Herrschaft über die Natur ist der Adel des Menschen. Ursprünglich Tier,
wird er Mensch und Herr erst dadurch, daß er dem Naturwalten hinter
die Schliche kommt. Der Zweck aller Kultur geht dahin, die natürliche
Abhängigkeit zu besiegen und Herr zu werden. Nur innerhalb gewisser
Schranken kann das gelingen. Auch wenn die Menschheit das Errungene
in der Zukunft verzehnfacht und verhundertfacht, verbleibt sie in
natürlicher Abhängigkeit. Die menschliche Herrschaft kann immer nur
eine vernünftig beschränkte sein.
Was also die Aufgabe des ganzen Geschlechts, ist auch Deine
persönliche, individuelle Aufgabe: Du willst und sollst Herr Deines
Geschicks werden. Obgleich Du Momente hast, wo Du Dich jetzt schon als
solcher fühlst, wirst Du auch Momente haben, wo Du Deine Untertänigkeit
empfindlich merkst. Also bist Du soviel Knecht wie Herr, jedes relativ,
das heißt einer, der sich emporarbeiten will, der dies Streben als hoch
und hehr erkennt, ohne zu verkennen, daß er nie einen absoluten Gipfel
erreichen kann.
Wenn nun die Menschheit des geistigen Scharfsinns zum Kulturfortschritt
bedarf, so kannst Du im Verkehr mit den Widerwärtigkeiten der List
nicht entraten. Weder der Wunsch, frei, noch das empfindliche Gefühl,
Knecht zu sein, kann Dich aus Stricken und Banden erlösen: es gehört
die »kluge« Tat dazu.
Die Sklaverei (im wörtlichsten Sinne) nennt Hegel eine »List der
Vernunft« und meint damit, sie sei notwendig gewesen, um die Menschen
mit der Peitsche zur Arbeit anzuhalten, weil sie ursprünglich eben
Tiere sind, die der Zuchtrute bedürfen. Und Aristoteles erklärt
bekanntlich, daß erst, wenn die Weberschiffchen ohne Menschenhand
und von selbst hin und her schnellten, an Abschaffung der Sklaverei
zu denken sei. Jetzt erst, wo die Weberschiffchen angefangen haben,
von selbst zu laufen, und die Ziegelsteine fast ohne Arbeit gebacken
werden, heute also, wo der Reichtum überhandnehmen will und die
tierische Plackerei immer mehr durch die Kultur beseitigt werden kann,
ist die Forderung nach allgemeiner Freiheit berechtigt.
Ich halte diesen breiten Sermon, weil ich Dir eindringlich zureden
möchte, in der jetzigen Periode Deines individuellen Lebens List,
Klugheit und Verschlagenheit nicht gering zu achten. Nur dadurch kannst
Du ein »freier Mann« werden, der seine Absicht jedem offen und ehrlich
ins Gesicht sagen darf. Um eben die Geradheit zu erreichen, ist Dir
einstweilen die Hinterlist eine sittliche Notwendigkeit. Ich fürchte
immer, Dein Naturell möchte Dich verleiten, im Freiheitsdrang die
Notwendigkeit der Beschränkung und Abstinenz zu übersehen.