amphio. Die phantasie
phantasie. Nun, mein dichterischer Freund, wie haben
wir uns aufgeführt? Hat unser gestriges Gedicht
Amors Bande fester geknüpft?
amphio. Auf ewig sie zu binden steht in deiner Macht.
phantasie. Ich armes Kind soll andere vermählen, und für
mich selbst wird Hymens Fackel niemals leuchten.
amphio. Wer würde deine Hand verschmähen?
phantasie. Ach, ihr gütgen Götter, die Männer fliehen ja
schon in jetziger Zeit, wenn ihnen ein Mädchen
gesteht, daß sie 20 Jahre alt sei, wie würden sie erst
wettrennen, wenn ich gestehen müßte, daß ich schon
so viele tausend Jahre auf der Welt herumfliege.
Nichts, nichts, ich bin eine Tochter der Luft, und
lüftige Personen sind nicht zum Heiraten geneigt. Was
kümmern mich die Männer dieser irdschen Welt?
Was gilt mir selbst ein menschlicher Apoll? Ich bin
die Phantasie; der höchsten Schönheit Bild kann ich
mir selbst erschaffen, nach Adonis reizender Gestalt
form ich aus rosgem Äther mir den Bräutigam, seine
Muskeln stähl ich durch die Kraft des Herkules, in
sein Gehirn leg ich Minervens Weisheit ihm, der
Zunge schenk ich die Beredsamkeit der Polyhymnia,
in seine Brust gieß ich Selenens Sanftmut aus. So
bild aus Götterkräften ich mein Ideal und flieh mit
ihm nach einer Himmelswelt in unbekannte Sphären,
dort bau ich Amors Tempel auf von glänzendem
Rubin, und laß von tausend Sonnen ihn bestrahlen,
dann raub ich dem Saturn die Sichel seiner Zeit und
breche sie ob unserer Lieb entzwei, damit mir jeder
Kuß zur ewgen Wonne wird.
amphio. Du scherzest, du weißt nicht, wie poetisch wichtig
diese Stunde ist.
phantasie. Beleidige mich nicht! Ich selbst hab heute
Hermione zu dem Entschluß begeistert, ein
Preisgedicht zu fordern, damit nur einmal dieser
langweilige Liebeshandel sein Ende erreicht.
amphio. O dann wirst du mir auch deine Hilfe nicht
versagen, der heutge Tag entscheidet.
phantasie. Du bist doch noch bescheiden, du nimmst
meine Hilfe nur bei Tage in Anspruch, aber manche
Dichter sind so wahnsinnig, die ganze Nacht zu
schreiben, und wenn die Phantasie nicht gleich auf
dem Tintenfasse sitzt, so beschwören sie mich durch
Punsch und Champagner, daß ich erscheinen soll, und
wer kann der Einladung eines so artigen Franzosen,
wie der Champagner ist, widerstehen? Ich nicht!
amphio. In jenem Tempel schwört die Herrscherin. Ich
eile, um dir zu berichten, was wir zu besingen haben.
Wie freu ich mich, wie bebe ich! Ach, wie quälend ist
dieser Wechsel von Freude und Furcht.
phantasie. Ach, wie quält dich dieser kleine Wechsel, und
wie gerne würde mancher mit dir tauschen, der heute
einen recht großen auszuzahlen hat. Die Freude ist ein
Handelshaus, sie muß wechseln, denn im Wechsel
liegt Freude. Doch um dich zu beruhigen, will ich dir
einen Wechsel ausstellen an das große Wechselhaus
Amor et Compagnie, nun, der wird dir doch sicher
sein? Denn wenn die Liebe zu zahlen aufhört, dann
macht die Welt Bankrott. So geh denn hin und hole
den Stoff, die Phantasie bleibt hier zurück, und wenn
du wiederkehrst, umschling ich deinen Geist, und
fertig ist das kindische Gedicht.
amphio. Und wird es Hermionens Hand erringen?
phantasie. Ich schwör es dir bei Schillers Haupt, in dem
ich lang gewohnt.
amphio. Ich trau auf diesen Schwur. (Sinkt ihr zu Füßen.)
phantasie (hebt ihn auf). Komm bald, ich harre dein.
amphio (ab).
phantasie. Heute habe ich einen fröhlichen Tag. Wie
wohl ist der Phantasie, wenn sie vom Versemachen
ruhn und in ungezwungener Prosa sprechen kann. (Sie
singt eine lustige Rossinische Melodie.) Die Phantasie kann
alles. (Hüpft herum.) Sie ist ein mutwilliges Geschöpf.