1. Szene

vipria. nachtigall

nachtigall. Lassen S’ still halten, ich bleib’ einmal nicht.

vipria. Schweig!

(Der Wolkenwagen ist am Boden; Nachtigall springt

erzürnt heraus.)

nachtigall. Wann ich aber nicht will! Da haben wir’s,

jetzt geht s’ mit mir in einem Land nieder, wo ich gar

nimmer z’Haus find’, da muß ich verhungern. Das ist

eine unwirtbare Insel, wo soll ich da einen Wirt

finden, der einen Harfenisten braucht?

vipria. Beruhige dich, ich werde schon deine Tafel

besorgen.

nachtigall. Sie? Nun da hab’ ich schon gegessen, wenn

ich das hör’. Sie führen mich nimmer an.

vipria. Die Zunge halt’ im Zaum, Räson nimm an.

nachtigall. Was Räson! Ich räsonier’ genug. Wie können

Sie eine ordentliche Person sein? Sie kommen ganz

allein ins Wirtshaus, wie ein Husar, packen mich auf

und entführen mich, mich unschuldsvollen Mann,

schamen Sie sich nicht?

vipria. Ich habe dich zu deinem Glück entführt.

nachtigall. So? Und da kommen Sie mit der Equipage?

Da kommt man mit sechs Rappen, aber nicht mit

sechs Raben; da muß einer ja rabiat werden.

vipria. Und doch werd’ ich dich hoch erheben.

nachtigall. Ich bedank’ mich für eine solche Erhebung,

wenn ich in der Luft oben häng’, und fliegen die

Raben um mich herum. Wollen Sie ein Rabenbratel

aus mir machen?

vipria. Ein Bettler bist du jetzt, ein Krösus sollst du

werden.

nachtigall. Ah, da muß ich bitten, jetzt heißt s’ mich gar

einen Bettelmann? Haben Sie meine glänzenden

Verhältnisse nicht bemerkt? Haben Sie nicht g’hört,

wie mich der Wirt auf den Glanz hergestellt hat? Jetzt

werden Sie gleich mit mir gehen und werden mich an

ein’ Ort führen, wo ich Sie verklagen kann.

vipria. Den Löwen schenk’ ich dich zum Mahl, wenn du

dich nicht in meinen Willen fügst.

nachtigall. Was für Löwen? (Sieht sich um und erblickt das

Gebäude samt den Löwen; erzittert.) O sapperment, das

sind zwei Bologneserl. (Auf einen Löwen deutend.) Das

eine muß ein Weibel sein, sie kokettiert auf mich.

Jetzt zieh’ ich andre Saiten auf. (Fällt auf die Knie.)

Verehrteste, ich bin jetzt, was Sie wollen; ich bin ein

Bettelmann, ein Bettelweib, eine ganze Bettelfamilie,

wenn Sie befehlen; ich bitt’ gar schön, schenken S’ mir

nur ein bissel mein Leben.

vipria. Steh auf! Gib Augen deiner blinden Furcht und

sieh dich um im Vaterland der Blumen.

nachtigall (bleibt knien). Ich weiß es; ich bin voll Respekt;

ein schönes Land, ich küss’ ihm die Hand, und

blumenreich! Mir hat’s von weitem schon g’fallen, ich

hab’s für ein großes Garteng’schirr g’halten.

vipria. Entzückt dich nicht der Wohlgeruch?

nachtigall. Das glaub’ ich, die Woll’ riecht sehr gut, das

ganze Land ist ein völliger Pomadetiegel!

vipria (beiseite). Der Narr taugt ganz für meinen Plan.

(Laut.) Steh auf! Dies Land ist nicht so unbewohnt, als

du es wähnst, hier atmen Tausende, und über sie

herrscht eine junge und eine schöne Königin.

nachtigall. Also zwei Königinnen? Eine junge und eine

schöne? Nun, wenn die junge auch schön ist, und die

schöne auch jung, da muß einem schon die Wahl weh

tun. Das wär ein Glück, wenn ich da Harfenist werden

könnt’.

vipria. O du bescheid’ner Wurm! An ihrer Seite wirst du

herrschen, morgen schon.

nachtigall. Hören S’ auf, Sie Gspaßige, Sie foppen mich.

Eine Kinigin soll ich erhaschen? Ein’ Kiniglhasen

vielleicht.

vipria. Zum Werkzeug meiner Rache hab’ ich dich

entführt. Noch heute abend wirst du hier ein

Preisgedicht verfassen, wodurch die Hand der

Herrscherin dir werden muß. Unter Tausenden wirst

du das Beste liefern.

nachtigall. Das Beste liefern? Selt’ne Tugend eines

Lieferanten.

vipria. Jetzt eilst du hin und meldest dich in jenem

herrlichen Palast; dort gibst du vor, du wärest ein

Minstrel, ein Sänger aus dem fernen Engelland, dir

wär’ Apoll’ erschienen im Begeist’rungstraum und

hätte dir befohlen, in dies Land zu segeln und der

Dichtkunst Ehre hier zu retten, und eine Würde zu

erringen, die deinem Geist gebührt und deinem Stolz.

nachtigall. Das wird ein ungeheurer Triumph werd’n

mit dem zerrissenen Hut und dem g’flickten Rock.

vipria. Ein Wink von mir wird dich in goldene Kleider

hüllen, und eine goldene Harfe schenk’ ich dir.

nachtigall. Ah, da werd’ ich eine goldene Schneid’

haben, da geben S’ acht. Das ist die neueste Erfindung

in der Medizin, daß Gold die Nerven stärkt, und wie

haben s’ das entdeckt?--Da haben s’ einen armen

Teufel, der vor Hunger kaum mehr geh’n hat können,

alle Säck’ voll mit Dukaten gefüllt, und auf einmal hat

sich eine solche Kraft bei ihm geäußert, und er ist so

impertinent geworden, daß er die schönsten Leut’ bei

der Tür hinausg’worfen hat. Bums, haben s’ ihm das

Gold wieder weggenommen, und er war wieder so

miserabel wie vorher.

vipria. Ich will an dir erproben diese Kraft. Geh hin, du

wirst dort viele Dichter treffen, doch lache ihres

Spotts. Zu Hermione laß dich führen, so heißt die

Königin, dort bläh’ dich auf, durch Prahlerei vermehr’

die Häßlichkeit, die dir Natur verlieh’n, damit dein

Anblick ihre Heiterkeit vergifte, dann kehrst du

schnell zurück und schlägst an dieses Tor; hier wirst

durch fremde Phantasie du das Gedicht erschaffen,

das dich zu Hermionens ew’ger Qual zum Herrscher

stempelt ihres Reichs und ihrer halb verlosch’nen

Reize.

nachtigall. An das Tor soll ich anklopfen, wo die zwei

Hausmeister vor der Türe liegen? Das laß ich bleiben!

Wenn einer unrecht versteht, so macht er statt der Tür

den Rachen auf. Da geh’ der Aken hinein, ich nicht.

vipria. Den Löwen kümmert nicht die Maus. Geh hin,

versuch’s, die Schwester öffnet dir.

nachtigall. Jetzt haben die zwei Löwen eine Schwester

auch noch. Was ist zu tun? Hier zwei männliche

Löwen, (Auf Vipria deutend.) dort ein weiblicher Tiger.

Wer ist jetzt bissiger? Aufs Beißen geht’s einmal los.

(Entschlossen.) ich halt’s mit die Löwen. Doch, vielleicht

sind sie ebenso großmütig als ich kleinmütig bin. Mut,

Richard Löwenherz! (Lauft hin, klopft schnell an und

springt gleich wieder zurück.) Getroffen hab’ ich! Was ich

getroffen hab’, das wird der Himmel wissen.

Die gefesselte Phantasie · 第 31 / 55 题