Mit fieberhafter Eile befestigte nun General Lauriston sein Lager auf
dem steilen und uneinnehmbaren Berge Brgat. Dieser Gipfel beherrschte
vollständig Ragusa nebst der ganzen Umgebung, wie auch den Hafen
_Gravosa_. Von keiner Seite konnte das französische Heer überrascht
werden. Die Linie vom Meer bis zur türkischen Grenze hatten die
Franzosen besetzt. Diese Linie war sehr gut. Weil sie kurz war, konnte
sie desto besser und stärker befestigt werden. Der rechte Flügel der
Armee erstreckte sich bis zum Meer und der linke bis zur
herzegovinischen Grenze, welche von der verbündeten Armee nicht
überschritten werden durfte. Von hinten konnten die Franzosen keineswegs
angegriffen werden; ebenso nicht von rechts und links. Und vor ihnen
befanden sich steile und unzugängliche Abhänge. Günstigere Lage konnte
man sich nicht denken.
Während dieser ganzen Zeit weilte Admiral Senjavin mit der Flotte in
Triest. Erst nach dem Kampf von Zavtat erhielt er die Kunde, dass die
Franzosen ihm zuvorgekommen seien und Ragusa bereits eingenommen hätten.
Rasch kehrte er nach Cattaro zurück, von dort zog er dann weiter und
traf am 12. Juni vor Ragusa ein.
Sofort suchte Senjavin den Vladika auf, um sich über den Stand der Dinge
zu erkundigen. Die Montenegriner hatten sich nämlich nicht von den
Franzosen abgekehrt; sie nahmen vielmehr Aufstellung am südöstlichen
Fusse des Brgat, wohin sich der Feind zurückgezogen hatte. Mit ihnen
waren auch die Russen, etwa 1200 Mann, unter dem Major Sabjelin. Die
Zahl der Montenegriner samt den Bokelen belief sich auf 3500 Mann.
Vladika Peter war der Meinung, man müsse den Feind so schnell wie
möglich angreifen, bevor er seine Befestigung beendet und Verstärkung
aus dem Norden erhalten hätte. Der Admiral war damit einverstanden. Der
Angriff sollte schon am nächsten Tage ausgeführt werden. Den Oberbefehl
über das reguläre russische Heer übernahm Fürst _Vjasemski_, der gerade
von Korfu gekommen war.
Am 17. Juni in aller Frühe entsandte der Vladika eine Abteilung
Montenegriner, damit sie sich, wenn möglich, wenigstens des vordersten
französischen Postens bemächtige. Der Feind war nämlich in vier
Gefechtsabteilungen gegliedert. Die Montenegriner stürzten
leidenschaftlich auf den ersten Posten los, zersprengten ihn und drangen
sofort gegen den zweiten vor. Die Franzosen wollten sie offenbar etwas
mehr in ihre unmittelbare Nähe locken. Vladika und Vjasemski sahen ein,
dass die Lage dieser tapferen Abteilung jetzt sehr gefährlich, fast
verzweifelt war. Sie sandten derselben einen Trupp Jäger zu Hilfe. Diese
gerieten aber bald in dieselbe gefährliche Lage. Ein türkischer Offizier
benachrichtigte den Vladika von dem Nahen einer Verstärkung für die
Franzosen. Die Verbündeten sahen, dass sie keine Stunde mehr säumen
dürften. Blitzartig bestieg Vladika den eroberten Posten. Die
vorgerückten Montenegriner sahen ihren Vladika ihnen zu Hilfe kommen und
fassten neuen Mut.[29] Der linke Flügel wurde angegriffen. Lauriston
erwartete keineswegs den Angriff von dieser Seite. Er rückte seine
Truppen nach links. Französische Batterien feuerten unaufhörlich. Nur
ein Schritt zurück hätte für die Slaven Vernichtung bedeutet. Sie
mussten also vorwärtsklettern. An einen Rückzug konnte man nicht im
geringsten denken. Die Situation war also für die Slaven äusserst
schwierig. Inzwischen aber erschien das übrige russische reguläre Heer
auf dem Berg. Ein donnerndes «Hurra» erscholl hinter den Montenegrinern
und Bokelen. Die Franzosen waren überrascht und erstaunt, doch nicht
verworren. In guter Ordnung kämpften sie immer noch tapfer. Mit
Schrecken aber sahen sie, wie das unreguläre Heer tollkühn ihrer Festung
nahte. Es dauerte nicht lange, und sie erblickten es in unmittelbarer
Nähe ihrer Schanze. Nur einen Augenblick zögerten die Montenegriner,
bis sich das ganze verbündete Heer gesammelt hatte; dann aber wurde mit
einem Schlag die französische Redoute, die mit 10 Kanonen bewaffnet war,
erstürmt.[30] Die Franzosen zogen sich zurück und liessen ihre drei
Positionen im Stich. Es blieb ihnen nur noch eine vierte am Fusse des
Berges, gerade oberhalb von Ragusa. Unterdessen vereinigte sich mit
ihnen die gerade angekommene Verstärkungstruppe. Daher fassten sie allen
Mut zusammen und griffen die Slaven an, wurden aber wieder bis zu ihrer
vierten Position zurückgeschlagen, wo sie haltmachten, doch ohne jede
Hoffnung verloren zu haben. Nicht mehr als eine Viertelstunde vermochten
sie von da aus Widerstand zu leisten. Die vierte Position wurde
erstürmt, die Franzosen auseinandergetrieben. Ungeordnet und verwirrt
flohen sie der Stadt zu. Viele Montenegriner kamen ihnen zuvor und
legten sich an der Strasse in den Hinterhalt, um ihnen den Einzug in die
Stadt zu verwehren. Unter zahlreichen Verlusten bemächtigten sich die
Franzosen dennoch gegen 7 Uhr abends Ragusas.
Es herrschte eine unerträgliche Hitze an jenem Tage, was in dieser
Gegend nicht selten ist. Gleichwohl dauerte der Kampf unaufhörlich vom
Morgen bis zum Abend fort. Die französischen Verluste waren gross. 800
Tote und Verwundete hatten sie (die Ragusaner mitgerechnet), unter
welchen 18 Offiziere sich befanden; zu diesen zählte auch General
_Delgogne_. 90 wurden gefangen genommen. Die Russen verloren 16 Gemeine
und einen Offizier, zudem zählten sie 33 Verwundete. Die Montenegriner
und Bokelen büssten etwa 120 Mann ein.
So endete dieser blutige Kampf vom 17. Juni, dessen furchtbares Ende
Lauriston an dem Vorabend nicht vermuten konnte: Er und seine ganze
Armee war von allen Seiten eingeschlossen. Diese Belagerung soll uns im
Folgenden beschäftigen.