6. Dezember 1883.

... Wenn ich nicht gerade dem Elend ins Auge sehen muß, und +nur eben+,

+wenn noch so arm+, leben kann, bin ich durch mein heiteres Gemüt

ungemein reich und besitze eine unverwüstliche Munterkeit.

Auch Deine entschiedene Sprache, mit der Du von neuen

Geschäftsunternehmungen abrätst, hat mir wohl getan. Mir tut nichts

wohler, als wenn Ihr alle mitratet bei Gestaltung der Zukunft; nur muß

es kein Rat sein, wie ihn Deine Schwestern gewöhnlich im Vorrat haben,

die alles abweisen, aber nichts Neues an die Stelle setzen; immer

bleiben wollen, wie sie sind, ohne der Zukunft Rechnung zu tragen. Sie

raten nur negativ: »Tu nicht! Tu nicht!«

Im Briefe vom 22. November sagst Du: »Bin schlimmsten Falls niemals

um mein Brot verlegen.« Dies Wort hat mich sehr erfreut. Wenn Du Dich

etwas mit der politischen Ökonomie bekannt gemacht hast, wirst Du

einsehen: was heute ein Kapital ist, ist morgen keins mehr. Ich bin

Kleinbürger von Geburt und Stand. Wenn ich kein Betriebskapital habe,

bin ich am Ende meines Lateins. Darum möchte ich sehen, daß meine

Kinder sich nicht auf ein kleines und unzulängliches Kapitälchen,

das mit der Entwicklung der Dinge immer noch unzulänglicher wird,

stützen sollten, sondern auf ihre Arbeitskraft. Im Anschluß an

konkurrenzfähiges Kapital sich eine günstige Lohnstellung suchen, ist

zeitgemäßer als die kleine unzulängliche Selbständigkeit. Ich spreche

Dir ja meine Gedanken in den »Logischen Briefen« aus.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 60 / 78 题