25. Januar 1884.

Ich will Dich gewiß nicht abhalten, wenn Du die Gelegenheit hast,

ein eigenes Geschäft zu akquirieren, sondern nur anraten, den

unvermeidlichen Drang dahin zu mäßigen durch die Erkenntnis, daß das

Kleingetriebe dem Untergang gewidmet ist; der dienende Anschluß an eine

große Firma ist freier, leichter, lohnender wie die Kleinkrämerei.

Solche Selbständigkeit ist doch eine sehr relative, besonders wenn

die Konkurrenz ihr das Leben sauer macht. Ich glaube gern, daß Du von

meinem Charakter ein gut Stück geerbt hast, wodurch es Dir schwer

wird, auf Gleichberechtigung zu verzichten. Indes ist das nun einmal

nicht anders in unseren Tagen des Privatbesitzes und daraus folgenden

Standesunterschiedes. Wer kein großes Vermögen hat, kein Kapitalist

ist, ist unfrei geboren.

Ich glaube, wir, ich, Du und Deine Geschwister, werden am besten

fahren, wenn wir in etwa resignieren und uns als das betrachten, was

wir auch in der Tat sind, als Proletarier, die der Regel nach nicht

imstande sind, sich aus ihrer Klasse herauszuarbeiten, sondern ein

hoffnungsvolles Leben nur finden können im politischen Streben nach der

Emanzipation der gesamten Arbeiterklasse. Der Mensch tut gut, nicht zu

hoch hinauszufliegen und sein Streben mit seinen Mitteln in Einklang zu

halten. Demnach schlage ich vor, daß wir unser kleines Vermögen nicht

gebrauchen, um Reichtümer zu erwerben -- insofern diese zu den Trauben

gehören, die zu hoch hängen --, sondern als Notanker für unabsehbare

Unglücksfälle.

Bei solcher Lage der Dinge müssen wir »dienen«. Nun sind nach meiner

Erfahrung die Vereinigten Staaten der Ort, wo die Bitterkeiten des

Unvermeidlichen noch am leidlichsten sind.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 61 / 78 题