Die Schuria-Muria-Inseln

Östlich von Aden, mitten in dem im Monsun brandenden Indischen Ozean

liegen wie von Gigantenhand hineingeschleudert mehrere mächtige

rotgelbe Felsblöcke: die Schuria-Muria-Inseln.

Hätte Daniel Defoe diese Eilande gekannt, als er seinen Robinson Crusoe

schrieb, so hätte er den Schauplatz der Geschicke seines Helden dorthin

verlegt, denn sie sind noch weltabgelegener, wilder, unwirtlicher als

die karaibischen Inseln oder San Juan Fernandez.

Mit elementarer Gewalt rast der Wind in den zerklüfteten Felsenriffen

-- Millionen von Vögeln kreischen; in dicken Klumpen hängt

granitfarbener Guano an steilen Sandsteinwänden.

Nach Süden zu liegt das Felsmassiv der Insel Hallanya, weiter nördlich

ragt wie ein glatter, kantiger Meteorstein die Insel Soda aus den

blauen, schäumenden Wassern.

Vierkantig wie eine Pyramide steht sie klotzig da, keine zweihundert

Meter hoch, kaum zwei, drei Kilometer im Umfang. Weithin leuchten ihre

rötlichen, glänzenden Wände -- kein Baum, kein Strauch, nicht der

spärlichste Grashalm bringt Abwechslung in die sonnendurchglühten Hänge.

Dicht an ihrer Nordseite, im Windschutz, liegt unsere »Königsberg«

-- sie wartet hier auf einen Dampfer, die »Somali«, der als einziger

Freund in dem weiten Indischen Ozean Kohlen in ihr Versteck bringen

soll. Er ist von Daressalam dorthin bestellt.

Das Versteck ist gut, -- weit ab liegt es von allen Dampferstraßen.

Nicht alle Seekarten enthalten diese einsame Inselgruppe. Dort können

wir ungestört Kohlen ergänzen. --

Aber der Feind ist auf der Suche!

Es ist Mitternacht. Warm in meinen Mantel gehüllt gehe ich die

Mittelwache auf der Brücke.

Es ist kalt -- trotz der Nähe des Äquators, trotz der Sonnenglut! Der

Wind braust mit phantastischer Stärke. Er kommt von oben, von dem

Gipfel des Felszackens, an dessen Kante er sich bricht, und rast schräg

nach unten. -- Die Stöße sind so stark, daß man das Gefühl hat, als

würde das Schiff ab und zu tief ins Wasser gedrückt.

Hoch über der Brücke hebt sich wie das Haupt eines schlafenden

Riesen die nachtschwarze Wand der einsamen Insel von dem strahlenden

Sternenhimmel ab. Kein Laut übertönt das Brausen des Sturmes. Die

Vögel schweigen, sie haben sich in ihre Felsennischen zur Nachtruhe

zurückgezogen.

Nur die Pardunen und Stagen am Mast singen ihr Lied, bald stärker, bald

schwächer, je nachdem der Wind auf ihnen spielt.

Aber der Feind ist auf der Suche!

Leise summen die Hörer im Funkenraum. Da spricht das im Norden Indiens

liegende Karachi mit Bombay, da ruft ein Kreuzer Karachi an, ein

anderer antwortet. Sein Laut ist klar und stark -- weitab kann er nicht

sein! --

Wir sind allein, allein einer Welt von Feinden gegenüber. Wo sind

deutsche Geschwader?

Tausende von Meilen nach Nordwesten in den deutschen Gewässern,

Tausende von Meilen nach Nordosten -- an der Küste Ostasiens!

Eintönig hallt der Schritt des Bootsmannsmaaten, der Wache auf den

Decksplanken, vornübergebeugt stemmt er sich gegen den Wind.

Das Schiff schläft. -- Schwarz und winzig liegt es in der dunklen

Nacht. Der Wind fegt die weißen Kämme an seine Flanken. -- --

Rotglühend, glitzernd, strahlend bricht der Tag an. Wir warten! --

Warten!

Der Monsun rast mit unverminderter Stärke. Lange, zerfetzte Nebel und

Dunstschwaden ziehen in sausender Fahrt an dem Gipfel des Felsberges

vorbei, verzerrte Schatten auf die hellrot glänzenden Sandsteinwände

werfend.

Zwischen den weißen Schaumköpfen der brausenden See taucht ein

schwarzer Körper auf. Massig, plump! -- Ein Hai?

Er kommt näher und näher -- langsam treibend, wie eine Kuff vor dem

Winde. -- Es ist eine Riesenschildkröte! Ein Tier von seltener Größe.

Über ihren gepanzertem Rücken, dessen Schild in der strahlenden Sonne

glänzt, springen die weißen Schaumkämme. Sie verschwindet, taucht

wieder empor und rudert langsam dem weißen Streifen der Brandung

zu. Dort am Strande, zwischen den brechenden Seen liegen in feinem

Triebsande Berge von weißgebleichten Schildkrötenschädeln. Die meisten

größer als Kinderköpfe, viele so alt und verwaschen, daß ein leichter

Tritt des Fußes sie in Staub auflöst.

Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte mögen sie hier liegen. Ihre großen

schwarzen Augenhöhlen starren in die blendende Sonne. -- --

* * *

Ich steige langsam auf den Gipfel, gebückt mit Händen und Füßen

kletternd, um nicht umgeweht zu werden.

Wolken von weißen Vogelmassen umschwirren die Insel und betäuben mit

tausendfältigem Kreischen das Ohr.

Die Spitze ist erreicht! Kaum Platz für zwei bis drei Menschen,

ringsherum fallen gleichmäßig schräg nach unten die fast glatten, roten

Wände ab.

Ein Blick, vergleichbar dem von der Cheopspyramide! Hier wie dort nach

allen Seiten der unbegrenzte Fernblick. Hier der blaue, rauschende

Indische Ozean, dort die weißen Sandflächen.

Aber der Eindruck hier ist viel gewaltiger, er wirkt viel großartiger

durch die unendliche Einsamkeit!

Fern im Süden ragen die hellfleckigen Felsen von Hallanya, zu Füßen

liegt wie ein kleines Kinderspielzeug die »Königsberg«. --

* * *

Wir warten! -- Der Tag neigt sich dem Ende zu, die Nacht vergeht, der

zweite Tag schwindet ebenfalls dahin. Von der Somali, die uns Kohlen

bringen soll, noch keine Spur. --

Da entschließen wir uns! Einen Dampfer haben wir noch bei uns. --

Eine englische Prise -- es ist die erste, die wir, die Deutschland im

großen Krieg gemacht hat -- die »City of Winchester«. Sie hat fast alle

Kohlen an den »Ziethen« abgegeben, der damit einen neutralen Hafen

aufsuchen soll. Nur ihre Heizraumbunker sind noch voll. Es ist aber

nur Bombaykohle, schlackig und schlecht, wir können mit ihr kaum zwei

Drittel unserer Geschwindigkeit erreichen.

Aber was hilft es -- wir werden die Bunker auskratzen! Wir gehen mit

der »Königsberg« längsseit der Prise.

Im sinkenden Licht des Abends nähern sich die Bordwände, Leinen fliegen

hinüber -- die beiden Schiffe liegen Seite an Seite -- der kleine

deutsche Kreuzer und der große plumpe Frachtdampfer, der Millionenwerte

an bestem indischen Tee, an persischen Teppichen, an Gold- und

Silberwaren in seinem Bauch birgt. --

In die dunkle Nacht hinein rattern die Winden, kreischen die Spills,

hallen laute Rufe.

Mit Krachen schlagen gefüllte Kohlensäcke an Deck, die hoch in der Luft

von Bord zu Bord fliegen.

Es ist eine schwere Arbeit. Tief unten im Bauche des Schiffes liegen

die Bunker, nur durch kleine Löcher zugänglich.

Heizer und Matrosen arbeiten dort, kaum als Menschen noch kenntlich, in

den Wolken schwarzen Dunstes, den die einzige Lampe mühsam durchdringen

kann. Ein Scharren, ein Kratzen, ein Rufen, eine Luft, getränkt von

Schweiß und Menschenausdünstung, durchsetzt von Kohlenstaub.

Die Stunden vergehen. Ab und zu dröhnen die beiden Bordwände

aneinander, die Belegtrossen klirren und ächzen, wenn ein plötzlicher

Windstoß mit elementarer Wucht herniederfährt und die Schiffe

gegeneinander preßt.

Ich stehe einen Augenblick an Deck, um frische Luft zu schöpfen, die

Lungen saugen gierig den frischen reinen Seehauch.

Strahlend wölbt sich der Sternenhimmel über den beiden arbeitenden,

nachtschwarzen Kolossen, im Vordergrund drohen schwarz und finster die

schweigenden Felswände, die noch nie in ihrer erhabenen Einsamkeit von

dem Hasten und Drängen der kleinen und großen Menschensorgen gestört

sein mögen.

Dieses Schiff, auf dem ich jetzt stehe, ein mächtiges Werk von

Menschenhand, wird morgen nicht mehr sein.

Seine Ladung -- ein Wertgegenstand, der Hunderten von Menschen ein

sorgenfreies Leben bis an ihr Ende ermöglicht hätte -- wird morgen

nicht mehr sein, wird morgen tief in den Wassern dieser unbekannten,

weltfernen Bucht liegen.

Warum?

Weil es Menschen angehört, die eine andere Sprache sprechen als wir,

weil es Menschen angehört, die uns den Platz und die Freiheit auf

dieser Erde nicht gönnen.

In Monsun und Pori · 第 13 / 68 题