»Nein, noch ist es nicht zu spät,« rief Mors. »Wir müssen hinauf und die

Lenkstangen von der Galerie aus lösen. Wenn die Ketten den Magneten

allein halten, kommen wir hoch. Rasch, rasch, es ist kein Augenblick zu

verlieren.«

Die beiden Männer stürmten nach vorn.

Das Fahrzeug lag schräg, sein Vorderteil ragte noch hoch über die weiche

Masse hinaus, in welche das Achterteil des »Meteor« bereits eingesunken

war.

Ein Blick überzeugte Mors, daß die Türen, die zur Galerie führten, nicht

mehr geöffnet werden konnten. Auch dieser Teil des »Meteor« war bereits

in dem rätselhaften Urstoff verschwunden.

Weiter rannten die beiden Männer. Jetzt erreichten sie den vorderen

Raum, wo die Inder und der Professor standen.

»Das Fenster auf,« schrie Mors mit Donnerstimme. »Rasch, das Fenster

geöffnet!«

Vier baumstarke Inder sprangen zu den Kurbeln, welche die Glasscheibe

bewegten und rissen aus Leibeskräften daran.

Es schien aber, als hätte sich heute alles gegen Kapitän Mors

verschworen.

Ob die starken Männer zu hastig gedreht hatten, ob das Fenster gequollen

war, genug, man hörte ein Bersten und Krachen.

Die vier Inder stürzten zur Erde und hielten den eisernen Handgriff noch

fest. Die Kurbel, welche die Glasscheibe bewegte, war abgebrochen.

Es war übrigens das einzige Glasfenster auf der Vorderseite des

»Meteor«, welches geöffnet werden konnte. Die zweite bewegliche

Glasscheibe befand sich im Hinterteil des Fahrzeuges.

»Nun ist alles vorbei,« murmelte Terror, der sich mit eisiger Ruhe in

das Unvermeidliche zu ergeben schien. »Jetzt geht es hinunter in diese

schauerliche Masse. Da verschwinden wir auf Nimmerwiedersehen.«

Mors warf einen wilden Blick in die Runde.

Er sann auf einen Ausweg, aber er wußte sich keinen Rat mehr.

»Kapitän, die Masse ist doch heiß,« rief jetzt Terror, indem er die Hand

an die dicke Glasscheibe legte. »Man spürt es deutlich, hier ist Glut

vorhanden.«

Zwei der Inder griffen jetzt nach Werkzeugen und schlugen

verzweiflungsvoll auf das dicke Glas.

Es war ganz unmöglich, dasselbe gab nicht nach, ebenso gut hätte man auf

einen Felsen schlagen können.

Immer tiefer sank der Koloß inzwischen in die heiße weiche Masse,

deren gelb und rot gefärbte feurige Wellen über dem Fahrzeug

zusammenzuschlagen drohten.

»Zurück da!« schallte plötzlich die Donnerstimme des Luftpiraten.

»Tretet beiseite. Ich schaffe einen Ausweg, koste es, was es wolle!«

Mors hatte eiligst eine jener Zerstörungsmaschinen herbeigezogen, die

man bei den letzten Kämpfen nicht mehr benutzt hatte. Es war eines jener

Gewehre, die auf einer Lafette standen, die mit Rädern versehen war.

Mors richtete die Mündung der kleinen Maschine auf das Fenster und zog

den Hebel ab. Es krachte. Im Weltenfahrzeug stürzte alles zu Boden. Aber

es war nur der Luftdruck, der die Leute niederwarf, das Geschoß tat

seine Wirkung. Es zertrümmerte die starke Glasscheibe.

Die Stücke flogen hinaus, die eisernen Bänder, welche das Glas

verstärkten, brachen wie morsche Holzstäbchen.

Halb betäubt richteten sich die Inder empor, aber Mors war ihnen bereits

zuvorgekommen. Er stand an der Oeffnung, umfaßte mit seinen Händen die

zersplitterten Kanten.

Ein Ruck, ein Schwung und der Luftpirat befand sich auf der Metallwand

des Weltenfahrzeuges.

Er warf einen flüchtigen Blick in die Runde, er sah den Planeten Saturn,

der scheinbar in greifbarer Nähe schwebte.

Dann aber rannte Mors mit mächtigen Sätzen über die Galerie nach dem

Achterteil des Fahrzeuges.

Ein leiser Aufschrei der Erleichterung kam von seinen Lippen. Noch war

der Lenkapparat nicht völlig versunken.

Mors hatte keine anderen Werkzeuge als seine Hände, aber die genügten

ihm. Er packte die Lenkstangen, welche der unheimlichen Anziehungskraft

des Trabanten nachgaben. Ein furchtbarer Ruck und noch einer, dann riß

er sie aus den Angeln.

Der Magnet war jetzt nur noch durch die Ketten mit dem Weltenfahrzeug

verbunden, denn sowie die obere Lenkstange gelöst war, wurde auch die

untere isoliert.

»Bleibt drinnen!« schrie Mors mit donnernder Stimme, als er bemerkte,

daß ihm einige der Inder nachklettern wollten. »Bleibt und klammert Euch

fest, es geht in die Höhe.«

Gleichzeitig warf sich der Luftpirat auf die Metallwand des »Meteor« und

klammerte sich mit beiden Händen an eine Galeriestange.

Es war hohe Zeit, daß er es tat, denn das Fahrzeug erhielt einen Ruck,

der jeder Beschreibung spottete.

Es war der Riesenmagnet, der jetzt seine Tätigkeit begann. Der Magnet

war es, der das Fahrzeug hob, der den »Meteor« vom sicheren Untergange

rettete.

Mors zog sich auf die Galerie hinauf, indem er sich noch immer an den

Eisenstangen festhielt. Er sah, wie Terrors Gesicht vorn an der

zertrümmerten Fensterscheibe auftauchte.

»Nach dem Lenkraum!« tönte sein Kommando. »Rasch, Terror -- halte den

»Meteor« innerhalb der Nebelhülle schwebend, damit wir nicht in die

luftleere Zone geraten. Ich komme gleich hinein. Wir müssen die

zerstörte Fensterscheibe versperren.«

Terror gehorchte und stürzte nach dem Lenkraum.

Es war hohe Zeit, daß er das mit fürchterlicher Geschwindigkeit

emporstrebende Fahrzeug zum Halten brachte, denn sonst hätte Mors oben

in dem luftleeren Räume ersticken müssen.

So aber brachte der Ingenieur den Koloß in die Dunstzone zum Halten,

wenige Augenblicke später schwang sich Mors durch das zerstörte Fenster.

Dieses ließ sich vorläufig nicht ersetzen, wohl aber luftdicht

verschließen. Die Metallplatte war ja noch intakt, und die Inder griffen

jetzt nach den Hebeln, um die gesprengte Oeffnung zu versperren.

Hierauf wurde mit flüssigem Gummi alles gedichtet, und eine Masse von

Guttapercha darüber geklebt. Stundenlang dauerte diese Arbeit, aber sie

war nötig, die zerstörte Stelle ward luftdicht gemacht.

Dann schoß der »Meteor« über die Dunstzone empor und schwebte wieder im

Weltenraum, hoch über dem unheilvollen Monde, dessen heiße Gasmassen im

urewigen Wellenspiel kochten und brodelten.

Da lag der Saturn, jetzt wieder rein weiß leuchtend, der Saturn mit

seinen Ringen, mit dem fürchterlichen Zerstörungsstoff.

Van Halen trat zu dem Luftpiraten.

»Wir sind gerettet,« sprach der Astronom. »Wir sind dem schrecklichen

Verderben entronnen.«

»Vor allem ist die Katastrophe von der Erde abgewälzt,« sprach Mors,

indem er mit der Rechten auf den glänzenden Planeten deutete. »Dort

liegt der höllische Stoff, den die Gegner holen wollten. Dort liegt die

furchtbare Materie, die in ungerechten Händen grauenvolles Verderben

anrichten kann.«

Höher hob sich der »Meteor«, immer höher.

Ueber dem Trabanten rissen die Nebelschleier; man sah den brodelnden

Urstoff, in dessen Tiefen das letzte der feindlichen Weltenfahrzeuge ein

schauriges Grab gefunden.

Der unglückliche Ingenieur Reymond war gerächt, die Katastrophe, die der

Erde gedroht, beseitigt. Im Weltenraume schwebte das Weltenfahrzeug des

Kapitän Mors, das den Heimweg zur Erde suchte.

Anmerkungen zur Transkription

Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz

J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter

von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 197-231. Moderne Zusätze und Anmerkungen

wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige

Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten.

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch

Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert.

Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 63: Die Schreckensreise des Weltenfahrzeuges · 第 3 / 3 段