3. Szene

vorige. der narr

narr (mit Pathos). Wehe, Wehe über sie! Ich weiß zwar

nicht über wen, aber ich bin ein Narr, ich muß überall

dabeisein. Also Weh’ über euch alle, nur nicht über

mich!

affriduro. Es freut uns, Narr, daß du so fröhlich bist.

narr. Das bin ich immer unter meinesgleichen.

distichon. Sprich vernünftig, wird die Beherrscherin

erscheinen?

affriduro. Wir haben große Dinge vorzutragen.

narr. Sie kommt sogleich, sie ordnet nur ein Fest, wozu

nicht lauter Dichter eingeladen sind, gemeine Geister

auch.

distichon. Sie wird doch nicht gar Handwerksleute laden?

narr. Aha, der fürchtet sich, es möchten welche darunter

sein, denen er schuldig ist.

distichon. Das fürcht’ ich nicht; des rühm’ ich mich, daß

einer lebt, der mir noch borgt. Wer borgt denn nicht?

Alles ist auf dieser Welt geborgt, das Leben selbst ist

nur geliehene Ware; die Erd’, auf der wir wandeln, ist

nicht schuldenfrei: der Raum, in dem sie schwebt,

gehört der Luft, sie wäre blind, wenn ihr die Sonn’

den Star nicht sticht; und auch die Sonne, die

Verschwenderin, die ein zu glänzend’ Haus nur führt,

bezieht ganz sicherlich ihr leuchtend’ Gold aus einer

Wucherwelt.

narr. Du sprichst ja wie ein Sokrates!

distichon. Beneid’ mich nicht um meinen Genius! Wem

Höheres geworden, der hat auch höhere Zinsen abzutragen.

narr. Da kommst du gut davon, denn für das bißchen

Hirn, was dir Natur geliehen, wirst du ihr wenig

Zinsen zahlen.

distichon. Man will an andern niemals finden, was man

selbst vermißt. Ästhetisch Wirken herrscht auf Flora;

du gehörst nicht unter uns, wir ringen nach Unsterblichkeit.

narr. O, ihr betriebsamen Florianer! Müßiggang heißt

euer Gewerb; ich will dir ein Mittel sagen, das dich

unsterblich macht: leg’ du die Zeit, in der du müßig

gehst, als Kapital zurück, und wenn dein lumpicht

Leben ausgeht, flick’ sie hinten dran, dann lebst du

fort in alle Ewigkeit.

affriduro. Wie kannst du’s wagen, Narr, in meiner

Gegenwart solch ungeschliffenen Scherz zu treiben?

narr. Verzeih’, dich hab’ ich nicht gemeint, dich nehm’

ich schon ein andersmal aufs Korn. Er hat ein

Spottgedicht auf mich gemacht, drum hetz’ ich ihn, so

lang ich Atem hab’!

odi. Versöhnet euch, ich hab’ euch etwas zu entdecken.

narr. Was, eine Neuigkeit? Waffenstillstand unterdessen!

Vielleicht gibt’s neuen Stoff zum Schimpfen.

odi. So hört denn! Unsere Fürstin ist verliebt.

distichon. In wen?

odi. Ja seht, das weiß ich nicht.

narr. Ich bitte dich, bewahre dein Geheimnis.

affriduro. Was sprachst du für ein Wort?

odi. Als gestern sie den stillen Hain betrat, wo sie so

gerne weilt, schlich ich ihr nach und sah, wie ein

Gedicht sie aus dem Busen zog, das sie wohl mehr als

zwanzigmal geküßt.

distichon (seufzend). O! wär ich dies Gedicht gewesen!

narr. Dann hätt’ sie’s sicher nicht gelesen.

odi. Dann rief begeistert sie: "Nur ein Genie, das so die

Liebe schildern kann, ist meiner Liebe wert."

distichon (beiseite). War’s mein Gedicht, bin ich der

Glückliche?

odi. Doch in dem Augenblick kam Amphio mit ihrer

Lilienherde, und ich ward verscheucht.

affriduro. Sag’ mir doch, Odi, wie kommt Amphio, ein

Fremdling hier im Lande, zu der Ehre, Hermionens

Lieblingslämmer zu bewachen?

odi. Das will ich euch erzählen. Dieser Hirt scheint mir

nichts Gewöhnliches zu sein. Der Aufseher der

fürstlichen Herde ward vor einem Jahr von einer

Schlange überfallen, die ihn getötet hätte, wenn nicht

ein junger Wanderer aus einem Busche springt und sie

erschlägt. Amphio war der kühne Jüngling, er

forderte keinen Dank, als einen kleinen Dienst in

unserem Land; er wäre eine Waise, sagte er, und

suchte unter fremden Völkern nun sein Glück, da er’s

in seiner Heimat nicht gefunden hat. Der Aufseher,

von Dankbarkeit bewegt, erinnert sich, daß er einen

Stier besäße, welcher gold’ne Hörner trägt.

distichon. Goldene Hörner? Hätt’ ich diesen Stier, das

wär’ ein Kapital!

narr. Mir wär’ ein Hirsch mit gold’nem G’weih viel

lieber, der wirft doch alle Jahr’ Interessen ab.

odi. Nun stellt euch vor, von Dankbarkeit bewegt,

ernennt er ihn zum Hüter dieses Stiers.

narr (weint). O, edler Mann! O schöne Vermundschaft!

Wie war denn das? Hat der Ochs ihm befohlen oder

er dem Ochsen?

odi. Das letztere.

narr. Das ist doch noch ein Glück. Ich hab’ das erste auch

erlebt schon in der Welt.

odi. Und da er seinen Dienst so treu versah, schwang er

sich zum Hirten uns’rer Lilienherde auf; doch liegt

etwas Geheimnisvolles in dem Jungen, und daß zum

Hirten er geboren, glaub’ ich nimmermehr.

affriduro. Hermione naht, zieht euch zurück.

Die gefesselte Phantasie · 第 9 / 55 题