Neunzehntes Kapitel

So verlebte denn Mariclée in ihrem schlafenden Palast wie von unsichtbaren

Händen bedient und in tiefer aber phantastischer Stille ihre Londoner Zeit;

der schöne Rahmen ihrer Einsamkeit hielt den Spleen von ihr ab, und der

tosende Hintergrund des ewig fluktuierenden Londons hielt sie belebt, ja

hatte sogar etwas von einem berauschenden, fast ein wenig gefährlichen

Trank. Wenn sie am Flügel saß in dem weiß verhängten Saale, der im Licht

der verschleierten Lüster so blaß und so verschwiegen schimmerte, oder in

der Halle vor dem großen, unverhüllten Spiegel vorüberflickerte, kam sie

sich manchmal vor wie ein Gespenst, das in diesem Hause umging, von seiner

Leere angezogen, und sie malte sich aus, wie ein Mensch, der sie hier

plötzlich sähe, bebend vor ihrem Anblick zurückträte, und wie sie keine

Stimme fände ihn von seinem Grauen zu befreien, und die Brücke bis zu ihm,

so nah er ihr stünde, nicht zu schlagen vermöchte, weil sie nicht mehr

lebte . . . . Sie malte sich das aus, weil sie es sich so lebhaft

vorstellen konnte; denn wie schon angedeutet, war sie so geartet, daß an

der großen Tafel des Lebens, obwohl, oder vielleicht _weil_ jeder Platz für

sie so denkbar schien, nicht für sie gedeckt und sie bei der Tischordnung

übergangen wurde. Sie saß etwas abseits an einem Katzentischchen, wo ihre

Beziehung zum Genuß ebenso ausgesprochen blieb wie ihre Distanz. Sie war

nicht resigniert, da sie niemals mit den Dingen abschloß, und das

Unwiderrufliche ihr noch lange nicht als unentrinnbar galt. Vielmehr

erachtete sie ihr äußeres Dasein als eine so dürftige Schale, die von einem

ganzen Strom von Möglichkeiten, die von ihr ausstrahlten, so wenig auffing,

daß sie es verschmähte mit einem so schlecht bemessenen Quantum sich

abzufinden. Sie kam zu ganz anderen Schlüssen: »Man lebt _nicht_ einmal,«

deduzierte sie. So war sie nicht resigniert, sondern zuckte die Achseln und

war _einverstanden_. Es gab so viel andere Dinge. Was aber eine eventuelle

Sinnlosigkeit derselben betraf, so lag es nicht in ihrer Natur sie

ernstlich in Betracht zu ziehen. Dazu war sie viel zu glaubensselig.

Vielmehr hatte sie sich auf dieser Bahn so weit hinausgewagt, daß sich für

sie die Grenze zwischen Lebenden und Toten bedenklich verwischte und

verschob. So konnte sie fortfahren, sich mächtig über jemanden zu ereifern,

ob er auch längst dahin war, und ihre Antipathie war deshalb nicht

geschmälert. Andererseits hatte sie manche ihrer Beziehungen, die

unbestimmt und gestört oder unterbrochen gewesen waren, durch den Tod des

Betreffenden gefestigt und geklärt gefunden, und sie hätte den Tod am

liebsten mit einer Blendlaterne abgebildet, so grell und deutlich war der

Schein, den er auf das Antlitz dessen, den er traf, gerichtet hielt. Es war

seltsam, daß Mariclée, die das Leben so vielfach als Hemmung empfand und

die befreiende Aktion des Todes so wohl erfaßte, ihn trotzdem mit einem so

glühenden Hasse verfolgte, denn »verfolgte« war komischerweise das Wort.

Im großen ganzen war sie sich wohl bewußt, daß der Aufenthalt in dem

weitläufigen und stillen Palast wiederum nicht das richtige für sie sein

konnte, denn sie wurde immer versonnener. Die alte Klara war sich über ihre

Schutzbedürftigkeit bald klar geworden. Diese treue alte Seele, zur

Kindsfrau wie geboren, fing an sie ganz als ihren Pflegling zu behüten und

zu hegen. Es geschah oft, daß Mariclée, wenn sie nicht an den Hausschlüssel

erinnert wurde, ihn mitzunehmen vergaß, so daß sie läuten mußte, wenn sie

heimkam. Das Augenmerk der Alten galt dann immer ihrem Aussehen: »You look

tired, Madam,« sagte sie oft und blickte sie fürsorglich an. Dadurch wurde

Mariclée erst an ihre Müdigkeit gemahnt, und es fiel ihr auf, wie verlassen

sie war. Wer schützte sie? Wer hatte je auf ihre Müdigkeit geachtet? oder

eine Bürde von ihren Schultern gehoben? wen kümmerte ihre Müdigkeit. »Yes,

I am tired, Clara,« sagte sie.

London war noch leer, aber schon gab es genug Leute, die auf ein paar Tage

oder ein paar Stunden in der Stadt auftauchten, wie Wellen her und wieder

weggetrieben. Denn sein Londoner Stadthaus als Taubenschlag zu halten, ist

ja strikte Mode. Je großartiger es ist, desto intermittierender wird es

bewohnt, desto sicherer steht es vom Freitag bis zum Montag leer und die

vielen, in allen schönen Vierteln zur Miete oder zum Verkauf ausgebotenen

Häuser hatten in der Tat etwas leis erschreckendes, wie erste welke Blätter

im sommerlichen Laub.

Eines Morgens -- es war ungefähr eine Woche später -- entschloß sie sich,

kurzerhand nach Oxford zu fahren. Aber kaum war sie dort angekommen, als

sie ihre Energie zusammennehmen mußte, um nicht sofort kehrtzumachen, mit

dem nächsten Zug wieder zurückzufahren und sich schleunigst in ihre

Grosvenorstreet wieder zu vergraben, so schwer fiel ihr, angesichts der

toten Straße, die sich von der Bahn aus hinzog, und deren Ende nicht

abzusehen war, die Tatsache, daß das Exemplar ihr noch nicht geschrieben

hatte, aufs Herz. Ein barscher Wind wirbelte ihr Staub in Mund und Augen,

und im kreidigen Licht rollte träg ein Trambahnwagen wie der verkörperte

Alltag einher. Vielleicht ist es aus Koketterie, daß sich Oxford dem

Ankömmling so öde und schmucklos kündet. Erst als sie in das Herz des alten

Städtchens eindrang, wurde sie wie von einem Zaubermantel dahingetragen,

und ihr Sinn fing sich an den windschiefen Giebeln, den schwermütigen aber

unbeugsamen Glockentürmchen weltweiser Klosterhöfe. Als dann nachmittags

die Sonne schien und das Flüßchen von Magdalens College rötete und über

Addisons Allee eine purpurne Fahne schwenkte, vergaß sie sogar, daß sie

keine gelben Blätter ertrug, denn das goldene Laub schien nur in Schweigen

versunken, um tausend Gesängen zu lauschen. Sie stand, erhobenen Hauptes

und selbst vom Glorienschein dieser herbstlichen Sonne umwoben, als dicht

vor ihr ein Häuflein Studierender heranrückte. Es waren wohl nur die paar

ganz fleißigen, die sich schon eingefunden hatten, denn die Ferien waren

noch nicht zu Ende. Sie gingen im Gespräch um einen älteren Mann (offenbar

einen Lehrer) geschart, und aus ihren Mienen war ersichtlich, daß sich ihr

Eifer gerade auf ein wissenschaftliches oder philosophisches Thema

konzentrierte. Sie stutzten, als sie Mariclées ansichtig wurden, starrten

sie ein wenig verwundert an und zogen schweigend an ihr vorüber. Erst als

sie ihr den Rücken gedreht hatten, nahmen sie das Gespräch wieder auf, und

sie sah, wie einer der Schüler, dem älteren Manne zugewandt, lebhaft

gestikulierte, während dieser ihn reden ließ und aufmerksam zuhörte. Ach!

-- Ihr war niemals ein Mentor beschieden gewesen! --

Es zog sie wieder ins Haus, um noch einmal durch die Höfe und Gänge und

Säle von Magdalen College zu streunen. Hie und da lagen Bücher und Hefte,

sonst war alles leer. Als sie zu einer Pforte gelangte, über der zu lesen

war, daß fremde Besucher hier umzukehren hatten, reizte es sie natürlich

hineinzugehen. Denn Mariclée hielt sich stets für befugt, wenn es irgend

anging, solche Inschriften zu mißachten. Der Eingang war nur verboten, aber

nicht verschlossen; sie drang nun in Gänge vor, in welchen sich die

Studentenzellen aneinanderreihten, und in ein Winkelwerk von kleinen

Treppen, Erkern und Stufen und stand plötzlich vor einer Türe, die halb

offen stand und den Blick in ein reizvolles und lauschiges Zimmer gewährte.

Sie sah einen Kamin, in dem hohe Flammen loderten, eine Teekanne, einen

seidenen Flaus, ein vergittertes Fenster mit einem Rosenstock, das auf die

Säulengänge des Klosterhofes hinausging, viele Bücher und die Lehne eines

tiefen Sessels, in dem ein Jüngling weit zurücksaß, lesend, oder rauchend,

oder sinnend, sie wußte es nicht, denn sie sah nur einen braunen Scheitel

und eine weiße Stirn. Das andere verdeckte die Tür. Aber die Stimmung

dieses Raumes, die roten, von der Sonne beschienenen Rosen am vergitterten

klösterlichen Fenster, der Jüngling und das Bild seines Lebens an dieser

privilegierten und weihevollen Stätte, bannten da Mariclées ewig

schweifenden Geist in sehnsuchtsvolle Träumerei. Denn hier war etwas, was

sie an der Wurzel packte, so daß sie sich auf ein Weilchen der Last und

Zweifel, die ihr Herz täglich schwerer drückten, nicht mehr entsann. Denn

der Grund, warum sie so abseits und so vereinzelt im Leben dastand, lag ja

nur darin, daß gewisse Saiten, die bei anderen nur sporadisch oder nur

leise anklingen, der eigentliche _Grundton_ ihres Wesens waren. Denn die

Abnormität ihres ganzen Gefühlslebens beruhte ja nur darin, daß sie bei

einem Dinge oder einem Menschen, der sie zur Leidenschaft hinriß, viel

weniger dachte: »O gehörte er mir!« oder: »O wäre ich sein« als »O wäre ich

_er_«. Ihre Identität war so locker geschraubt und, wo sich ein Anlaß bot,

stets so bereit in die Brüche zu gehen, daß sich gewisse Lücken im Register

ihrer Begriffe ergaben und sie nicht recht verstand, was wir mit unserem so

begreiflichen Wunsch nach der Kontinuität unseres Bewußtseins sagen wollen,

weil ihr nichts so willkommen war, als von diesem Bewußtsein abzusehen, ja

sie nie so sehr _sie selbst_ war, als wenn sie auf ein Objekt stieß, mit

dem sie ihre Identifikationen feierte. Dies war ihr Ideal der Vereinigung.

Und darum stand sie jetzt wie ein weiblicher Faust an der Schwelle dieses

Jünglings eine Weile still und konnte sich nicht von ihr trennen und

empfand sein Leben und Sein und seine männliche Jugend als etwas so Holdes

und Begehrenswertes, daß eine namenlose Sehnsucht sie an seine Nähe

ketteten.

»Wer da?« rief er plötzlich und sprang auf. Da erschrak Mariclée, als wäre

sie eine Nachtwandlerin, die im Mondschein auf einer Dachzinne lustwandelt,

und bevor er Zeit hatte die Türe zu erreichen, rannte sie wie der Wind die

verbotenen Gänge entlang, floh, ohne sich umzusehen, die Treppen und Erker

hinab, stob wie der Wind ins Freie und auf die Straße hinaus dem nächsten

Wagen zu, der sie geradewegs zur Bahn und ihrem Zuge zurücktrug.

Als sie gegen Abend die Glocke ihres geliehenen Palastes zog, eilte ihr die

alte Klara aus ihrem verborgenen Revier entgegen. Sie hatte längst bemerkt,

daß Mariclées erster Blick stets auf den Marmortisch gerichtet war, der in

der Halle stand und auf dem die tagsüber eingelaufenen Briefe lagen. »No

letter, Madam,« berichtete sie.

* * * * *

Wir wollen während der drei folgenden Wochen nur flüchtig bei Mariclée

verweilen. Sie ist dem Leser in ihrer geringen Stetigkeit so wohl vertraut,

daß er sich ohne Mühe vorstellen wird, wie sie ihre Londoner Zeit

verbrachte. Immer seltener war sie vor dem Flügel des weißverhängten Saales

anzutreffen, vielmehr suchte sie sich selber auszureißen und es litt sie

immer weniger im Hause. Zum Glück hatte der Botschaftsrat seinen ersehnten

Urlaub noch immer nicht erhalten, denn die Gespräche mit ihm waren ihr ein

rechter Trost, und sie faßte dann ihre Eindrücke in langen Monologen

zusammen. Trotz Oxford hatte sie sich für die englische Gotik nicht

erwärmen können, zudem sie sich dort an einem übel restaurierten Turm

stieß, der in ihrer Erinnerung das Bild des Städtchens beherrschte. Wenn

sie an Oxford dachte, sah sie mit der ihr eigenen Parteilichkeit in erster

Linie jenen Turm.

Die Angst mit ihrem Gelde nicht auszureichen hielt sie von weiteren

Ausflügen ab. Durch einen Abgeordneten war sie jedoch glücklich ins

Parlament eingedrungen und glaubte dort den wahren Grund gefunden zu haben,

warum England keine Musik besaß. Seine Sprache war zu moduliert, zu reich

an Intonationen; schön gesprochen war sie die herrlichste der Welt; sie

schloß die Musik aus, wie jene Gedichte, die sich nicht komponieren lassen,

weil sie an sich zu klangvoll sind. Diese Wahrnehmung hatte sie

bezeichnenderweise im Parlament und nicht im Theater gemacht; das Pathos

ist in der Tat keiner Sprache so gefährlich wie der englischen. Sie kam

enttäuscht von einem »König Lear« zurück, den man in Deutschland viel

stilvoller gab, ohne in den Zwischenakten neueste Operettennummern

herunterzududeln. Was sie sonst an neueren Stücken sah, war alles von Übel.

Hatte sie mit den Londoner Theatern kein Glück, oder war die geistige

Nahrung wirklich so bescheiden angesetzt? Sie mußte unwillkürlich wieder an

die drei Kuchensorten der tearooms denken. Hier wie dort dieselbe

Genügsamkeit. Doch vom _Wesen_ dieses Volkes blieb sie nach wie vor

entzückt. »Ich habe eine Entdeckung gemacht!« verkündete sie dem

Botschaftsrat, »aber diesmal eine wirkliche! Wissen Sie, was die Engländer

vor allen Dingen sind? was sie weit mehr sind als wir Deutsche, von den

Franzosen nicht zu reden?«

»Nun was sind sie denn?«

»Sie sind im hohen Grade sentimental.«

»Ja, das ist sehr wahr,« sagte er.

Aber eine Woche später konnte man diese Entdeckung in allen Morgenblättern

lesen, die Aufregung der Engländer war sogar nicht gering, ja sie standen

förmlich auf dem Kopf deswegen, und sie war die Sensation des Tages. Nur

hatte Herr Delcassé das Patent darauf, denn er war es, der sie in einer

öffentlichen Rede über England den erstaunten Franzosen zur Kenntnis

brachte. Mariclées Entrüstung war komisch anzusehen. »Sie sind mein Zeuge!«

rief sie an jenem Abend ihrem Jugendfreunde zu und warf das Blatt erbittert

hin, »wer hat das zuerst gesagt? aber ich darf die gescheitesten Lichter

aufstecken. Sie fallen alle kopfüber unter den Scheffel.«

Es war ihre letzte Zusammenkunft, denn er hatte den ersehnten Urlaub

endlich in der Tasche. Mariclée war es jetzt auch recht, daß er von der

Bildfläche verschwand, denn die dritte Woche war nicht mehr fern. Bei

diesem Gedanken überlief sie ein so tiefer Schauer, daß sie schnell von

Krieg und Frieden sprach und das Gespräch gewaltsam auf die Ereignisse des

Tages lenkte.

Das Exemplar · 第 22 / 34 题