Die Offiziere werden geweckt.
Der Kommandant und erste Offizier gehen auf der Hütte auf und ab und
ich klettere wieder auf die Brücke. --
Also Krieg! -- Eigenartig -- der Mond leuchtet wie vorher, die See
rauscht, die Takelage heult -- nichts hat sich geändert!
Wie ist das nur möglich? Muß der Mond sich nicht verschleiern, die See
sich nicht verdunkeln?!
Nichts! -- Sie lächeln über die Händel der Menschen -- was geht das All
der Kampf von Atomen an!
Vor Jahrtausenden war es so, und in Jahrtausenden wird es noch immer so
sein. --
Aber mir ist jetzt die Fahrt zu langsam, der Seegang zu weich, das
Brausen zu schwach. Die Brust ist voll zum Überlaufen, man muß sich
mitteilen.
Überall stehen Gruppen und unterhalten sich gedämpft. Aus dem unteren
Deck kommt es herauf, an den langen Strecktauen stehen die Matrosen
verschlafen, in Hemd und Hose.
Nach Mitternacht hat der Wind an Stärke noch zugenommen, mächtige
Brecher stürzen sich wie Kaskaden auf die Back und prallen polternd und
krachend am Wellenbrecher ab.
Die zwischen Spill und Klüsen etwas lose liegenden Ankerketten schlagen
dröhnend auf die Back. Sie sehen in dem weißen Schaum aus wie zwei
langgestreckte, schwarze Schlangen.
In Fetzen zerrissen fegt die Rauchfahne unserer qualmenden drei
Schornsteine über uns hinweg, huscht über das Gesicht des Mondes und
läßt es rötlichbraun erglänzen. Das Heulen in den Masten und Stagen ist
so stark geworden, daß es selbst das unaufhörliche gleichmäßige Surren
der Ventilationsmaschinen übertönt.
Wir behalten den Kurs bei.
Im Laufe des nächsten Vormittags wollen wir den Lloyddampfer »Ziethen«
treffen, der, von Colombo kommend, auf dem Wege nach Aden ist. Wir
wollen ihn warnen und nach einem anderen Bestimmungshafen schicken.
Er hat einige 100 Kameraden von uns aus der Südsee an Bord, die nach
jahrelanger Abwesenheit der Heimat zusteuern.
Zwar stehen wir bereits mit ihm in funkentelegraphischer Verbindung,
aber wir müssen äußerst vorsichtig sein, damit die auf dieser
Weltverkehrsstraße in Mengen fahrenden, nun auf einmal meist
feindlichen Schiffe noch nichts von unserer Gegenwart merken. -- --
Die trotz des Monsuns drückende Hitze läßt gegen Morgen nach und weicht
einer erfrischenden Kühle.
Soweit es der mächtige Seegang erlaubt, werden Bullaugen und
Luken geöffnet, um die stickige Luft aus dem heißen, nach Öl und
Menschendunst stinkenden Schiffsinnern zu blasen.
Allmählich verfärbt sich der Himmel, die Sterne verblassen,
blauschwarzer Dunst liegt auf dem Horizont, über den sich bereits gelbe
und rötliche Streifen hinziehen, ab und zu von feurigen rotglühenden
Flaumwölkchen unterbrochen.
Mit der überraschenden Schnelligkeit der Tropen erscheint das
Tagesgestirn und in kürzester Zeit hat die Wandlung von Nacht in Tag
stattgefunden. Strahlend, glitzernd im Morgenlicht liegt die weite,
mächtige See da, deren Fluten alle einem fernen im Norden liegenden
Ziele zuzurollen scheinen.
An Backbord zieht sich, einige zwanzig Seemeilen entfernt, die hohe
gelbsandige Steilküste des Somalilandes dahin und fern, fast rechts
voraus, ragt das Löwenhaupt des Kap Guardafui über die Kimm. --
Wir müssen beim Umsteuern des Kaps bereit sein, englischen Kreuzern zu
begegnen.
Gegen elf Uhr wird »Klar Schiff zum Gefecht« angeschlagen!
Das Löwenkap ist näher gekommen, dicht an Backbord ragt es trotzig in
die Luft. Ein zerklüfteter, kahler Sandberg von gewaltigen Ausmaßen, in
dessen Steilabfälle der Regen von Jahrtausenden tiefe Furchen gezogen
hat! Ein breiter Schaumstreifen zieht sich zu seinen Füßen hin, wild
lecken die anprallenden Seen an seinen Flanken empor. In schweigender
Majestät stehen die hohen Wände -- achtlos zerstäuben die Seen zu
weißem Gischt und Dampf.
Gar manches Schiff ist hier gescheitert, gar manche Besatzung hat hier
das Schicksal des Seemanns ereilt.
* * *
An Steuerbord am Horizont erscheint Rauch! -- Eine hohe Säule, die sich
nach oben zu pinienartig erweitert.
Es wird der »Ziethen« sein!
Gespannt sieht alles durchs Glas.
Ein gelber Schornstein schiebt sich allmählich über den Horizont, ein
gelbes Aufbaudeck folgt. Er ist es.
Bereits hat er uns gesehen und hält auf uns zu.
Wir fahren ihm entgegen und stoppen in seiner Nähe. Hunderte von
Menschen, darunter unsere Kameraden aus der Südsee, stehen auf dem
Promenadendeck und sehen zu uns herüber. Tücher schwenken. Auf dem
»Ziethen« spielt die Bordmusik. Der große Dampfer hat Schlagseite, er
liegt etwas nach Backbord über.
Eben haben wir begonnen uns zu verständigen, Nachrichten werden
ausgetauscht, Befehle erteilt -- da meldet der hoch im Krähennest
sitzende Ausguck:
»Drei Strich an Steuerbord eine starke Rauchwolke!«
Das kann nur der Feind sein!
Kurzerhand drehen wir ab, sagen dem »Ziethen«, er soll versuchen uns zu
folgen, und steuern voll Mut und Tatendrang auf den Rauch los.
Wir haben Guardafui jetzt achteraus. Eine dunstig heißzitternde Luft
liegt über der sich entfernenden Küste und läßt die vorher so scharfen
Umrisse verschwimmen. Wie eine wogende gelbe Wand liegt sie da! -- --
Wir kommen näher!
Die Rauchwolke nimmt Gestalt an, zwei lange, etwas schräg stehende
Masten werden sichtbar, denen ein schwarzglänzender Schornstein folgt.
Ein Dampfer! -- Mit Kurs nach Westen, nach Aden! Er muß uns ebenfalls
längst gesehen haben, denn er beginnt mächtig zu qualmen und erhöht
sichtlich seine Fahrt.
Der Funke springt: Wir fragen ihn nach dem Namen.
Keine Antwort!
Wir fragen nochmals.
Keine Antwort!
Wir befehlen ihm zu stoppen.
Keine Antwort!
Noch dicker als vorher quillt schwarzbrauner Rauch aus seinem
Schornstein, vermischt mit emporstiebendem Funkenregen.
Der Abstand vermindert sich nicht mehr! Er läuft ebenso schnell wie
wir, und wir müssen neue Kessel in Betrieb nehmen, um ihm näher zu
kommen.
Ärgerlich gibt der Kommandant den Befehl dazu. Ärgerlich, denn wir
brauchen bei noch höherer Fahrt unverhältnismäßig viel Kohlen --
Kohlen, unser Lebenselement.
Hundert Tonnen weniger, und wir müssen einen Tag der Lebensdauer
streichen! --
Wir funken noch einmal:
Stoppen Sie!
Er denkt nicht daran. Er rast nach Westen!
Wir hinterher!
Eine halbe Stunde vergeht -- der Abstand wird kleiner und kleiner.
An unserem Vorstopp geht ein Flaggensignal hoch: Stoppen Sie!
Er kann es nicht ablesen, seine dicke Rauchfahne verhindert ihm die
Sicht.
Der Abstand wird kleiner und kleiner. Schon riechen wir seinen Rauch,
den der Wind in Fetzen uns entgegen trägt.
Mit zwanzig Knoten die Stunde jagen wir jetzt in voller Fahrt durch die
brausende, saphirblaue See.
Warte, du Bursche, gleich werden wir dich haben! Daß du uns die Kohlen
nimmst, die wir zum Leben brauchen, mußt du büßen.
Ein blinder Schuß donnert!
Jetzt sind wir ganz nahe!
Eine Minute vergeht: Er stoppt!
Nun haben wir dich!