2. Stand der Dinge in der Bocca di Cattaro.

Im Jahre 1797 vernichtete Bonaparte die Republik Venedig. Das traurige

und bedauernswerte Schicksal dieses ruhmreichen Staates mussten

naturgemäss auch seine Provinzen und Schutzgebiete fühlen. Eines dieser

letzteren war die Bocca di Cattaro, welche seit 1420 unter Venedig

stand. In jenem Jahre stellten sich die Bokelen, die bis dahin unter dem

Schutz der ungarischen Könige gewesen waren, unter die Oberhoheit

Venedigs, weil die Entwicklung der Dinge sie hierzu zwang. Ganz

Dalmatien nämlich ging den Ungarn verloren. Die Bocca konnte, wenn sie

es wollte, auch weiterhin unter dem ungarischen Schutz, bleiben. Dieser

Schutz aber wäre nur ein formaler und unwirksamer gewesen. Wozu dann

solch ein Schutz?

Die Bokelen begaben sich freiwillig in die Obhut des neuen Herrn von

Dalmatien, aber nur unter gewissen gegenseitig unterschriebenen

Bedingungen. Die wichtigste unter diesen lautete: «Wenn die Republik

Venedig wegen irgend einer politischen Umwälzung nicht mehr imstande

sein wird, Cattaro zu verteidigen, so darf sie es an niemand weder

abtreten noch verkaufen, sondern muss es in seiner alten Freiheit

weiterbestehen lassen.»[8]

Dieses alten Vertrages mit Venedig sich erinnernd widersetzten sich nun

die Bokelen der Okkupation der Bocca durch Oesterreich, dem dieses

Gebiet durch den Vertrag von Campo Formio von 1797 nach der Zerstörung

der venezianischen Republik zugestanden wurde. Die Volkshäupter

versammelten und berieten sich, welche Schritte sie jetzt unternehmen

sollten. Alle waren einmütig in dem Entschluss, die Unabhängigkeit des

Landes zu verteidigen. Ueber die Art und Weise dieser Verteidigung

wollten sie nicht allein entscheiden. Auf dem hohen Berge, der ihrem

Küstenland als der natürliche Schutz schien gegeben zu sein, hatten sie

einen Ratgeber, der zugleich ihr religiöser Führer war, bei dem sie in

schwierigen Momenten Rat und Trost holten und den sie in den

schwierigsten zu Hilfe riefen. Sie befragten ihn durch eine Deputation.

Der Fürstbischof[9] von Montenegro, denn er war jener Mann, gab den

Bokelen den Ratschlag, sie sollten eine provisorische Verwaltung des

Landes einsetzen, eine Landwehr errichten und die Gerichtsbarkeit in

eigene Hände übernehmen. In diesem provisorischen Zustande sollten sie

dann leben und abwarten, ob sich Venedig wieder erheben würde oder

nicht. Sollte ersteres geschehen, so würden sie ihre Beziehungen zu ihm

wieder herstellen können. Wenn aber nicht, so sollten sie die Herrschaft

des römischen Kaisers anerkennen, aber nur unter denselben Bedingungen,

unter welchen sie Venedigs Schutz genossen hätten.

Die Bokelen folgten diesem Ratschlag. Allein die Stadt _Budua_ machte

einen Schritt weiter, indem sie zu ihrem direkten «Beschützer und

Richter, den Peter Petrovic, den ruhmvollen Erzbischof und Metropoliten

von Montenegro,» wählte.[10]

Aber im Sommer desselben Jahres nahmen die Oesterreicher allmählich ganz

Dalmatien ein. In der zweiten Hälfte des August erschien der

österreichische General Baron _Rukavina_ mit der Flotte in der Bucht di

Cattaro. Umsonst warteten die Bokelen auf baldige Wiedererhebung ihrer

Protektorin von der anderen Küste des Adriatischen Meeres. Die Republik

Venedig war für immer vernichtet. Wie hätte dann die Bocca stand halten

können vor der überwältigenden Macht des Feindes? Die Bokelen ergaben

sich. Hätte der Vladika es gewollt, so hätten sie mit Begeisterung gegen

die Oesterreicher gekämpft. Da der Vladika aber auf anderen Seiten gegen

die Feinde seines Landes zu kämpfen hatte, und da er auch mit dem

österreichischen Kaiser auf gutem Fusse lebte, blieb den Bokelen nichts

übrig, als sich zu ergeben.

Das bisher Gesagte gehört eigentlich nicht unmittelbar zu den

Ereignissen, die wir zu beschreiben unternommen haben; es musste aber in

Erinnerung gerufen werden, um zu zeigen, dass wir hier mit einem Volke

zu tun haben, das sich als ein Ganzes für sich und doch als ein Teil

einer grösseren Volksfamilie fühlte, das seine Vergangenheit hatte,

welches von ständigem Bestreben seiner Vorahnen nach Freiheit erfüllt

war, mit einem kleinen Volke, das keinem seiner Nachbarn lästig war und

das von ihnen nichts weiter verlangte, als freie hohe See und ein freies

Obdach auf dem Lande. Denn dieses Volk lebte seit jeher mehr auf dem

Wasser wie auf dem Festlande. Seeleute und Fischer waren es, die in

ihrem Leben mehr Wasser und Himmel schauten als festes Land. Ein freies

Gemüt, eine klare und unbefangene Beurteilung der Dinge und ein

ungetrübtes Gerechtigkeitsgefühl war ihnen stets eigen gewesen. Sie

entzogen sich nicht dem Kultureinfluss ihrer italienischen Schutzherren.

Sie haben wohl nie die Opulenz und den Glanz Ragusas in ihren Städten

geschaut, dennoch waren diese reich. Cattaro und Perast machten

Konkurrenz manchen grösseren Küstenstädten in Ober-Dalmatien und

Italien. Castelnuovo, Budua und Risano waren kleiner an Umfang und

Grösse, nicht aber an Reichtum und Unternehmungen. Diese Leute von der

Bocca di Cattaro durchreisten schon in ihren Jugendjahren die Welt.

Manchmal mit Reichtum, immer aber mit grösserer Erfahrung kehrten sie in

ihre Heimat zurück, die sie so liebten und in der sie ihren Lebensabend

zu verbringen wünschten. Nichts Abscheulicheres gab es für sie, als

Unterjochung eines Volkes, Tyrannei und Unterdrückung. Die Freiheit war

für sie ebenso notwendig für das Leben wie das Meer und die Luft. Diese

vornehme Eigenart ihres Temperaments zeigten die Bokelen während ihrer

ganzen Geschichte. Unterjocht waren sie nie, wohl aber nahmen sie den

Schutz bald dieser, bald jener Macht in Anspruch. Dadurch wurde ihre

Freiheit nicht nur nicht eingeschränkt, sondern oft sogar vergrössert

und besser gesichert vor der Gier der nächsten Nachbarn.

Durch den Vertrag von Campo Formio wie auch durch denjenigen von

Pressburg fühlten sich die Bokelen schwer verletzt, weil man über sie

ohne ihre Zustimmung verfügte. Sie hatten früher mit Venedig verhandelt,

bevor sie unter seine Obhut traten. Solche direkte Verhandlungen mit

Oesterreich oder mit Frankreich war ihnen untersagt. Das verletzte ihren

Stolz, der eine mächtige Rolle spielte in ihrem politischen und sozialen

Leben. Das war der hauptsächliche Grund ihres Unwillens, ihrer Aufregung

gegen die Bestimmungen der Grossmächte. Der andere Grund dafür lag in

der Furcht vor der Einschränkung ihrer Freiheit im Handel und in der

Politik.

Die Stimmung in der Bocca nach dem Pressburger Frieden war noch erregter

als nach dem von Campo Formio, einmal weil Europa zu wiederholten Malen

über das Land willkürlich verfügte, und sodann, weil das Gerücht

verbreitet wurde, dass die Franzosen, die angehenden Herren des Landes,

die Bocca ihres freien Handels und Betriebes berauben wollten. Als der

österreichische Kreiskapitän in der Bocca, Baron _Kavalkabo_, den

Bokelen verkündigte, dass alle Städte des Landes bis zum 10. Februar an

die Franzosen übergeben werden müssten, wurden sie so betrübt und

erzürnt, dass sie alle wie ein Mann sich bereit erklärten, ihr Land vor

den neuen Weltavanturisten bis in den Tod zu verteidigen.[11] Sie sahen

sich nach zwei Seiten um Hilfe um. Die erste Hilfe war natürlich in

Montenegro zu suchen. Eine andere Hilfe hofften sie von den Russen zu

bekommen. Nicht aber von den Russen in Russland, sondern von der

russischen Flotte, die sich zurzeit bei _Korfu_ befand und die zur

Aufgabe hatte, die Ionische Republik vor den Franzosen zu schirmen.

Diese Flotte befehligte der Vize-Admiral _Senjavin_. Nach der Schlacht

bei _Trafalgar_, wo die französische Flotte vernichtet wurde, waren

Russen und Engländer auf dem Wasser ganz unzweifelhaft die Herren.

Napoleon hatte so gut wie keine Flotte mehr. Darum musste er trachten,

das Litorale überall gut gegen die Angriffe vom Wasser her zu

befestigen. Daher ist es auch klar, warum er so dringend die Hafensperre

für die russische und englische Flotte von Oesterreich forderte. Wenn

diese Flotte den Zugang zu keinem Hafen mehr in der Adria hätte, dachte

Napoleon, so müsste sie sich von selbst zurückziehen. Höchstens könnte

sich diese Flotte noch bei Korfu aufhalten. Darum plante er eben die

ganze Meeresküste bis nach und mit Albanien in Besitz zu nehmen, dann

von Albanien aus Korfu anzugreifen und die vereinigte Flotte zu

vertreiben.

Es gab viele Bokelen, die früher im russischen Marinedienst gestanden

hatten und auch viele andere, die in der grossen Politik der Zeit

Bescheid wussten. Die einen wie die anderen konnten gut erwägen, was für

ein Schlag es für die russische Flotte wäre, wenn ihr der Zugang in die

Bucht von Cattaro abgeschnitten wäre.

In Cetinje weilte damals der russische Agent _Sankorski_, auf dessen

Mission in Montenegro wir noch einmal zu sprechen kommen werden. Zum

Vladika und zu dem russischen Agenten sandten die Bokelen eine

Deputation. Diese erklärte, die Bokelen seien entschlossen, die Bocca

bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, falls ihnen die

Montenegriner und die russische Eskader zu Hilfe kommen würden.[12]

Sankorski seinerseits sprach den Bokelen die russische Hilfe sofort zu,

und eben in diesem Sinne schrieb er an Senjavin. Der Vladika war

natürlich noch mehr bereit, seinen treuen Bokelen zu Hilfe zu eilen als

die Russen selbst. Er berief nach Cetinje alle Volkshäupter Montenegros

und hielt mit ihnen eine Beratung, deren Schluss eine einstimmige

Erklärung war, dass die Montenegriner nicht nur gegen die Franzosen um

die Bocca zu kämpfen bereit seien, sondern dass sie die Oesterreicher,

bevor das Land von jenen okkupiert wäre, aus der Bocca vertreiben

wollten. Bereits am nächsten Tage, dem 28. Februar, stand der Vladika

vor Castelnuovo und belagerte die Stadt. An demselben Tage langte auch

die russische Eskader unter dem Kommando von Kapitän _Belli_ an. Nach

fünftägiger Belagerung forderten der Vladika und Belli von dem

österreichischen Kommandanten die Kapitulation der Stadt und die

Uebergabe der Schlüssel von allen bokelischen Städten. Es wurde ihm

gesagt, er verteidige ein fremdes Land, denn die Frist der Uebergabe der

Bocca an die Franzosen war bereits schon am 10. Februar abgelaufen.

Markis Ghiselieri war schliesslich mit den russisch-montenegrinischen

Forderungen einverstanden. Er trat den Bokelen ihr Land mit acht

grösseren und kleineren Städten ab. Die österreichische Besatzung wurde

überall ersetzt durch das einheimische Heer.[13]

Somit erhielten die Bokelen ihr Land ganz und frei ohne viele Mühen und

Kämpfe zurück. Sonst wurde aber die Frage der Bocca di Cattaro viel

verwickelter und für den europäischen Frieden von drohenderer Gefahr als

je.

Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814. · 第 5 / 21 题