So verlebte denn Mariclée in ihrem schlafenden Palast wie von unsichtbaren
Händen bedient und in tiefer aber phantastischer Stille ihre Londoner Zeit;
der schöne Rahmen ihrer Einsamkeit hielt den Spleen von ihr ab, und der
tosende Hintergrund des ewig fluktuierenden Londons hielt sie belebt, ja
hatte sogar etwas von einem berauschenden, fast ein wenig gefährlichen
Trank. Wenn sie am Flügel saß in dem weiß verhängten Saale, der im Licht
der verschleierten Lüster so blaß und so verschwiegen schimmerte, oder in
der Halle vor dem großen, unverhüllten Spiegel vorüberflickerte, kam sie
sich manchmal vor wie ein Gespenst, das in diesem Hause umging, von seiner
Leere angezogen, und sie malte sich aus, wie ein Mensch, der sie hier
plötzlich sähe, bebend vor ihrem Anblick zurückträte, und wie sie keine
Stimme fände ihn von seinem Grauen zu befreien, und die Brücke bis zu ihm,
so nah er ihr stünde, nicht zu schlagen vermöchte, weil sie nicht mehr
lebte . . . . Sie malte sich das aus, weil sie es sich so lebhaft
vorstellen konnte; denn wie schon angedeutet, war sie so geartet, daß an
der großen Tafel des Lebens, obwohl, oder vielleicht _weil_ jeder Platz für
sie so denkbar schien, nicht für sie gedeckt und sie bei der Tischordnung
übergangen wurde. Sie saß etwas abseits an einem Katzentischchen, wo ihre
Beziehung zum Genuß ebenso ausgesprochen blieb wie ihre Distanz. Sie war
nicht resigniert, da sie niemals mit den Dingen abschloß, und das
Unwiderrufliche ihr noch lange nicht als unentrinnbar galt. Vielmehr
erachtete sie ihr äußeres Dasein als eine so dürftige Schale, die von einem
ganzen Strom von Möglichkeiten, die von ihr ausstrahlten, so wenig auffing,
daß sie es verschmähte mit einem so schlecht bemessenen Quantum sich
abzufinden. Sie kam zu ganz anderen Schlüssen: »Man lebt _nicht_ einmal,«
deduzierte sie. So war sie nicht resigniert, sondern zuckte die Achseln und
war _einverstanden_. Es gab so viel andere Dinge. Was aber eine eventuelle
Sinnlosigkeit derselben betraf, so lag es nicht in ihrer Natur sie
ernstlich in Betracht zu ziehen. Dazu war sie viel zu glaubensselig.
Vielmehr hatte sie sich auf dieser Bahn so weit hinausgewagt, daß sich für
sie die Grenze zwischen Lebenden und Toten bedenklich verwischte und
verschob. So konnte sie fortfahren, sich mächtig über jemanden zu ereifern,
ob er auch längst dahin war, und ihre Antipathie war deshalb nicht
geschmälert. Andererseits hatte sie manche ihrer Beziehungen, die
unbestimmt und gestört oder unterbrochen gewesen waren, durch den Tod des
Betreffenden gefestigt und geklärt gefunden, und sie hätte den Tod am
liebsten mit einer Blendlaterne abgebildet, so grell und deutlich war der
Schein, den er auf das Antlitz dessen, den er traf, gerichtet hielt. Es war
seltsam, daß Mariclée, die das Leben so vielfach als Hemmung empfand und
die befreiende Aktion des Todes so wohl erfaßte, ihn trotzdem mit einem so
glühenden Hasse verfolgte, denn »verfolgte« war komischerweise das Wort.
Im großen ganzen war sie sich wohl bewußt, daß der Aufenthalt in dem
weitläufigen und stillen Palast wiederum nicht das richtige für sie sein
konnte, denn sie wurde immer versonnener. Die alte Klara war sich über ihre
Schutzbedürftigkeit bald klar geworden. Diese treue alte Seele, zur
Kindsfrau wie geboren, fing an sie ganz als ihren Pflegling zu behüten und
zu hegen. Es geschah oft, daß Mariclée, wenn sie nicht an den Hausschlüssel
erinnert wurde, ihn mitzunehmen vergaß, so daß sie läuten mußte, wenn sie
heimkam. Das Augenmerk der Alten galt dann immer ihrem Aussehen: »You look
tired, Madam,« sagte sie oft und blickte sie fürsorglich an. Dadurch wurde
Mariclée erst an ihre Müdigkeit gemahnt, und es fiel ihr auf, wie verlassen
sie war. Wer schützte sie? Wer hatte je auf ihre Müdigkeit geachtet? oder
eine Bürde von ihren Schultern gehoben? wen kümmerte ihre Müdigkeit. »Yes,
I am tired, Clara,« sagte sie.
London war noch leer, aber schon gab es genug Leute, die auf ein paar Tage
oder ein paar Stunden in der Stadt auftauchten, wie Wellen her und wieder
weggetrieben. Denn sein Londoner Stadthaus als Taubenschlag zu halten, ist
ja strikte Mode. Je großartiger es ist, desto intermittierender wird es
bewohnt, desto sicherer steht es vom Freitag bis zum Montag leer und die
vielen, in allen schönen Vierteln zur Miete oder zum Verkauf ausgebotenen
Häuser hatten in der Tat etwas leis erschreckendes, wie erste welke Blätter
im sommerlichen Laub.
Eines Morgens -- es war ungefähr eine Woche später -- entschloß sie sich,
kurzerhand nach Oxford zu fahren. Aber kaum war sie dort angekommen, als
sie ihre Energie zusammennehmen mußte, um nicht sofort kehrtzumachen, mit
dem nächsten Zug wieder zurückzufahren und sich schleunigst in ihre
Grosvenorstreet wieder zu vergraben, so schwer fiel ihr, angesichts der
toten Straße, die sich von der Bahn aus hinzog, und deren Ende nicht
abzusehen war, die Tatsache, daß das Exemplar ihr noch nicht geschrieben
hatte, aufs Herz. Ein barscher Wind wirbelte ihr Staub in Mund und Augen,
und im kreidigen Licht rollte träg ein Trambahnwagen wie der verkörperte
Alltag einher. Vielleicht ist es aus Koketterie, daß sich Oxford dem
Ankömmling so öde und schmucklos kündet. Erst als sie in das Herz des alten
Städtchens eindrang, wurde sie wie von einem Zaubermantel dahingetragen,
und ihr Sinn fing sich an den windschiefen Giebeln, den schwermütigen aber
unbeugsamen Glockentürmchen weltweiser Klosterhöfe. Als dann nachmittags
die Sonne schien und das Flüßchen von Magdalens College rötete und über
Addisons Allee eine purpurne Fahne schwenkte, vergaß sie sogar, daß sie
keine gelben Blätter ertrug, denn das goldene Laub schien nur in Schweigen
versunken, um tausend Gesängen zu lauschen. Sie stand, erhobenen Hauptes
und selbst vom Glorienschein dieser herbstlichen Sonne umwoben, als dicht
vor ihr ein Häuflein Studierender heranrückte. Es waren wohl nur die paar
ganz fleißigen, die sich schon eingefunden hatten, denn die Ferien waren
noch nicht zu Ende. Sie gingen im Gespräch um einen älteren Mann (offenbar
einen Lehrer) geschart, und aus ihren Mienen war ersichtlich, daß sich ihr
Eifer gerade auf ein wissenschaftliches oder philosophisches Thema
konzentrierte. Sie stutzten, als sie Mariclées ansichtig wurden, starrten
sie ein wenig verwundert an und zogen schweigend an ihr vorüber. Erst als
sie ihr den Rücken gedreht hatten, nahmen sie das Gespräch wieder auf, und
sie sah, wie einer der Schüler, dem älteren Manne zugewandt, lebhaft
gestikulierte, während dieser ihn reden ließ und aufmerksam zuhörte. Ach!
-- Ihr war niemals ein Mentor beschieden gewesen! --
Es zog sie wieder ins Haus, um noch einmal durch die Höfe und Gänge und
Säle von Magdalen College zu streunen. Hie und da lagen Bücher und Hefte,
sonst war alles leer. Als sie zu einer Pforte gelangte, über der zu lesen
war, daß fremde Besucher hier umzukehren hatten, reizte es sie natürlich
hineinzugehen. Denn Mariclée hielt sich stets für befugt, wenn es irgend
anging, solche Inschriften zu mißachten. Der Eingang war nur verboten, aber
nicht verschlossen; sie drang nun in Gänge vor, in welchen sich die
Studentenzellen aneinanderreihten, und in ein Winkelwerk von kleinen
Treppen, Erkern und Stufen und stand plötzlich vor einer Türe, die halb
offen stand und den Blick in ein reizvolles und lauschiges Zimmer gewährte.
Sie sah einen Kamin, in dem hohe Flammen loderten, eine Teekanne, einen
seidenen Flaus, ein vergittertes Fenster mit einem Rosenstock, das auf die
Säulengänge des Klosterhofes hinausging, viele Bücher und die Lehne eines
tiefen Sessels, in dem ein Jüngling weit zurücksaß, lesend, oder rauchend,
oder sinnend, sie wußte es nicht, denn sie sah nur einen braunen Scheitel
und eine weiße Stirn. Das andere verdeckte die Tür. Aber die Stimmung
dieses Raumes, die roten, von der Sonne beschienenen Rosen am vergitterten
klösterlichen Fenster, der Jüngling und das Bild seines Lebens an dieser
privilegierten und weihevollen Stätte, bannten da Mariclées ewig
schweifenden Geist in sehnsuchtsvolle Träumerei. Denn hier war etwas, was
sie an der Wurzel packte, so daß sie sich auf ein Weilchen der Last und
Zweifel, die ihr Herz täglich schwerer drückten, nicht mehr entsann. Denn
der Grund, warum sie so abseits und so vereinzelt im Leben dastand, lag ja
nur darin, daß gewisse Saiten, die bei anderen nur sporadisch oder nur
leise anklingen, der eigentliche _Grundton_ ihres Wesens waren. Denn die
Abnormität ihres ganzen Gefühlslebens beruhte ja nur darin, daß sie bei
einem Dinge oder einem Menschen, der sie zur Leidenschaft hinriß, viel
weniger dachte: »O gehörte er mir!« oder: »O wäre ich sein« als »O wäre ich
_er_«. Ihre Identität war so locker geschraubt und, wo sich ein Anlaß bot,
stets so bereit in die Brüche zu gehen, daß sich gewisse Lücken im Register
ihrer Begriffe ergaben und sie nicht recht verstand, was wir mit unserem so
begreiflichen Wunsch nach der Kontinuität unseres Bewußtseins sagen wollen,
weil ihr nichts so willkommen war, als von diesem Bewußtsein abzusehen, ja
sie nie so sehr _sie selbst_ war, als wenn sie auf ein Objekt stieß, mit
dem sie ihre Identifikationen feierte. Dies war ihr Ideal der Vereinigung.
Und darum stand sie jetzt wie ein weiblicher Faust an der Schwelle dieses
Jünglings eine Weile still und konnte sich nicht von ihr trennen und
empfand sein Leben und Sein und seine männliche Jugend als etwas so Holdes
und Begehrenswertes, daß eine namenlose Sehnsucht sie an seine Nähe
ketteten.
»Wer da?« rief er plötzlich und sprang auf. Da erschrak Mariclée, als wäre
sie eine Nachtwandlerin, die im Mondschein auf einer Dachzinne lustwandelt,
und bevor er Zeit hatte die Türe zu erreichen, rannte sie wie der Wind die
verbotenen Gänge entlang, floh, ohne sich umzusehen, die Treppen und Erker
hinab, stob wie der Wind ins Freie und auf die Straße hinaus dem nächsten
Wagen zu, der sie geradewegs zur Bahn und ihrem Zuge zurücktrug.
Als sie gegen Abend die Glocke ihres geliehenen Palastes zog, eilte ihr die
alte Klara aus ihrem verborgenen Revier entgegen. Sie hatte längst bemerkt,
daß Mariclées erster Blick stets auf den Marmortisch gerichtet war, der in
der Halle stand und auf dem die tagsüber eingelaufenen Briefe lagen. »No
letter, Madam,« berichtete sie.
* * * * *
Wir wollen während der drei folgenden Wochen nur flüchtig bei Mariclée
verweilen. Sie ist dem Leser in ihrer geringen Stetigkeit so wohl vertraut,
daß er sich ohne Mühe vorstellen wird, wie sie ihre Londoner Zeit
verbrachte. Immer seltener war sie vor dem Flügel des weißverhängten Saales
anzutreffen, vielmehr suchte sie sich selber auszureißen und es litt sie
immer weniger im Hause. Zum Glück hatte der Botschaftsrat seinen ersehnten
Urlaub noch immer nicht erhalten, denn die Gespräche mit ihm waren ihr ein
rechter Trost, und sie faßte dann ihre Eindrücke in langen Monologen
zusammen. Trotz Oxford hatte sie sich für die englische Gotik nicht
erwärmen können, zudem sie sich dort an einem übel restaurierten Turm
stieß, der in ihrer Erinnerung das Bild des Städtchens beherrschte. Wenn
sie an Oxford dachte, sah sie mit der ihr eigenen Parteilichkeit in erster
Linie jenen Turm.
Die Angst mit ihrem Gelde nicht auszureichen hielt sie von weiteren
Ausflügen ab. Durch einen Abgeordneten war sie jedoch glücklich ins
Parlament eingedrungen und glaubte dort den wahren Grund gefunden zu haben,
warum England keine Musik besaß. Seine Sprache war zu moduliert, zu reich
an Intonationen; schön gesprochen war sie die herrlichste der Welt; sie
schloß die Musik aus, wie jene Gedichte, die sich nicht komponieren lassen,
weil sie an sich zu klangvoll sind. Diese Wahrnehmung hatte sie
bezeichnenderweise im Parlament und nicht im Theater gemacht; das Pathos
ist in der Tat keiner Sprache so gefährlich wie der englischen. Sie kam
enttäuscht von einem »König Lear« zurück, den man in Deutschland viel
stilvoller gab, ohne in den Zwischenakten neueste Operettennummern
herunterzududeln. Was sie sonst an neueren Stücken sah, war alles von Übel.
Hatte sie mit den Londoner Theatern kein Glück, oder war die geistige
Nahrung wirklich so bescheiden angesetzt? Sie mußte unwillkürlich wieder an
die drei Kuchensorten der tearooms denken. Hier wie dort dieselbe
Genügsamkeit. Doch vom _Wesen_ dieses Volkes blieb sie nach wie vor
entzückt. »Ich habe eine Entdeckung gemacht!« verkündete sie dem
Botschaftsrat, »aber diesmal eine wirkliche! Wissen Sie, was die Engländer
vor allen Dingen sind? was sie weit mehr sind als wir Deutsche, von den
Franzosen nicht zu reden?«
»Nun was sind sie denn?«
»Sie sind im hohen Grade sentimental.«
»Ja, das ist sehr wahr,« sagte er.
Aber eine Woche später konnte man diese Entdeckung in allen Morgenblättern
lesen, die Aufregung der Engländer war sogar nicht gering, ja sie standen
förmlich auf dem Kopf deswegen, und sie war die Sensation des Tages. Nur
hatte Herr Delcassé das Patent darauf, denn er war es, der sie in einer
öffentlichen Rede über England den erstaunten Franzosen zur Kenntnis
brachte. Mariclées Entrüstung war komisch anzusehen. »Sie sind mein Zeuge!«
rief sie an jenem Abend ihrem Jugendfreunde zu und warf das Blatt erbittert
hin, »wer hat das zuerst gesagt? aber ich darf die gescheitesten Lichter
aufstecken. Sie fallen alle kopfüber unter den Scheffel.«
Es war ihre letzte Zusammenkunft, denn er hatte den ersehnten Urlaub
endlich in der Tasche. Mariclée war es jetzt auch recht, daß er von der
Bildfläche verschwand, denn die dritte Woche war nicht mehr fern. Bei
diesem Gedanken überlief sie ein so tiefer Schauer, daß sie schnell von
Krieg und Frieden sprach und das Gespräch gewaltsam auf die Ereignisse des
Tages lenkte.