«PS. Der Abbat _Brunazzi_ hat viel Schaden angerichtet. Seine
unermüdlichen Intrigen können seinem Kaiser und dessen Bundesgenossen
nur schaden, denn er hindert das gemeinsame Werk, das wir unternommen
haben.»[86] Dieser Schritt Hostes war begreiflich. Denn er war nie
sicher vor den feindlichen Angriffen vom Rücken her. Sehr leicht wäre er
in ein Kreuzfeuer geraten, wenn eine feindliche Flotte in die enge Bucht
gekommen wäre. Dann wäre er gezwungen gewesen, häufig hinauszugehen und
sich von der Situation auf dem Wasser zwischen der Bucht und Ragusa oder
noch weiter hinaus selbst zu überzeugen.
Der Abbat Brunazzi war ein vertrauter Bote des _Erzherzogs Franz von
Este_, der auf der Insel Lissa weilte. Dieser Abbat kam auf dem
englischen Schiffe zusammen mit Hoste noch am 12. Oktober nach Cattaro.
Er brachte einen Brief des Erzherzogs an den Vladika mit.[87] In diesem
Schreiben beglückwünschte von Este den Vladika wegen seiner Siege über
die Franzosen. Er gab dem Vladika zu verstehen, dass er den englischen
Kommandanten bewogen hätte, mit den Schiffen nach Cattaro ihm zu Hilfe
zu gehen. Und dann fuhr er fort: «Wenn das unternommene Werk glückt, so
werden noch mehr Truppen geschickt werden, um im Verein mit Ihrem Heer
die Bocca zu befreien helfen. Mit dieser kleinen Unterstützung schicke
ich den wohlbekannten Abbat Herrn Brunazzi zu ihnen, welcher hier bei
mir ist und welchem ich diesen Brief übergeben werde. Seine
Geschicklichkeit und seine Arbeitsamkeit schätze ich hoch. Er war immer
um das allgemeine Wohl der dortigen Gegenden bemüht und hat durch seinen
Eifer und Charakter mein Vertrauen erworben. Diesen Mann empfehle ich
Ihnen also; er hat von mir den Auftrag, Ihnen auch mündlich meine
Hochachtung auszusprechen.»
Dieser «wohlbekannte» und «eifrige» Abbat wollte sich aber der Sache mit
mehr Eifer, als nötig war, annehmen. Seine Wühlereien, die für
Oesterreich unter der Bevölkerung Stimmung machen sollten, und seine
arrogante Haltung den Engländern gegenüber mussten natürlicherweise den
Kapitän Hoste verletzen. Wir werden bald sehen, wie dieser Abbat in der
Tat der gemeinsamen Sache mehr geschadet als genützt hat.
Von der Absicht Hostes unterrichtet, schrieb der Vladika ihm sofort und
bat ihn dringend, nicht aus der Bucht wegzugehen, bevor Cattaro
eingenommen wäre. «Mit Ihrem Weggehen,» schrieb der Vladika, «werden
Sie die Hoffnung der verbündeten Höfe zerstören. Denn Cattaro
einzunehmen, ist der eigentliche Zweck unser aller Bemühungen. Und
gerade jetzt, wo sich die beste Gelegenheit dazu bietet, wollen Sie
weggehen.»[88] Hoste antwortete darauf: «Da Cattaro von allen Seiten
belagert ist, finde ich mein weiteres Verweilen hier unnötig. Aber
dennoch will ich mich nicht weit von hier entfernen; ich gehe bis nach
Ragusa, um den Feind zu bewachen, und werde öfters herkommen, um mich
mit Ihnen zu treffen.»[89]
Hoste übergab den Montenegrinern das Pulver und andere Munition, die
sich auf St. Georg befand, und verliess nach einigen Tagen die Bucht.
Cattaro blieb unter der Belagerung und Bewachung der Montenegriner. Sie
wussten nicht, wie man die Geschütze auf die herniederhängenden
Bergspitzen heben und dort aufstellen sollte. Und ohne Geschütze konnten
sie kaum hoffen, die Stadt einzunehmen. Der Vladika war entschlossen,
Cattaro so lange besetzt zu halten, bis die englische Eskader
zurückgekehrt oder bis der Feind durch Hunger gezwungen sich ergäbe.
Es traf aber inzwischen ein Umstand ein, der die Eroberung der Stadt
hätte ermöglichen können, der aber durch den Hochmut und die
Hintertreibungen des Abbat Brunazzi nicht ausgenützt werden konnte. In
der französischen Armee, die sich in Cattaro befand, waren auch einige
Hundert Kroaten. Diese Kroaten wollten nicht in der belagerten Stadt
verschmachten _im Dienste ihres nationalen Feindes_, sondern beschlossen
zu entfliehen. In der Nacht zwischen dem 28. und 29. Oktober gelang es
ihnen, aus der Stadt herauszukommen. Sie flüchteten sich nach
_Prtchanj_, wo der Abbat verweilte, und brachten ihm die Schlüssel der
Stadttore und drei französische Fahnen. Der Vladika war diese Nacht eine
halbe Stunde von Cattaro entfernt-—also näher wie der Abbat-—im Dorfe
_Dobrota_. Hätte er diese Schlüssel bekommen, so hätte er die Stadt in
der Nacht noch erstürmen können. Der Abbat vermochte ihm natürlich auch
von Prtschanj aus diese Schlüssel zu schicken. Das tat er aber nicht aus
Neid gegen einen orthodoxen Bischof. Die Kroaten waren ja
römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses und hatten sich nun zu ihm,
dem römisch-katholischen Geistlichen, geflüchtet. Sein Stolz war in
diesem Augenblick der eines engherzigen Parteimannes.
Erst am 29. Oktober schickte er gegen Mittag dem Vladika die jetzt nicht
mehr brauchbaren Schlüssel. Der Vladika war wegen eines solchen
Benehmens von Seiten des Abbats höchst erzürnt. Er versuchte dennoch am
selben Tage den Stadtkommandanten Gauthier zur Uebergabe zu bewegen.
Dieser war durch das Weggehen der Kroaten jetzt ziemlich geschwächt.
Gauthier weigerte sich. Er dankte dem Vladika, wies aber seinen
Vorschlag ab.
Hoste kam seinem Versprechen gemäss öfters nach der Bucht, besah die
belagerte Stadt und ging wiederum weg. Erst Ende Dezember kam er endlich
mit der festen Absicht, Cattaro einzunehmen. Er führte die Arbeit aus,
die die unkundigen Montenegriner nicht auszuführen vermochten, nämlich
die Aufstellung der Geschütze auf dem Berge _Vrmaz_. Dann begann die
Bombardierung, vom Lande und Wasser her, die einige Tage dauerte. Ganz
in die Enge getrieben, musste Gauthier sich ergeben. Am 8. Januar 1814
wurde die Kapitulation vollzogen. Die Franzosen kamen in die
Gefangenschaft des englischen Komandanten. Die Stadtschlüssel übernahmen
zwei Mitglieder der bokelischen nationalen _Zentralkommission_ und ein
montenegrinischer Deputierter. Den Franzosen wurde die Ueberfahrt nach
Italien gestattet. In der ganzen Bocca blieb kein Franzose mehr zurück.
Die Bocca war somit vollständig befreit. Nach 2 Tagen verabschiedete
sich der englische Kommandant Hoste vom Vladika und den Montenegrinern
und fuhr aus der Bucht di Cattaro nach Lissa.
So blieb die Bocca in den Händen der Bokelen und Montenegriner und wurde
von der Zentralkommission verwaltet.
Jene Zentralkommission wurde am 10. November gewählt. An diesem Tage
nämlich hielten die Bokelen eine Volksversammlung ab, in der sie
beschlossen, sich mit Montenegro zu vereinigen, die Oberhoheit des
montenegrinischen Bischofs anzuerkennen und in ihrem eigenen Lande eine
Verwaltung auf republikanischer Grundlage einzurichten. Als Vorbild
diente ihnen die frühere republikanische Konstitution von Ragusa.
Ragusa hatte einen Senat, welcher alle drei Jahre eines seiner
Mitglieder zum Präsidenten («Prinz») wählte. Die Bokelen schufen eine
Zentralkommission, die aus 18 Mitgliedern bestand, und deren Pflicht und
Aufgabe es war, das Land zu verwalten.
Nachdem diese neue Ordnung der Dinge ins Leben gerufen und gefestigt
worden war, wählte die Zentralkommission einen Sendboten, der eine
Zirkularnote den europäischen Grossmächten übermitteln sollte. In dieser
Note wurden jene Neuordnungen in der Bocca beschrieben und die Mächte
gebeten, dieselbe anzuerkennen. Seitens des Vladika wurde ein besonderer
Deputierter nach Petersburg und Wien zu dem gleichen Zwecke entsandt.
Kaum waren diese Deputierten abgereist, so verbreitete sich das Gerücht
in der Bocca, ein österreichisches Heer marschiere nach Süd-Dalmatien.
Dieses Gerücht bewahrheitete sich. Als Hoste kam, um Caltaro zu
bombardieren, drang der österreichische General _Milutinovic_ mit einem
grossen Heer bis Castelnuovo vor. Er hatte vom Kaiser den Auftrag, den
Montenegrinern und Engländern bei der Einnahme Cattaros zu helfen. Als
nun Cattaro inzwischen auch ohne seine Hilfe erobert worden war, kehrte
General Milutinovic mit seinem Heere wiederum nach Norden zurück.
Am 10. Juni trafen die Sendboten wieder in der Bocca ein. Sie brachten
eine für die Bocca trostlose Antwort von den Höfen mit sich. Die Bocca
solle jetzt Oesterreich übergeben werden. Alexander richtete ein vom 1.
Juni aus Paris datierendes Schreiben an die Bokelen, in welchem er sie
versicherte, dass sie unter Oesterreichs Herrschaft dieselben
Vergünstigungen geniessen und dieselbe Freiheit haben würden, die ihnen
auch Venedig ehedem gewährt hatte.
Zugleich mit diesem Sendboten kam General Milutinovic wieder nach der
Bocca zurück. Er hatte von seinem Kaiser den Befehl, das Land zu
okkupieren, was er auch in einigen Tagen vollzog. Die Bocca leistete
keinen Widerstand, dazu fehlte ihr die Kraft.[90]
Quellen und Literatur.
_Mémoires du Maréchal, duc de Raguse_, liv. X-XIV, Paris 1857.
_Tagebuch eines Marineoffiziers_, von Vladimir Bronewski, St. Petersburg
1818 (russisch). (Eine fleissige und minutiöse Beschreibung aller
Ereignisse in der Bocca di Cattaro, vom Anfang 1806 bis Sommer 1807.)
_Schriftstücke der russischen Zaren_, befindlich in Cetinje im
Staatsarchiv. (Von Peter dem Grossen bis Nicola I.)
_Sammlung der offiziellen Akten und Korrespondenzen des Vladika Peter
I._-— Aus dem Italienischen ins Serbische übersetzt und in Grlica für
das Jahr 1838 gedruckt.
_"Grlica"_, eine Zeitschrift für die serbische Geschichte, Cetinje
1833-—1838 (serbisch).
_Geschichte Montenegros_, D. Milakovic, Zara 1856 (serbisch). Enthaltend
wertvolle Dokumente, sowohl im Text wie auch in einem Anhang.
_Zehn Jahre österreichischer Politik_, 1801-1810, von Adolf Beer,
Leipzig 1877.
_Zur Geschichte der orientalischen Frage_, Briefe aus dem Nachlasse
Friedrichs von Gentz, Wien 1877.
_Engel: Geschichte des Freistaates Ragusa_, Wien 1807.
_Gelcic: Dello sviluppo civile di Ragusa_, Ragusa 1884.
_Kirchmayer: Das Ende des aristokratischen Freistaates Ragusa_, Zara
1900.
_C. Villari: The Republik of Ragusa_, London 1904. Enthaltend einige
wichtige Dokumente.
_Wilkinson: Dalmatia and Montenegro_, London 1848.
_A.J. Evans: Illyrian letters_, London 1878.
_Strangford: The Eastern Shores of the Adriatic_, London 1864.
_Paton: Highlands and Islands of the Adriatic_, London 1849.
_Schmidt: Das Königreich Dalmatien_, Wien 1843.
_X. Marmier: Lettres sur l'Adriatique et le Montenegro_, Paris 1854.
_Cyprien Robert: Les Slaves de la Turquie_, 2 vol., Paris 1844. Im
ersten Band Montenegro und die Bocca.
_Joh. Wilh. Zinkeisen: Geschichte des Osmanischen Reiches in Europa_,
I.—VII. J., Gotha 1863. Wichtig ist für die vorliegende Arbeit nur der
VII. Band.
_Sir Robert Adair: Geschichtliche Denkschrift einer Sendung an den
Wiener Hof im Jahre 1806_, Berlin 1846 (aus dem Englischen übersetzt).
_Sir Robert Adair: The Negotiations for the Peace of the Dunlanelles in
1808—1809_, I-II vols., London 1845.
_„Monumenta Ragusina"_ in „monumenta Slavorum medionalium", Agram 1880
bis 1896.
_P. Pisani: La Dalmatie de 1797-1815_, Paris 1893.
_Brunswick: Recueil des documents diplomatiques relatifs au
Monténégro_, Paris 1876.
_Erber Tullio A.: Storia della Dalmaltia dal 1797-1814_, Zara 1892.
_Dragovitch: Le Monténégro et la Russie_ (Antiquités russes), 1882.
_Rovinski: Rapports de la Russie et des Serbes_, 1877.
_A. Boppe: Documents inédits sur les rlations de la Serbie avec
Napoléon_, Belgrade 1888.
_M. Bogdanovitch: Geschichte Alexanders I._, 6 vols., St. Petersburg
1871 (russisch).
_Rovinski: Geschichte Montenegros_, St. Petersburg 1888 (russisch).
_Schnitzler: Histoire intime de la Russie sous les empereurs Alexandre
et Nicolas_, 2 vols., Paris 1847.
_Nil Popov: Russland und Serbien 1806-1856_, 2 vols., Moskau 1869
(russisch).
_Dobrof: Die Südslaven_, St. Petersburg 1879 (russisch).
_Karadschic V.: Montenegro und die Montenegriner_, Stuttgart 1837.
Auch:
_B. V. Kallay: Geschichte der Serben_, I-II vols., Wien-Leipzig 1878.
_Ranke: Die serbische Revolution_, Berlin 1844.