23. August 1882.

Ich für meinen Teil bin zwar eingenommen für das Land (der Vereinigten

Staaten), aber nicht, weil ich die dortigen Verhältnisse so sympathisch

finde, sondern weil mir die hiesigen schändlich versumpft und beengt

vorkommen. Dort hat man der absoluten Gewalt der Natur, der eisernen

Notwendigkeit in die Augen zu sehen und mit ihr zu kämpfen, hier

sind es Schrullen und Vorurteile, feudale und chinesische Zöpfe und

anerzogene Nichtswürdigkeiten, die den Geist versklaven. Doch daraus,

daß so viele verfehlte Existenzen dort herumlaufen, sollst Du Dir kein

Vorurteil wider das Land und seine Verhältnisse bilden. Was meinst Du

wohl, wie viele unbefriedigte Leute es denn hier gibt? Den prekären

Zuständen, wie sie dort herrschen und wie sie die Großindustrie

mitbringt, gehen wir hier eiligen Schrittes entgegen. Amerika ist uns

darin wohl sehr voraus. Dafür hat es aber auch durch den Reichtum

seiner Natur und primitiven Kultur viel mehr Zwischenräume für den

Mittelstand, dem wir angehören und in dem wir uns möglichst lange

erhalten wollen. Mit der Zeit muß derselbe allerdings ~nolens volens~

hier wie dort ins Proletariat hinabsteigen. Aber unterdessen haben auch

die untersten Volksklassen so viel gewonnen, daß die Sache weniger

betrübt ist. Wir gehören deshalb praktisch zur Mittelklasse und

theoretisch zum Proletariat. Soll ich mich hier tatenlos hinuntersinken

lassen, wenn ich vorsehe, daß drüben die Kampfverhältnisse günstiger

sind?

Ich möchte Dir gern meine Überzeugung übertragen, damit Du wo mit

dem Leibe auch mit der Seele stehest. Das Staatsproletariat ist

eine erbärmliche Sklaverei. Zwar ist das sicherste hier wohl der

Staatsdienst, aber ich fürchte, Du siehst ihn mit zu idealen Augen.

Wenn Du als Gymnasiallehrer hier Deinem Herrn und Meister so viel

Opposition gezeigt hättest wie bei K. & E., dann wärst Du am Ende

Deines Lateins, aber gründlicher am Ende wie dort, wenn Du auch

vollkommen mit den New-Yorker Herren zerfällst. Zudem ist es viel

leichter, einen herrischen Privatmann mit einem schmeichelhaften Worte

zu befriedigen, als ein herrisches System, das nur mit Deiner völligen

Unterwerfung auf Lebensdauer zufrieden ist. Lieber Eugen, besieh Dir

Dein Verhältnis genau, und dann wirst Du -- nach meiner Ansicht der

Sache von hier aus -- jubeln, daß Du so weit vorgerückt bist ...

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 54 / 78 题