Vorwort

Der Ssanin wurde zuerst fortsetzungsweise in der Zeitschrift Sowriemenni

Mir veröffentlicht. Bei der Bedeutung, die die großen literarischen

Revuen für das geistige Leben Rußlands besitzen, ist es kein Wunder, daß

man sofort ganz allgemein zu ihm Stellung nahm. Als der Roman dann in

Buchform erschien, war die erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen.

Die zweite folgte nach kurzer Zeit; das offizielle Verlagsregister gibt

ihren Umfang auf 10000 Exemplare an. Wenige Wochen später wird sie auf

Anordnung der Zentral-Zensurbehörde konfisziert. Das ist für die

Wichtigkeit, die man dem Roman in den Kreisen der russischen Regierung

beimaß, erwähnenswert; für gewöhnlich gehen die zensorischen Maßnahmen

von den Gouvernementsbehörden aus.

Aber das Verbot des Ssanin war ein Schlag ins Wasser; bei der

Konfiskation in den Buchhandlungen fand sich fast kein Exemplar mehr

vor. Auf diese zweite Auflage war sehnsüchtig gewartet worden; man hatte

schon in der Zwischenzeit für gelesene Exemplare 30 und 40 Rubel

bezahlt; das Publikum verschlang auch diese Auflage in wenigen Tagen.

Einer dritten, die vor kurzem in Deutschland erschien, wird es wohl

ähnlich ergehen; in keinem anderen Lande wie in Rußland sind Verbote nur

dazu da, um erlassen zu werden. Umgangen werden sie doch und von den

revolutionären Jahren her ist der Schriftenschmuggel eine liebgewordene

Tätigkeit.

Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Personen, deren Name

unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist. Durch seine

sozialen Wirkungen allein ist der Ssanin aus der Reihe der Werke, die

nur literarisch zu werten sind, ausgeschieden. Selbst wenn er nicht

durch seine künstlerischen Qualitäten zu einer der wichtigsten

Erscheinungen in der modernen Literatur Rußlands geworden wäre, hätten

ihm doch kulturhistorische Gründe bleibende Bedeutung gegeben. Man wird

die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste,

psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den Ssanin

als ihren charakteristischsten Niederschlag in den Mittelpunkt der

Betrachtung zu ziehen.

Es ist hier nicht der Platz, die Ereignisse in Rußland, welche sich um

diesen Roman kristallisiert haben, im einzelnen zu schildern. Der wilde

sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, hat auch schon genug von

sich hören lassen. Die Organisationen der Ssaninisti, die

Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten

Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die

orgiastischen Klubs, die fälschlicherweise behaupteten, die

Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve

taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit für sich; es lohnt

sich nicht, ihrer Existenz durch Erörterungen selbst absprechender Art

neues Leben zuzuführen.

Interessanter ist die Feststellung, wie es überhaupt dazu kam, daß ein

ganzes Volk für seine Gesamtäußerungen mit einem Mal nur noch erotische

Beziehungen finden konnte. Und daß ein einziges Werk -- eben der Roman

Ssanin -- genügt, um sie hervorzurufen und sie mit seinem Namen zu

decken. -- -- --

Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht.

Da leben hundert Millionen von Mushiks, die ihr Stückchen Feld

bestellen, sich bei Mißernten zu Tode hungern, abwechselnd auch an

Epidemien zugrunde gehen, zwischendurch mit Vergnügen den Kulak -- ihren

Dorfwucherer -- totschlagen würden und außerdem darauf warten, daß

einmal die große Landaufteilung kommt. Und sie wird kommen, der

russische Mushik wird zum freien Bauern werden und aus den breiten

unberührten Kräften, deren Naivität und Intensität schon heute jeden

entzückt, der sie zum Vorschein kommen sieht, -- Tolstoi kennt sie,

Gorki nicht -- wird das große, russische Volk erstehen.

Gegenwärtig existiert kein russisches Volk. Wohl aber eine russische

Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprägt.

Einst beschränkte sie sich auf den Adel -- die Zeiten sind längst

vorbei. Heute umfaßt sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe.

Die Repräsentantin des modernen Rußlands ist die studierende Jugend, und

was ihr entstammt -- _die Intelligenz_! Dieses Wort wurde in Rußland

nicht umsonst zu einem soziologischen Begriff; es bezeichnet die Klasse,

an die die aktive Entwicklung des Volkes gebunden ist und in der sie

sich in politisch-soziale Formen umsetzt.

Die russische Intelligenz war Jahrzehnte lang revolutionär; so stand

ganz Rußland im Banne der Revolution. In dieser Epoche strömten

Weltanschauung, Moral, soziale Energien in dem einen großen Becken

zusammen -- -- -- Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse. Für das

Geschlechtsproblem war damals kein Platz. Die freie Liebe existierte

höchstens als ein Punkt des sozialistischen Programms. Aber auch ein

Punkt, von dem man nicht viel sprach, da man kein Interesse an ihm nahm.

Wer in jener Zeit und in jenen Kreisen wirklich ungetraut mit seiner

Frau zusammenlebte, stand auf der höchsten Spitze der Entwicklung; auf

den Gedanken, in der Liebe tatsächliche Freiheit zu suchen, kam man

nicht. Man hatte ja auch gar keine Zeit, _die Liebe_ zu suchen, -- --

man suchte die Revolution. Sie beanspruchte alle Kräfte; sie verlangte

viel. Sie war die stille Frau, der alle Empfindungen zugehörten, ohne

Sentimentalität aber voll Innigkeit. Die freie Liebe der

Revolutions-Epoche war eine gesetzlich nicht geschützte Einehe, die

monogamer gehalten wurde, als manche hochzeitliche Verbindung, vor und

hinter welcher der Pope stand. Und die revolutionäre Bewegung, die

damals die gesamte Intelligenz umfaßte, hätte über jeden ihr wütendes

Anathema ausgesprochen, der es wagen wollte, gegen ihre so ganz

gewöhnliche, so ganz gut bürgerliche, so mehr als bürgerliche Moral zu

verstoßen.

Die Revolution ging in Stücke, die revolutionären Parteien zerfielen,

lösten sich auf; die Intelligenz zog sich von einer Betätigung zurück,

in der es nur, wenn man Glück hatte, ein vergnügtes Ende am Galgen,

sonst ein langwieriges und -weiliges Hinvegetieren in Gefängnissen und

der Zwangsarbeit gab. Doch die aufgepeitschten Erregungen des nationalen

Temperaments ließen sich nicht einfach in die Ecke stellen. An ein

stillverlaufendes, gemäßigtes Leben war man nicht gewöhnt; man konnte es

auch nicht werden, da die Maßnahmen der Regierung auf keinem sonstigen

Gebiet freie Bahn ließen.

Man suchte nach dem »Neuen«.

Die Organisationen der Anarchisten haben den Vorzug, noch ehe man an

Artzibaschew und seinen Ssanin dachte, den Weg dahin gewiesen zu haben.

Nachdem der offene revolutionäre Kampf unmöglich geworden war, führten

sie die terroristischen Aktionen in das Alltagsleben ein. Man warf

Bomben zum Morgenimbiß und machte Expropriationen zum Nachmittagstee --

am Abend hing man am Galgen, -- eine Tageseinteilung, die auf die Dauer

auch den kaltblütigsten Menschen in besondere seelische Schwingungen

versetzen kann.

Derartige Vibrationen lösen sich am leichtesten in geschlechtlichen

Reizen aus; die terroristischen Gruppen der Anarchisten waren die

ersten, in denen die praktische Ausübung der freien Liebe zur Notdurft

wurde. Die Nachrichten hierüber verbreiteten sich bald in den Kreisen

der russischen Gesellschaft, in der Intelligenz; man sah, daß es Gebiete

des täglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar,

doch ganz annehmlich waren. Aber niemals hätte man diesem Beispiel zu

folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlösende »Wort« für

die unbewußten Empfindungen gesprochen worden wäre.

Im Anfang steht das Wort; -- wenigstens in Rußland noch immer.

Man tut nichts, was einem nicht schwarz auf weiß ins Haus getragen wird.

Und dieses Wort spricht Ssanin aus, um dieses Wortes willen ist

Artzibaschew der charakteristische Vertreter des heutigen Rußland.

Ssanin sieht, daß die revolutionäre Politik keinen persönlichen Nutzen

bringt, wie sie auch -- gegenwärtig -- nicht einmal einen sozialen Zweck

nachweisen kann. Daß für ihn weiter der persönliche Nutzen im sexuellen

Genuß zu liegen scheint, kommt dabei erst in zweiter Linie in Betracht;

-- das erste und wichtigste ist wohl, daß in diesem Rußland, wo man

bisher nur die eine Wertbemessung kannte -- wem anderem gereichen unsere

Handlungen zum Guten -- endlich einer hinausschreit: Ich lebe für mich.

Ich pfeife auf unsere Konstitutionen der Welt, die uns nichts angehen.

Für jeden gesunden Menschen ist in einem Lande, wo die geistige

Bewegungsfreiheit vollständig eingeengt ist, die sexuelle

Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben

erwähnten sozialen Unterströmungen entgegen und weist ihnen den offenen

Weg.

So wurde der Roman Ssanin zum Programm der Gesellschaft. Und als

Programm hatte er die ungeheuren Wirkungen, wie vor ihm nur drei Werke:

Jewgenii Oniegin, Väter und Söhne, die Kreuzersonate. Die seinen sind

noch umfassender und eindringlicher, weil er sich in seinen

Gesichtspunkten an weitere Kreise wendet; er hat die Jugend hinter sich.

Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten Werke der

Weltliteratur geworden. Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so

kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus

verändert zum Ausdruck gebracht. Und doch ist der Ssanin gleichzeitig

das Buch der Contre-Revolution. Nichts hat in Rußland die

sozialrevolutionäre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war,

so endgültig der Zersetzung zugeführt, wie Ssanin mit seiner erotischen

Suggestion.

Die Freudenfeste, die man in seinem Namen beging, waren die

Leichenfeiern der Revolution, und die russische Regierung hätte wohl im

Grunde wenig dagegen einzuwenden gehabt, daß die Jubelhymnen der

Ssaninisten das letzte Röcheln einer verendenden Empörung übertönten.

Doch die Ssaninisten, anscheinend froh, endlich die leidige

»Konspirativität«, die traditionelle Geheimniskrämerei, beiseite werfen

zu können, hatten damit auch den behutsamen Stolz der vorangegangenen

Revolution verloren; sie wälzten sich zu laut, zu lärmend in ihrer

Erotomanie. So mußte die Regierung, wohl mehr der Not gehorchend, als

dem eigenen Triebe, zur Konfiskation des Buches schreiten, das ihr wie

kein anderes Ereignis die Wege geebnet hat.

Immerhin; -- die einfachste Wahrheit der Tatsachen hat Artzibaschew für

sich. Sein Roman packte so unwiderstehlich, weil sich jeder in ihm leben

fühlte. Wer nicht Ssanin ist, ist Jurii oder zum wenigsten Schawrow oder

Iwanow. Die Personen sind über den Rahmen der Einzelschicksale

hinausgewachsen, sie sind zu Typen ihrer Zeit geworden. Auf ihren

Charakteren baut sich nun einmal das gesellschaftliche Leben auf;

dadurch werden sie zur Grundlage jeder kulturellen Betrachtung des

heutigen Rußland.

Artzibaschew war bisher in Deutschland unbekannt; der Ssanin ist das

Werk, welches ihn bei uns einführt! In Rußland gilt er seit langem als

einer der prägnantesten Vertreter der »Jungen«, die die psychologische

Darstellungsweise mit der Leichtigkeit realistischer Schilderung,

hauptsächlich bei Behandlung erotischer Probleme, verbinden. Daß er aber

nicht an ein enges Stoffgebiet gebunden ist, hat er in seinen Novellen

bewiesen, die mit seinen beiden besten Erzählungen »Millionen« und »Der

Tod des Iwan Lande« in deutscher Uebersetzung erschienen sind.

_André Villard._

I

Die wichtigste Zeit im Leben, in der sich unter dem Einflusse der ersten

Zusammenstöße mit Menschen und Natur der Charakter bildet, verlebte

Wladimir Ssanin fern von seiner Familie. Niemand beaufsichtigte ihn,

niemandes Hand leitete ihn, und die Seele dieses Menschen wuchs frei und

eigenartig heran, wie der Baum im Felde.

Viele Jahre hindurch war er nicht in der kleinen Stadt gewesen und als

er endlich zurückkehrte, erkannten ihn die Mutter und seine Schwester

Lyda kaum wieder: In den Gesichtszügen, in Stimme und Manieren hatte er

sich nur wenig verändert, aber doch zeigte sich an ihm etwas Anderes,

Unbekanntes, das im Innern herangereift war und das Gesicht mit einem

neuen Ausdruck durchleuchtete.

Es war gegen Abend, als er ankam, und er trat so ruhig in das Zimmer

ein, als ob er es erst fünf Minuten vorher verlassen hätte. In seiner

hochgewachsenen, breitschultrigen Gestalt mit den hellen Haaren, in

seinen ruhigen und fast garnicht, höchstens in den Mundwinkeln,

spöttischen Mienen, lag weder Aufregung noch Ermüdung; die lärmende

Freude, mit der ihn die Mutter und Lyda empfingen, schwand wie von

selbst.

Solange er aß und trank, saß ihm seine Schwester gegenüber und schaute

ihn gerade an, ohne die Blicke abwenden zu können. Sie war in ihren

Bruder so verliebt, wie nur exaltierte, junge Mädchen ihre abwesenden

Brüder zu lieben vermögen.

Lyda stellte sich den Bruder als einen ganz besondern Mann vor, dessen

Eigenart sie sich selbst aus den Büchern zusammengeträumt hatte. In

seinem Leben wollte sie einen tragischen Konflikt sehen: Kampf, --

Leiden, -- Einsamkeit einer gewaltigen Individualität. -- -- -- --

»Warum schaust du mich so grade an?« fragte sie Ssanin lächelnd. Dieses

interessierte Lächeln bei dem in sich vertieften Blick der Augen war der

ständige Ausdruck seines Gesichts.

Und seltsam, -- dieses Lächeln, an sich hübsch und sympathisch, mißfiel

Lyda von Anfang an. Es kam ihr selbstgefällig vor, und es schien ihr so

garnichts von Kampf und Leiden und Einsamkeit zu erzählen.

Lyda schwieg und wurde nachdenklich, und, die Augen abwendend, blätterte

sie mechanisch in einem Buche.

Als das Mittagessen beendet war, streichelte die Mutter ihrem Sohne zart

und sanft Haar und Stirne und fragte:

»Nun erzähle uns aber auch! Wie hast du dort gelebt, was hast du alles

getan? ...«

»Was ich getan habe? ...« Ssanin wiederholte es lächelnd. »Na, was

schon? ... Aß, trank, schlief, arbeitete auch mitunter, manchmal tat ich

auch garnichts, ... so ...«

Anfangs schien es ihm peinlich zu sein, von sich selbst zu sprechen,

aber, als die Mutter sich sorgsam nach allem zu erkundigen begann, da

kam er ins Erzählen und es machte den Eindruck, daß er gern erzähle. Und

doch fühlte man heraus, daß es ihm im Grunde ganz gleichgültig war, wie

sich die Andern zu seinen Reden stellten. Trotzdem er zärtlich und

aufmerksam blieb, ließ sich in seinem Benehmen niemals die intime Nähe

eines verwandten Menschen spüren, die von der ganzen Welt absondert, und

man konnte eher glauben, daß all seine Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit

von ihm so einfach und selbstverständlich ausgestrahlt wurde, wie das

Licht einer Kerze. Für alle gleich!

Sie traten auf die Terrasse hinaus, die in den Garten führte, und

setzten sich auf die Stufen nieder. Lyda machte es sich auf einer

tieferen möglichst bequem, und lauschte ganz für sich und schweigend,

dem, was der Bruder ihnen erzählte.

Ein unfaßbarer, kalter Strahl lief durch ihr Herz. Mit dem scharfen

Instinkt des jungen Weibes empfand sie bereits, daß ihr Bruder nichts

von ihren Phantasien in sich trug, und sie wurde dadurch unwillkürlich

eingeschüchtert und befangen, wie einem Fremden gegenüber.

Es war schon Abend, und ein weicher Schatten fiel auf alles. Ssanin

zündete sich eine Zigarette an; das leichte Aroma des Tabaks mischte

sich mit dem duftigen, sommerlichen Hauch des Gartens.

Er begann davon zu reden, wie ihn das Leben hin- und hergeschleudert

hatte, wie er bummelte, manchmal hungern mußte; von seiner Teilnahme am

politischen Kampf und wie er sie wieder beiseite warf, als sie ihn zu

langweilen anfing.

Lyda hörte gespannt zu und saß unbeweglich, schön und etwas eigenartig

da, wie alle jungen Mädchen in der Frühlingsdämmerung. Immer klarer

wurde ihr, daß sein Leben, welches sie sich in so feurigen Zügen

ausgemalt hatte, ganz einfach und gewöhnlich war.

Zwar ... irgend etwas Besonderes klang noch daraus hervor, doch das, was

es sein mochte, konnte Lyda nicht erfassen. Im übrigen aber blieb es

unwichtig und gleichgültig, ja, wie es ihr vorkam, sogar banal. Er

wohnte, wo es grad der Zufall mit sich brachte, tat, was ihm in die

Hände fiel, arbeitete bald, bald bummelte er, alles scheinbar ohne Ziel;

nur trank er mit Vorliebe und kannte gut die Frauen. Hinter diesem Leben

lauerte nicht das schwere und düstere Schicksal, welches die

träumerische Mädchenseele Lydas zu sehen wünschte. In ihm herrschte

keine allumfassende Idee; er haßte niemanden und litt auch um keines

Menschen willen.

Im Gespräch drängten sich Worte in seine Rede, die Lyda aus irgendeinem

Grunde unschön fand.

»Kannst du denn auch nähen? ...« unterbrach sie ihn einmal unwillkürlich

mit verletzendem Erstaunen; das schien ihr häßlich und unmännlich.

»Früher hatte ich gewiß keine Ahnung davon, aber als es sein mußte, gut,

da lernte ich's eben,« antwortete Ssanin mit seinem Lächeln; er empfand,

was in Lyda vorging.

Das Mädchen zuckte, ein wenig unbeholfen, mit den Achseln, schwieg aber;

sie starrte tief in den Garten, mit dem Gefühl, wie wenn man des Morgens

voller Träume an die Sonne erwacht und plötzlich den Himmel grau und

kalt erblickt.

Auch die Mutter ergriff eine drückende, lästige Bangigkeit. Es berührte

sie schmerzlich, daß ihr Sohn nichts dazu tat, um in der Gesellschaft

die Stellung einzunehmen, die sich für ihn gebührt hätte. So begann sie,

darüber zu reden, daß man auf solche Weise nicht weiter fort leben könne

und daß man wenigstens jetzt versuchen müsse, sich anständig

einzurichten. Zuerst sprach sie behutsam, noch in Furcht, den Sohn zu

verletzen; aber sobald sie bemerkte, daß er nur oberflächlich hinhörte,

wurde sie ungeduldig und fing an, mit dem stumpfen Verdruß einer Greisin

auf ihn einzureden, als ob er sie absichtlich gereizt hätte.

Ssanin zeigte keine Verwunderung, wurde auch nicht böse; wie es schien,

hörte er kaum auf sie. Mit zärtlichen Blicken sah er sie vollkommen

gleichgültig an und schwieg. Nur auf ihre Frage:

»Aber wie denkst du denn zu leben?«

gab er gleichmütig zur Antwort:

»So! ... Irgendwie! ...«

Doch seine ruhige, feste Stimme und die hellen, nicht blinzelnden Augen

ließen erkennen, daß diese zwei bedeutungslosen Worte für ihn einen

allumfassenden Sinn voll tiefer Bestimmtheit hatten.

Maria Iwanowna seufzte, hielt einen Augenblick inne und sagte dann

traurig:

»Nun, wie du es für das Beste hältst. Es ist deine Sache. Du bist auch

kein Kind mehr ... Doch ihr solltet etwas in den Garten gehen. Seht nur,

wie schön es jetzt ist.«

»Gehen wir wirklich Lyda! Komm, zeig' mir einmal unsern Garten. Ich habe

schon ganz vergessen, wie es dort aussieht.«

Lyda fuhr augenblicklich aus ihren Träumereien empor, seufzte ebenfalls

und stand auf. Langsam schritten sie miteinander den breiten Mittelweg

entlang in die feuchte, dunkle Tiefe hinein.

Das Haus der Ssanins lag an der Hauptstraße der Stadt. Aber die Stadt

war nur klein und der Garten lief direkt zum Fluß herunter, an dessen

gegenüberliegendes Ufer schon die Felder stießen. Das Haus war ein alter

Herrensitz mit nachdenklichen Säulen, von denen der Bewurf in Stücken

abgebröckelt war, und einer breiten Terrasse, die in den Garten führte.

Und dieser Garten war groß, verwachsen und lauschig; man konnte glauben,

daß sich eine dichte, dunkelgrüne Wolke an die Erde schmiegte.

Des Abends war es im Garten geheimnisvoll schaurig, als ob dort in dem

formlosen Gebüsch, geradso wie in den verstaubten Mansarden des Hauses,

irgend ein altes, abgelegtes und trauriges Gespenst herumschleiche.

In dem oberen Stockwerke lagen weite, dunkle Säle und leere Gastzimmer

und im Garten war nur die eine Allee gangbar geblieben, auch sie war mit

abgebrochenen Zweigen und Blättern bedeckt; hin und wieder stieß der Fuß

an einen zertretenen Frosch.

Das ganze gegenwärtige Leben aber hauste still und bescheiden nur in

einer Ecke. Neben dem Hause schimmerte dort der gelbe Kies hervor,

krause Blumenbeete waren mit bunten Blüten durchsetzt; ein hölzernes

Tischchen, an dem man bei gutem Wetter speiste und den Tee einnahm,

hatte dort seinen Platz. Diese ganze, kleine Ecke war von einfachem,

friedlichem Leben durchwärmt, sodaß sie nicht mit der düsternen

Schönheit des weiten, verwahrlosten Ortes verschmolz, der dem

unvermeidlichen Verfall geweiht schien.

Als das Haus im Grünen verschwunden war und um Ssanin und Lyda nur noch

die verträumten Bäume gleich lebendigen Wesen standen, legte er seinen

Arm um ihre Taille und sagte mit einer eigentümlichen Stimme, die

zärtlich und doch bedrückend klang:

»Nein, bist du aber zu einer Schönheit herangewachsen. Muß der Mann

glücklich sein, dem du dich als Erstem hingeben wirst ...«

Ein heißer Strom zuckte aus seinem kräftigen, wie aus Eisen

geschmiedeten Arm durch den schmiegsamen und zarten Körper Lydas.

Sie wurde verwirrt, erzitterte, und schwankte fast von ihm zurück, als

fühlte sie das Herannahen eines unsichtbaren Tieres.

Sie waren schon an den Fluß herangekommen, wo man den feuchten Dunst des

Wassers roch, das spitze Schilf nachdenklich hin und her trieb und sich

den Blicken die breite Fläche des andern Ufers öffnete, mit dem tiefen,

warmen Himmel und dem ersten Aufblitzen der Sterne.

Ssanin trat einige Schritte zurück und erfaßte irgendwo mit den Händen

einen dicken, trockenen Baumast; er brach ihn geräuschvoll ab und warf

ihn ins Wasser.

Zarte Kreise erwachten und liefen nach allen Seiten auseinander; das

Schilf am Ufer begann eilig zu nicken, als bestände zwischen ihm und

Ssanin eine geheime Verbindung.

Ssanin: Roman · 第 19 / 97 题