FUSSNOTEN:

[135] =übermacht=, übertrieben.

[136] =einmal=, kurz, überhaupt.

[137] =Getüch=, Tuchwaaren.

[138] =Gesäg=, Gerede.

[139] =und= fehlt in allen Ausgaben.

[140] =ungefähr=, zufällig.

[141] =Lauer=, Spitzbube, nach dem Sprichwort: der Bauer ein

Lauer.

[142] Vgl. »Simplicissimi Galgenmännlein« &c. 1673 und die

Einleitung zum »Simplicissimus«, S. ~LXV~.

[143] =Sabud Salomonis.= Sabud, der Sohn Nathan's, des

Priesters, war des Königs Freund. 1 Könige 4, 5.

[144] Die Gesammtausgabe hat »abbantage«; Courage will sagen

Avantage, Vortheil.

[145] =~flamen~=, es ist wol gemeint: geistiger Hauch,

geistiges Wesen.

[146] =raumen=, aufräumen, ebnen, Hindernisse aus dem Wege

schaffen.

Das neunzehnte Capitel.

Was Springinsfeld vor einen Lehrmeister gehabt, biß er zu seiner

Perfection kommen.

Und noch ein anders must du auch wissen, Simplice. Nicht nur ich

gieng den obenerzählten Weg; sondern auch mein Springinsfeld, den du

allerdings vor deinen besten Cameraden und vor einen braven Kerl in

deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, muste mir auch folgen. Und was

wolts gehindert haben oder vor ein großes Meerwunder gewesen sein,

sintemal andere meines gleichen lose Weiber ihre liederliche Männer

(wann ich anders Männer sagen darf, ich hätte aber schier fromme Männer

gesagt) eben zu dergleichen losen Stücken vermögen, ich will nicht

sagen, zwingen, ob sie gleich bei ihrer Vermählung keinen solchen

Accord eingangen, wie Springinsfeld gethan? Höre die Histori!

Als wir vor dem berühmten Casal lagen, fuhren ich und Springinsfeld in

eine benachbarte Grenzstadt, die neutral war, Victualia einzukaufen und

in unser Läger zu bringen. Gleichwie nun aber ich in dergleichen Fällen

nicht allein ausgieng, als ein Nachkömmling der hierosolymitanischen

Bürger zu schachern, sondern auch, als ein cyprianische Jungfrau[147]

meinen Gewinn zu suchen, also hatte ich mich auch wie eine Jesebel

herausgeputzt, und galte mir gleich, ob ich einen Ahab oder Jehu[148]

verführen möchte. Zu solchem Ende gieng ich in eine Kirche, weil ich

mir sagen lassen, die meiste Buhlschaften würden in Italia an solchen

heiligen Oertern gestiftet und zu Faden geschlagen[149], aus Ursach,

daß man die schöne Weiber daselbsten, so liebeswürdig zu sein scheinen,

sonst nirgends hinkommen lasse. Ich kam neben eine junge Dame zu

stehen, mit deren Schönheit und Schmuck ich zugleich eiferte[150],

weil mich derjenige nicht ansahe, der ihr so manchen liebreichen

Blick schenkte. Ich gestehe es, daß mich im Herzen verdroß, daß sie

mir vorgezogen und ich vor einem Leimstängler gegen ihr, wie ich mir

einbildete, verachtet werden solte. Solcher Verdruß und daß ich mich

zugleich auf eine Rache bedacht, war meine gröste Andacht unter dem

ganzen Gottesdienst. Ehe nun solcher gar geendigt war, stellte sich

mein Springinsfeld auch ein; ich weiß aber darum nit warum, kan auch

schwerlich glauben, daß ihn die Gottesfurcht dahin getrieben, dann

ich hatte ihn nicht darzu gewöhnet; so wars ihm auch weder angeborn

noch aus Lesung der heiligen Schriften oder Hörung der Predigten

eingepflanzt. Nichts destoweniger stellte er sich neben mich und

kriegte den Befehl von mir in ein Ohr, daß er Achtung geben solte,

wo gemeldte Dame ihre Wohnung hätte, damit ich des überaus schönen

Smaragds, den sie am Hals hatte, habhaft werden möchte.

Er thät seinem schuldigen Gehorsam gemäß wie ein treuer Diener und

hinterbrachte mir, daß sie eine vornehme Frau eines reichen Herrn wäre,

der sein Palatium an dem Markt stehen hätte; ich hingegen sagte ihm

ausdrücklich, daß er fürderhin weder meiner Huld länger genießen noch

meinen Leib einigmal mehr berühren solte, es wäre dann Sach, daß er mir

zuvor ihren Smaragd einhändigte, worzu ich ihm aber sichere Anschläg,

Mittel und Gelegenheit an die Hand geben wolte. Er kratzte sich zwar

hinter den Ohren und entsetzte sich vor meinem Zumuthen als wie vor

einer unmüglichen Sach; aber da es lang herum gieng[151], erklärt er

sich, meinetwegen in Tod zu gehen.

Solcher Gestalt, Simplice, hab ich deinen Springinsfeld gleichsam wie

einen jungen Wachtelhund abgerichtet. Er hatte auch die Art darzu, und

vielleicht besser als du, wäre aber nimmermehr von ihm selbsten zu

einem solchen Ausbund worden, wenn ich ihn nicht in meiner Schul gehabt

hätte.

Eben damals muste ich mir wieder einen neuen Stiel in meinen

Fausthammer machen lassen, welchen ich beides vor ein Gewehr und

einen Schlüssel brauchte, der Bauren Trög oder Kästen zu öffnen, wo

ich zukommen konte. Ich ließe denselben Stiel inwendig hohl drehen in

gemessener Weite, daß ich entweder Ducaten oder eine Schiedmünz in

selbiger Größe hinein packen möchte; dann weil ich selbigen Hammer

jederzeit bei mir zu haben pflegte, indem ich weder ein Degen dorfte,

oder ein Paar Pistolen mehr führen wolte, so gedachte ich ihn inwendig

mit Ducaten zu spicken, die ich auf alle Glücks- oder Unglücksfäll,

deren es unterschiedliche im Krieg abgibt, bei der Hand hätte. Da

er fertig, probierte ich seine Weite mit etlichen Lutzern[152], die

ich zu mir genommen, solche um ander Geld zu veralieniren. Die Hohle

meines Stabs hatte eben die Weite ihres Bezirks[153], doch also eng und

beschnitten, daß ich sie, die Lutzer, um etwas hinein nöthigen muste,

doch bei weitem nicht so stark, als wann man eine halbe Carthaunen

laden thut. Ich konte aber den Stiel nicht damit ausfüllen, weil

ihrer zu wenig waren; dahero kams gar artlich, daß wann die Lutzer

gegen dem Hammer lagen und ich das Eisen in der Hand hatte, mich des

Stiels an Statt eines Steckens zu gebrauchen, daß zuweilen, wann ich

mich darauf steuerte[154], etlich Lutzer herunter gegen der Handhaben

klunkerten und ein dünsteres[155] Geklingel machten, welches seltzam

und verwunderlich genug lautet, weil niemand wuste, woher das Getön

rührete. Was darfs vieler weitläuftigen Beschreibung? Ich gab meinem

Springinsfeld den Fausthammer mit einer richtigen Instruction, welcher

Gestalt er mir den Smaragd damit erhandeln solte.

Darauf verkleidet sich mein Springinsfeld, setzt eine Parücke auf,

wickelt sich in einen entlehnten schwarzen Mantel und thät zween

ganzer Tag nicht anders, als daß er gegen der Damen Palatio hinüber

stunde und das Haus vom Fundament an biß übers Dach hinaus beschauete,

gleichsam als ob ers hätte kaufen wollen. So hatte ich auch einen

Tambour im Taglohn bestellt, welcher ein solcher Erzessig war, mit

dem man andere Essig hätte sauer machen können, der dorfte auch sonst

im geringsten nichts thun, als auf dem Platz herum vagiren und auf

meinen Springinsfeld Achtung zu geben, wann er etwan seiner nothwendig

bedörfte, dann der Vogel redete so gut italiänisch als teutsch, welches

aber jener nicht konte. Ich selbsten aber hatte ein Wasser (hier

ohnnöthig zu nennen) durch einen Alchimisten zuwegen gebracht, das in

wenig Stunden alle Metalla durchfrißt und mürb macht oder wol gar auch

zu Wasser resolvirt; mit demselben bestrich ich ein stark Gegitter vor

einem Kellerloch. Als nun den dritten Tag Springinsfeld noch nicht

abließe, das Haus anzugaffen wie die Katz ein neu Scheuerthor, sihe,

da schickte angeregte Dame hin und ließe fragen um die Ursach seines

continuirlichen Dastehens, und was er an ihrem Haus auszukundschaften

hätte. Springinsfeld hingegen ließe bemeldten Tambour kommen und

dolmetschen, daß ein solcher Schatz im Hause verborgen läge, den er

nicht allein zu erheben, sondern auch eine ganze Stadt damit reich zu

machen getrauete. Hierauf ließe die Dame beides den Springinsfeld und

den Tambour zu sich ins Haus kommen, und nachdem sie wieder von dem

verborgenen Schatz Springinsfelds Lügen angehört und große Begierden

geschöpft, solchen zu holen, fragte sie den Tambour, was dieser vor

einer wäre, ob er ein Soldat sei, und dergleichen. »Nein«, antwortet

der Tausendschelm, »er ist ein halber Schwarzkünstler, wie man sagt,

und hält sich nur zu dem Ende bei der Armee auf, damit er verborgene

Sachen finde, hat auch, wie ich gehöret, in Teutschland auf alten

Schlössern ganze eiserne Trög und Kästen voll Geld gefunden und zuwegen

gebracht.« Im übrigen aber seie er, Springinsfeld, ihme, Tambour, gar

nicht bekant.

In Summa nach langem Discurs wurde die Glock gegossen[156] und

beschlossen, daß Springinsfeld den Schatz suchen solte. Er begehrte

zwei geweihte Wachsliechter, er selbst aber zündete das dritte an,

welches er bei sich hatte und vermittelst eines messenen[157] Drahts,

der durch die Kerze gieng, ausleschen konte, wann er wolte. Mit diesen

dreien Liechtern giengen die Dame, zween ihrer Diener, Springinsfeld

und der Tambour im Haus herum zu leuchten, weil eben der Herr nicht zu

Haus war, dann Springinsfeld hatte sie überredet, wo der Schatz läge,

da würde seine Kerzen von sich selbst ausgehen. Da sie nun viel Winkel

also processionsweis durchstrichen und Springinsfeld an allen Orten, da

sie hingeleuchtet, wunderbarliche Wörter gebrummelt, kamen sie endlich

in den Keller, alwo ich das eiserne Gegitter mit meinem ~A. R.~[158]

befeuchtet hatte. Da stunde Springinsfeld vor einer Mauer, und indem er

seine gewöhnliche Ceremonien machte, zuckte er sein Liecht aus.

»Da, da«, ließe er durch den Tambour sagen, »liegt der Schatz

eingemauret.«

Brummelte darauf noch etliche närrische Wörter und schlug etlichmal

mit meinem Fausthammer an die Mauer, davon die Lutzer nach und nach,

so manchen Streich er an die Mauer thät, herunter rollten und ihr

gewöhnliches Getön machten.

»Höret ihr?« sagte er darauf, »der Schatz hat abermal verblühet[159],

welches alle sieben Jahr einmal geschiehet. Er ist zeitig und muß

ausgenommen werden, dieweil die Sonne noch im Igel gehet, sonst wirds

künftig vor Verfließung anderer sieben Jahr umsonst sein.«

Weil nun die Dame und ihre beide Diener tausend Eid geschworen hätten,

das Geklingel wäre in der Mauer gewesen, als stellten sie meinem

Springinsfeld völligen Glauben zu, und die Dame begehrte an ihn, er

wolte um die Gebühr den Schatz erheben, wolte auch gleich um ein

Gewisses mit ihm accordirn. Als er sich aber hören ließe, er pflege

in dergleichen Fällen nichts zu heischen noch zu nehmen, als was man

ihm mit gutem Willen gebe, ließe es die Dame auch dabei bewenden mit

Versicherung, daß sie ihn dergestalt contentirn wolte, daß er damit

zufrieden sein würde.

Demnach begehrte er 17 erlesene Körner Weihrauch, vier geweihte

Wachskerzen, acht Ellen vom besten Scharlach, einen Diamant, einen

Smaragd, einen Rubin und einen Saphir, welche Kleinodien ein Weibsbild

beides in ihrem jungfräulichen und fräulichen Stand am Halse getragen

hätte; zweitens solte er alleinig in den Keller geschlossen oder

versperrt, und von der Damen selbst der Schlüssel zur Hand genommen

werden, damit sie so wol um ihre Edelgestein und den Scharlach

versichert sein, als auch er, bis er den Schatz glücklich zur Hand

gebracht, unverhindert und ohnbeschrien verbleiben möchte. Hierauf gab

man ihm und dem Tambour eine Collation und ihme, Tambour, wegen seines

Dolmetschens ein Trinkgeld. Indessen wurden die begehrte Zugehörungen

herbeigeschafft, nach solchen Springinsfeld in Keller verschlossen,

woraus unmüglich schiene, einen Kerl zu entrinnen[160], dann das

Fenster oder Tagelicht, so auf die Gasse oder den Platz gieng, war hoch

und noch darzu mit gedachtem eisernen Gegitter wohl verwahret. Der

Dolmetsch aber ward fortgelassen, welcher gleich zu mir kam und mich

allen Verlauf berichtete.

Weder ich noch Springinsfeld verschliefen die rechte Zeit, darin

die Leute am härtesten zu schlafen pflegen, sondern nachdem ich das

Gegitter so leicht als einen Rübschnitz hinweg gebrochen, ließe ich ein

Seil hinunter zu meinem Springinsfeld in Keller und zoge ihn daran samt

aller Zugehör zu mir herauf, da ich dann auch den verlangten schönen

Smaragd fande.

Die Beut erfreuete mich bei weitem nicht so sehr als das Schelmstück,

welches mir so wol abgangen war. Der Tambour hatte sich bereits den

Abend zuvor schon aus der Stadt gemacht, mein Springinsfeld aber

spazierte den Tag nach vollbrachter Schatzerhebung mit andern in der

Stadt herum, die sich über den listigen Dieb verwunderten, eben als man

unter den Thoren Anstalt machte, solchen zu erhaschen. Und nun sihe,

Simplice, solcher Gestalt ist deines Springinsfelds Dexterität durch

mich zuwegen gebracht und ausgeübet worden. Ich erzähle dir auch dieses

nur zum Exempel, dann wann ich dir alle Buben- und Schelmenstück sagen

solte, die er mir zu Gefallen werkstellig machen müssen, so dorfte ich

wetten, es würde mir und dir, wiewol es lustige Schosen[161] seind, die

Zeit zu lang werden; ja wann man alles beschreiben solte, wie du deine

Narrenpossen beschrieben hast, so würde es ein größer und lustiger Buch

abgeben als deine ganze Lebensbeschreibung. Doch will ich dich noch ein

kleines lassen hören.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 32 / 92 题