17. Szene

amphio. Die phantasie

phantasie. Nun, mein dichterischer Freund, wie haben

wir uns aufgeführt? Hat unser gestriges Gedicht

Amors Bande fester geknüpft?

amphio. Auf ewig sie zu binden steht in deiner Macht.

phantasie. Ich armes Kind soll andere vermählen, und für

mich selbst wird Hymens Fackel niemals leuchten.

amphio. Wer würde deine Hand verschmähen?

phantasie. Ach, ihr güt’gen Götter, die Männer fliehen ja

schon in jetziger Zeit, wenn ihnen ein Mädchen

gesteht, daß sie 20 Jahre alt sei, wie würden sie erst

wettrennen, wenn ich gestehen müßte, daß ich schon

so viele tausend Jahre auf der Welt herumfliege.

Nichts, nichts, ich bin eine Tochter der Luft, und

lüftige Personen sind nicht zum Heiraten geneigt. Was

kümmern mich die Männer dieser ird’schen Welt?

Was gilt mir selbst ein menschlicher Apoll’? Ich bin

die Phantasie; der höchsten Schönheit Bild kann ich

mir selbst erschaffen, nach Adonis’ reizender Gestalt

form’ ich aus ros’gem Äther mir den Bräutigam, seine

Muskeln stähl’ ich durch die Kraft des Herkules, in

sein Gehirn leg’ ich Minervens Weisheit ihm, der

Zunge schenk’ ich die Beredsamkeit der Polyhymnia,

in seine Brust gieߒ ich Selenens Sanftmut aus. So

bild’ aus Götterkräften ich mein Ideal und flieh’ mit

ihm nach einer Himmelswelt in unbekannte Sphären,

dort bau’ ich Amors Tempel auf von glänzendem

Rubin, und laß von tausend Sonnen ihn bestrahlen,

dann raub’ ich dem Saturn die Sichel seiner Zeit und

breche sie ob unserer Lieb’ entzwei, damit mir jeder

Kuß zur ew’gen Wonne wird.

amphio. Du scherzest, du weißt nicht, wie poetisch wichtig

diese Stunde ist.

phantasie. Beleidige mich nicht! Ich selbst hab’ heute

Hermione zu dem Entschluß begeistert, ein

Preisgedicht zu fordern, damit nur einmal dieser

langweilige Liebeshandel sein Ende erreicht.

amphio. O dann wirst du mir auch deine Hilfe nicht

versagen, der heut’ge Tag entscheidet.

phantasie. Du bist doch noch bescheiden, du nimmst

meine Hilfe nur bei Tage in Anspruch, aber manche

Dichter sind so wahnsinnig, die ganze Nacht zu

schreiben, und wenn die Phantasie nicht gleich auf

dem Tintenfasse sitzt, so beschwören sie mich durch

Punsch und Champagner, daß ich erscheinen soll, und

wer kann der Einladung eines so artigen Franzosen,

wie der Champagner ist, widerstehen? Ich nicht!

amphio. In jenem Tempel schwört die Herrscherin. Ich

eile, um dir zu berichten, was wir zu besingen haben.

Wie freu’ ich mich, wie bebe ich! Ach, wie quälend ist

dieser Wechsel von Freude und Furcht.

phantasie. Ach, wie quält dich dieser kleine Wechsel, und

wie gerne würde mancher mit dir tauschen, der heute

einen recht großen auszuzahlen hat. Die Freude ist ein

Handelshaus, sie muß wechseln, denn im Wechsel

liegt Freude. Doch um dich zu beruhigen, will ich dir

einen Wechsel ausstellen an das große Wechselhaus

Amor et Compagnie, nun, der wird dir doch sicher

sein? Denn wenn die Liebe zu zahlen aufhört, dann

macht die Welt Bankrott. So geh’ denn hin und hole

den Stoff, die Phantasie bleibt hier zurück, und wenn

du wiederkehrst, umschling’ ich deinen Geist, und

fertig ist das kindische Gedicht.

amphio. Und wird es Hermionens Hand erringen?

phantasie. Ich schwör’ es dir bei Schillers Haupt, in dem

ich lang gewohnt.

amphio. Ich trau’ auf diesen Schwur. (Sinkt ihr zu Füßen.)

phantasie (hebt ihn auf). Komm bald, ich harre dein.

amphio (ab).

phantasie. Heute habe ich einen fröhlichen Tag. Wie

wohl ist der Phantasie, wenn sie vom Versemachen

ruh’n und in ungezwungener Prosa sprechen kann. (Sie

singt eine lustige Rossinische Melodie.) Die Phantasie kann

alles. (Hüpft herum.) Sie ist ein mutwilliges Geschöpf.

Die gefesselte Phantasie · 第 25 / 55 题