FUSSNOTEN:

[401] =Zu=, bei.

[402] =das Ries=, Ebene im Osten von Würtemberg bis gegen Baiern.

[403] =um den Barchet jagen=; ein Stück dieses Zeuges war

ein gewöhnlicher Preis beim Wettlaufen an Volksfesten. Vgl. Schmeller,

Bayr. Wörterb.

[404] =wird=, ~præs.~ zu werden.

[405] =überschreiten=, besteigen.

Das sechzehnte Capitel.

Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er

von etlichen Wölfen belägert wird.

»Gleichwie nun nach Erhaltung[406] dieser gewaltigen und namhaften

Schlacht das große sieghafte kaiserliche Kriegsheer in unterschiedliche

Länder geschickt wurde, also empfanden auch alle Provinzen, dahin

diese gelangten, die Würkung des gedachten blutigen Treffens, und

zwar nicht allein was das Schwert, sonder auch was der Hunger und was

die Pest jedes absonderlich zu thun vermöchte, ja wie grausam die

zusammen gestimmte erschröckliche Harmonia dieser gesamten dreien

Hauptstrafen die Menschen zum Grab tanzen machen könne. Den Antheil

meines Unglücks, damit die damalige armselige Zeit gleichsam ganz

Europa heimsuchte, überstunde ich an den aller unglückseligsten

Oertern, nämlich am Rheinstrom, der vor allen andern teutschen Flüssen

mit Trübsal überschwemmt wurde, seitemal er erstlich das Schwert,

darauf den Hunger, drittens die Pest und endlich alle drei Plagen zu

einer Zeit und auf einmal tragen muste, in welcher unruhigen Zeit,

die zwar viel zur ewigen Ruhe oder Unruhe befürderte, ich dem Kaiser

wiederum Speir, Worms, Mainz und andere Ort mehr einnehmen halfe. Und

demnach der weimarische Herzog Bernhardus damals durch die Kräfte

der französischen Flügel am Rhein herum schwebte und durch sein

stetigs Agirn, indem er an besagtem Fluß wie auf einer Fickmühl[407]

zu spielen wuste, nit nur zu der anstoßenden Länder Ruin Ursach gabe,

sonder auch zum theil die Seinige selbsten, vornehmlich aber unsere

Armee, die damals Graf Philips von Mansfeld commandirte, äußerist und

zwar ohne sonderliche Schwertstreich ruinirte, sihe, da büßte ich mit

ein nit nur mein Pferd, das mir vor Nördlingen zugestanden, deren

es, wo wir nur hin marschirten, aller Orten voll lag, den Untergang

unserer Armee bezeugen zu helfen, sonder auch mein gutes Geld, das ich

daselbsten bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte, so erhandelte

ich ein anders und gab darvor meine spanische Real und Jacobiner[408],

Umgicker[409] &c. vor guldene spanische und englische Kopfstücker aus,

deren ein zwei oder drei silberne in meinem Sinn golte und werth war,

welche auch jedermann in solchem Preis gern von mir annahm, so lang ich

deren auszugeben hatte.«

»Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum, gleichwie das ganze

Land mit der seinigen, in Bälde fertig worden, gieng der kleine Rest

unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments in Westphalen; alwo

wir unter dem Grafen von Götz die Städte Dortmund, Paderborn, Ham,

Une[410], Kammen[411], Werl[412], Soest und andere Ort mehr einnehmen

helfen. Und damals kam ich in Soest in Guarnison zu liegen, alwo ich,

mein Simplice, Kund- und Cameradschaft mit dir bekommen. Und weil du

selber zuvor weist, wie ich daselbst gelebt, ist unnöthig, etwas darvon

zu erzählen.[413]«

»Du bist aber nicht über drei Vierteljahr zuvor vom Feind gefangen

und der Graf von Götz ist kaum ein Vierteljahr aus Westphalen hinweg

marschiert gewesen, als der Obriste S. Andreas, Commendant in der

Lippstadt, durch einen Anschlag Soest einnahm. Damals verlore ich

alles, was ich in langer Zeit zusammen geraspelt und vorm Maul erspart

hatte. Solches und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in

Koesfeld, alwo ich mich auch vor einen Musquetierer gebrauchen lassen

und mich so lange hinter der Maur patientirn muste, biß beides die

Hessen und Französisch-Weimarische über Rhein in das Erzstift Cöln

giengen, alwo es ein Leben setzte, dergleichen ich lang nachgeseufzet.«

»Dann wir fanden gleichsam ein volles Land und unter dem Lamboy ein

solche Armatur, die wir leicht übermeisterten und von der Kemper

Landwehr, ja gar aus dem Feld hinweg schlugen. Diesem Sieg folgten

Neuß, Kempen und andere Oerter mehr ohne die gute Quartier, die wir

genossen, und ohne die gute Beuten, die hin und wieder gemacht wurden.

Doch wurde ich armer Tropf gleichwol anfangs nicht reich darbei, weil

ich unter meiner Musquete gemeiniglich bei der Compagni verbleiben

muste. Demnach wir aber Gülch[414] plünderten und mit den Leuten auf

dem Land sowol im Erzstift Cöln als Herzogthum Gülch unsers Gefallens

procedirn dörften, erschunde ich so viel Gelds zusammen, daß ich mich

wieder von der Musquete los zu kaufen und mich zu Pferd zu montirn

getraute.«

»Solches setzte ich ins Werk, da es beinahe selbiger Orten schon

ausgemauset war, da wir nämlich Lechnich[415] vergeblich zur Uebergab

ängstigten, und uns nicht nur die Kurbaierische, die bei Zons[416]

lagen, sonder auch die Spanische ans Leder wolten. Dannenhero schlupfte

Guebrian den Kopf aus der Schlinge, quittirte den Rheinstrom und

führte uns durch den Thüringer Wald in Franken, alwo wir wiederum

zu rauben, zu plündern, zu stehlen und gleichwol nichts zu fechten

gefunden, biß wir in das Würtenbergische kommen, da uns zwar Jean de

Werd nächtlicher Zeit ohnweit Schorndorf[417] in die Haar gerathen und

einen Biß versetzt, aber gleichwol das Fell nicht grob zerrissen. Aber

wer kein Glück hat, der fällt die Nas ab, wann er gleich auf den Rucken

zu liegen kommt, dann ich wurde kurz hernach von dem Obristleutenant

von Kürnried, welchen die gemeine Bursch den Kirbereuter[418] zu nennen

pflegten, auf einer Partei gefangen und zu Hechingen, wo damals das

baierische Hauptquartier war, wiederum demjenigen Regiment Dragoner

zugestellt, darunter ich anfänglich gedienet.«

»Also wurde ich wieder ein Dragoner, aber nur zu Fuß, weil ich noch

kein Pferd vermochte. Wir lagen damals zu Balingen[419] und widerfuhre

mir ein Poß um selbige Zeit, welcher zwar von keiner Importanz,

gleichwol aber so seltzam, verwunderlich und mir so eine schlechte

Kurzweil gewesen, daß ich ihn erzählen muß; ohnangesehen ihrer viel,

denen der damalige ellende Stand des ruinirten Teutschlandes unbekant,

mir solches nicht glauben werden.«

»Demnach unser Commendant in Balingen Kundschaft bekommen, daß die

Weimarische unter Reinholden von Rose 1200 Pferd stark ausgangen,

uns aufzuheben, gedachte er solches an Ort und End zu notificirn,

von dannen succurirt werden könte. Weil ich dann, wie obgemeldet,

noch ohnberitten, zumalen mir Weg und Steg wol bekant, auch meine

Person so beschaffen war, daß man mir kecklich zutrauen konte, ich

würde die Sach wol ausrichten, als wurde ich in Baurenkleidern mit

einem Schreiben nach Villingen[420] geschickt, von dieser obhandenen

Rosischen Cavalcada Nachricht dorthin zu bringen; und golte gleich,

ob ich vom Gegentheil unterwegs gefangen würde oder nicht, dann wann

solches geschehen wäre, so hätte der Feind erfahren, daß sein Anschlag

entdeckt gewesen, und derowegen solchen wieder eingestellt. Aber ich

kam glücklich durch und ließe mich auch gegen Abend wieder abfertigen,

um die Nacht über wieder auf Balingen zu kommen. Als ich nun durch ein

Dorf passirte, darinnen keine Mäus, geschweige Katzen, Hund und ander

Vieh, viel weniger Menschen sich befunden, sahe ich gegen mir einen

großen Wolf avanziren, welcher ~recta~ mit aufgesperrtem Rachen auf

mich zugieng. Ich erschrak, wie leicht zu gedenken, weil ich kein ander

Gewehr als einen Stecken bei mir hatte, retirirte mich derowegen in

das nächste Haus und hätte die Thür hinter mir gern zugeschlagen, wann

es nur eine gehabt, aber es mangelte deren sowol als der Fenster und

des Stubenofens. Ich gedachte wol nit, daß mir der Wolf in das Haus

nachfolgen würde, aber er war so unverschamt, daß er den Ort nicht

respectirte, der zur menschlichen Wohnung gewidmet worden, sonder

zottelte in einem reputirlichen Wolfgang fein allgemach hernach;

dannenhero ich nothwendig mein Refugium die erste und andre Stiege

hinauf nehmen muste. Und weil mich der Wolf sehen ließe, daß er auch

Stiegen steigen konte so wol als ich, wurde ich gezwungen, mich in

aller Eil, welches zwar kümmerlich und mit großer Noth geschahe, durch

ein Tageloch hinauf auf das Dach zu begeben. Da muste ich eilends die

Ziegel rucken und zerbrechen, um mich auf den Latten zu behelfen, auf

welchen ich je länger je höher hinauf kletterte. Und als ich mich hoch

genug daroben und also vor dem Wolf in Sicherheit zu sein befande,

öffnete ich im Dach ein größere Lucken, um dardurch zu sehen, wann der

Wolf die Stiege wieder hinab spazieren, oder was er sonsten thun wolte.«

»Da ich nun hinunter schauete, sihe, da hatte er noch mehr Cameraden

bei sich, welche mich ansahen und sich mit Geberden stelleten, als ob

sie einen Anschlag zu erstimmen[421] begriffen, wie sie mir beikommen

möchten. Ich hingegen chargirte mit halben und ganzen Zieglen auf sie

hinunter, konte aber durch die Latten weder gewisse noch satte[422]

oder starke Würf thun; und wann ich gleich den einen oder andern auf

den Pelz traf, so bekümmerten sie sich doch nichts darum, sonder

behielten mich also belägert oder bloquirt. Indessen ruckte die

stockfinstere Nacht herbei, welche mich, so lang sie unsern Horizont

bedeckte, mit scharfen durchschneidenden Winden und untermischten

Schneeflocken gar unfreundlich tractirte, dann es war im Anfang

des Novembri und dannenhero ziemlich kalt Wetter, so daß ich mich

kümmerlich dieselbe winterlange Nacht auf dem Dach behelfen konte.

Ueberdas fiengen die Wölfe nach Mitternacht eine solche erschröckliche

Music an, daß ich vermeinte, ich müste von ihrem grausamen Geheul

übers Dach herunter fallen. In Summa, es ist unmüglich zu glauben, was

vor eine ellende Nacht ich damals überstanden. Und eben um solcher

äußersten Noth willen, darin ich stak, fienge ich an zu bedenken, in

was vor einem jämmerlichen Zustand die trostlose Verdammte in der

Höllen sich befinden müsten, bei denen ihr Leiden ewig währet, welche

nit nur bei etlichen Wölfen, sondern bei den schröcklichen Teufeln

selbsten, nicht nur auf einem Dach, sonder gar in der Höllen, nicht

nur in gemeiner Kälte, sonder in ewig brennendem Feur, nicht nur eine

Nacht, in Hoffnung erlöst zu werden, sonder ewig, ewig gequält würden.

Diese Nacht war mir länger als sonst vier, so gar daß ich auch sorgte,

es würde nimmermehr wieder Tag werden, dann ich hörete weder Hahnen

krähen noch die Uhr schlagen und saße so unsanft und erfroren dorten

im rauhen Luft, daß ich gegen Tag all Augenblick vermeinte, ich müste

herunter fallen.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 63 / 92 题