen Feld
bestellen, sich bei Mißernten zu Tode hungern, abwechselnd auch an
Epidemien zugrunde gehen, zwischendurch mit Vergnügen den Kulak -- ihren
Dorfwucherer -- totschlagen würden und außerdem darauf warten, daß
einmal die große Landaufteilung kommt. Und sie wird kommen, der
russische Mushik wird zum freien Bauern werden und aus den breiten
unberührten Kräften, deren Naivität und Intensität schon heute jeden
entzückt, der sie zum Vorschein kommen sieht, -- Tolstoi kennt sie,
Gorki nicht -- wird das große, russische Volk erstehen.
Gegenwärtig existiert kein russisches Volk. Wohl aber eine russische
Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprägt.
Einst beschränkte sie sich auf den Adel -- die Zeiten sind längst
vorbei. Heute umfaßt sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe.
Die Repräsentantin des modernen Rußlands ist die studierende Jugend, und
was ihr entstammt -- _die Intelligenz_! Dieses Wort wurde in Rußland
nicht umsonst zu einem soziologischen Begriff; es bezeichnet die Klasse,
an die die aktive Entwicklung des Volkes gebunden ist und in der sie
sich in politisch-soziale Formen umsetzt.
Die russische Intelligenz war Jahrzehnte lang revolutionär; so stand
ganz Rußland im Banne der Revolution. In dieser Epoche strömten
Weltanschauung, Moral, soziale Energien in dem einen großen Becken
zusammen -- -- -- Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse. Für das
Geschlechtsproblem war damals kein Platz. Die freie Liebe existierte
höchstens als ein Punkt des sozialistischen Programms. Aber auch ein
Punkt, von dem man nicht viel sprach, da man kein Interesse an ihm nahm.
Wer in jener Zeit und in jenen Kreisen wirklich ungetraut mit seiner
Frau zusammenlebte, stand auf der höchsten Spitze der Entwicklung; auf
den Gedanken, in der Liebe tatsächliche Freiheit zu suchen, kam man
nicht. Man hatte ja auch gar keine Zeit, _die Liebe_ zu suchen, -- --
man suchte die Revolution. Sie beanspruchte alle Kräfte; sie verlangte
viel. Sie war die stille Frau, der alle Empfindungen zugehörten, ohne
Sentimentalität aber voll Innigkeit. Die freie Liebe der
Revolutions-Epoche war eine gesetzlich nicht geschützte Einehe, die
monogamer gehalten wurde, als manche hochzeitliche Verbindung, vor und
hinter welcher der Pope stand. Und die revolutionäre Bewegung, die
damals die gesamte Intelligenz umfaßte, hätte über jeden ihr wütendes
Anathema ausgesprochen, der es wagen wollte, gegen ihre so ganz
gewöhnliche, so ganz gut bürgerliche, so mehr als bürgerliche Moral zu
verstoßen.
Die Revolution ging in Stücke, die revolutionären Parteien zerfielen,
lösten sich auf; die Intelligenz zog sich von einer Betätigung zurück,
in der es nur, wenn man Glück hatte, ein vergnügtes Ende am Galgen,
sonst ein langwieriges und -weiliges Hinvegetieren in Gefängnissen und
der Zwangsarbeit gab. Doch die aufgepeitschten Erregungen des nationalen
Temperaments ließen sich nicht einfach in die Ecke stellen. An ein
stillverlaufendes, gemäßigtes Leben war man nicht gewöhnt; man konnte es
auch nicht werden, da die Maßnahmen der Regierung auf keinem sonstigen
Gebiet freie Bahn ließen.
Man suchte nach dem »Neuen«.
Die Organisationen der Anarchisten haben den Vorzug, noch ehe man an
Artzibaschew und seinen Ssanin dachte, den Weg dahin gewiesen zu haben.
Nachdem der offene revolutionäre Kampf unmöglich geworden war, führten
sie die terroristischen Aktionen in das Alltagsleben ein. Man warf
Bomben zum Morgenimbiß und machte Expropriationen zum Nachmittagstee --
am Abend hing man am Galgen, -- eine Tageseinteilung, die auf die Dauer
auch den kaltblütigsten Menschen in besondere seelische Schwingungen
versetzen kann.
Derartige Vibrationen lösen sich am leichtesten in geschlechtlichen
Reizen aus; die terroristischen Gruppen der Anarchisten waren die
ersten, in denen die praktische Ausübung der freien Liebe zur Notdurft
wurde. Die Nachrichten hierüber verbreiteten sich bald in den Kreisen
der russischen Gesellschaft, in der Intelligenz; man sah, daß es Gebiete
des täglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar,
doch ganz annehmlich waren. Aber niemals hätte man diesem Beispiel zu
folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlösende »Wort« für
die unbewußten Empfindungen gesprochen worden wäre.
Im Anfang steht das Wort; -- wenigstens in Rußland noch immer.
Man tut nichts, was einem nicht schwarz auf weiß ins Haus getragen wird.
Und dieses Wort spricht Ssanin aus, um dieses Wortes willen ist
Artzibaschew der charakteristische Vertreter des heutigen Rußland.
Ssanin sieht, daß die revolutionäre Politik keinen persönlichen Nutzen
bringt, wie sie auch -- gegenwärtig -- nicht einmal einen sozialen Zweck
nachweisen kann. Daß für ihn weiter der persönliche Nutzen im sexuellen
Genuß zu liegen scheint, kommt dabei erst in zweiter Linie in Betracht;
-- das erste und wichtigste ist wohl, daß in diesem Rußland, wo man
bisher nur die eine Wertbemessung kannte -- wem anderem gereichen unsere
Handlungen zum Guten -- endlich einer hinausschreit: Ich lebe für mich.
Ich pfeife auf unsere Konstitutionen der Welt, die uns nichts angehen.
Für jeden gesunden Menschen ist in einem Lande, wo die geistige
Bewegungsfreiheit vollständig eingeengt ist, die sexuelle
Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben
erwähnten sozialen Unterströmungen entgegen und weist ihnen den offenen
Weg.
So wurde der Roman Ssanin zum Programm der Gesellschaft. Und als
Programm hatte er die ungeheuren Wirkungen, wie vor ihm nur drei Werke:
Jewgenii Oniegin, Väter und Söhne, die Kreuzersonate. Die seinen sind
noch umfassender und eindringlicher, weil er sich in seinen
Gesichtspunkten an weitere Kreise wendet; er hat die Jugend hinter sich.
Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten Werke der
Weltliteratur geworden. Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so
kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus
verändert zum Ausdruck gebracht. Und doch ist der Ssanin gleichzeitig
das Buch der Contre-Revolution. Nichts hat in Rußland die
sozialrevolutionäre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war,
so endgültig der Zersetzung zugeführt, wie Ssanin mit seiner erotischen
Suggestion.
Die Freudenfeste, die man in seinem Namen beging, waren die
Leichenfeiern der Revolution, und die russische Regierung hätte wohl im
Grunde wenig dagegen einzuwenden gehabt, daß die Jubelhymnen der
Ssaninisten das letzte Röcheln einer verendenden Empörung übertönten.
Doch die Ssaninisten, anscheinend froh, endlich die leidige
»Konspirativität«, die traditionelle Geheimniskrämerei, beiseite werfen
zu können, hatten damit auch den behutsamen Stolz der vorangegangenen
Revolution verloren; sie wälzten sich zu laut, zu lärmend in ihrer
Erotomanie. So mußte die Regierung, wohl mehr der Not gehorchend, als
dem eigenen Triebe, zur Konfiskation des Buches schreiten, das ihr wie
kein anderes Ereignis die Wege geebnet hat.
Immerhin; -- die einfachste Wahrheit der Tatsachen hat Artzibaschew für
sich. Sein Roman packte so unwiderstehlich, weil sich jeder in ihm leben
fühlte. Wer nicht Ssanin ist, ist Jurii oder zum wenigsten Schawrow oder
Iwanow. Die Personen sind über den Rahmen der Einzelschicksale
hinausgewachsen, sie sind zu Typen ihrer Zeit geworden. Auf ihren
Charakteren baut sich nun einmal das gesellschaftliche Leben auf;
dadurch werden sie zur Grundlage jeder kulturellen Betrachtung des
heutigen Rußland.
Artzibaschew war bisher in Deutschland unbekannt; der Ssanin ist das
Werk, welches ihn bei uns einführt! In Rußland gilt er seit langem als
einer der prägnantesten Vertreter der »Jungen«, die die psychologische
Darstellungsweise mit der Leichtigkeit realistischer Schilderung,
hauptsächlich bei Behandlung erotischer Probleme, verbinden. Daß er aber
nicht an ein enges Stoffgebiet gebunden ist, hat er in seinen Novellen
bewiesen, die mit seinen beiden besten Erzählungen »Millionen« und »Der
Tod des Iwan Lande« in deutscher Uebersetzung erschienen sind.
_André Villard._
I
Die wichtigste Zeit im Leben, in der sich unter dem Einflusse der ersten
Zusammenstöße mit Menschen und Natur der Charakter bildet, verlebte
Wladimir Ssanin fern von seiner Familie. Niemand beaufsichtigte ihn,
niemandes Hand leitete ihn, und die Seele dieses Menschen wuchs frei und
eigenartig heran, wie der Baum im Felde.
Viele Jahre hindurch war er nicht in der kleinen Stadt gewesen und als
er endlich zurückkehrte, erkannten ihn die Mutter und seine Schwester
Lyda kaum wieder: In den Gesichtszügen, in Stimme und Manieren hatte er
sich nur wenig verändert, aber doch zeigte sich an ihm etwas Anderes,
Unbekanntes, das im Innern herangereift war und das Gesicht mit einem
neuen Ausdruck durchleuchtete.
Es war gegen Abend, als er ankam, und er trat so ruhig in das Zimmer
ein, als ob er es erst fünf Minuten vorher verlassen hätte. In seiner
hochgewachsenen, breitschultrigen Gestalt mit den hellen Haaren, in
seinen ruhigen und fast garnicht, höchstens in den Mundwinkeln,
spöttischen Mienen, lag weder Aufregung noch Ermüdung; die lärmende
Freude, mit der ihn die Mutter und Lyda empfingen, schwand wie von
selbst.
Solange er aß und trank, saß ihm seine Schwester gegenüber und schaute
ihn gerade an, ohne die Blicke abwenden zu können. Sie war in ihren
Bruder so verliebt, wie nur exaltierte, junge Mädchen ihre abwesenden
Brüder zu lieben vermögen.
Lyda stellte sich den Bruder als einen ganz besondern Mann vor, dessen
Eigenart sie sich selbst aus den Büchern zusammengeträumt hatte. In
seinem Leben wollte sie einen tragischen Konflikt sehen: Kampf, --
Leiden, -- Einsamkeit einer gewaltigen Individualität. -- -- -- --
»Warum schaust du mich so grade an?« fragte sie Ssanin lächelnd. Dieses
interessierte Lächeln bei dem in sich vertieften Blick der Augen war der
ständige Ausdruck seines Gesichts.
Und seltsam, -- dieses Lächeln, an sich hübsch und sympathisch, mißfiel
Lyda von Anfang an. Es kam ihr selbstgefällig vor, und es schien ihr so
garnichts von Kampf und Leiden und Einsamkeit zu erzählen.
Lyda schwieg und wurde nachdenklich, und, die Augen abwendend, blätterte
sie mechanisch in einem Buche.
Als das Mittagessen beendet war, streichelte die Mutter ihrem Sohne zart
und sanft Haar und Stirne und fragte:
»Nun erzähle uns aber auch! Wie hast du dort gelebt, was hast du alles
getan? ...«
»Was ich getan habe? ...« Ssanin wiederholte es lächelnd. »Na, was
schon? ... Aß, trank, schlief, arbeitete auch mitunter, manchmal tat ich
auch garnichts, ... so ...«
Anfangs schien es ihm peinlich zu sein, von sich selbst zu sprechen,
aber, als die Mutter sich sorgsam nach allem zu erkundigen begann, da
kam er ins Erzählen und es machte den Eindruck, daß er gern erzähle. Und
doch fühlte man heraus, daß es ihm im Grunde ganz gleichgültig war, wie
sich die Andern zu seinen Reden stellten. Trotzdem er zärtlich und
aufmerksam blieb, ließ sich in seinem Benehmen niemals die intime Nähe
eines verwandten Menschen spüren, die von der ganzen Welt absondert, und
man konnte eher glauben, daß all seine Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit
von ihm so einfach und selbstverständlich ausgestrahlt wurde, wie das
Licht einer Kerze. Für alle gleich!
Sie traten auf die Terrasse hinaus, die in den Garten führte, und
setzten sich auf die Stufen nieder. Lyda machte es sich auf einer
tieferen möglichst bequem, und lauschte ganz für sich und schweigend,
dem, was der Bruder ihnen erzählte.
Ein unfaßbarer, kalter Strahl lief durch ihr Herz. Mit dem scharfen
Instinkt des jungen Weibes empfand sie bereits, daß ihr Bruder nichts
von ihren Phantasien in sich trug, und sie wurde dadurch unwillkürlich
eingeschüchtert und befangen, wie einem Fremden gegenüber.
Es war schon Abend, und ein weicher Schatten fiel auf alles. Ssanin
zündete sich eine Zigarette an; das leichte Aroma des Tabaks mischte
sich mit dem duftigen, sommerlichen Hauch des Gartens.
Er begann davon zu reden, wie ihn das Leben hin- und hergeschleudert
hatte, wie er bummelte, manchmal hungern mußte; von seiner Teilnahme am
politischen Kampf und wie er sie wieder beiseite warf, als sie ihn zu
langweilen anfing.
Lyda hörte gespannt zu und saß unbeweglich, schön und etwas eigenartig
da, wie alle jungen Mädchen in der Frühlingsdämmerung. Immer klarer
wurde ihr, daß sein Leben, welches sie sich in so feurigen Zügen
ausgemalt hatte, ganz einfach und gewöhnlich war.
Zwar ... irgend etwas Besonderes klang noch daraus hervor, doch das, was
es sein mochte, konnte Lyda nicht erfassen. Im übrigen aber blieb es
unwichtig und gleichgültig, ja, wie es ihr vorkam, sogar banal. Er
wohnte, wo es grad der Zufall mit sich brachte, tat, was ihm in die
Hände fiel, arbeitete bald, bald bummelte er, alles scheinbar ohne Ziel;
nur trank er mit Vorliebe und kannte gut die Frauen. Hinter diesem Leben
lauerte nicht das schwere und düstere Schicksal, welches die
träumerische Mädchenseele Lydas zu sehen wünschte. In ihm herrschte
keine allumfassende Idee; er haßte niemanden und litt auch um keines
Menschen willen.
Im Gespräch drängten sich Worte in seine Rede, die Lyda aus irgendeinem
Grunde unschön fand.
»Kannst du denn auch nähen? ...« unterbrach sie ihn einmal unwillkürlich
mit verletzendem Erstaunen; das schien ihr häßlich und unmännlich.
»Früher hatte ich gewiß keine Ahnung davon, aber als es sein mußte, gut,
da lernte ich's eben,« antwortete Ssanin mit seinem Lächeln; er empfand,
was in Lyda vorging.
Das Mädchen zuckte, ein wenig unbeholfen, mit den Achseln, schwieg aber;
sie starrte tief in den Garten, mit dem Gefühl, wie wenn man des Morgens
voller Träume an die Sonne erwacht und plötzlich den Himmel grau und
kalt erblickt.
Auch die Mutter ergriff eine drückende, lästige Bangigkeit. Es berührte
sie schmerzlich, daß ihr Sohn nichts dazu tat, um in der Gesellschaft
die Stellung einzunehmen, die sich für ihn gebührt hätte. So begann sie,
darüber zu reden, daß man auf solche Weise nicht weiter fort leben könne
und daß man wenigstens jetzt versuchen müsse, sich anständig
einzurichten. Zuerst sprach sie behutsam, noch in Furcht, den Sohn zu
verletzen; aber sobald sie bemerkte, daß er nur oberflächlich hinhörte,
wurde sie ungeduldig und fing an, mit dem stumpfen Verdruß einer Greisin
auf ihn einzureden, als ob er sie absichtlich gereizt hätte.
Ssanin zeigte keine Verwunderung, wurde auch nicht böse; wie es schien,
hörte er kaum auf sie. Mit zärtlichen Blicken sah er sie vollkommen
gleichgültig an und schwieg. Nur auf ihre Frage:
»Aber wie denkst du denn zu leben?«
gab er gleichmütig zur Antwort:
»So! ... Irgendwie! ...«
Doch seine ruhige, feste Stimme und die hellen, nicht blinzelnden Augen
ließen erkennen, daß diese zwei bedeutungslosen Worte für ihn einen
allumfassenden Sinn voll tiefer Bestimmtheit hatten.
Maria Iwanowna seufzte, hielt einen Augenblick inne und sagte dann
traurig:
»Nun, wie du es für das Beste hältst. Es ist deine Sache. Du bist auch
kein Kind mehr ... Doch ihr solltet etwas in den Garten gehen. Seht nur,
wie schön es jetzt ist.«
»Gehen wir wirklich Lyda! Komm, zeig' mir einmal unsern Garten. Ich habe
schon ganz vergessen, wie es dort aussieht.«
Lyda fuhr augenblicklich aus ihren Träumereien empor, seufzte ebenfalls
und stand auf. Langsam schritten sie miteinander den breiten Mittelweg
entlang in die feuchte, dunkle Tiefe hinein.
Das Haus der Ssanins lag an der Hauptstraße der Stadt. Aber die Stadt
war nur klein und der Garten lief direkt zum Fluß herunter, an dessen
gegenüberliegendes Ufer schon die Felder stießen. Das Haus war ein alter
Herrensitz mit nachdenklichen Säulen, von denen der Bewurf in Stücken
abgebröckelt war, und einer breiten Terrasse, die in den Garten führte.
Und dieser Garten war groß, verwachsen und lauschig; man konnte glauben,
daß sich eine dichte, dunkelgrüne Wolke an die Erde schmiegte.
Des Abends war es im Garten geheimnisvoll schaurig, als ob dort in dem
formlosen Gebüsch, geradso wie in den verstaubten Mansarden des Hauses,
irgend ein altes, abgelegtes und trauriges Gespenst herumschleiche.
In dem oberen Stockwerke lagen weite, dunkle Säle und leere Gastzimmer
und im Garten war nur die eine Allee gangbar geblieben, auch sie war mit
abgebrochenen Zweigen und Blättern bedeckt; hin und wieder stieß der Fuß
an einen zertretenen Frosch.
Das ganze gegenwärtige Leben aber hauste still und bescheiden nur in
einer Ecke. Neben dem Hause schimmerte dort der gelbe Kies hervor,
krause Blumenbeete waren mit bunten Blüten durchsetzt; ein hölzernes
Tischchen, an dem man bei gutem Wetter speiste und den Tee einnahm,
hatte dort seinen Platz. Diese ganze, kleine Ecke war von einfachem,
friedlichem Leben durchwärmt, sodaß sie nicht mit der düsternen
Schönheit des weiten, verwahrlosten Ortes verschmolz, der dem
unvermeidlichen Verfall geweiht schien.
Als das Haus im Grünen verschwunden war und um Ssanin und Lyda nur noch
die verträumten Bäume gleich lebendigen Wesen standen, legte er seinen
Arm um ihre Taille und sagte mit einer eigentümlichen Stimme, die
zärtlich und doch bedrückend klang:
»Nein, bist du aber zu einer Schönheit herangewachsen. Muß der Mann
glücklich sein, dem du dich als Erstem hingeben wirst ...«
Ein heißer Strom zuckte aus seinem kräftigen, wie aus Eisen
geschmiedeten Arm durch den schmiegsamen und zarten Körper Lydas.
Sie wurde verwirrt, erzitterte, und schwankte fast von ihm zurück, als
fühlte sie das Herannahen eines unsichtbaren Tieres.
Sie waren schon an den Fluß herangekommen, wo man den feuchten Dunst des
Wassers roch, das spitze Schilf nachdenklich hin und her trieb und sich
den Blicken die breite Fläche des andern Ufers öffnete, mit dem tiefen,
warmen Himmel und dem ersten Aufblitzen der Sterne.
Ssanin trat einige Schritte zurück und erfaßte irgendwo mit den Händen
einen dicken, trockenen Baumast; er brach ihn geräuschvoll ab und warf
ihn ins Wasser.
Zarte Kreise erwachten und liefen nach allen Seiten auseinander; das
Schilf am Ufer begann eilig zu nicken, als bestände zwischen ihm und
Ssanin eine geheime Verbindung.