3. August 1881.

Du mußt vor allem streben, Dich und Deine subjektiven Anschauungen

beherrschen zu lernen und Deiner Zukunft oder Vernunft -- wie man es

nennen will -- die momentanen Gefühle zu opfern. Die Klugheit erfordert

durchaus, sich der Kunst zu bemeistern, allen Persönlichkeiten, auf

deren Umgang Du angewiesen bist, liebenswürdig zu erscheinen, ohne

deshalb auf den eigenen Charakter und die eigenen Rechte zu verzichten.

Dabei halte immer fest, daß ein Recht, wozu die Macht fehlt, Dich in

Besitz zu setzen, nur ein ideales Recht ist, dem die »Wirklichkeit«

fehlt, das man also nicht hat oder doch nur im Kopfe hat, aber erst

durch zweckmäßige Handlung verwirklichen kann.

Deine Gedanken hängen wohl immer noch mehr und lieber an der

Vergangenheit wie an der Zukunft? Das kommt aber daher, daß Du in der

Heimat ganz und gar ein nur ideales Leben geführt hast. Du hast die

Menschen und Verhältnisse hier nur von der schönen, gemütlichen Seite

gesehen.

Ich würde bedauern, wenn es anders wäre, aber auch wenn Du den Revers

zu spät sähest. Was in Amerika so offen zutage liegt: der abgöttische

Tanz um das eigene Ich, das ist hier noch mehr verbrämt mit Sitten und

Phrasen, mit Überbleibseln der Vergangenheit. Aber unter der Maske

der Verwandtschaft, Freundschaft, der Lieb und Treu kommt doch auch

hier immer nackter und nackter das wahre Gesicht des Eigennutzes zum

Vorschein. Die Bande der Familie, der Freundschaft und Liebe werden

täglich mehr zu losen Bändchen, zu Flitter an der Frage nach »barer

Zahlung«. Ich bin kein Pessimist. Die bösen Erfahrungen, die ich mit

Geschwistern, Verwandten und Freunden gemacht, haben mir nie die Liebe

rauben können, -- aber nur darum nicht, weil ich weiß, daß es so

kommen muß, daß die einzelnen Menschen keine Schuld tragen, sondern

nur die bösen Verhältnisse, daß nur die kapitalistische Produktion das

Gift bringt. Darum ist denn auch mein Haß nicht gegen die Eigennützigen

gerichtet, sondern gegen den Eigennutz; darum erwarte ich keine

Besserung von der Moralpredigt, sondern von der Entwicklung der

ökonomischen Verhältnisse. Der handgreifliche, fortwährende Aufschwung

der Produktion erlöst die Menschen von der Armut, von der Erbsünde und

vom Teufel.

Josef Dietzgens philosophische Lehren · 第 42 / 78 题