»Mamba hi -- mamba he
Heia -- mamba tafuteni!
Wumm -- wumm -- wumm --!«
Eine dicke Staubwolke liegt über dem tiefen Sandweg, der von Daressalam
an der Küste entlang nach Kilwa-Lindi führt. Dröhnend hallt der
vielhundertstimmige Chorgesang daraus hervor.
Wumm -- wumm -- wumm -- stampfen die Beine!
Da kommt es näher und näher -- aus den weißgelben Staubschwaden
grinsen Hunderte von schweißtriefenden und schmutzbedeckten schwarzen
Gesichtern, es erscheinen Hunderte von vornübergebeugten, vom Staub
wie mit Mehl überzogenen dunklen Körpern, deren Muskeln zum Platzen
angespannt sind, deren sehnige Beine im Gleichtakt langsam vorwärts
schreitend den sandigen Boden stampfen, jedesmal bis über die Knöchel
versinkend.
»Mamba hi -- mamba he
Heia -- mamba tafuteni!
Wumm -- wumm -- wumm --!«
dröhnt es von wulstigen Negerlippen.
Schwer arbeitend kommen die ersten heran, zehn Mann in einer Reihe
nebeneinander, vornüber gebeugt, an einem langen Querholz ziehend.
Reihe auf Reihe folgt, kaum im Abstand von zwei Schritt, alle schräg
liegend vor Anstrengung, schwitzend, stampfend, brüllend. Sie haben
schwer zu schleppen. Stärker wie Zugstiere legen sie sich in ihr
mächtiges Geschirr, in die langen Querbalken hinein, die alle in der
Mitte mit einer armdicken Stahltrosse verbunden sind.
»Mamba hi -- mamba he
Heia -- mamba tafuteni!
Wumm -- wumm -- wumm --!«
Beizender Schweißgeruch liegt über den dampfenden Negerkörpern.
Einhundert sind vorüber, das nächste Hundert wälzt sich vorbei,
das dritte Hundert, kaum mehr sichtbar in der dicken, wirbelnden
Staubwolke, stampft vorüber.
Eine Lücke entsteht, nur ausgefüllt von straffgespannten Stahltauen,
die mächtige Deichsel erscheint, gelenkt von zwei stämmigen Europäern
und zehn Schwarzen, dann taucht gigantisch aus den Staub-, Schweiß-
und Dunstschwaden eine hohe Protze auf, zieht knirschend vorüber -- --
an ihr hängt ein gewaltiges Schiffsgeschütz. Tief drücken sich die
mannshohen, breiten Eisenräder in den weichen, nachgebenden Sand -- --
schlingernd, krachend, klirrend schiebt sich das Ungetüm vorüber.
Fast zwanzigtausend Pfund werden von den sehnigen Negerbeinen durch den
Sand der afrikanischen Karawanenstraße gezogen; stoßend zermalmen die
massigen Räder Äste und Baumstümpfe.
Es ist ein Geschütz meiner Batterie, ein 10,5-Geschütz der
»Königsberg«. Mit vieler Mühe wurde es nach dem Untergang von dem Wrack
des Kreuzers abmontiert, auf Schlitten nach Daressalam geschleift und
dort in der kleinen Hafenwerft mit Fahrlafettierung versehen.
In Daressalam hatte es von Land aus schwer gegen das übermächtige
englische Blockadegeschwader zu kämpfen. Daressalam ist jetzt vom
Feinde genommen.
In Gewaltmärschen sind wir auf dem Rückzug nach Süden.
Es ist September 1916.
Ohne Ruhe und ohne Unterlaß vom ersten Schimmer des beginnenden Tages
bis in die Nacht hinein knirschen die Räder, stampfen die Beine -- wumm
-- wumm -- wumm! Der Feind drängt -- alles hinter uns wird zerstört,
die wenigen primitiven Brücken abgebrochen.
Mein Beinstumpf ist verheilt, ich kann bereits vom Morgen bis zum Abend
im Sattel sitzen. --
Glühend sticht die Sonne vom Himmel, sie spiegelt sich auf den
meist geschorenen, schweißtriefenden Schädeln der Schwarzen wie in
Billardkugeln.
Die Augen und Mund voll Sand, umreite ich wie ein Schäferhund die lange
wimmelnde Kolonne. Es gilt die äußerste Kraft anzuspannen! Hart ist der
Krieg -- -- wir müssen weiter.
»Maji, maji -- Wasser, Wasser« rufen die schwitzenden schwarzen Lippen.
Sie müssen warten -- nur gemeinsam kann getrunken werden. Ein Verlassen
des Zuggeschirres ist unmöglich.
Hier zieht ein vornehmer Diener, der im Hotel »Kaiserhof« serviert hat,
im langen Kanzu, die gestickte Mütze auf dem frisierten Kopf, neben dem
stinkenden Buschneger aus Kissangire, Schuster und Schneider von großen
Daressalamer Geschäften neben schlanken Steppensöhnen aus Unyamwesi
und Usukuma.
Um nicht das für die Verteidigung der Kolonie so wichtige moderne
schwere Geschütz den Engländern in die Hände fallen zu lassen, war
ich gezwungen, in der Eile alles, was zu finden war, einzustellen,
um nur erst wegzukommen. War das Königsberg-Geschütz in der neuen
Verteidigungsstellung in Sicherheit, konnten sie alle reich entlohnt
entlassen werden.
Mit der dem Neger eigenen glücklichen Anlage machten sie denn auch gute
Miene zum bösen Spiel, sahen sie doch die zwingende Notwendigkeit ein
und fühlten sich gerecht, wenn auch streng behandelt. --
Dröhnend singen sie schon den ganzen Tag, singen Chorgesang mit
Vorsängern oder Spottlieder auf die Engländer. --
»Mamba hi -- mamba he
Heia -- mamba tafuteni! --
Wumm -- wumm -- wumm --!«
Fast unerträglich heiß sticht die Sonne, kein Lüftchen fächelt Kühlung,
matt und matter wird der Gesang, die Rufe nach Wasser mehren sich. Da
vorn steht eine Palmgruppe, einige Mangobäume. Ich reite voraus.
Eine kurze, sumpfige Niederung unterbricht die eintönige Sandstrecke,
Schlingpflanzen, weiches Gras -- -- einige Wasserlöcher.
»Halt!«
Das Stampfen, der Gesang verstummt, eine leichte Brise verweht die
lastende Staubwolke, schwitzend, dampfend stehen die Träger.
Kette um Kette wird zum Wasserloch geführt. Lachend, schnatternd,
schnalzend verschwinden sie mit stelzenden Schritten im Grün, legen
sich reihweise auf den Bauch, schlürfen gierig das bräunliche, klebrige
Wasser oder reichen gefüllte Kokosnußschalen herum. Die Trinkgefäße,
leere Kürbisse oder ausgehöhlte Früchte des Affenbrotbaumes, die nebst
anderem Krimskrams von den Gürteln baumeln, werden aufgefüllt.
Eine Arbeitskolonne fällt indessen Bäume, um die sumpfige Niederung für
das Geschütz passierbar zu machen, schneidet Laubwerk, schlägt Äste.
-- Stamm an Stamm wird über Kreuz in den Mutt gelegt, Zweige und Gras
darauf verteilt, Erde und Sand darüber geschüttet.
Eine kurze Ruhepause, und mit langhinhallendem Schrei ziehen die
erfrischten Menschenmassen an -- -- zwei-, dreimal vergebens, dann ein
Ruck -- die wuchtigen Räder bewegen sich, knirschend wälzt sich das
Geschütz durch den Sand.
Die ersten Trägerreihen schreiten bereits über die Brücke und
klimmen die jenseitige Böschung hoch. Die Beine schreiten schneller
und schneller, setzen sich in Laufschritt, alle Sehnen und Muskeln
angespannt! Das Geschütz muß im Schwung hindurch, sonst versinken die
Stämme im Sumpf.
Polternd rasselt es den Abhang hinunter, stoßend hüpft die Protze auf
die Brücke, schlingernd wackelt die schwerfällige Lafette. Brüllen,
Rufen, Schreien -- Hunderte von trappelnden Negerbeinen in höchster
Anstrengung. Da gleitet ein Rad, zwei Stämme verschieben sich, nach
vorn über liegend versinkt das Geschütz bis an die Achse. Bewegungslos
steckt es fest!
Picken und Schaufeln arbeiten, tiefatmend mit angezogenen Beinen hocken
die Schwarzen, um Kräfte für die erneute Anstrengung zu sammeln.
Ein kurzer Gang ist freigegraben, zu Bergen türmen sich Lehm und
Schlamm.
»Auf!«
Mit hundertstimmigem Ruf ziehen die schwarzen Massen an, das
Zuggeschirr ächzt, Sehnen und Adern sind zum Platzen gespannt. -- --
Nichts -- das Geschütz rührt sich nicht! --
Nochmals und nochmals wird es wiederholt -- alle Reserven und
Arbeiterkolonnen vorgespannt, die Europäer legen sich in die Speichen
-- -- umsonst.
Da werden Boten nach hinten gesandt, um die Zugmannschaften des
zweiten, nachfolgenden Geschützes heranzuholen.
Eine Viertelstunde vergeht.
Da kommen im Trab, die dicken Zugseile am Boden schleifend, lange
Trägermassen an. Fast vierhundert Mann.
Sie werden vorgespannt.
Die Reihen sind jetzt so lang, daß ein Kommandoruf sie nicht mehr
lenken kann. Fast achthundert Mann stehen da und warten.
Weiße Mannschaften sind verteilt, um anzuspornen, anzutreiben, die
Befehle weiterzugeben.
»Achtung!«
Die Massen beugen sich nach vorn, der rechte Fuß ist vorgesetzt, eisern
umklammern die Finger die Zughölzer.
»Hol an!«
Fast wagerecht liegen die Körper -- -- ein hellklingender Ton! Wie
wenn ein plötzlicher Windstoß weithin das Steppengras niederdrückt, so
liegen die schwarzen Menschenmassen auf den Boden hingemäht, schreien,
sich wälzend, im Knäuel verstrickt: das Zugtau ist gerissen!
Mit Mühe wird das Durcheinander der verwickelten Arme und Beine
entwirrt, einige Verwundete losgebunden, der Schaden repariert.
Von neuem muß es versucht werden. Das hintere Geschütz wartet. Die
Sonne hat den Zenit bereits passiert. Noch nicht die Hälfte des Weges
ist zurückgelegt, die Engländer drängen!
Wieder und wieder ziehen die Achthundert.
Da plötzlich hebt sich das Geschütz, krachend rollt es über berstende
Stämme -- -- im Galopp wird es herausgeholt.
»Halt!«
Der widerliche Schweißgeruch von achthundert triefenden Negern zieht
über die Kolonne hin. Der Vorspann wird abgekuppelt, trabt lachend
zurück.
Und weiter geht’s!
Schwitzend, dampfend, singend in weißlichgelber Staubwolke.
»Mamba hi -- Mamba he --
Heia -- mamba tafuteni! --
Wumm -- wumm -- wumm!«
hallt es johlend und summend über die ausgedörrte Küstenlandschaft hin.
Stunden um Stunden stampfen sehnige Negerbeine, Stunden um Stunden
knirschen klingend die Räder, bleiben stecken, drehen sich, rasseln in
ein Bachbett! --
Spät nachmittags tauchen hohe, schwankende Kokospalmen auf, verfilzte
Grasdächer lugen auf dunkeln oder gelbbraunen Lehmwänden durch das Grün
-- wir erreichen das Dorf Kismagao. Es ist verlassen. Die Eingeborenen
sind geflohen, da das Kriegsgetöse sich ihrer verschwiegenen Landschaft
nähert.
Halb niedergebrannte Feuer, einige kläffende Negerköter, ein paar
regungslos, stumpfsinnig hockende Greise und alte Weiber zwischen
termitenzerfressenen Türpfosten!
Die Sonne neigt sich dem Untergang zu. Der Gesang ist verstummt, nur
mehr automatisch stampfen die Beine, kaum ein lauter Ruf ertönt,
schwerfällig, wie ein vorweltliches Urwaldtier wackelt das Geschütz
durch den hohen Palmenwald. --
Eine weite Lichtung -- -- verschwiegen, einladend liegt sie in dem
Purpur der letzten Strahlenblitze.
Ein Lagerplatz für die Nacht!
»Halt!«
Das lange Zuggeschirr wird niedergelegt, Posten ziehen auf, müde
hinkend sucht sich Kette um Kette Brennholz und Äste, holt sich Wasser
zum Kochen.
Die Lagerfeuer blitzen auf und spiegeln sich flackernd in ermüdeten,
hungrigen, schwarzen Gesichtern. Von brodelnden Kesseln und Kochtöpfen
steigt Dampf auf, gierige Finger stecken den geballten Brei zwischen
die schmatzenden Lippen. Reihweise liegen schon schwarze Körper, vor
Müdigkeit das Essen vergessend. Nur mit Gewalt können sie geweckt
werden!
Die Gesättigten sinken um und schnarchen, einer an den andern gepreßt,
um der Kühle der Nacht zu begegnen, in totenähnlichem Schlaf. --
Das dumpfe Gemurmel des Lagerlärms verstummt, die Feuer brennen
herunter, das Licht des strahlenden Sternenhimmels kommt zu seinem
Recht. -- --
Ich reite nochmals um das Lager, tiefe Ruhe liegt über den
zusammengekauerten Menschenkörpern.
Dort hinten zwischen hohem Gebüsch steht das verstaubte Geschütz! --
Schweigend, drohend reckt es sein Rohr in die Höhe.