FUSSNOTEN:

[530] ~f.~, ~fecit~.

[531] So haben beide Ausgaben; es wird zu lesen sein:

~Prorsursicutius~, aus ~prorsus~, ~ursus~, ~cutis~ gebildet: ein

Bärnhäuter durch und durch.

Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter.

Die, so den Ursprung des teutsch gegebenen Schandnamens Bärnhäuter

~per etymologiam~ ausecken[532] wollen, haben vermeint, daß vor alten

Zeiten, da die alten Teutschen noch auf allerhand Häuten geschlafen,

diejenige zum Spott mit diesem Namen genennet worden, die immerhin

aus Faulheit auf ihrer Bärnhaut liegen blieben und nie nichts Tapfers

auszurichten begehrt. Es mag sein, mir gedenkt[533] so weit hinaus

nicht, daß ich Nachricht darvon geben könte; aber auf dem Schloß

Hohenroth[534] hat sich ein uraltes Gemäld gefunden, davon auch

beigefügtes Bildnus copiert worden, mit nachfolgendem Bericht, voraus

dieser Name entsprungen:

Im Jahr 1396, als Sigismundus, damaliger ungarischer König, von dem

türkischen Kaiser Celapino[535] geschlagen worden, ist ein teutscher

Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald entronnen und darin verirret.

Weil er nun noch dazu keinen Herren, keinen König, kein Geld und auch

kein Hantierung oder sonst einig Mittel wuste, sich inskünftig zu

ernähren, hatte er allerhand schwermüthige Gedanken; da erschien ihm

ohngefähr und ehe er sichs versahe, ein abscheuliches Gespenst oder

Geist, weiß nicht, obs der böse Geist selber gewesen oder nicht, und

sagte, wann er ihm dienen wolte, so wolte er ihm Golds genug geben und

ihn endlich gar zu einem Herrn machen.

»O ja«, antwortet der Landsknecht; »aber mit dem Geding, daß mir solche

Dienste an meiner Seligkeit nicht schädlich seien.«

»Ich muß aber auch zuvor sehen«, sagte der Geist, »was du kanst und was

du für eine Courage habest, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgebe.«

Indem er solches redet, kam ein großer ungeheurer Bär daher geloffen.

»Diesen«, sagte der Geist, »schieße vor den Kopf.«

Der Landsknecht war nicht unbehend, sonder traf den Bären auf die Nase,

daß er über und über purzelte. Da solches geschehen war, fieng das

Gespenst oder der Geist an mit ihm zu capitulieren und sagte:

»Wann du mir dienen wilst, so mustu mir sieben Jahr zu dienen

versprechen und in denselbigen alle Nacht eine Stund Schildwacht um

Mitternacht stehen, deine Haar und Bart weder kämpeln, noch selbige,

wie auch die Nägel, nicht abschneiden, die Nase nicht schneuzen, deine

Händ und das Angesicht nicht wäschen, den Hintern nicht wischen,

diese Bärnhaut anstatt des Mantels und Betts brauchen und niemal kein

Vatterunser beten.«

»Hingegen wil ich dich mit Commiß[536], Bier, Tabak und Brantewein

versehen, daß du dich über dich selbst verwundern wirst müssen.«

Der Landsknecht gieng alles ein und sagte zum Geist: »Alles, was du mir

zu unterlassen geboten hast, habe ich von Natur mein Tage niemal gern

gethan; ich wasch mich nicht gern, ich bete nicht gern &c.«

Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen zu wissen,

um ihn in seine Roll, die er bei sich hatt, zu schreiben; als er aber

eines Heiligen Namen nennete, sprach der Geist: »Dieser taug[537] mir

nicht, du solst Bärnhäuter heißen wegen der Bärnhaut, damit du heut

begabt bist worden.«

Darauf zog er dem Bärn die Haut ab und machte seinem Neugebornen einen

Mantel daraus und führte ihn mitsamt derselben Haut und aller seiner

übrigen Bagage durch die Wolken auf sein Lusthaus dahin, welches öde

Schloß von dieser wunderbaren Fahrt seinen Namen bekommen haben sol.

Daselbst versahe der Landsknecht seine siebenjährige Dienste und

wurde in solcher Zeit von Haut, Haar, Bart und Nägeln ein solcher

abscheulicher Unflat, daß er dem Geist selbst ähnlicher sah als

einem vernünftigen Menschen, der nach Gottes herrlichem Ebenbilde

erschaffen worden, sonderlich wann er anstatt eines ehrbaren Mantels

seine liebliche Bärnhaut um sich hatte; dann seine Haar wurden lauter

Höllenzöpf[538], die ihm um die Achseln herumhiengen wie indianische

Schafschwänze. Sein Bart war ~s. h.~ von Rotz, Geifer und anderer

Unlust in einander gepicht wie ein grober Filzhut, seine Nägel hatten

eine Gestalt wie Adlersklauen, und sein Angesicht lag so voller

mistigem Unflat, daß man dem gemeinen Sprichwort nach gar wol hätte

Rübsamen hineinsäen können.

Nachdem er aber die sieben Jahr beinahe überstanden hatte, kam der

Geist von sich selbst und deutet ihm an, daß es nunmehr Zeit war,

einmal mit ihm abzurechnen und ihn der Gebühr nach auszuzahlen[539];

doch steckte er ihm zuvor seine Hosensäcke voller Ducaten und Pistolen

und befahle ihm, sich lustig zu machen und kein Geld zu sparen, sonder

zu thun und zu lassen, was seinem Herzen geliebte und dem Geld wehe

thät, aber dergestalt, daß er aus den Schranken des getroffenen Accords

und seiner bißherigen Gewohnheit nicht scheiden solte, weil seine

sieben Jahr noch nicht vollkommen verflossen waren, in denen sie sich

zusammen verbunden.

Der Landsknecht gehorsamte. Da ihn aber wegen seiner greulichen

Abscheulichkeit niemand aufnehmen wolte, wurde er traurig.

Nachdem er auch von einem Wirth, deren Profession ist, dem Fremden um

die Gebühr Kost und Herberg mitzutheilen, abgewiesen wurde, zeigte er

ihm aus dem einen Hosensack eine Handvoll Ducaten und aus dem andern

eine Handvoll Duplonen und wurde darauf dessen willkommener Gast.

Der Wirth logierte ihn in ein besonder Zimmer, in welchem er ihn auch

besonders tractierte, damit andere Gäste ab seiner häßlichen Gestalt

kein Abscheuens haben, noch ihm seinetwegen die Herberg in kein bös

Geschrei bringen solten.

In demselben mästete sich der Bärnhäuter von des Geistes Gelde aus, biß

der Geist einen edlen Herren vom Lande auf der Reis begriffen zu sein

wuste, der in selbiger Herberg einkehren würde; da kam er bei Nacht und

malet in selbigem Zimmer alle Contrafet nach dem Leben der berühmtisten

Personen, so seit Erschaffung der Welt gelebt hatten, als des Kains,

Lamechs, Nimrots, Nini, Zoroastris, der Helenä, der trojanischen und

griechischen Fürsten, nicht weniger Sestostris, Nabuchodonosoris, Cyri,

Alexandri Magni, Julii Cäsaris, Neronis, Caligulä, des Mohamets &c., ja

sogar auch deren Bildnus, so noch in die Welt kommen sollen, als der

Widerchristen und anderer &c., worüber sich der Wirth nicht unbillich

verwunderte; vornehmlich als der Bärnhäuter ausgab[540], er hätte diese

Gemälde selbst verfertigt.

Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg dort nahm und

seinen Wirth, der ihm bekant war, fragte: was Neues? erzählte er ihm

alles, was er von seinem seltzamen Gast wuste und nicht wuste, als

seinen wunderlichen Aufzug, seine große Kunst in der Malerei, und daß

er Gelds vollauf hätte.

Der Herr antwortet: »Ich muß diß ohngewöhnlich Wunder morgen auch

sehen, sonst werde ich euch, was ihr mir gesagt, schwerlich glauben.«

Wie er des Morgens frühe selber sahe, was er gehört hatte, befande

sich zwischen ihm und dem Wirth kein anderer Unterscheid, als daß er

die Kunst der Malerei besser als jener verstunde und sich dannenhero

auch beides über die kunstreiche Hand und die Arbeit mehrers zu[541]

wunderte; dann ihre Perfection war unvergleichlich, und indem er

sahe, daß sich viel Contrafet mit denen künstlichen[542] Antiquitäten

verglichen, die er allbereit anderwärtlich gesehen, glaubt er, daß die

übrige auch denjenigen gleich sahen, deren Bildnus sie repräsentieren,

und die er bißher noch nicht gesehen.

Er fragte den Bärnhäuter, ob er solche Arbeit gemacht hätte; derselbe

aber fragte hinwiederum: wer sonst?

Der Herr sagte hierauf: »So mustu viel wissen, wann du auch die

Gestalten der künftigen Menschen zu entwerfen weist.«

»Allzeit«, antwortet der Bärnhäuter, »weiß ich mehr weder[543] mancher

vermeint.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 78 / 92 题