Von Motiven des Witzes zu reden, schiene überflüssig, da die Absicht
Lust zu gewinnen als genügendes Motiv der Witzarbeit anerkannt werden
muß. Es ist aber einerseits nicht ausgeschlossen, daß nicht noch andere
Motive sich an der Produktion des Witzes beteiligen, und anderseits muß
mit Hinblick auf gewisse bekannte Erfahrungen das Thema der subjektiven
Bedingtheit des Witzes überhaupt aufgestellt werden.
Zwei Tatsachen fordern vor allem dazu auf. Obwohl die Witzarbeit ein
vortrefflicher Weg ist, um aus den psychischen Vorgängen Lust zu
gewinnen, so sieht man doch, daß nicht alle Menschen in gleicher Weise
fähig sind, sich dieses Mittels zu bedienen. Die Witzarbeit steht
nicht allen zu Gebote, und in ausgiebigem Maße überhaupt nur wenigen
Personen, von denen man in auszeichnender Weise aussagt, sie haben
Witz. „Witz“ erscheint hier als eine besondere Fähigkeit etwa im Range
der alten „Seelenvermögen“, und diese erweist sich in ihrem Auftreten
als ziemlich unabhängig von den anderen: Intelligenz, Phantasie,
Gedächtnis usw. Bei den witzigen Köpfen sind also besondere Anlagen
oder psychische Bedingungen vorauszusetzen, welche die Witzarbeit
gestatten oder begünstigen.
Ich fürchte, daß wir es in der Ergründung dieses Themas nicht besonders
weit bringen werden. Es gelingt uns nur hie und da, von dem Verständnis
eines einzelnen Witzes aus zur Kenntnis der subjektiven Bedingungen in
der Seele dessen, der den Witz gemacht hat, vorzudringen. Ganz zufällig
trifft es sich, daß gerade das Beispiel von Witz, an welchem wir unsere
Untersuchungen über die Witztechnik begonnen haben, uns auch einen
Einblick in die subjektive Bedingtheit des Witzes gestattet. Ich meine
den Witz von +Heine+, der auch bei +Heymans+ und +Lipps+ Aufmerksamkeit
gefunden hat:
[Sidenote: Die subjektive Bedingung des Witzes „famillionär“.]
„... Ich saß neben Salomon Rothschild, und er behandelte mich ganz wie
seines Gleichen, ganz famillionär.“ (Bäder von Lucca.)
Dieses Wort hat +Heine+ einer komischen Person in den Mund gelegt,
dem Hirsch-Hyacinth, Kollekteur, Operateur und Taxator aus +Hamburg+,
Kammerdiener bei dem vornehmen Baron Cristoforo Gumpelino (vormals
Gumpel). Der Dichter empfindet offenbar großes Wohlgefallen an diesem
seinem Geschöpf, denn er läßt Hirsch-Hyacinth das große Wort führen
und ihn die amüsantesten und freimütigsten Äußerungen vorbringen;
er leiht ihm geradezu die praktische Weisheit eines Sancho Pansa.
Man muß bedauern, daß +Heine+, der dramatischer Gestaltung, wie es
scheint, nicht zuneigte, die köstliche Figur so bald wieder fallen
läßt. An nicht wenigen Stellen will es uns scheinen, als spräche aus
Hirsch-Hyacinth der Dichter selbst hinter einer dünnen Maske, und bald
erlangen wir die Gewißheit, daß diese Person nur eine Selbstparodie
des Dichters ist. Hirsch berichtet über die Gründe, weshalb er seinen
früheren Namen abgelegt und sich jetzt Hyacinth heiße. „Dazu habe
ich noch den Vorteil,“ setzt er fort, „daß schon ein H. auf meinem
Petschaft steht, und ich mir kein neues stechen zu lassen brauche.“
Dieselbe Ersparnis hatte aber +Heine+ selbst, als er bei seiner Taufe
seinen Vornamen „Harry“ gegen „Heinrich“ eintauschte. Nun muß jeder,
dem des Dichters Lebensgeschichte bekannt ist, sich erinnern, daß
+Heine+ in Hamburg, wohin auch die Person des Hirsch-Hyacinth weist,
einen Onkel des gleichen Namens besaß, der als der reiche Mann in der
Familie die größte Rolle in seinem Leben spielte. Der Onkel hieß auch
-- +Salomon+, ganz wie der alte Rothschild, der den armen Hirsch so
famillionär aufgenommen. Was im Munde des Hirsch-Hyacinth ein bloßer
Scherz schien, zeigt bald einen Hintergrund ernsthafter Bitterkeit,
wenn wir es dem Neffen Harry-Heinrich zuschieben. Er gehörte doch
zur Familie, ja wir wissen, es war sein heißer Wunsch, eine Tochter
dieses Onkels zu heiraten, aber die Cousine wies ihn ab, und der
Onkel behandelte ihn immer etwas „famillionär“, als armen Verwandten.
Die reichen Vettern in Hamburg nahmen ihn nie als voll; ich erinnere
mich der Erzählung einer eigenen alten Tante, die durch Heirat in die
Familie +Heine+ gekommen war, daß sie eines Tages als schöne junge Frau
einen Sitznachbar an der Familientafel fand, der ihr unappetitlich
schien, und gegen den die anderen sich geringschätzig benahmen. Sie
fühlte sich nicht veranlaßt, herablassender gegen ihn zu sein; erst
viele Jahre später erkannt sie, daß der nachlässige und vernachlässigte
Vetter der Dichter +Heinrich Heine+ gewesen war. Wie sehr +Heine+ unter
dieser Ablehnung seiner reichen Verwandten in seiner Jugendzeit und
später gelitten, dürfte aus manchen Zeugnissen bekannt sein. Auf dem
Boden solcher subjektiven Ergriffenheit ist dann der Witz „famillionär“
erwachsen.
Auch bei manchen anderen Witzen des großen Spötters könnte man
ähnliche subjektive Bedingungen vermuten, aber ich weiß kein
Beispiel mehr, an dem man solche in ähnlich überzeugender Weise
klar legen könnte; und es ist darum mißlich, über die Natur dieser
persönlichen Bedingungen etwas Genaueres aussagen zu wollen; auch
wird man ja von vorne herein nicht geneigt sein, für jeden Witz
ähnlich komplizierte Entstehungsbedingungen in Anspruch zu nehmen.
An den witzigen Produktionen anderer berühmter Männer wird uns die
gesuchte Einsicht eben nicht leichter zugänglich; man bekommt etwa
den Eindruck, daß die subjektiven Bedingungen der Witzarbeit denen
der neurotischen Erkrankung oft nicht ferne liegen, wenn man z. B.
über +Lichtenberg+ erfährt, daß er ein schwer hypochondrischer, mit
allerlei Sonderbarkeiten behafteter Mensch war. Die größte Mehrzahl
der Witze, besonders der immer neu bei den Anlässen des Tages
produzierten, ist anonym im Umlaufe; man könnte neugierig fragen, was
für Leute es sind, auf die solche Produktion sich zurückführt. Hat man
als Arzt die Gelegenheit, eine der Personen kennen zu lernen, die,
obwohl sonst nicht hervorragend, doch in ihrem Kreise als Witzbolde
und Urheber vieler gangbarer Witze bekannt sind, so kann man von der
Entdeckung überrascht werden, daß dieser witzige Kopf eine zwiespältige
und zu nervösen Erkrankungen disponierte Persönlichkeit ist. Die
Unzulänglichkeit der Dokumente wird uns aber sicherlich abhalten, eine
solche psychoneurotische Konstitution als regelmäßige oder notwendige
subjektive Bedingung der Witzbildung aufzustellen.
Einen durchsichtigeren Fall ergeben wiederum die Judenwitze, die, wie
schon erwähnt, durchwegs von Juden selbst gemacht worden sind, während
die Judengeschichten anderer Herkunft sich fast nie über das Niveau des
komischen Schwankes oder der brutalen Verhöhnung erheben (S. 95). Die
Bedingung der Selbstbeteiligung scheint sich hier wie bei +Heine+’s
Witz „famillionär“ herauszustellen und deren Bedeutung darin zu liegen,
daß der Person die Kritik oder Aggression direkt erschwert und nur auf
Umwegen ermöglicht wird.
Andere subjektive Bedingungen oder Begünstigungen der Witzarbeit sind
weniger in Dunkel gehüllt. Die Triebfeder der Produktion harmloser
Witze ist nicht selten der ehrgeizige Drang, seinen Geist zu zeigen,
sich darzustellen, ein der Exhibition auf sexuellem Gebiete
gleichzusetzender Trieb. Das Vorhandensein zahlreicher gehemmter
Triebe, deren Unterdrückung einen gewissen Grad von Labilität bewahrt
hat, wird für die Produktion des tendenziösen Witzes die günstigste
Disposition ergeben. So können insbesondere einzelne Komponenten der
sexuellen Konstitution eines Menschen als Motive der Witzbildung
auftreten. Eine ganze Reihe von obszönen Witzen läßt den Schluß auf
eine versteckte Exhibitionsneigung ihrer Urheber zu; die tendenziösen
Witze der Aggression gelingen denen am besten, in deren Sexualität eine
mächtige sadistische Komponente, im Leben mehr oder weniger gehemmt,
nachweisbar ist.
[Sidenote: Der Drang zur Mitteilung des Witzes.]
Die zweite Tatsache, die zur Untersuchung der subjektiven Bedingtheit
des Witzes auffordert, ist die allgemeine bekannte Erfahrung, daß
sich niemand begnügen kann, einen Witz für sich allein gemacht zu
haben. Mit der Witzarbeit ist der Drang zur Mitteilung des Witzes
unabtrennbar verbunden; ja dieser Drang ist so stark, daß er sich oft
genug mit Hinwegsetzung über wichtige Bedenken verwirklicht. Auch beim
Komischen gewährt die Mitteilung an eine andere Person Genuß; aber sie
ist nicht gebieterisch, man kann das Komische, wo man darauf stößt,
allein genießen. Den Witz hingegen ist man genötigt mitzuteilen; der
psychische Vorgang der Witzbildung scheint mit dem Einfallen des Witzes
nicht abgeschlossen, es bleibt etwas übrig, das durch die Mitteilung
des Einfalls den unbekannten Vorgang der Witzbildung zum Abschlusse
bringen will.
Wir können zunächst nicht erraten, wodurch der Trieb zur Mitteilung
des Witzes begründet sein mag. Aber wir bemerken am Witz eine andere
Eigentümlichkeit, die ihn wiederum vom Komischen unterscheidet. Wenn
mir das Komische begegnet, so kann ich selbst herzlich darüber lachen;
es freut mich allerdings auch, wenn ich durch die Mitteilung desselben
einen anderen zum Lachen bringe. Über den Witz, der mir eingefallen
ist, den ich gemacht habe, kann ich nicht selbst lachen, trotz des
unverkennbaren Wohlgefallens, das ich am Witz empfinde. Es ist möglich,
daß mein Bedürfnis nach Mitteilung des Witzes an einen anderen mit
diesem mir selbst versagten, beim anderen aber manifesten Lacheffekt
des Witzes irgendwie zusammenhängt.
Warum lache ich nun nicht über meinen eigenen Witz? Und welches ist
dabei die Rolle des anderen?
Wenden wir uns zuerst der letzteren Frage zu. Beim Komischen kommen im
allgemeinen zwei Personen in Betracht, außer meinem Ich die Person, an
der ich das Komische finde; wenn mir Gegenstände komisch erscheinen,
geschieht dies durch eine in unserem Vorstellungsleben nicht seltene
Art von Personifizierung. Mit diesen beiden Personen, dem Ich und der
Objektperson begnügt sich der komische Vorgang; eine dritte Person kann
hinzukommen, wird aber nicht erfordert. Der Witz als ein Spiel mit den
eigenen Worten und Gedanken entbehrt zunächst einer Objektperson, aber
schon auf der Vorstufe des Scherzes verlangt er, wenn es ihm gelungen
ist, Spiel und Unsinn gegen die Einrede der Vernunft sicherzustellen,
nach einer anderen Person, welcher er sein Ergebnis mitteilen kann.
Diese zweite Person beim Witze entspricht aber nicht der Objektperson,
sondern der dritten Person, dem Anderen bei der Komik. Es scheint, daß
beim Scherz der anderen Person die Entscheidung übertragen wird, ob
die Witzarbeit ihre Aufgabe erfüllt hat, als ob das Ich sich seines
Urteils darüber nicht sicher wüßte. Auch der harmlose, den Gedanken
verstärkende Witz bedarf des Anderen, um zu erproben, ob er seine
Absicht erreicht hat. Begibt sich der Witz in den Dienst entblößender
oder feindseliger Tendenzen, so kann er als psychischer Vorgang
zwischen drei Personen beschrieben werden, welche die nämlichen sind
wie bei der Komik, aber die Rolle der dritten Person ist eine andere
dabei; der psychische Vorgang des Witzes vollendet sich zwischen der
ersten, dem Ich, und der dritten, der fremden Person, nicht wie beim
Komischen zwischen dem Ich und der Objektperson.
Auch bei der dritten Person des Witzes stößt der Witz auf subjektive
Bedingungen, die das Ziel der Lusterregung unerreichbar machen können.
Wie +Shakespeare+ mahnt (Love’s Labour’s lost, V., 2):
„A jest’s prosperity lies in the ear
of him that hears it, never in the tongue
of him that makes it ...“
Wen eine an ernste Gedanken geknüpfte Stimmung beherrscht, der ist
ungeeignet, dem Scherz zu bestätigen, daß es ihm geglückt ist,
die Wortlust zu retten. Er muß selbst in heiterer oder wenigstens
in indifferenter Stimmungslage sein, um für den Scherz die dritte
Person abzugeben. Dasselbe Hindernis setzt sich für den harmlosen und
für den tendenziösen Witz fort; bei letzterem tritt aber als neues
Hindernis der Gegensatz zur Tendenz auf, welcher der Witz dienen
will. Die Bereitschaft über einen ausgezeichneten obszönen Witz zu
lachen, kann sich nicht einstellen, wenn die Entblößung eine hoch
gehaltene Angehörige der dritten Person betrifft; in einer Versammlung
von Pfarrern und Pastoren dürfte niemand wagen, die +Heine+’schen
Vergleiche katholischer und protestantischer Pfaffen mit Kleinhändlern
und Angestellten einer Großhandlung vorzubringen, und vor einem
Parterre von ergebenen Freunden meines Gegners würden die witzigsten
Invektiven, die ich gegen ihn vorbringen kann, nicht als Witze,
sondern als Invektiven zur Geltung kommen, Entrüstung und nicht Lust
bei den Hörern erzeugen. Ein Grad von Geneigtheit oder eine gewisse
Indifferenz, die Abwesenheit aller Momente, welche starke, der Tendenz
gegnerische Gefühle hervorrufen können, ist unerläßliche Bedingung,
wenn die dritte Person zur Vollendung des Witzvorganges mitwirken soll.
[Sidenote: Die dritte Person des Witzes.]
Wo solche Hindernisse für die Wirkung des Witzes entfallen, da tritt
das Phänomen auf, dem nun unsere Untersuchung gilt, daß die Lust,
welche der Witz bereitet hat, sich an der dritten Person deutlicher
erweist als an dem Urheber des Witzes. Wir müssen uns begnügen zu
sagen: deutlicher, wo wir geneigt wären zu fragen, ob die Lust des
Hörers nicht intensiver ist als die des Witzbildners, weil uns wie
begreiflich die Mittel zur Abmessung und Vergleichung fehlen. Wir
sehen aber, daß der Hörer seine Lust durch explosives Lachen bezeugt,
nachdem die erste Person den Witz meist mit ernsthaft gespannter Miene
vorgebracht hat. Wenn ich einen Witz weiter erzähle, den ich selbst
gehört habe, muß ich, um seine Wirkung nicht zu verderben, mich bei
der Erzählung genau so benehmen wie jener, der ihn gemacht hat. Es ist
nun die Frage, ob wir aus dieser Bedingtheit des Lachens über den Witz
Rückschlüsse auf den psychischen Vorgang bei der Witzbildung ziehen
können.
Es kann nun nicht unsere Absicht sein, hier alles in Betracht zu
ziehen, was über die Natur des Lachens behauptet und veröffentlicht
worden ist. Von solchem Vorhaben mag uns der Satz abschrecken,
den +Dugas+, ein Schüler +Ribot+’s, an die Spitze seines Buches
„Psychologie du rire“ (1902) gestellt hat. „Il n’en est pas de fait
plus banal et plus étudié que le rire; il n’en est pas qui ait
eu le don d’exciter davantage la curiosité du vulgaire et celle
des philosophes, il n’en est pas sur lequel on ait recueilli plus
d’observations et bâti plus de théories, et avec cela il n’en est
pas qui demeure plus inexpliqué, on serait tenté de dire avec les
sceptiques qu’il faut être content de rire et de ne pas chercher a
savoir pourquoi on rit, d’autant que peut-être le réflexion tue le
rire, et qu’il serait alors contradictoire qu’elle en découvrît les
causes“ (S. 1).
Hingegen werden wir es uns nicht entgehen lassen, eine Ansicht über
den Mechanismus des Lachens für unsere Zwecke zu verwerten, die sich
in unseren eigenen Gedankenkreis vortrefflich einfügt. Ich meine den
Erklärungsversuch von +H. Spencer+ in seinem Aufsatze „Physiology of
Laughter“.[47]
[Sidenote: Das Lachen und die Abfuhr.]
Nach +Spencer+ ist das Lachen ein Phänomen der Abfuhr seelischer
Erregung und ein Beweis dafür, daß die psychische Verwendung dieser
Erregung plötzlich auf ein Hindernis gestoßen ist. Die psychologische
Situation, die in Lachen ausläuft, schildert er in den folgenden
Worten „Laughter naturally results only when consciousness is unawares
transferred from great things to small -- only when there is what we
may call a +descending+ incongruity.“[48]
In ganz ähnlichem Sinne bezeichnen französische Autoren (+Dugas+) das
Lachen als eine „détente“, eine Erscheinung der Entspannung, und auch
die Formel +A. Bain+’s: „Laughter a relief from restraint“ scheint mir
von der Auffassung +Spencer+’s weit weniger abzustehen, als manche
Autoren uns glauben machen wollen.
Wir empfinden allerdings das Bedürfnis, den Gedanken +Spencer+’s
zu modifizieren und die in ihm enthaltenen Vorstellungen zum Teil
bestimmter zu fassen, zum Teil abzuändern. Wir würden sagen, das
Lachen entstehe, wenn ein früher zur Besetzung gewisser psychischer
Wege verwendeter Betrag von psychischer Energie unverwendbar geworden
ist, so daß er freie Abfuhr erfahren kann. Wir sind uns klar darüber,
welchen „übeln Schein“ wir bei solcher Aufstellung auf uns laden, aber
wir wagen es aus der Schrift von +Lipps+ über Komik und Humor, aus
welcher Aufklärung über mehr als nur über Komik und Humor zu holen
ist, zu unserer Deckung den trefflichen Satz zu zitieren: „Schließlich
führen psychologische Einzelprobleme immer ziemlich tief in die
Psychologie hinein, so daß im Grunde kein psychologisches Problem
isoliert sich behandeln läßt“ (S. 71). Die Begriffe „psychische
Energie“, „Abfuhr“ und die Behandlung der psychischen Energie als
einer Quantität sind mir zur Denkgewohnheit geworden, seitdem ich
begonnen habe, mir die Tatsachen der Psychopathologie philosophisch
zurechtzulegen, und bereits in meiner „Traumdeutung“ (1900) habe
ich gleichsinnig mit +Lipps+ die an sich unbewußten psychischen
Vorgänge, und nicht die Bewußtseinsinhalte als das „eigentlich
psychisch Wirkungsfähige“ hinzustellen versucht.[49] Nur wenn ich von
der „Besetzung psychischer Wege“ rede, scheine ich mich von den bei
+Lipps+ gebräuchlichen Gleichnissen zu entfernen. Die Erfahrungen
über die Verschiebbarkeit der psychischen Energie längs gewisser
Assoziationsbahnen und über die fast unverwüstliche Erhaltung der
Spuren psychischer Vorgänge haben es mir in der Tat nahe gelegt,
eine solche Verbildlichung für das Unbekannte zu versuchen. Um dem
Mißverständnis auszuweichen, muß ich hinzufügen, daß ich keinen Versuch
mache, Zellen und Fasern oder die heute ihre Stelle einnehmenden
Neuronsysteme als diese psychischen Wege zu proklamieren, wenngleich
solche Wege in noch nicht angebbarer Weise durch organische Elemente
des Nervensystems darstellbar sein müßten.
Beim Lachen sind also nach unserer Annahme die Bedingungen dafür
gegeben, daß eine bisher zur Besetzung verwendete Summe psychischer
Energie der freien Abfuhr unterliege, und da zwar nicht jedes Lachen,
aber doch gewiß das Lachen über den Witz ein Anzeichen von Lust ist,
werden wir geneigt sein, diese Lust auf die Aufhebung der bisherigen
Besetzung zu beziehen. Wenn wir sehen, daß der Hörer des Witzes lacht,
der Schöpfer desselben nicht lachen kann, darf uns dies soviel besagen
als, daß beim Hörer ein Besetzungsaufwand aufgehoben und abgeführt
wird, während sich bei der Witzbildung entweder in der Aufhebung oder
in der Abfuhrmöglichkeit Hemmnisse ergeben. Den psychischen Vorgang
beim Hörer, bei der dritten Person des Witzes, kann man kaum treffender
charakterisieren, als wenn man hervorhebt, daß er die Lust des Witzes
mit sehr geringem eigenem Aufwand erkauft. Sie wird ihm sozusagen
geschenkt. Die Worte des Witzes, die er hört, lassen in ihm notwendig
jene Vorstellung oder Gedankenverbindung entstehen, deren Bildung auch
bei ihm so große innere Hindernisse entgegenstanden. Er hätte eigene
Bemühung anwenden müssen, um sie spontan als erste Person zu stande zu
bringen, mindestens soviel psychischen Aufwand daran setzen müssen,
als der Stärke der Hemmung, Unterdrückung oder Verdrängung derselben
entspricht. Diesen psychischen Aufwand hat er sich erspart; nach
unseren früheren Erörterungen (v. S. 101) würden wir sagen, seine Lust
entspreche dieser Ersparung. Nach unserer Einsicht in den Mechanismus
des Lachens werden wir vielmehr sagen, die zur Hemmung verwendete
Besetzungsenergie sei nun durch die Herstellung der verpönten
Vorstellung auf dem Wege der Gehörswahrnehmung plötzlich überflüssig
geworden, aufgehoben und darum zur Abfuhr durch das Lachen bereit.
Im wesentlichen laufen beide Darstellungen auf das gleiche hinaus,
denn der ersparte Aufwand entspricht genau der überflüssig gewordenen
Hemmung. Anschaulicher ist aber die letztere Darstellung, denn sie
gestattet uns zu sagen, der Hörer des Witzes lache mit dem Betrag von
psychischer Energie, der durch die Aufhebung der Hemmungsbesetzung frei
geworden ist; er lache diesen Betrag gleichsam ab.
[Sidenote: Warum die erste Person des Witzes nicht lacht.]
Wenn die Person, bei der der Witz sich bildet, nicht lachen kann,
so deute dies, sagten wir eben, auf eine Abweichung vom Vorgang bei
der dritten Person, der entweder die Aufhebung der Hemmungsbesetzung
oder die Abfuhrmöglichkeit derselben betrifft. Aber der erstere der
beiden Fälle ist unzutreffend, wie wir sofort einsehen müssen. Die
Hemmungsbesetzung muß auch bei der ersten Person aufgehoben worden
sein, sonst wäre ja kein Witz geworden, dessen Bildung ja einen solchen
Widerstand zu überwinden hatte. Auch wäre es unmöglich, daß die
erste Person die Witzeslust empfände, die wir ja von der Aufhebung
der Hemmung ableiten mußten. Es erübrigt also nur der andere Fall,
daß die erste Person nicht lachen kann, obwohl sie Lust empfindet,
weil die Abfuhrmöglichkeit gestört ist. Eine solche Störung in der
Ermöglichung der Abfuhr, welche fürs Lachen Bedingung ist, kann sich
daraus ergeben, daß die frei gewordene Besetzungsenergie sofort einer
anderen endopsychischen Verwendung zugeführt wird. Es ist gut, daß
wir auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden sind; wir werden ihr
alsbald weiteres Interesse zuwenden. Bei der ersten Person des Witzes
kann aber eine andere Bedingung, die zum gleichen Ergebnis führt,
verwirklicht sein. Es ist vielleicht überhaupt kein äußerungsfähiger
Betrag von Energie frei geworden, trotz der erfolgten Aufhebung der
Hemmungsbesetzung. Bei der ersten Person des Witzes geht ja die
Witzarbeit vor sich, die einem gewissen Betrag von neuem psychischem
Aufwand entsprechen muß. Die erste Person bringt also die Kraft selbst
auf, welche die Hemmung aufhebt; daraus resultiert für sie sicherlich
ein Lustgewinn, im Falle des tendenziösen Witzes sogar ein sehr
erheblicher, da die durch die Witzarbeit gewonnene Vorlust selbst die
weitere Hemmungsaufhebung übernimmt, aber der Aufwand der Witzarbeit
zieht sich in jedem Falle von dem Gewinn bei der Aufhebung der Hemmung
ab, der nämliche Aufwand, welcher beim Hörer des Witzes entfällt. Zur
Unterstützung des obenstehenden kann man noch anführen, daß der Witz
auch bei der dritten Person seinen Lacheffekt einbüßt, sobald derselben
ein Aufwand von Denkarbeit zugemutet wird. Die Anspielungen des Witzes
müssen augenfällige sein, die Auslassungen sich leicht ergänzen; mit
der Erweckung des bewußten Denkinteresses ist in der Regel die Wirkung
des Witzes unmöglich gemacht. Hierin liegt ein wichtiger Unterschied
von Witz und Rätsel. Vielleicht, daß die psychische Konstellation
während der Witzarbeit der freien Abfuhr des Gewonnenen überhaupt nicht
günstig ist. Wir sind hier wohl nicht in der Lage, tiefere Einsicht zu
gewinnen; wir haben den einen Teil unseres Problems, warum die dritte
Person lacht, besser aufklären können als dessen anderen Teil, warum
die erste Person nicht lacht.
[Sidenote: Automatismus des Witzvorganges.]
Immerhin sind wir nun, wenn wir diese Anschauungen über die Bedingungen
des Lachens und über den psychischen Vorgang bei der dritten
Person festhalten, in die Lage versetzt, uns eine ganze Reihe von
Eigentümlichkeiten, die vom Witze bekannt, aber nicht verstanden
worden sind, befriedigend aufzuklären. Wenn bei der dritten Person ein
der Abfuhr fähiger Betrag von Besetzungsenergie frei gemacht werden
soll, so sind mehrere Bedingungen zu erfüllen oder als Begünstigungen
erwünscht. 1. Es muß gesichert sein, daß die dritte Person diesen
Besetzungsaufwand wirklich macht. 2. Es muß verhütet werden, daß
derselbe, wenn frei geworden, eine andere psychische Verwendung finde,
anstatt sich zur motorischen Abfuhr zu bieten. 3. Es kann nur von
Vorteil sein, wenn die frei zu machende Besetzung bei der dritten
Person zuvor noch verstärkt, in die Höhe getrieben wird. Allen diesen
Absichten dienen gewisse Mittel der Witzarbeit, die wir etwa als
sekundäre oder Hilfstechniken zusammenfassen können.
Die erste dieser Bedingungen legt eine der Eignungen der dritten
Person als Hörer des Witzes fest. Sie muß durchaus soviel psychische
Übereinstimmung mit der ersten Person besitzen, daß sie über die
nämlichen inneren Hemmungen verfügt, welche die Witzarbeit bei der
ersten überwunden hat. Wer auf Zoten eingestellt ist, der wird von
geistreichen entblößenden Witzen keine Lust ableiten können; die
Aggressionen des Herrn N. werden bei Ungebildeten, die gewohnt sind,
ihrer Schimpflust freien Lauf zu lassen, kein Verständnis finden. Jeder
Witz verlangt so sein eigenes Publikum, und über die gleichen Witze zu
lachen ist ein Beweis weitgehender psychischer Übereinstimmung. Wir
sind hier übrigens an einem Punkte angelangt, der uns gestattet, den
Vorgang bei der dritten Person noch genauer zu erraten. Dieselbe muß
die nämliche Hemmung, welche der Witz bei der ersten Person überwunden
hat, gewohnheitsmäßig in sich herstellen können, so daß in ihr, sobald
sie den Witz hört, die Bereitschaft zu dieser Hemmung zwangsartig oder
automatisch erwacht. Diese Hemmungsbereitschaft, die ich als einen
wirklichen Aufwand analog einer Mobilmachung im Armeewesen fassen muß,
wird gleichzeitig als überflüssig oder als verspätet erkannt und somit
in statu nascendi durch Lachen abgeführt.[50]
Die zweite Bedingung für die Herstellung der freien Abfuhr, daß eine
andersartige Verwendung der frei gewordenen Energie hintangehalten
werde, erscheint als die weitaus wichtigere. Sie gibt die theoretische
Aufklärung für die Unsicherheit der Witzwirkung, wenn bei dem
Hörer durch den im Witze ausgedrückten Gedanken stark erregende
Vorstellungen wachgerufen werden, wobei es dann von der Übereinstimmung
oder dem Widerspruch zwischen den Tendenzen des Witzes und der
den Hörer beherrschenden Gedankenreihe abhängt, ob dem Witzvorgang
die Aufmerksamkeit belassen oder entzogen wird. Von noch größerem
theoretischem Interesse sind aber eine Reihe von Hilfstechniken des
Witzes, welche offenbar der Absicht dienen, die Aufmerksamkeit des
Hörers überhaupt vom Witzvorgang abzuziehen, den letzteren automatisch
verlaufen zu lassen. Ich sage absichtlich: automatisch und nicht:
unbewußt, weil letztere Bezeichnung irreführend wäre. Es handelt
sich hier nur darum, die Mehrbesetzung der Aufmerksamkeit von dem
psychischen Vorgang beim Anhören des Witzes fern zu halten, und die
Brauchbarkeit dieser Hilfstechniken läßt uns mit Recht vermuten,
daß gerade die Aufmerksamkeitsbesetzung an der Überwachung und
Neuverwendung von frei gewordener Besetzungsenergie einen großen Anteil
hat.
Es scheint überhaupt nicht leicht zu sein, die endopsychische
Verwendung entbehrlich gewordener Besetzungen zu vermeiden, denn wir
sind ja bei unseren Denkvorgängen beständig in der Übung, solche
Besetzungen von einem Weg auf den anderen zu verschieben, ohne von
deren Energie etwas durch Abfuhr zu verlieren. Der Witz bedient sich
hiezu folgender Mittel. Erstens strebt er einen möglichst kurzen
Ausdruck an, um der Aufmerksamkeit weniger Angriffspunkte zu bieten.
Zweitens hält er die Bedingung der leichten Verständlichkeit ein (vgl.
oben); sowie er Denkarbeit in Anspruch nehmen, eine Auswahl unter
verschiedenen Gedankenwegen erfordern würde, müßte er die Wirkung
nicht nur durch den unvermeidlichen Denkaufwand, sondern auch durch
die Erweckung der Aufmerksamkeit gefährden. Außerdem aber bedient
er sich des Kunstgriffs, die Aufmerksamkeit abzulenken, indem er
ihr im Ausdruck des Witzes etwas darbietet, was sie fesselt, so daß
sich unterdes die Befreiung der Hemmungsbesetzung und deren Abfuhr
ungestört durch sie vollziehen kann. Bereits die Auslassungen im
Wortlaut des Witzes erfüllen diese Absicht; sie regen zur Ausfüllung
der Lücken an und bringen es auf diese Weise zu stande, den Witzvorgang
von der Aufmerksamkeit zu befreien. Hier wird gleichsam die Technik
des Rätsels, welches die Aufmerksamkeit anzieht, in den Dienst der
Witzarbeit gestellt. Noch viel wirksamer sind die Fassadenbildungen,
die wir zumal bei manchen Gruppen von tendenziösen Witzen gefunden
haben (vgl. S. 89). Die syllogistischen Fassaden erfüllen den Zweck,
die Aufmerksamkeit durch eine ihr gestellte Aufgabe festzuhalten,
in ausgezeichneter Weise. Während wir nachzudenken beginnen, worin
wohl diese Antwort gefehlt haben mag, lachen wir bereits; unsere
Aufmerksamkeit ist überrumpelt worden, die Abfuhr der frei gewordenen
Hemmungsbesetzung ist vollzogen. Das nämliche gilt für die Witze mit
komischer Fassade, bei denen die Komik der Witztechnik Hilfsdienste
leistet. Eine komische Fassade fördert die Wirkung des Witzes auf
mehr als eine Weise, sie ermöglicht nicht nur den Automatismus
des Witzvorganges durch die Fesselung der Aufmerksamkeit, sondern
erleichtert auch die Abfuhr vom Witz her, indem sie eine Abfuhr vom
Komischen her vorausschickt. Die Komik wirkt hier ganz wie eine
bestechende Vorlust, und so mögen wir es verstehen, daß manche Witze
auf die durch die sonstigen Mittel des Witzes hergestellte Vorlust ganz
zu verzichten vermögen und sich nur des Komischen als Vorlust bedienen.
Unter den eigentlichen Techniken des Witzes sind es insbesondere
die Verschiebung und die Darstellung durch Absurdes, welche außer
ihrer sonstigen Eignung auch die für den automatischen Ablauf des
Witzvorganges wünschenswerte Ablenkung der Aufmerksamkeit entfalten.[51]
Wir ahnen bereits und werden es späterhin noch besser einsehen, können,
daß wir mit der Bedingung der Ablenkung der Aufmerksamkeit keinen
unwesentlichen Zug des psychischen Vorganges beim Hörer des Witzes
aufgedeckt haben. Im Zusammenhange mit diesem können wir noch anderes
verstehen. Erstens, wie es kommt, daß wir beim Witz fast niemals
wissen, worüber wir lachen, obwohl wir es durch eine analytische
Untersuchung feststellen können. Dieses Lachen ist eben das Ergebnis
eines automatischen Vorganges, der erst durch die Fernhaltung unserer
bewußten Aufmerksamkeit ermöglicht wurde. Zweitens gewinnen wir
das Verständnis für die Eigentümlichkeit des Witzes, seine volle
Wirkung auf den Hörer nur zu äußern, wenn er ihm neu ist, ihm als
Überraschung entgegentritt. Diese Eigenschaft des Witzes, die seine
Kurzlebigkeit bedingt und zur Produktion immer neuer Witze auffordert,
leitet sich offenbar davon ab, daß es im Wesen einer Überraschung
oder Überrumpelung liegt, kein zweites Mal zu gelingen. Bei einer
Wiederholung des Witzes wird die Aufmerksamkeit durch die aufsteigende
Erinnerung an das erste Mal geleitet. Von hier aus eröffnet sich dann
das Verständnis für den Drang, den gehörten Witz anderen, die ihn noch
nicht kennen, zu erzählen. Wahrscheinlich holt man sich ein Stück
der infolge mangelnder Neuheit entfallenden Genußmöglichkeit aus dem
Eindruck wieder, den der Witz auf den Neuling macht. Und ein analoges
Motiv mag den Schöpfer des Witzes getrieben haben, ihn überhaupt dem
anderen mitzuteilen.
[Sidenote: Begünstigungen des Witzvorganges.]
Als Begünstigungen, wenn auch nicht mehr als Bedingungen, des
Witzvorganges führe ich zu dritt jene technischen Hilfsmittel der
Witzarbeit an, welche dazu bestimmt sind, den zur Abfuhr gelangenden
Betrag zu erhöhen, und die auf solche Art die Wirkung des Witzes
steigern. Dieselben steigern zwar zumeist auch die dem Witz zugewandte
Aufmerksamkeit, machen aber deren Einfluß wieder unschädlich, indem
sie die Aufmerksamkeit gleichzeitig fesseln und in ihrer Beweglichkeit
hemmen. Alles, was Interesse und Verblüffung hervorruft, wirkt
nach diesen beiden Richtungen, also vor allem das Unsinnige, der
Gegensatz vor allem, der „Vorstellungskontrast“, den manche Autoren
zum wesentlichen Charakter des Witzes machen wollten, in dem ich
aber nichts anderes als ein Verstärkungsmittel zur Wirkung desselben
erblicken kann. Alles Verblüffende ruft beim Hörer jenen Zustand
der Energieverteilung hervor, den +Lipps+ als „psychische Stauung“
bezeichnet hat, und er hat wohl auch Recht anzunehmen, daß die
„Entladung“ um so stärker ausfällt, je höher die vorherige Stauung
war. Die Darstellung von +Lipps+ bezieht sich zwar nicht ausdrücklich
auf den Witz, sondern auf das Komische überhaupt; aber es kann uns
sehr wahrscheinlich vorkommen, daß die Abfuhr beim Witze, welche eine
Hemmungsbesetzung entladet, in gleicher Weise durch die Stauung in die
Höhe gebracht wird.
Es leuchtet uns nun ein, daß die Technik des Witzes überhaupt von
zweierlei Tendenzen bestimmt wird, solchen, welche die Bildung des
Witzes bei der ersten Person ermöglichen, und anderen, welche dem Witz
eine möglichst große Lustwirkung bei der dritten Person gewährleisten
sollen. Die Janus-artige Doppelgesichtigkeit des Witzes, welche
dessen ursprünglichen Lustgewinn gegen die Anfechtung der kritischen
Vernünftigkeit sicher stellt, und der Vorlustmechanismus gehören der
ersteren Tendenz an; die weitere Komplikation der Technik durch die
in diesem Abschnitt ausgeführten Bedingungen ergeben sich aus der
Rücksicht auf die dritte Person des Witzes. Der Witz ist so ein an
sich doppelzüngiger Schelm, der gleichzeitig zweien Herren dient.
Alles, was auf Lustgewinnung abzielt, ist beim Witz auf die dritte
Person berechnet, als ob innere, nicht zu überwindende Hindernisse
bei der ersten Person einer solchen im Wege stünden. Man bekommt so
den vollen Eindruck von der Unentbehrlichkeit dieser dritten Person
für die Vollendung des Witzvorganges. Während wir aber ziemlich guten
Einblick in die Natur dieses Vorganges bei der dritten Person gewinnen
konnten, verspüren wir, daß der entsprechende Vorgang bei der ersten
Person uns noch durch ein Dunkel verhüllt wird. Von den beiden Fragen:
Warum können wir über den selbstgemachten Witz nicht lachen? und: Warum
sind wir getrieben, den eigenen Witz dem anderen zu erzählen? hat
sich die erste bisher unserer Beantwortung entzogen. Wir können nur
vermuten, daß zwischen den beiden aufzuklärenden Tatsachen ein inniger
Zusammenhang besteht, daß wir +darum+ genötigt sind, unseren Witz
dem anderen mitzuteilen, +weil+ wir selbst über ihn nicht zu lachen
vermögen. Aus unseren Einsichten in die Bedingungen der Lustgewinnung
und -Abfuhr bei der dritten Person können wir für die erste den
Rückschluß ziehen, daß bei ihr die Bedingungen für die Abfuhr fehlen,
die für die Lustgewinnung etwa erst unvollständig erfüllt sind. Es ist
dann nicht abzuweisen, daß wir unsere Lust ergänzen, indem wir das
uns unmögliche Lachen auf dem Umweg über den Eindruck der zum Lachen
gebrachten Person erreichen. Wir lachen so gleichsam „par ricochet“,
wie +Dugas+ es ausdrückt. Das Lachen gehört zu den im hohen Grade
ansteckenden Äußerungen psychischer Zustände; wenn ich den anderen
durch die Mitteilung meines Witzes zum Lachen bringe, bediene ich
mich seiner eigentlich, um mein eigenes Lachen zu erwecken, und man
kann wirklich beobachten, daß, wer zuerst mit ernster Miene den Witz
erzählt hat, dann in das Gelächter des anderen mit einer gemäßigten
Lache einstimmt. Die Mitteilung meines Witzes an den anderen dürfte
also mehreren Absichten dienen, erstens mir die objektive Gewißheit
von dem Gelingen der Witzarbeit zu geben, zweitens meine eigene Lust
durch die Rückwirkung von diesem anderen auf mich zu ergänzen, drittens
-- bei der Wiederholung eines nicht selbstproduzierten Witzes -- der
Lusteinbuße durch Wegfall der Neuheit abzuhelfen.
[Sidenote: Ersparung und Gesamtaufwand.]
Am Ende dieser Erörterungen über die psychischen Vorgänge des Witzes,
insofern sie sich zwischen zwei Personen abspielen, können wir
einen Rückblick auf das Moment der Ersparung werfen, welches uns
als bedeutsam für die psychologische Auffassung des Witzes seit der
ersten Aufklärung über die Technik desselben vorschwebt. Von der
nächstliegenden, aber auch einfältigsten Auffassung dieser Ersparung,
es handle sich bei ihr um die Vermeidung von psychischem Aufwand
überhaupt, wie ihn die möglichste Einschränkung im Gebrauche von
Worten und in der Herstellung von Gedankenzusammenhängen mit sich
brächte, sind wir längst abgekommen. Wir sagten uns schon damals:
Knapp, lakonisch, ist noch nicht witzig. Die Kürze des Witzes ist eine
besondere, eben die „witzige“ Kürze. Der ursprüngliche Lustgewinn,
den das Spiel mit Worten und Gedanken brachte, rührte allerdings von
bloßer Ersparnis an Aufwand her, aber mit der Entwicklung des Spieles
zum Witze mußte auch die Spartendenz ihre Ziele verlegen, denn gegen
den riesigen Aufwand unserer Denktätigkeit käme, was durch Gebrauch
der nämlichen Worte oder Vermeidung einer neuen Gedankenfügung erspart
würde, sicherlich nicht in Betracht. Wir dürfen uns wohl den Vergleich
der psychischen Ökonomie mit einem Geschäftsbetrieb gestatten. Solange
in diesem der Umsatz sehr klein ist, kommt es allerdings darauf an,
daß im ganzen wenig verbraucht, die Kosten der Regie auf’s äußerste
eingeschränkt werden. Die Sparsamkeit geht noch auf die absolute Höhe
des Aufwandes. Späterhin, wenn sich der Betrieb vergrößert hat, tritt
die Bedeutung der Regiekosten zurück; es liegt nichts mehr daran, zu
welcher Höhe sich der Betrag des Aufwandes erhebt, wenn nur Umsatz und
Ertrag groß genug gesteigert werden können. Zurückhaltung im Aufwande
für den Geschäftsbetrieb wäre kleinlich, ja direkt verlustbringend.
Dennoch wäre es unrichtig anzunehmen, bei dem absolut großen Aufwande
gäbe es keinen Raum mehr für die Spartendenz. Der zur Ersparung
neigende Sinn des Chefs wird sich nun der Sparsamkeit im Einzelnen
zuwenden und sich befriedigt fühlen, wenn dieselbe Veranstaltung nun
mit geringeren Kosten besorgt werden kann, die vorher größere Kosten
zu verursachen pflegte, so gering auch die Ersparnis zur Höhe des
Gesamtaufwandes erscheinen mag. In ganz analoger Weise bleibt auch in
unserem komplizierten psychischen Betrieb die detaillierte Ersparung
eine Quelle der Lust, wie alltägliche Vorkommnisse uns zeigen können.
Wer früher in seinem Zimmer eine Gaslampe brennen hatte und sich nun
auf elektrisches Licht eingerichtet hat, der wird eine ganze Zeit lang
ein deutliches Lustgefühl verspüren, wenn er den elektrischen Hahn
umlegt, so lange nämlich, als in jenem Moment die Erinnerung in ihm
lebendig wird an die komplizierten Verrichtungen, die zur Entzündung
der Gaslampe erforderlich waren. Ebenso werden die im Vergleich zum
psychischen Gesamtaufwand geringfügigen Ersparungen an psychischem
Hemmungsaufwand, die der Witz zu stande bringt, eine Quelle der Lust
für uns bleiben, weil durch sie ein einzelner Aufwand erspart wird, den
wir zu machen gewohnt sind, und den wir auch diesmal zu machen schon
in Bereitschaft waren. Das Moment, daß der Aufwand ein erwarteter,
vorbereiteter ist, tritt unverkennbar in den Vordergrund.
Eine lokalisierte Ersparung, wie die eben betrachtete, wird nicht
verfehlen uns momentane Lust zu bereiten, aber eine dauernde
Erleichterung wird durch sie nicht herbeigeführt, solange das hier
Ersparte an anderer Stelle zur Verwendung kommen kann. Erst wenn
diese anderweitige Verfügung vermieden werden kann, wandelt sich
die spezielle Ersparung wieder in eine allgemeine Erleichterung des
psychischen Aufwandes um. So tritt für uns mit besserer Einsicht in die
psychischen Vorgänge des Witzes das Moment der Erleichterung an die
Stelle der Ersparung. Erstere ergibt offenbar das größere Lustgefühl.
Der Vorgang bei der ersten Person des Witzes erzeugt Lust durch
Aufhebung von Hemmung, Verringerung des lokalen Aufwandes; er scheint
nun nicht eher zur Ruhe zu kommen, als bis er durch die Vermittlung der
eingeschobenen dritten Person die allgemeine Erleichterung durch die
Abfuhr erzielt hat.
[47] +H. Spencer+, The physiology of laughter (first published in
Macmillan’s Magazine for March 1860), Essays II. Bd., 1901.
[48] Verschiedene Punkte dieser Bestimmung würden bei einer
Untersuchung über die komische Lust eine eingehende Prüfung
verlangen, die bereits von anderen Autoren vorgenommen worden
ist und jedenfalls nicht auf unserem Wege liegt. -- In der
Erklärung, warum die Abfuhr gerade jene Wege findet, deren
Erregung das somatische Bild des Lachens ergibt, scheint mir
+Spencer+ nicht glücklich gewesen zu sein. Zu dem vor und
seit +Darwin+ ausführlich behandelten aber immer noch nicht
endgültig erledigten Thema der physiologischen Aufklärung
des Lachens, also der Ableitung oder Deutung der für das
Lachen charakteristischen Muskelaktionen, möchte ich einen
einzigen Beitrag liefern. Meines Wissens tritt die für das
Lächeln bezeichnende Grimasse der Mundwinkelverziehung zuerst
beim befriedigten und übersättigten Säugling auf, wenn er
eingeschläfert die Brust fahren läßt. Sie ist dort eine richtige
Ausdrucksbewegung, da sie dem Entschluß keine Nahrung mehr
aufzunehmen entspricht, gleichsam ein „Genug“ oder vielmehr
„Übergenug“ darstellt. Dieser ursprüngliche Sinn der lustvollen
Übersättigung mag dem Lächeln, welches ja das Grundphänomen
des Lachens bleibt, die spätere Beziehung zu den lustvollen
Abfuhrvorgängen verschafft haben.
[49] Vgl. die Abschnitte in dem zitierten Buch von +Lipps+, Kap.
VIII. „Über die psychische Kraft“ u. s. f. (Dazu „Traumdeutung“,
VIII.) -- „Es gilt also der allgemeine Satz: Die Faktoren des
psychischen Lebens sind nicht die Bewußtseinsinhalte, sondern
die an sich unbewußten psychischen Vorgänge. Die Aufgabe der
Psychologie, falls sie nicht bloß Bewußtseinsinhalte beschreiben
will, muß dann darin bestehen, aus der Beschaffenheit der
Bewußtseinsinhalte und ihres zeitlichen Zusammenhanges
die Natur dieser unbewußten Vorgänge zu erschließen. Die
Psychologie muß sein eine Theorie dieser Vorgänge. Eine solche
Psychologie wird aber sehr bald finden, daß es gar mancherlei
Eigenschaften dieser Vorgänge gibt, die in den entsprechenden
Bewußtseinsinhalten nicht repräsentiert sind.“ (+Lipps+, l. c.
S. 123.)
[50] Der Gesichtspunkt des Status nascendi ist von +Heymans+
(Zeitschrift für Psychol., XI) in etwas anderem Zusammenhange
geltend gemacht worden.
[51] An einem Beispiel von Verschiebungswitz möchte ich noch einen
anderen interessanten Charakter der Witztechnik erörtern.
Die geniale Schauspielerin +Gallmeyer+ soll einmal auf die
unerwünschte Frage „Wie alt?“, „im Gretchenton und mit
verschämtem Augenniederschlag“ geantwortet haben: „In Brünn“.
Das ist nun das Muster einer Verschiebung; nach dem Alter
gefragt, antwortet sie mit der Angabe ihres Geburtsortes,
antizipiert also die nächste Frage und gibt zu verstehen:
Diese eine Frage möchte ich übergangen wissen. Und doch fühlen
wir, daß der Charakter des Witzes hier nicht ungetrübt zum
Ausdruck kommt. Das Abspringen von der Frage ist zu klar, die
Verschiebung allzu augenfällig. Unsere Aufmerksamkeit versteht
sofort, daß es sich um eine beabsichtigte Verschiebung handelt.
Bei den anderen Verschiebungswitzen ist die Verschiebung
verhüllt, unsere Aufmerksamkeit wird durch das Bemühen sie
festzustellen gefesselt. In einem der Verschiebungswitze (S.
42) „Was mache ich um ½7 Uhr in Preßburg?“ als Antwort auf die
Empfehlung des Reitpferdes ist die Verschiebung gleichfalls
eine vordringliche, aber zum Ersatz dafür wirkt sie als
unsinnig verwirrend auf die Aufmerksamkeit, während wir beim
Verhör der Schauspielerin ihre Verschiebungsantwort sofort
unterzubringen wissen. -- In anderer Richtung weichen vom Witz
die sogenannten „+Scherzfragen+“ ab, die sich sonst der besten
Techniken bedienen mögen. Ein Beispiel einer Scherzfrage mit
Verschiebungstechnik ist folgendes: Was ist ein Kannibale, der
seinen Vater und seine Mutter aufgefressen hat? -- Antwort:
+Waise.+ -- Und wenn er alle seine anderen Verwandten mit dazu
gefressen hat? -- +Universalerbe.+ -- Und wo findet solch ein
Scheusal noch Sympathie? -- +Im Konversationslexikon unter
S.+ Die Scherzfragen sind darum keine vollen Witze, weil, die
geforderten witzigen Antworten nicht wie die Anspielungen,
Auslassungen usw. des Witzes erraten werden können.