Am zweiten Tage nach dem Kampfe bei Brgat belagerten die Slaven Ragusa
vom Lande her. Die kleine Insel vor der Stadt, _Locrum_ benannt, hielten
die Franzosen noch besetzt. Senjavin versuchte, ihnen diesen Stützpunkt
zu entreissen, was ihm nicht gelang. Major Sabjelin nahm diejenigen
Franzosen gefangen, die er noch ausserhalb der Stadt fand, sei es in
Gravosa oder in den umliegenden Häusern und Schluchten. Nun wollte man
nicht stehen bleiben, sondern dachte an weitere Schritte. Die erste
Sorge war, wie man die Franzosen zur Uebergabe zwingen könnte.
Vergeblich hat man Lauriston zur Kapitulation aufgefordert. Auf das
energischste hat er es abgeschlagen. Er erwartete Hilfe aus Dalmatien.
Etwas Proviant für das Heer besass er, jedoch nicht genug. Lange hätte
er schon dort sich halten können, wäre die Zufuhr der Lebensmittel aus
der Herzegovina nicht von den Montenegrinern abgeschnitten worden. Alle
Wege nach und aus der Stadt wurden gesperrt und das Wasser
abgeschnitten.
Darauf stellten die Russen ihre zwei Batterien auf der Höhe über der
Stadt auf und fingen an, dieselbe zu bombardieren. Die Häuser Ragusas
waren aus festem Material gleich den Ritterburgen gebaut. Auch eine hohe
und dicke Mauer umgab die Stadt. Doch die Kanonenkugeln richteten
bedeutende Schäden an. Tag und Nacht waren diese Batterien tätig.
Lauriston sandte oft kleinere Abteilungen, damit sie die bokelischen
Freiwilligen vertrieben, die sich in den Ruinen um die Stadt verborgen
hielten und häufig auf dieselbe Angriffe versuchten.
Die eigentliche Stadt war von Menschen überfüllt. Einmal weil neben den
Stadtbewohnern die starke französische Garnison darin weilte, und dann,
weil das Volk aus der Umgebung noch vor der Belagerung dort Zuflucht
gesucht hatte. Von Anfang an musste man deshalb mit allen Nöten kämpfen,
wie Hunger, Durst und Krankheiten. Der schreckliche Zustand
verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Senjavin war dies sehr wohl bekannt.
Ihn und Vladika dauerte es besonders, dass die unschuldige Bevölkerung
aus der Umgebung so furchtbar leiden musste. Darum versuchte Senjavin
wiederholterweise Lauriston zur Kapitulation zu bewegen, aber jedesmal
erfolglos.[31] Der französische General machte zweimal Versuche, um die
Stadt von der Belagerung zu befreien. Am 28. Juni griffen seine Soldaten
um Mitternacht den russischen rechten Flügel an, wurden aber
zurückgeschlagen und liessen 10 Tote und 23 Verwundete auf dem Felde.
Und am 3. Juli wurden zum zweiten Male 400 Franzosen nach der Vorstadt
_Pilae_ ausgesandt, um das verbündete Heer zu beunruhigen. Eine
Abteilung Montenegriner erhielt daher den Befehl, diejenigen Häuser in
der Vorstadt anzuzünden, von wo aus die Franzosen ihre Angriffe machten.
Der Befehl wurde ausgeführt. Es kam zu einem heftigen Scharmützel, in
welchem 100 Franzosen umkamen. (Russen und Montenegriner verloren 11
Mann.) Die übrigen flüchteten sich in die Stadt und wagten nicht mehr
herauszukommen, solange die Belagerung dauerte.
Senjavin hatte schon seit Wochen den Befehl aus Petersburg erhalten, die
Bocca den Oesterreichern zu übergeben, damit sie dieselbe an die
Franzosen ausliefern könnten. Diesen Bescheid hielt er lange geheim. Es
ging aber ein leises Gerücht durch die Armee, dass der Admiral einen
solchen Befehl in der Tasche trüge. Senjavin liess jenes Gerede nicht
unterdrücken oder dementieren, vielmehr schien es, dass er die
Verbreitung desselben begünstigte, bis er schliesslich selber die Sache
der Armee kund tat. Auf diese Nachricht wurden die Bokelen und
Montenegriner bis zum Tode betrübt und entmutigt. Sie konnten gar nicht
fassen, dass es des Zaren Wille sei, sie, die so mutig und aufopfernd
gegen den gemeinsamen Feind gekämpft hatten, an diesen ausgeliefert
werden sollten. Viele verliessen den Kampfplatz sofort und kehrten heim.
Die Belagerung dauerte bis am 6. Juli. An diesem Tage hatten die Slaven
noch einen Zusammenstoss mit den Franzosen. Früh am Morgen kam die
Nachricht ins russische Lager, dass 500 Mann Ersatztruppen für die
Franzosen von Ston heranrücke. Der Vladika sandte zu der Mündung des
Flusses _Ombla_ eine Abteilung Montenegriner, den nahenden Feind zu
empfangen. Kaum waren die Montenegriner dort angelangt, als ein neues
Heer auf den türkischen Hügeln erschien. Das war General _Molitor_ mit
3000 Mann. Ueber Ston hatte er jene 500 Leute ausgesandt, damit er die
Aufmerksamkeit der Slaven dorthin lenke, sie dann von hinten überrasche
und zwischen die beiden Feuer treibe. Als diese Armee zum Vorschein kam,
eilten die Montenegriner und Bokelen ihr entgegen. Sobald die Armee die
Grenze überschritt, fielen sie über sie her und zwangen sie,
haltzumachen. General Molitor war erstaunt wegen dieses kühnen Streiches
eines so kleinen irregulären Heeres. Es kam zu einem heftigen aber
kurzen Zusammenstoss. Die Slaven wurden bis Gravosa zurückgedrängt.
Molitor vereinigte sich mit der Armee aus der belagerten Stadt. Senjavin
wollte sich nicht in einen weiteren Kampf einlassen, da er keinen
Vorteil davon erwarten konnte. Die kriegerische Stimmung seines Heeres
und insbesondere der Bokelen hatte nachgelassen. Der Vladika schiffte
sich mit einem Teil seiner Leute ein und fuhr mit Senjavin und den
Russen nach der Bucht di Cattaro. Ein anderer Teil Montenegriner hielt
noch eine Zeitlang den Kampf gegen die Franzosen aufrecht. Sie traten
langsam den Rückzug in der Richtung auf Zavtat an und gingen von da aus
nach Castelnuovo, um sich mit dem übrigen Heere zu vereinigen.
In Castelnuovo war jetzt das Hauptlager der Bokelen, Russen und
Montenegriner. Das Volk aus der Umgebung kam haufenweise, um die Krieger
zu begrüssen. In diesem Lager ging es wie bei einer politischen
Versammlung zu. Das Volk klagte und jammerte, dass es nach so vielen
Opfern doch unterjocht werden solle. Es wurden flammende Reden gehalten
gegen Franzosen, Oesterreicher und sogar gegen das offizielle Russland
(nicht gegen die Russen überhaupt, denn die Russen, welche mit dem Volke
gegen den Feind zusammenkämpften, waren in der Bocca sehr beliebt). Man
beschloss, eine Deputation zum Zaren nach Petersburg zu schicken, um ihn
zu bitten, die Bocca nicht ihrem Feinde auszuliefern. In der Bittschrift
erinnerten sie den Zaren, wie die Franzosen wider das Völkerrecht Ragusa
besetzt hätten, obwohl diese Republik unter dem Schutz der ottomanischen
Pforte, der damaligen russischen Bundesgenossin, stand.[32] Vier
Deputierte wurden gewählt und abgesandt.[33]
In Erwartung von Russlands Antwort konnte dieses Volk keine Waffenruhe
halten. Die Montenegriner und Bokelen gingen oft nach Ragusa, um die
Franzosen herauszufordern. Auch vom Meere aus fuhren sie heran,
richteten allerlei Schaden an und kehrten dann in die Bucht zurück.
Diese Bandenzüge beunruhigten fast täglich die französische Armee, dass
diese--obwohl die Belagerung schon am 6. Juli aufgehoben war--immer noch
nicht wagten, aus der Stadt abzuziehen.
Das war ihrerseits natürlich klug. Denn sie wussten, dass es zwischen
Napoleon und Russland abgemachte Sache sei, die Bocca di Cattaro an sie
auszuliefern. Warum sollten sie nun umsonst Blut vergiessen.