[423] =Geislingen=, Dorf, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, Oberamt
Balingen.
[424] =haußen=, (hie außen) außerhalb.
[425] =zerstöbern=, zerstreuen.
[426] =Tuttlinger Kirchmeß=, der Ueberfall bei Tuttlingen,
Stadt auf der Baar, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Donau. Vgl.
die Einleitung.
Das achtzehnte Capitel.
Wie es dem Springinsfeld von der Tuttlinger Kirchmeß an biß nach dem
Treffen vor Herbsthausen ergangen.
»Den folgenden Sommer führete uns der kluge General Freiherr von Mercy
wieder mit einer schönen und zwar fast auf ein altfränkische oder
holländische Manier, da alles mit guter Ordre zugehet, zu Felde. Das
Vornehmste, das wir gleich anfangs verrichteten, war die Einnehmung
der Stadt Ueberlingen[427], deren Guarnison nun eine Zeit lang große
Ungelegenheit auf und um den Bodensee herummer gemacht hatte. Dieser
folgte Freiburg im Breisgau, die nun etliche Jahr nacheinander mit
Einziehung der Contributionen gleichsam wie eine militärische Königin
über den ganzen Schwarzwald geherrschet und sich aus ihm bereichert.
Wir hatten aber dieselbige Stadt kaum in unserm Gewalt, als der Duc
de Anguin und Touraine ankommen, uns in unserm wolbefestigten Läger
auf die Finger zu klopfen, maßen sie auf die Schanzen gestürmt und
weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet, gleichsam
als wann sie nur wie die Pfifferling über Nacht gewachsen wären. Sie
stürmten mit unglaublicher Furi gegen uns hinauf wie resolute Helden,
wurden aber jedesmal beides zu Roß und Fuß dermaßen bewillkommt und
wieder abgefertigt, daß sie mit ihrem häufigen Herunterpurzlen der
überstreuten Walstatt ein Ansehen machten, als wann es Soldaten
geschneiet hätte. Es war auch billich, daß diejenige, deren Leben
gering geachtet wurde, dasselbe auch gering verlieren solten. Den
andern Tag gieng es noch hitziger her, und kann ich wol schweren,
daß ich mein Tage niemals darbei gewesen, da man schärfer einander
zugesprochen als eben vor diesem Freiburg. Es hatte das Ansehen, als
wann die Franzosen nicht übers Herz wolten oder könten bringen, uns
ohnüberwunden von sich zu lassen, und eben dahero fochten sie desto
tapferer, ja unsinniger. Hingegen stritten wir vernünftig und mit
großem Vortheil; dahero kams, daß unserer nicht viel über 1000, jener
aber über 6000 erschlagen und verwundet worden.«
»Wir Dragoner haben neben den Cürassierern unter Johann von Werds
Anführung das Beste gethan, und wann unserer mehr zu Pferd gewesen
wären, so würde den Franzosen ihre Frechheit übel eingetränkt sein
worden. Wir kamen zwar mit einem blauen Aug darvon, aber mit großer
Ehr, dieweil wir sich eines solchen starken Feinds ritterlich erwehret
und ihm allerdings den dritten Theil so viel Volks zu nichte gemacht,
als wir selbst stark gewesen. Hingegen hatten die Franzosen auch keine
Schand darvon, als die ihre verwegene Tapferkeit genugsam sehen lassen,
es seie dann einem aufzuheben[428] oder vorzurucken, wann er so vieler
Soldaten Blut unnützlich verschwendet oder sonst ohne Noth mit dem Kopf
wider eine Maur lauft.«
»Da wir sich nun in unserm würtenbergischen Lande ein wenig
erschnaubet[429] und zugleich marschierend sich um einen Raub
umschauten, vermutheten wir solchen in der untern Pfalz zu erhaschen.
Derowegen rumpelten[430] wir hinein und gleich darauf in Mannheim
mit stürmender Hand, worinnen ich abermal, weil ich einer unter den
ersten war, der hinein kam, eine ansehnliche Beut von Geld, Kleidern
und Pferden machte. Diesemnach säuberten wir Höchst von der hessischen
Besatzung per Accord und nahmen Bensheim[431] mit Sturm ein, alwo
mein Obrister[432] das Leben durch einen Schuß einbüste. Darinnen
hauseten wir etwas rigoroser, als kurbairisch, und machten, daß sich
Weinheim[433] auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.«
»Um diese Zeit stunde es um unsere Armee überaus wol, dann wir hatten
an dem Mercy einen verständigen und tapfern General, an dem von Holtz
gleichsam einen Atlanten, der die Beschaffenheit aller Weg, Steg,
Päss, Berg, Flüss, Wälder, Felder und Thäler durch ganz Teutschland
wol wuste, dahero er das Heer beides im Marschiern und Logiern zum
allervortelhaftigsten führen und einquartieren, auch wann es an ein
Schmeißens[434] gehen solte, seinen Vortel bald absehen konte. Am Joann
de Werd hatten wir einen braven Reutersmann ins Feld, mit welchem die
Soldaten lieber in eine Occasion als in ein schlechtes Winterquartier
giengen, weil er den Ruhm hatte, daß er beides in offentlichem Fechten
und Verrichtung seiner heimlichen Anschläge sehr glückselig sei. An
dem würtenberger Land und dessen Nachbarschaft hatten wir einen guten
Brodkorb, welches schiene, als wann es nur zu unserem Unterhalt und
unsere jährliche Winterquartier darinnen zu nehmen, erschaffen worden.
Der Kurfürst aus Baiern selbst, wahrlich ein erfahrner Feldherr und
weiser Kriegsfürst, war gleichsam unser Vatter und Versorger, welcher
uns gleichsam von weitem zusahe, dirigirte und von Haus aus mit seiner
klugen und vorsichtigen Feder führte; und was das allermeiste war,
so hatten wir lauter versuchte und tapfere Obriste beides zu Roß und
zu Fuß, und von denselbigen an bis auf den geringsten Soldaten eitel
geübte, herz- und standhafte Krieger. Und ich dörfte beinahe kecklich
sagen, wann ein Potentat im Anfang seines Kriegs gleich eine solche
Armee beisammen hätte, daß er sein Gegentheil, der noch zweimal so viel
Tirones bei einander, dannoch leichtlich besiegen möchte.«
»Aber ich muß wieder auf meine Histori kommen; die verhält sich
kürzlich also, daß nämlich nach geendigtem Winterquartier die meiste
von uns in Böhmen zu den Kaiserischen giengen und von den Schwedischen
vor Jankau[435] ihr Theil Stöße holeten, und haben wir solcher Gestalt
ihrer Unglückseligkeit oft entgelten und die Scharte ihrer Waffen,
die sie, ich weiß nit aus was Ursachen oder Uebersehen, hier und da
empfangen, mit Darstreckung unserer Hälse öfters auswetzen, ja zu
Zeiten ihrentwegen gar einbüßen müssen, wie dann vor dißmal auch
beschehen. Ich befande mich damals nicht in obbesagtem Treffen, sonder
im Würtenbergischen, in welcher Gegend mein Obrister zu Nagolt[436]
die Schanze häßlich übersehen und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das
Leben erbärmlicher Weise eingebüßt. Und damals kam es darzu, daß ich
aus einem Corporal zu einem Fourier gemacht wurde, eben als der von
Mercy unsere Völker hin und wieder zusammen zohe, um dem Tourenne zu
wehren, daß er sich in unserm Gäu, in Schwaben und Franken, daraus wir
uns selbst zu erhalten gewohnet waren, nicht zu heimisch und gemein
machen solte.«
»Und dieses ist dem von Mercy vor dißmal auch noch gelungen, maßen er
ohnversehens auf die Französische losgangen und sie bei Herbsthausen
dermaßen geklopft, daß ihm Touraine das Feld raumen und viel vornehme
Officier- und Generalspersonen hinterlassen müssen. Ich wurde in
diesem Treffen zeitlich durch einen Schenkel, doch nicht gefährlich
geschossen, gleichwol aber dardurch etwas zu erbeuten untüchtig
gemacht, weil ich die noch Stehende weder bestreiten helfen, noch
den Flüchtigen nachjagen konte, welches mich so blutübel verdrosse,
daß ich zween ganzer Tag mit allem meinem Fluchen kein Vatterunser
zusammen bringen konte; dann weil mein harte Haut bißhero nur mit den
ankommenden Kuglen gescherzt, vermeinte ich, es solte nicht sein,
daß ein anderer mehr als ich können und mich eben jetzt, da etwas zu
ertappen, beschädigen solte.«