Der «Austerlitzblick», der den grossen englischen Staatsmann William
Pitt frühzeitig ins Grab gebracht hatte, hielt die übrigen zwei an der
furchtbaren Katastrophe unmittelbar beteiligten Verbündeten, Russland
und Oesterreich in monatelangen Todesängsten. Das rührte aber den Sieger
von Austerlitz wenig. Zielbewusst und rücksichtslos, wie er immer
verfuhr, diktierte Napoleon nun den Vertrag von Pressburg, am 26.
Dezember 1805. Umsonst hatte Talleyrand ihm in der Demütigung
Oesterreichs Mässigung angeraten.[1] Er forderte und bekam alles, was er
wollte. Alles, was Oesterreich ehemals durch den Vertrag von Campo
Formio gewonnen hatte, musste es jetzt den Franzosen geben. Beinahe drei
Millionen seiner Untertanen musste Oesterreich der Herrschaft Napoleons
ausliefern. Neben Venedig gingen ihm auch Istrien (ohne Triest) und
Dalmatien (ohne das Litorale) mit der _Bocca di Cattaro_ verloren. Die
einzige Verpflichtung, die Napoleon auf sich nahm, war die sofortige
Entfernung der französischen Truppen von dem österreichischen Boden.
Dieser Pressburger Friede war in der Tat für Oesterreich so ungünstig,
dass Graf Stadion mit Recht denselben «Capitulation» Oesterreichs nennen
konnte.
Napoleon hegte damals böse Pläne gegen die Türkei, obwohl sie sein
Verbündeter war. Diese seine Tendenz lässt sich klar aus dem Pressburger
Vertrag erkennen; insbesondere aber zeugt dafür seine spätere Haltung.
Durch den Vertrag liess er sich Dalmatien abtreten, wobei die Uebergabe
der Bocca di Cattaro in erster Linie betont wurde. Den österreichischen
Boden wollte er nicht nur nicht räumen, sondern verstärkte im geheimen
die sich auf demselben noch befindlichen französischen Truppen. Das
Städtchen _Braunau_, das ebenso geräumt werden sollte, blieb auch
weiterhin unter französischer Besatzung. Und noch mehr: Napoleon
forderte den Durchzug seiner italienischen Truppen von Venedig nach
Dalmatien über österreichischen Boden, über _Monfalcone_, wo früher der
venezianischen Armee der Durchzug stets gestattet wurde. Ja, Napoleon
forderte sogar energisch von Oesterreich die Sperrung seiner Häfen für
die englische und russische Flotte.
Graf Stadion seinerseits versuchte alles mögliche, um die Beziehungen zu
Frankreich nicht zu verwickeln und zu verschärfen. In dieser Absicht
sandte er auch Vincent nach Paris, um die Vorurteile Napoleons gegen ihn
zu zerstreuen. Napoleons Antwort war die denkbar schroffste. Er sandte
Andréossy zu Stadion mit der Forderung, sofort und unverzüglich den
Durchzug der französischen Armee durch das österreichische Gebiet zu
bewilligen. Zu Vincent sagte Napoleon bei der ersten Audienz: «Man muss
mir den Durchzug gestatten, andernfalls werde ich euch mit Krieg
überziehen».[2] Stadion bemühte sich, die Sache irgendwie zu mildern.
Darum machte er dem französischen Botschafter in Wien, Larochefoucauld,
mancherlei Vorstellungen; aber alles war vergeblich. Dieser verlangte
binnen 24 Stunden eine bestimmte Antwort und Ernennung einer
Persönlichkeit, die mit Andréossy Verhandlungen eingehen könnte.
Nun, zu dieser schwierigen Frage gesellte sich eine andere, für
Oesterreich unvergleichlich schwierigere und für Napoleon desto
willkommenere: Die Abtretung der Bocca di Cattaro.
Es verbreitete sich zuerst ein Gerücht, das bald nachher auch bestätigt
wurde, dass die Bocca di Cattaro Russland abgetreten würde. Der
österreichische General _Ghiselieri_, hiess es, habe sie dem
Befehlshaber der russischen Flotte im Adriatischen Meere übergeben. Das
war natürlich ganz vertragswidrig. So fasste es auch Napoleon auf. Er
verlangte sofort eine Erklärung Oesterreichs darüber. Oesterreich
sollte, das war seine Forderung, in Petersburg Schritte tun, welche die
Herausgabe der Bocca ermöglichen könnten. Wollte Russland nicht
nachgeben, so sollte Oesterreich seine Mitwirkung zur Eroberung der
Bocca nicht versagen. Es sollte in dem Falle auch seine Häfen den
englischen und russischen Schiffen verschliessen, worauf es Napoleon am
meisten ankam, da er diese feindlichen Flotten um jeden Preis aus der
Adria vertrieben sehen wollte. Sein Hintergedanke war, Oesterreich mit
Russland zu entzweien und somit den Dreibund zu sprengen. Würde ihm dies
gelingen, sagte er sich, so wären alle seine Pläne der Verwirklichung
nahe, andernfalls aber hätte er einen Grund, an Oesterreich noch härtere
Forderungen zu stellen. Denn ohnehin reute es ihn, bei dem Pressburger
Vertrag das Litorale nicht genug berücksichtigt zu haben. Wiederholt
erklärte Larochefoucauld nach den Instruktionen Napoleons dem Grafen
Stadion, dass Braunau so lange im Besitz der Franzosen bleiben werde,
als die Bocca ihnen nicht übergeben würde. Das war aber nicht alles. Er
drohte mit Besetzung von Fiume und Triest. Das war viel schlimmer.
Schliesslich drohte Napoleon mit dem Krieg. Und das war für Oesterreich
das Schlimmste.
In Wien glaubte man, dass Napoleon nun einen Anlass zu neuer Bekriegung
Oesterreichs suche. Dies zu vermeiden und den Frieden aufrecht zu
erhalten, war aller, besonders aber Kaiser Franz' und Stadions Wunsch.
Letztere machten eine Vorstellung in Petersburg in bezug auf die Bocca
und die Forderungen Napoleons. Inzwischen schrieb Franz an Napoleon
eigenhändig betreffs der Bocca, ihre Herausgabe an die Russen sei ohne
sein Wissen und Wollen erfolgt, eine Untersuchung habe er gegen den
General Brady, den Befehlshaber in Dalmatien, eingeleitet und die
Verhaftung Ghiselieris anbefohlen. Die Sperrung der Häfen für die
russische Flotte werde erfolgen, sobald Russland eine ausweichende
Antwort geben werde. In demselben Sinne hatte sich auch Stadion La
Rochefoucauld gegenüber geäussert.[3]
Trostlos und fast verzweifelt stand Oesterreich da, weil zwei mächtige
feindliche Heere seine beiden Grenzen bedrohten, das französische im
Südwesten, das russische im Norden. In Wien wurde nun die Frage
aufgeworfen: Mit wem von beiden Mächten soll es Oesterreich halten? Man
war in der Beantwortung dieser Frage nicht einig. Erzherzog Karl,
Trauttmansdorf, Metternich und viele andere waren der Meinung, man müsse
den französischen Forderungen sich widersetzen und, wenn eben möglich,
eine Allianz mit Frankreich anstreben. Zur Illustration der Meinung
dieser Mehrheit, wie auch der Situation, in welcher sich Oesterreich
damals befand, sei hier einiges aus dem Briefe Karls an den Kaiser
angeführt:«... Ich glaube meine Aufmerksamkeit vorzüglich auf zwei Fälle
richten zu müssen, von welchen der eine oder andere Eurer Majestät
unausweichlich bevorzustehen scheint. Der erste und unglücklichste für
den Staat wäre ohne Zweifel jener, wenn wir durch unsere unglückliche
Lage in einen neuen Krieg mit dem einen oder anderen der beiden Kolosse,
die uns bedrohen, verwickelt würden. Von beiden stehen mächtige Armeen
an unseren Grenzen, mit beiden würden die ersten Feindseligkeiten den
Krieg in das Herz der Monarchie führen, mit beiden würde der erste
Ausbruch des Krieges uns ganze Provinzen entreissen, beide würden einen
Teil der Erbstaaten beherrschen, ausplündern und verheeren, ehe wir
imstande wären, eine Armee, der es an _allem_, sogar an Gewehren fehlt,
in Ungarn versammeln zu können. Sollte jedoch zwischen diesen beiden
grossen Uebeln eines gewählt werden müssen, so bietet der Krieg mit
Frankreich noch unendlich schrecklichere Resultate dar, als jener mit
Russland. Meine innere Ueberzeugung entreisst mir das traurige
Geständnis: Ein neuer Krieg mit Frankreich und seinen Alliierten ist das
Todesurteil für die österreichische Monarchie ... Nicht so ganz ohne
alle Rettung erscheint der Krieg mit Russland.»[4]
Stadion hingegen war entschieden gegen die Allianz mit Frankreich. «Es
würde,» sagte er, «Oesterreich Frankreich untertan werden; und ein
solches Verhältnis bezeichnet man als Allianz.»[5] Für den Fall eines
Bündnisses mit Frankreich aber stellte er seinen Rücktritt in Aussicht.
Keineswegs besser war die Situation in Petersburg. Alexander hatte einen
Krieg zur Befreiung der Völker von der Macht Napoleons unternommen. Mit
unermesslicher Zuversicht und unzähligen Hoffnungen ging er in den
Kampf. Der «Austerlitzblick» aber machte ihn zu einem gebrochenen und
ratlosen Mann. Ein schrecklicher Wirrwarr herrschte an seinem Hofe und
in seinem Kopfe. Mannigfaltige Gährungen, mannigfaltige Richtungen
kreuzten sich im Volke wie in den Parteilagern. Jedermann versuchte
seine eigene Haltung gleich seiner Vergangenheit zu rechtfertigen. Und
jedem gelang es natürlich. An der Niederlage Russlands war also niemand
im Lande schuld. Die früheren Ratgeber des Kaisers, die ihm vorher so
viel Ruhmvolles von einem Krieg gegen Napoleon vorgespiegelt hatten,
schoben jetzt alle Schuld an dem Misserfolg Oesterreich zu. Die
altrussische Partei predigte entschieden den Bruch des Bündnisses mit
Oesterreich. Man beschuldigte es sogar eines Verrates. Die Leute der
Opposition gegen das Regiment Czartoryskis gewannen jetzt grossen
Einfluss auf den Kaiser und das Volk. Ihre Parole war nun, Russland
solle nur noch die eigenen Vorteile im Auge behalten, seine Verbündeten
ihrem Schicksal überlassen und sich nicht mehr zwecklos und sinnlos in
einen weiteren Kampf stürzen.
Eine friedliche Stimmung beherrschte ganz und gar die öffentliche
Meinung in Russland. Man verdächtigte aber den Zaren, er beschäftige
sich auch weiterhin mit Kriegsplänen. Allerlei Beschwerden gegen den
Kaiser und insbesondere gegen Czartoryski wurden laut und lauter. Der
österreichische Botschafter in Petersburg, _Merveldt_, teilte sogar dem
Wiener Hof mit, dass die tiefgehende Gährung der Gemüter die Möglichkeit
eines Thronwechsels bezeugte.[6] Wenn die Friedenspartei schliesslich
die Oberhand in Petersburg gewann, so verdankte sie dies auswärtigen
Ereignissen; Pitt starb und sein Nachfolger neigte zum Frieden.
Mit Ungeduld wartete man in Wien auf einen Entschluss Russlands, d.h.
auf die Antwort in bezug auf die Frage der Bocca di Cattaro. Endlich kam
der langersehnte Bescheid. Rasumovski erschien am 26. Mai bei Stadion
und teilte ihm mit, Russland sei bereit, Cattaro mit der Bocca
herauszugeben. Allein die Räumung Cattaros seitens der Russen sei eine
Sache, die nicht sofort erledigt werden könnte. Der russische Agent in
Cetinje und in der Bocca habe die Bevölkerung der Bocca stets der
russischen Protektion versichert. Diesem Versprechen könne sich Russland
jetzt nicht entziehen, ohne den Unwillen seiner slavischen Brüder in
dieser Gegend sich zuzuziehen. Die Russen wollten die Bocca den
Oesterreichern, und diese könnten sie dann den Franzosen übergeben. Es
brauche aber Zeit, bis die Bevölkerung zur ruhigen Hinnahme des
unabwendbaren Beschlusses vorbereitet wäre. Also sprach Rasumovski.
Graf Stadion besprach mit dem französischen Gesandten die Sachlage und
verlangte Verschiebung der Hafensperre, die Napoleon so dringend
forderte. Larochefoucauld gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden.
Er forderte sofortige Hafensperre. Bei diesen Erklärungen und
Gegenerklärungen, bei diesem beständigen Hin- und Herschwanken verlief
viel Zeit, ohne dass man zu irgend einem positiven Resultat zu gelangen
vermochte. Inzwischen aber bahnte sich langsam der Weg für die
Friedensverhandlungen, die zuletzt zu _Oubrils_ Vertrag führten.
So hielt die Angelegenheit der Bocca ganz Europa ein halbes Jahr in
höchster Spannung: Der Friede Europas stand auf dem Spiel, wenigstens
für den Augenblick. Aber auch nach Ablauf dieser Zeit war die Frage
wegen der Bocca di Cattaro nicht endgültig gelöst; die Entscheidung
stand nur auf dem Papier. Nicht einmal der Tilsiter Vertrag brachte eine
befriedigende Lösung. Eine solche erfolgte erst, als alle anderen durch
Napoleon auf die Tagesordnung gebrachten Fragen der europäischen Politik
ihren Abschluss fanden, d.h. im Jahre 1814.
Wenden wir uns nun dem Lande zu, das für einen Augenblick als Schlüssel
der politischen Situation Europas galt und der Uebermacht des
siegreichen französischen Gewalthabers so lange trotzte und seinen
Weltplänen sich in den Weg setzte, indem es um nichts anderes als um
seine Freiheit und Unabhängigkeit mutig und aufopfernd kämpfte.[7]