Du mußt vor allem streben, Dich und Deine subjektiven Anschauungen
beherrschen zu lernen und Deiner Zukunft oder Vernunft -- wie man es
nennen will -- die momentanen Gefühle zu opfern. Die Klugheit erfordert
durchaus, sich der Kunst zu bemeistern, allen Persönlichkeiten, auf
deren Umgang Du angewiesen bist, liebenswürdig zu erscheinen, ohne
deshalb auf den eigenen Charakter und die eigenen Rechte zu verzichten.
Dabei halte immer fest, daß ein Recht, wozu die Macht fehlt, Dich in
Besitz zu setzen, nur ein ideales Recht ist, dem die »Wirklichkeit«
fehlt, das man also nicht hat oder doch nur im Kopfe hat, aber erst
durch zweckmäßige Handlung verwirklichen kann.
Deine Gedanken hängen wohl immer noch mehr und lieber an der
Vergangenheit wie an der Zukunft? Das kommt aber daher, daß Du in der
Heimat ganz und gar ein nur ideales Leben geführt hast. Du hast die
Menschen und Verhältnisse hier nur von der schönen, gemütlichen Seite
gesehen.
Ich würde bedauern, wenn es anders wäre, aber auch wenn Du den Revers
zu spät sähest. Was in Amerika so offen zutage liegt: der abgöttische
Tanz um das eigene Ich, das ist hier noch mehr verbrämt mit Sitten und
Phrasen, mit Überbleibseln der Vergangenheit. Aber unter der Maske
der Verwandtschaft, Freundschaft, der Lieb und Treu kommt doch auch
hier immer nackter und nackter das wahre Gesicht des Eigennutzes zum
Vorschein. Die Bande der Familie, der Freundschaft und Liebe werden
täglich mehr zu losen Bändchen, zu Flitter an der Frage nach »barer
Zahlung«. Ich bin kein Pessimist. Die bösen Erfahrungen, die ich mit
Geschwistern, Verwandten und Freunden gemacht, haben mir nie die Liebe
rauben können, -- aber nur darum nicht, weil ich weiß, daß es so
kommen muß, daß die einzelnen Menschen keine Schuld tragen, sondern
nur die bösen Verhältnisse, daß nur die kapitalistische Produktion das
Gift bringt. Darum ist denn auch mein Haß nicht gegen die Eigennützigen
gerichtet, sondern gegen den Eigennutz; darum erwarte ich keine
Besserung von der Moralpredigt, sondern von der Entwicklung der
ökonomischen Verhältnisse. Der handgreifliche, fortwährende Aufschwung
der Produktion erlöst die Menschen von der Armut, von der Erbsünde und
vom Teufel.