FUSSNOTEN:

[427] =Ueberlingen=, Baden, Seekreis am Bodensee.

[428] =aufheben=, tadelnd hervorheben, Aufheben von einer Sache

machen.

[429] =sich erschnauben=, verschnaufen, zu Athem kommen.

[430] =rumpeln=, rasch einfallen, vgl. überrumpeln.

[431] =Bensheim=, Hessen-Darmstadt, Provinz Starkenburg, Stadt.

[432] Er hieß Wolff; er wurde 1644 dicht vor dem Thor der Stadt

erschossen; ~Theat. Europ. V~, 581.

[433] =Weinheim=, Stadt in Baden, Unterrheinkreis, an der Weschnitz.

[434] =Schmeißen=, Schlagen.

[435] =Jankau=, oder Jankow, Dorf in Böhmen. Mit diesem Treffen

endete die Kriegslaufbahn des Simplicissimus.

[436] =Nagolt=, in Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Nagold in

einem tiefen Thal gelegen.

Das neunzehnte Capitel.

Springinsfelds fernere Historia biß auf das bairische Armistitium.

»Die Früchte dieser erhaltenen ansehenlichen Victori waren ohne die

Beuten und die Gefangene nichts anders, als daß unsere Armee biß an die

niederhessische Grenze hinunter gieng und Amöneburg[437] entsetzte, vor

Kirchhain[438] sich vergeblich bemühete und dardurch in ein Wespennest

stache, das ist, daß sie den Touraine sich mit den Hessen zu conjungirn

verursachte; wessentwegen sie dann den Ruckweg wieder dahin nehmen

muste, woher sie kommen war. Ich lag damals im Taubergrund[439] mit

andern Beschädigten mehr und ließe mich an meiner empfangenen Wunden

curirn. Aber als sich unsere Armee mit einem Succurs von ungefähr

fünfthalb tausend Mann, den ihr der Graf von Geleen[440] zugebracht,

nach Heilbrunn zohe und selbige Stadt mit Völkern unter dem Obristen

Fugger, Obristen Caspar und meinem Obristen verstärkte, muste ich auch

dort liegen bleiben.«

»Indessen giengen die conjungirte hessische, Tourennische und

Königsmarkische Völker in die unter Pfalz, nahmen den Duc d'Anguin

zu sich und marschierten den Necker hinauf, uns und die Unserige zu

erfolgen.[441] Zwar ließen sie uns zu Heilbrunn wol liegen, aber

Wimpfen wurde ihr erster Raub, als welches sie beschossen, mit

stürmender Hand eingenommen und auf 600 Mann von uns darinnen so

gefangen bekommen als niedergemacht haben. Daselbst seind sie über

den Necker an die Tauber gangen und haben sich vieler ohnbesetzten

Oerter, auch der Stadt Rothenburg bemächtigt. Endlich brachten sie

unser Armee zum Stand, erhielten von ihnen einen blutigen Sieg bei

Allerheim[442], warbei unser tapferer General-Feldmarschall von Mercy

das Leben auch eingebüßt. Folgends nahmen sie Nördlingen[443] mit

Accord ein und zwangen den Obristwachtmeister von meinem Regiment, der

mit 400 von unsern Dragonern und 200 Musquetierern in Dinkelspiel[444]

lag, daß er sich ihnen nicht mit Accord, sonder auf Gnad und Ungnad

ergehen muste. Und weilen sich diese Völker musten unterstellen[445],

wurde unser Regiment mehr dardurch geschwächt, als wann es auch in dem

Treffen gewesen wäre. Von dar giengen sie über Schwäbischen Hall[446]

gegen uns los, weil es uns auch gelten solte, und fiengen an gegen

uns zu agirn und sich zu verschanzen. So bald sie aber der Unseren

Ankunft vermerkten, als welche der Erzherzog Leopold Wilhelm mit 16

kaiserischen Regimentern verstärkt hatte, sihe, da verschwanden sie

wie Quecksilber oder zerstoben doch aufs wenigst von einander, als

wann sie die Schlacht vor Allerheim nicht erhalten hätten. Und ich kan

auch nicht sehen, was sie diese theure Victori anders genutzt, als

daß sie die Unserige ein wenig geschwächt und den berühmten Mercy aus

dem Weg geraumet; dann sie wurden bis nach Philipsburg[447] verfolget

und verloren alle Oerter wiederum, die sie zuvor erobert hatten. Wir

bekamen auch zu Wimpfen acht schöne halbe Carthaunen, ein Feldstück,

ein Feurmörsel und hin und wieder viel Mannschaft von ihnen, darvon

sich die Teutsche alle unterstellen und also unsere Armee wieder

verstärken musten. Folgends giengen wir wieder in unserem gewöhnlichen

Gäu, das ist in Franken, im anspachischen und würtenbergischen Lande in

die Winterquartier, die Kaiserlichen aber in Böhmen.«

»Ehe das Jahr gar zu End liefe, marschierte der Kern unserer Armee in

Böhmen zu den Kaiserlichen, der Hoffnung, denen daselbst befindlichen

Schweden einen guten Streich zu versetzen. Weil es aber außer der Zeit

und hierzu gar unbequem Wetter war, zumalen die Schweden auch von sich

selbsten dasselbe Königreich quittirten, wurde nichts anders draus, als

daß wiederum etliche Oerter von den Schweden in der Kaiserlichen Hände

kommen.«

»Den folgenden Sommer aber, als das Gegentheil zwischen den

Fürstenthumen des niedern und obern Hessen anfieng um sich zu greifen,

seind wir auch gegen demselben mit Ernst zu Feld gangen und durch die

Wetterau biß zwischen Kirchhain und Amöneburg ihme entgegen gezogen, da

es zwar zu keiner Hauptaction kommen, aber gleichwol durch commandirte

Völker an der Ohm ein lustig Soldaten-Exercitium gesetzt, worin ich

einen Leutenant von den Hessen gefangen und ein schönes Pferd samt

60 Reichsthalern an Geld von ihm kriegte. Weil dann der Feind nicht

schlagen wolte, sonder ohnweit Kirchhain in seinem verschanzten und

wol proviantirten Läger verbliebe, wir aber an Fourage Mangel litten,

zogen wir uns zuruck in die Wetterau. Uns folgten die Schwedische und

Hessen, als die sich mit dem Tourenne conjungirt hatten. Da stunde ein

Seit diß-, das ander Theil jenseit der Nidda[448] in Battalia, spielte

mit Stücken zusammen[449] und sahen einander an wie zween zähnbleckende

Hund, die einander ohne Vortheil nicht anfallen wollen. Endlich ließen

sie uns gegen dem Camberger Grund[450] marschiern, sie aber giengen

in vollen Sprüngen über den Main und der Donau zu und ließen uns das

Nachsehen.«

»Unser Obrister wurde geschickt samt denen jungen Kolbischen,

den vereinigten Feindsarmeen vorzukommen, um ein und anders der

Unserigen Oerter zu besetzen. Und ob uns gleich Königsmark bei

Schwabenhausen[451] zwackte, so seind wir jedoch noch in 800 Pferd

stark in Augspurg angelangt, eben als sich die Schweden vergebliche

Hoffnung gemacht, selbe Stadt in Güte einzubekommen. Gleich darauf

kam der Obriste Rouyer noch mit vierthalbhundert Dragonern zu uns;

worauf die Schweden uns in aller Eil belägerten und in kurzer Zeit mit

Approchiren unter die Stücke auf den Graben kamen. Und ich glaube auch,

sie würden uns gewaltig heiß gemacht und endlich auch die Stadt gar

überkommen haben, wann sich die Unserige nicht bald darvor präsentirt

hätten; als welche sich nunmehr wieder mit neuem Succurs verstärkt

hatten und die Feindsvölker desto kühner von der Belägerung hinweg

schröckten.«

»In dieser Stadt muste ich neben andern commandirten Dragonern liegen,

biß Bairn und Cöln mit den Franzosen, Schweden und Hessen einen halben

Frieden oder wenigst (ich weiß selbst nit, was es war) ein Stillstand

der Waffen machte. Als solcher geschlossen, wurde ich und andere mehr

durch Fußvölker abgelöst und kam wieder zu meinem Regiment, als es um

Denkendorf[452] herum auf der faulen Bärenhaut müßig lag.«

»Es konten aber etliche unserer Generalspersonen und Obriste eine

solche Ruhe schwerlich ertragen, also daß sie sich unterstunden, mit

ihren unterhabenden Völkern zu den Kaiserlichen überzugehen[453],

zuvor aber ihres eignen Feldherrn Länder, vor welche sie bißhero so

ritterlich gefochten, zu plündern, unter welchen vornehmlich mein

Obrister auch gewesen, der doch ein Soldat von Fortun und zu seinem

Stand durch seines großen Kurfürsten Mildigkeit und Gnad befördert

worden war. Er erlangte aber anderster nichts darmit, als daß ihm ein

schandlicher Ehrentitul concipirt und hin und wieder in Baiern an einem

aufgerichten Holz mit einem Arm angeschlagen wurde, maßen ich ein

Exemplar solcher Ehrensäulen zu S. Nicolao bei Passau gesehen. Andern

wurde solches Unterfangen wegen ihrer hohen Verdienste und großer

Aestimation nachgesehen, als welche um ihrer Treu und Tapferkeit willen

auch ein Bessers meritirten. Nachdem solcher Lärme wieder gestillt,

weiß ich nichts Denkwürdigs von mir zu erzählen, ich wolte dann sagen,

wie ich leffeln gangen und den bairischen Dientlen[454] aufgewartet,

biß wir die Degen wieder in die Händ genommen.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 66 / 92 题