Die zweite Woche neigte ihrem Ende zu, als sie in der Zeitung las, die
Ärzte hätten das Exemplar an die südlichste Küste Englands geschickt, um
sich dort von einem neuerlichen und besorgniserregenden Rückfall zu
erholen. Da warf sie das Blatt hin und schrieb ihm schnell entschlossen:
sie würde noch drei Tage zugeben, aber länger könnte sie ihre Abreise nicht
hinausschieben, und sie setzte Tag und Datum ihrer Abreise fest. Auf seine
Gesundheit ging sie mit keinem Worte ein. Er konnte das ja nicht leiden.
Dann schrieb sie an ihre Freundin, daß sie statt am 27. September gerne
erst am Morgen des 30. führe, um mit Freunden in Paris zusammenzutreffen,
die sich nicht früher dort einfinden konnten. Man schrieb jetzt den 20.,
warum sie gerade den 30, genannt hatte, wußte sie nicht. Es geschah ganz
blindlings -- hauptsächlich, um einen Schluß zu machen.
Denn sie fühlte, daß sie es nicht viel länger ertrug so ins Ungewisse
hinein auf ihn zu warten. Ihre Kräfte hielten nicht mehr stand, gerade weil
sie so gewaltsam mit ihnen verfuhr, sich immerwährend zwang bald für
dieses, bald für jenes mit Feuereifer Partei zu nehmen und an alles zu
denken, nur nie an das, was sie ganz erfüllte und Ziel und Zweck ihres
Hierseins war. Dieser stets unterdrückte Gedanke war jetzt wie zu einem
Fieberherde geworden, der immer stärkere Schauer in ihre Adern aussandte
und sich nicht länger ausschalten ließ.
Mariclée verließ das Haus, um ihre zwei Briefe sofort in den Kasten zu
werfen und bog dann, wie gewohnheitsmäßig, in Piccadilly ein. Es war
Mittag, und der Tag lag vor ihr leer wie eine Wüste. Die kleine
Zeitungsnotiz in ihrer kahlen Trostlosigkeit schwebte vor ihren Augen,
nichts anderes klang in ihren Ohren. Aber was war da zu sagen? Er
verschmähte es von jeher über Dinge, die unerbittlich waren, eine Silbe zu
verlieren. Es war seine hochmütige Art sich mit ihnen auseinander zu
setzen. So hatte er auch nie Abschied von ihr genommen, wenn sie
auseinandergingen, als sei er der grauenvollen Unsicherheit des Lebens, die
nur ein höhnisches Achselzucken verdiente, stets eingedenk. So gab er jetzt
wohl das Spiel verloren, ohne ein Wort. Er hatte ganz recht. Sie blieb
stehen und starrte in einen Laden. Was für schöne Blumen! dachte sie.
Azaleen, mächtige Büsche langstieliger, kaum erschlossener roter Rosen, wie
schön, wie lebendig! Warum sterben wir? -- Und plötzlich entschloß sie sich
da nach Hampstead zu fahren. Die guten Leute, die sie dort einmal so
freundlich aufgenommen und erfahren hatten, daß sie wieder in London sei,
waren wiederholt gekommen, um sie aufzufordern, sie hatte immer zugesagt
und war nie hingegangen. Sie konnte London nicht verlassen, ohne sie
aufzusuchen. Und sie nahm den undground, kam aber schon bei der nächsten
Station wieder ans Licht. Nein! sie konnte keine Menschen sehen, mit denen
sie sprechen mußte. Würde sie denn eine Stimme haben? Sie fühlte, wie
unsicher sie in ihrem zugeschnürten Halse saß, und den Flor, der wie
Nebelstreifen immer wieder über ihre Augen zog. Dem Botschaftsrat, der sie
für den Abend erwartete, hatte sie schon abgesagt. Was kümmerte sie der?
Von der Welt, in der sie wandelte, zur seinigen führte kein Steg, keine
Brücke mehr. Ein Sturm hatte alles mit fortgerissen und alle mühseligen
Dämme durchbrochen! Denn nicht für einen Augenblick konnte sie mehr
vergessen. --
»Vielleicht stirbt er,« sagte sie ganz laut und riß die Augen auf. Sie
winkte einem Hansom. Der Kutscher schüttelte den Kopf. Da stieg sie rasch
in einen Omnibus. Er war voller Leute. Ja, hier wollte sie bleiben. Sie
wollte Menschen um sich haben, viele fremde Menschen, mit denen sie nicht
zu reden brauchte, zu ihnen hinrücken, wie eine Frierende an den Feuerstoß.
Waren sie nicht tausendmal besser als ihr erbärmliches Los?
Zwar fand sich dieser düstere Ideengang in den munteren Mienen zweier
Dämchen, die ihr gegenüber saßen, nicht eben bestätigt. Die eine sah jetzt
zum Fenster hinaus, stieß die andere und machte sie auf irgendeine
Straßenerscheinung aufmerksam, worauf sie sich beide zugleich gegenseitig
anstießen, indem sie hocherfreut verständnisinnige Blicke wechselten. Und
mit einem Male kehrte sich die ganze Reihe der Wageninsassen derselben
Richtung zu und die übrigen reckten die Hälse, um zu sehen, was es gab.
Mechanisch folgte Mariclée diesen neugierigen Blicken und sah einen
Schimmel, der in einem großen Karren stehend, von zwei Pferden gezogen,
herannahte. Also das war die Sensation. Es mußten schon recht leere Köpfe
sein, die hier zusammensteckten, daß ein so nichtssagender Anblick sie alle
so erfüllte. Besonders die beiden Dämchen sahen ganz enthusiasmiert hinaus,
als könnten sie sich an diesem dumm und geduldig dreinschauenden Pferd gar
nicht genug sehen. Aber nun erinnerte sich Mariclée, daß es in England als
ein großes Glückszeichen galt, einem solch einhergezogenen statt
einherziehenden Schimmel zu begegnen. Daher die Stimmung, die im Wagen
entstanden war. Konnte man sich etwas dümmeres denken? Da mit einem Male
gedachte sie der Briefe, die sie vorhin in den Schalter geworfen hatte und
die wohl jetzt, vielleicht in eben diesem Augenblicke, ausgehoben wurden.
Und der Gedanke durchzuckte sie: wie, wenn er doch käme? . . Sie war also
auch nicht besser.