14. Juni 1882.

Herrschaft über die Natur ist der Adel des Menschen. Ursprünglich Tier,

wird er Mensch und Herr erst dadurch, daß er dem Naturwalten hinter

die Schliche kommt. Der Zweck aller Kultur geht dahin, die natürliche

Abhängigkeit zu besiegen und Herr zu werden. Nur innerhalb gewisser

Schranken kann das gelingen. Auch wenn die Menschheit das Errungene

in der Zukunft verzehnfacht und verhundertfacht, verbleibt sie in

natürlicher Abhängigkeit. Die menschliche Herrschaft kann immer nur

eine vernünftig beschränkte sein.

Was also die Aufgabe des ganzen Geschlechts, ist auch Deine

persönliche, individuelle Aufgabe: Du willst und sollst Herr Deines

Geschicks werden. Obgleich Du Momente hast, wo Du Dich jetzt schon als

solcher fühlst, wirst Du auch Momente haben, wo Du Deine Untertänigkeit

empfindlich merkst. Also bist Du soviel Knecht wie Herr, jedes relativ,

das heißt einer, der sich emporarbeiten will, der dies Streben als hoch

und hehr erkennt, ohne zu verkennen, daß er nie einen absoluten Gipfel

erreichen kann.

Wenn nun die Menschheit des geistigen Scharfsinns zum Kulturfortschritt

bedarf, so kannst Du im Verkehr mit den Widerwärtigkeiten der List

nicht entraten. Weder der Wunsch, frei, noch das empfindliche Gefühl,

Knecht zu sein, kann Dich aus Stricken und Banden erlösen: es gehört

die »kluge« Tat dazu.

Die Sklaverei (im wörtlichsten Sinne) nennt Hegel eine »List der

Vernunft« und meint damit, sie sei notwendig gewesen, um die Menschen

mit der Peitsche zur Arbeit anzuhalten, weil sie ursprünglich eben

Tiere sind, die der Zuchtrute bedürfen. Und Aristoteles erklärt

bekanntlich, daß erst, wenn die Weberschiffchen ohne Menschenhand

und von selbst hin und her schnellten, an Abschaffung der Sklaverei

zu denken sei. Jetzt erst, wo die Weberschiffchen angefangen haben,

von selbst zu laufen, und die Ziegelsteine fast ohne Arbeit gebacken

werden, heute also, wo der Reichtum überhandnehmen will und die

tierische Plackerei immer mehr durch die Kultur beseitigt werden kann,

ist die Forderung nach allgemeiner Freiheit berechtigt.

Ich halte diesen breiten Sermon, weil ich Dir eindringlich zureden

möchte, in der jetzigen Periode Deines individuellen Lebens List,

Klugheit und Verschlagenheit nicht gering zu achten. Nur dadurch kannst

Du ein »freier Mann« werden, der seine Absicht jedem offen und ehrlich

ins Gesicht sagen darf. Um eben die Geradheit zu erreichen, ist Dir

einstweilen die Hinterlist eine sittliche Notwendigkeit. Ich fürchte

immer, Dein Naturell möchte Dich verleiten, im Freiheitsdrang die

Notwendigkeit der Beschränkung und Abstinenz zu übersehen.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 53 / 78 题