24. Oktober 1813. Ihr gehorsamer Diener _Hoste_.»

«PS. Der Abbat _Brunazzi_ hat viel Schaden angerichtet. Seine

unermüdlichen Intrigen können seinem Kaiser und dessen Bundesgenossen

nur schaden, denn er hindert das gemeinsame Werk, das wir unternommen

haben.»[86] Dieser Schritt Hostes war begreiflich. Denn er war nie

sicher vor den feindlichen Angriffen vom Rücken her. Sehr leicht wäre er

in ein Kreuzfeuer geraten, wenn eine feindliche Flotte in die enge Bucht

gekommen wäre. Dann wäre er gezwungen gewesen, häufig hinauszugehen und

sich von der Situation auf dem Wasser zwischen der Bucht und Ragusa oder

noch weiter hinaus selbst zu überzeugen.

Der Abbat Brunazzi war ein vertrauter Bote des _Erzherzogs Franz von

Este_, der auf der Insel Lissa weilte. Dieser Abbat kam auf dem

englischen Schiffe zusammen mit Hoste noch am 12. Oktober nach Cattaro.

Er brachte einen Brief des Erzherzogs an den Vladika mit.[87] In diesem

Schreiben beglückwünschte von Este den Vladika wegen seiner Siege über

die Franzosen. Er gab dem Vladika zu verstehen, dass er den englischen

Kommandanten bewogen hätte, mit den Schiffen nach Cattaro ihm zu Hilfe

zu gehen. Und dann fuhr er fort: «Wenn das unternommene Werk glückt, so

werden noch mehr Truppen geschickt werden, um im Verein mit Ihrem Heer

die Bocca zu befreien helfen. Mit dieser kleinen Unterstützung schicke

ich den wohlbekannten Abbat Herrn Brunazzi zu ihnen, welcher hier bei

mir ist und welchem ich diesen Brief übergeben werde. Seine

Geschicklichkeit und seine Arbeitsamkeit schätze ich hoch. Er war immer

um das allgemeine Wohl der dortigen Gegenden bemüht und hat durch seinen

Eifer und Charakter mein Vertrauen erworben. Diesen Mann empfehle ich

Ihnen also; er hat von mir den Auftrag, Ihnen auch mündlich meine

Hochachtung auszusprechen.»

Dieser «wohlbekannte» und «eifrige» Abbat wollte sich aber der Sache mit

mehr Eifer, als nötig war, annehmen. Seine Wühlereien, die für

Oesterreich unter der Bevölkerung Stimmung machen sollten, und seine

arrogante Haltung den Engländern gegenüber mussten natürlicherweise den

Kapitän Hoste verletzen. Wir werden bald sehen, wie dieser Abbat in der

Tat der gemeinsamen Sache mehr geschadet als genützt hat.

Von der Absicht Hostes unterrichtet, schrieb der Vladika ihm sofort und

bat ihn dringend, nicht aus der Bucht wegzugehen, bevor Cattaro

eingenommen wäre. «Mit Ihrem Weggehen,» schrieb der Vladika, «werden

Sie die Hoffnung der verbündeten Höfe zerstören. Denn Cattaro

einzunehmen, ist der eigentliche Zweck unser aller Bemühungen. Und

gerade jetzt, wo sich die beste Gelegenheit dazu bietet, wollen Sie

weggehen.»[88] Hoste antwortete darauf: «Da Cattaro von allen Seiten

belagert ist, finde ich mein weiteres Verweilen hier unnötig. Aber

dennoch will ich mich nicht weit von hier entfernen; ich gehe bis nach

Ragusa, um den Feind zu bewachen, und werde öfters herkommen, um mich

mit Ihnen zu treffen.»[89]

Hoste übergab den Montenegrinern das Pulver und andere Munition, die

sich auf St. Georg befand, und verliess nach einigen Tagen die Bucht.

Cattaro blieb unter der Belagerung und Bewachung der Montenegriner. Sie

wussten nicht, wie man die Geschütze auf die herniederhängenden

Bergspitzen heben und dort aufstellen sollte. Und ohne Geschütze konnten

sie kaum hoffen, die Stadt einzunehmen. Der Vladika war entschlossen,

Cattaro so lange besetzt zu halten, bis die englische Eskader

zurückgekehrt oder bis der Feind durch Hunger gezwungen sich ergäbe.

Es traf aber inzwischen ein Umstand ein, der die Eroberung der Stadt

hätte ermöglichen können, der aber durch den Hochmut und die

Hintertreibungen des Abbat Brunazzi nicht ausgenützt werden konnte. In

der französischen Armee, die sich in Cattaro befand, waren auch einige

Hundert Kroaten. Diese Kroaten wollten nicht in der belagerten Stadt

verschmachten _im Dienste ihres nationalen Feindes_, sondern beschlossen

zu entfliehen. In der Nacht zwischen dem 28. und 29. Oktober gelang es

ihnen, aus der Stadt herauszukommen. Sie flüchteten sich nach

_Prtchanj_, wo der Abbat verweilte, und brachten ihm die Schlüssel der

Stadttore und drei französische Fahnen. Der Vladika war diese Nacht eine

halbe Stunde von Cattaro entfernt-—also näher wie der Abbat-—im Dorfe

_Dobrota_. Hätte er diese Schlüssel bekommen, so hätte er die Stadt in

der Nacht noch erstürmen können. Der Abbat vermochte ihm natürlich auch

von Prtschanj aus diese Schlüssel zu schicken. Das tat er aber nicht aus

Neid gegen einen orthodoxen Bischof. Die Kroaten waren ja

römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses und hatten sich nun zu ihm,

dem römisch-katholischen Geistlichen, geflüchtet. Sein Stolz war in

diesem Augenblick der eines engherzigen Parteimannes.

Erst am 29. Oktober schickte er gegen Mittag dem Vladika die jetzt nicht

mehr brauchbaren Schlüssel. Der Vladika war wegen eines solchen

Benehmens von Seiten des Abbats höchst erzürnt. Er versuchte dennoch am

selben Tage den Stadtkommandanten Gauthier zur Uebergabe zu bewegen.

Dieser war durch das Weggehen der Kroaten jetzt ziemlich geschwächt.

Gauthier weigerte sich. Er dankte dem Vladika, wies aber seinen

Vorschlag ab.

Hoste kam seinem Versprechen gemäss öfters nach der Bucht, besah die

belagerte Stadt und ging wiederum weg. Erst Ende Dezember kam er endlich

mit der festen Absicht, Cattaro einzunehmen. Er führte die Arbeit aus,

die die unkundigen Montenegriner nicht auszuführen vermochten, nämlich

die Aufstellung der Geschütze auf dem Berge _Vrmaz_. Dann begann die

Bombardierung, vom Lande und Wasser her, die einige Tage dauerte. Ganz

in die Enge getrieben, musste Gauthier sich ergeben. Am 8. Januar 1814

wurde die Kapitulation vollzogen. Die Franzosen kamen in die

Gefangenschaft des englischen Komandanten. Die Stadtschlüssel übernahmen

zwei Mitglieder der bokelischen nationalen _Zentralkommission_ und ein

montenegrinischer Deputierter. Den Franzosen wurde die Ueberfahrt nach

Italien gestattet. In der ganzen Bocca blieb kein Franzose mehr zurück.

Die Bocca war somit vollständig befreit. Nach 2 Tagen verabschiedete

sich der englische Kommandant Hoste vom Vladika und den Montenegrinern

und fuhr aus der Bucht di Cattaro nach Lissa.

So blieb die Bocca in den Händen der Bokelen und Montenegriner und wurde

von der Zentralkommission verwaltet.

Jene Zentralkommission wurde am 10. November gewählt. An diesem Tage

nämlich hielten die Bokelen eine Volksversammlung ab, in der sie

beschlossen, sich mit Montenegro zu vereinigen, die Oberhoheit des

montenegrinischen Bischofs anzuerkennen und in ihrem eigenen Lande eine

Verwaltung auf republikanischer Grundlage einzurichten. Als Vorbild

diente ihnen die frühere republikanische Konstitution von Ragusa.

Ragusa hatte einen Senat, welcher alle drei Jahre eines seiner

Mitglieder zum Präsidenten («Prinz») wählte. Die Bokelen schufen eine

Zentralkommission, die aus 18 Mitgliedern bestand, und deren Pflicht und

Aufgabe es war, das Land zu verwalten.

Nachdem diese neue Ordnung der Dinge ins Leben gerufen und gefestigt

worden war, wählte die Zentralkommission einen Sendboten, der eine

Zirkularnote den europäischen Grossmächten übermitteln sollte. In dieser

Note wurden jene Neuordnungen in der Bocca beschrieben und die Mächte

gebeten, dieselbe anzuerkennen. Seitens des Vladika wurde ein besonderer

Deputierter nach Petersburg und Wien zu dem gleichen Zwecke entsandt.

Kaum waren diese Deputierten abgereist, so verbreitete sich das Gerücht

in der Bocca, ein österreichisches Heer marschiere nach Süd-Dalmatien.

Dieses Gerücht bewahrheitete sich. Als Hoste kam, um Caltaro zu

bombardieren, drang der österreichische General _Milutinovic_ mit einem

grossen Heer bis Castelnuovo vor. Er hatte vom Kaiser den Auftrag, den

Montenegrinern und Engländern bei der Einnahme Cattaros zu helfen. Als

nun Cattaro inzwischen auch ohne seine Hilfe erobert worden war, kehrte

General Milutinovic mit seinem Heere wiederum nach Norden zurück.

Am 10. Juni trafen die Sendboten wieder in der Bocca ein. Sie brachten

eine für die Bocca trostlose Antwort von den Höfen mit sich. Die Bocca

solle jetzt Oesterreich übergeben werden. Alexander richtete ein vom 1.

Juni aus Paris datierendes Schreiben an die Bokelen, in welchem er sie

versicherte, dass sie unter Oesterreichs Herrschaft dieselben

Vergünstigungen geniessen und dieselbe Freiheit haben würden, die ihnen

auch Venedig ehedem gewährt hatte.

Zugleich mit diesem Sendboten kam General Milutinovic wieder nach der

Bocca zurück. Er hatte von seinem Kaiser den Befehl, das Land zu

okkupieren, was er auch in einigen Tagen vollzog. Die Bocca leistete

keinen Widerstand, dazu fehlte ihr die Kraft.[90]

Quellen und Literatur.

_Mémoires du Maréchal, duc de Raguse_, liv. X-XIV, Paris 1857.

_Tagebuch eines Marineoffiziers_, von Vladimir Bronewski, St. Petersburg

1818 (russisch). (Eine fleissige und minutiöse Beschreibung aller

Ereignisse in der Bocca di Cattaro, vom Anfang 1806 bis Sommer 1807.)

_Schriftstücke der russischen Zaren_, befindlich in Cetinje im

Staatsarchiv. (Von Peter dem Grossen bis Nicola I.)

_Sammlung der offiziellen Akten und Korrespondenzen des Vladika Peter

I._-— Aus dem Italienischen ins Serbische übersetzt und in Grlica für

das Jahr 1838 gedruckt.

_"Grlica"_, eine Zeitschrift für die serbische Geschichte, Cetinje

1833-—1838 (serbisch).

_Geschichte Montenegros_, D. Milakovic, Zara 1856 (serbisch). Enthaltend

wertvolle Dokumente, sowohl im Text wie auch in einem Anhang.

_Zehn Jahre österreichischer Politik_, 1801-1810, von Adolf Beer,

Leipzig 1877.

_Zur Geschichte der orientalischen Frage_, Briefe aus dem Nachlasse

Friedrichs von Gentz, Wien 1877.

_Engel: Geschichte des Freistaates Ragusa_, Wien 1807.

_Gelcic: Dello sviluppo civile di Ragusa_, Ragusa 1884.

_Kirchmayer: Das Ende des aristokratischen Freistaates Ragusa_, Zara

1900.

_C. Villari: The Republik of Ragusa_, London 1904. Enthaltend einige

wichtige Dokumente.

_Wilkinson: Dalmatia and Montenegro_, London 1848.

_A.J. Evans: Illyrian letters_, London 1878.

_Strangford: The Eastern Shores of the Adriatic_, London 1864.

_Paton: Highlands and Islands of the Adriatic_, London 1849.

_Schmidt: Das Königreich Dalmatien_, Wien 1843.

_X. Marmier: Lettres sur l'Adriatique et le Montenegro_, Paris 1854.

_Cyprien Robert: Les Slaves de la Turquie_, 2 vol., Paris 1844. Im

ersten Band Montenegro und die Bocca.

_Joh. Wilh. Zinkeisen: Geschichte des Osmanischen Reiches in Europa_,

I.—VII. J., Gotha 1863. Wichtig ist für die vorliegende Arbeit nur der

VII. Band.

_Sir Robert Adair: Geschichtliche Denkschrift einer Sendung an den

Wiener Hof im Jahre 1806_, Berlin 1846 (aus dem Englischen übersetzt).

_Sir Robert Adair: The Negotiations for the Peace of the Dunlanelles in

1808—1809_, I-II vols., London 1845.

_„Monumenta Ragusina"_ in „monumenta Slavorum medionalium", Agram 1880

bis 1896.

_P. Pisani: La Dalmatie de 1797-1815_, Paris 1893.

_Brunswick: Recueil des documents diplomatiques relatifs au

Monténégro_, Paris 1876.

_Erber Tullio A.: Storia della Dalmaltia dal 1797-1814_, Zara 1892.

_Dragovitch: Le Monténégro et la Russie_ (Antiquités russes), 1882.

_Rovinski: Rapports de la Russie et des Serbes_, 1877.

_A. Boppe: Documents inédits sur les rlations de la Serbie avec

Napoléon_, Belgrade 1888.

_M. Bogdanovitch: Geschichte Alexanders I._, 6 vols., St. Petersburg

1871 (russisch).

_Rovinski: Geschichte Montenegros_, St. Petersburg 1888 (russisch).

_Schnitzler: Histoire intime de la Russie sous les empereurs Alexandre

et Nicolas_, 2 vols., Paris 1847.

_Nil Popov: Russland und Serbien 1806-1856_, 2 vols., Moskau 1869

(russisch).

_Dobrof: Die Südslaven_, St. Petersburg 1879 (russisch).

_Karadschic V.: Montenegro und die Montenegriner_, Stuttgart 1837.

Auch:

_B. V. Kallay: Geschichte der Serben_, I-II vols., Wien-Leipzig 1878.

_Ranke: Die serbische Revolution_, Berlin 1844.

Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814. · 第 20 / 21 题