Wir folgen einem Winke des Zufalls und greifen das erste Witzbeispiel
auf, das uns im vorigen Abschnitt entgegengetreten ist.
[Sidenote: Heines Witz: Famillionär.]
In dem Stück der „Reisebilder“, welches „Die Bäder von Lucca“ betitelt
ist, führt +H. Heine+ die köstliche Gestalt des Lotteriekollekteurs und
Hühneraugenoperateurs Hirsch-Hyacinth aus Hamburg auf, der sich gegen
den Dichter seiner Beziehungen zum reichen Baron Rothschild berühmt und
zuletzt sagt: Und so wahr mir Gott alles Gute geben soll, Herr Doktor,
ich saß neben Salomon Rothschild und er behandelte mich ganz wie seines
Gleichen, ganz +famillionär+.
An diesem als ausgezeichnet anerkannten und sehr lachkräftigen Beispiel
haben +Heymans+ und +Lipps+ die Ableitung der komischen Wirkung des
Witzes aus der „Verblüffung und Erleuchtung“ (s. o.) erläutert. Wir
aber lassen diese Frage beiseite und stellen uns die andere: was es
denn ist, was die Rede des Hirsch-Hyacinth zu einem Witze macht? Es
könnte nur zweierlei sein; entweder ist es der in dem Satz ausgedrückte
Gedanke, der den Charakter des Witzigen an sich trägt, oder der Witz
haftet an dem Ausdruck, den der Gedanke in dem Satz gefunden hat. Auf
welcher Seite sich uns der Witzcharakter zeigt, dort wollen wir ihn
weiter verfolgen und versuchen, seiner habhaft zu werden.
Ein Gedanke kann ja im allgemeinen in verschiedenen sprachlichen
Formen -- in Worten also -- zum Ausdruck gebracht werden, die ihn
gleich zutreffend wiedergeben mögen. In der Rede des Hirsch-Hyacinth
liegt uns nun eine bestimmte Ausdrucksform eines Gedankens vor und,
wie uns ahnt, eine besonders eigentümliche, nicht diejenige, welche
am leichtesten verständlich ist. Versuchen wir, denselben Gedanken
möglichst getreulich in anderen Worten auszudrücken. +Lipps+ hat
dies bereits getan und damit die Fassung des Dichters gewissermaßen
erläutert. Er sagt (S. 87): „Wir verstehen, daß +Heine+ sagen will,
die Aufnahme sei eine familiäre gewesen, nämlich von der bekannten
Art, die durch den Beigeschmack des Millionärtums an Annehmlichkeiten
nicht zu gewinnen pflegt.“ Wir verändern nichts an diesem Sinn, wenn
wir eine andere Fassung annehmen, die sich vielleicht besser in die
Rede des Hirsch-Hyacinth einfügt: „Rothschild behandelte mich ganz wie
seines Gleichen, ganz +familiär+, d. h. soweit ein +Millionär+ das
zu stande bringt.“ „Die Herablassung eines reichen Mannes hat immer
etwas Mißliches für den, der sie an sich erfährt,“ würden wir noch
hinzusetzen.[3]
Ob wir nun bei dieser oder einer anderen gleichwertigen Textierung
des Gedankens verbleiben, wir sehen, daß die Frage, welche wir uns
vorgelegt haben, bereits entschieden ist. Der Witzcharakter haftet
in diesem Beispiel nicht am Gedanken. Es ist eine richtige und
scharfsinnige Bemerkung, die +Heine+ seinem Hirsch-Hyacinth in den
Mund legt, eine Bemerkung von unverkennbarer Bitterkeit, wie sie bei
dem armen Manne angesichts so großen Reichtums leicht begreiflich
ist, aber wir würden uns nicht getrauen, sie witzig zu heißen. Meinte
nun jemand, der bei der Übertragung die Erinnerung an die Fassung des
Dichters nicht los zu werden vermag, der Gedanke sei doch auch an
sich witzig, so können wir ja auf ein sicheres Kriterium des bei der
Übertragung verloren gegangenen Witzcharakters verweisen. Die Rede des
Hirsch-Hyacinth machte uns laut lachen, die sinngetreue Übertragung
derselben nach +Lipps+ oder in unserer Fassung mag uns gefallen, zum
Nachdenken anregen, aber zum Lachen bringen kann sie uns nicht.
Wenn aber der Witzcharakter unseres Beispiels nicht dem Gedanken
anhaftet, so ist er in der Form, im Wortlaut seines Ausdruckes zu
suchen. Wir brauchen nur die Besonderheit dieser Ausdrucksweise zu
studieren, um zu erfassen, was man als die Wort- oder Ausdruckstechnik
dieses Witzes bezeichnen kann und was in inniger Beziehung zu dem Wesen
des Witzes stehen muß, da Charakter und Wirkung des Witzes mit dessen
Ersetzung durch anderes verschwinden. Wir befinden uns übrigens in
voller Übereinstimmung mit den Autoren, wenn wir soviel Wert auf die
sprachliche Form des Witzes legen. So z. B. sagt +K. Fischer+ (S. 72):
„Es ist zunächst die bloße Form, die das Urteil zum Witz macht, und man
wird hier an ein Wort +Jean Pauls+ erinnert, welches eben diese Natur
des Witzes in demselben Ausspruche erklärt und beweist: ‚So sehr sieget
die bloße Stellung, es sei der Krieger oder der Sätze.‘“
Worin besteht nun die „Technik“ dieses Witzes? Was ist mit dem Gedanken
etwa in unserer Fassung vorgegangen, bis aus ihm der Witz wurde, über
den wir so herzlich lachen? Zweierlei, wie die Vergleichung unserer
Fassung mit dem Text des Dichters lehrt. Erstens hat eine erhebliche
+Verkürzung+ stattgefunden. Wir mußten, um den im Witz enthaltenen
Gedanken voll auszudrücken, an die Worte „+R. behandelte mich ganz
wie seines Gleichen, ganz familiär+,“ einen Nachsatz anfügen, der
aufs kürzeste eingeengt lautete: +d. h. soweit ein Millionär das zu
stande bringt+, und dann fühlten wir erst noch das Bedürfnis nach einem
erläuternden Zusatz.[4] Beim Dichter heißt es weit kürzer:
„+R. behandelte mich ganz wie seines Gleichen, ganz =famillionär=.+“
Die ganze Einschränkung, die der zweite Satz an den ersten anfügt,
welcher die familiäre Behandlung konstatiert, ist im Witze verloren
gegangen.
[Sidenote: Mischwortbildung.]
Aber doch nicht ganz ohne einen Ersatz, aus dem man sie rekonstruieren
kann. Es hat auch noch eine zweite Abänderung stattgefunden. Das Wort
„+familiär+“ im witzlosen Ausdruck des Gedankens ist im Text des Witzes
zu „+famillionär+“ umgewandelt worden, und ohne Zweifel hängt gerade an
diesem Wortgebilde der Witzcharakter und der Lacheffekt des Witzes. Das
neugebildete Wort deckt sich in seinem Anfang mit dem „familiär“ des
ersten, in seinen auslautenden Silben mit dem „Millionär“ des zweiten
Satzes, es vertritt gleichsam den einen Bestandteil „Millionär“ aus
dem zweiten Satze, infolgedessen den ganzen zweiten Satz, und setzt
uns auf diese Weise in den Stand, den im Text des Witzes ausgelassenen
zweiten Satz zu erraten. Es ist als ein Mischgebilde aus den zwei
Komponenten „familiär“ und „Millionär“ zu beschreiben, und man wäre
versucht, sich seine Entstehung aus diesen beiden Worten graphisch zu
veranschaulichen.[5]
F A M I L I Ä R
·M I L I O N Ä R·
-------------------
F A =M I L I= ·O N· =Ä R=
Den Vorgang aber, welcher den Gedanken in den Witz übergeführt hat,
kann man sich in folgender Weise darstellen, die zunächst recht
phantastisch erscheinen mag, aber nichtsdestoweniger genau das wirklich
vorhandene Ergebnis liefert:
„R. behandelte mich ganz familiär,
d. h. soweit ein Millionär es zu stande bringt.“
Nun denke man sich eine zusammendrängende Kraft auf diese Sätze
einwirken und nehme an, daß der Nachsatz aus irgend einem Grunde der
weniger resistente sei. Dieser wird dann zum Schwinden gebracht werden,
der bedeutsame Bestandteil desselben, das Wort „Millionär“, welches
sich gegen die Unterdrückung zu sträuben vermag, wird gleichsam an den
ersten Satz angepreßt, mit dem ihm so sehr ähnlichen Element dieses
Satzes „familiär“ verschmolzen, und gerade diese zufällig gegebene
Möglichkeit, das Wesentliche des zweiten Satzes zu retten, wird den
Untergang der anderen unwichtigeren Bestandteile begünstigen. So
entsteht dann der Witz:
„R. behandelte mich ganz famili on är.“
/ \
(mili) (är)
Abgesehen von solcher zusammendrängenden Kraft, die uns ja unbekannt
ist, dürfen wir den Hergang der Witzbildung, also die Witztechnik
dieses Falles, beschreiben als eine +Verdichtung mit Ersatzbildung+,
und zwar, besteht in unserem Beispiel die Ersatzbildung in der
Herstellung eines +Mischwortes+. Dieses Mischwort „=famillionär=“, an
sich unverständlich, in dem Zusammenhange, in dem es steht, sofort
verstanden und als sinnreich erkannt, ist nun der Träger der zum Lachen
zwingenden Wirkung des Witzes, deren Mechanismus uns allerdings durch
die Aufdeckung der Witztechnik in keiner Weise näher gebracht wird.
Inwiefern kann ein sprachlicher Verdichtungsvorgang mit Ersatzbildung
durch ein Mischwort uns Lust schaffen und zum Lachen nötigen? Wir
merken, dies ist ein anderes Problem, dessen Behandlung wir aufschieben
dürfen, bis wir einen Zugang zu ihm gefunden haben. Vorläufig werden
wir bei der Technik des Witzes bleiben.
Unsere Erwartung, daß die Technik des Witzes für die Einsicht in das
Wesen desselben nicht gleichgültig sein könne, veranlaßt uns zunächst
zu forschen, ob es noch andere Witzbeispiele gibt, die wie +Heines+
„famillionär“ gebaut sind. Es gibt deren nun nicht sehr viele, aber
immerhin genug, um eine kleine Gruppe, die durch die Mischwortbildung
charakterisiert ist, aufzustellen. +Heine+ selbst hat aus dem Worte
Millionär einen zweiten Witz gezogen, sich gleichsam selbst kopiert,
indem er von einem „=Millionarr=“ spricht (Ideen, Kap. XIV), was eine
durchsichtige Zusammenziehung von +Millionär+ und +Narr+ ist und ganz
ähnlich wie das erste Beispiel einen unterdrückten Nebengedanken zum
Ausdruck bringt.
[Sidenote: Verdichtung mit Ersatzbildung.]
Andere Beispiele, die mir bekannt geworden sind: Die Berliner
heißen einen gewissen +Brunnen+ in ihrer Stadt, dessen Errichtung
dem Oberbürgermeister +Forckenbeck+ viel Ungnade zugezogen hat,
das „=Forckenbecken=“, und dieser Bezeichnung ist der Witz nicht
abzusprechen, wenngleich das Wort „Brunnen“ erst eine Wandlung in
das ungebräuchliche „Becken“ erfahren mußte, um mit dem Namen in
einem Gemeinsamen zusammenzutreffen. -- Der böse Witz Europas hatte
einst einen Potentaten aus +Leopold+ in =Cleopold= umgetauft wegen
seiner damaligen Beziehungen zu einer Dame mit dem Vornamen +Cléo+,
eine unzweifelhafte Verdichtungsleistung, die nun mit dem Aufwand
eines einzigen Buchstabens eine ärgerliche Anspielung immer frisch
erhält. -- Eigennamen verfallen überhaupt leicht dieser Bearbeitung
der Witztechnik: In Wien gab es zwei Brüder, namens +Salinger+, von
denen einer Börsen+sensal+ war. Das gab die Handhabe, den einen Bruder
=Sensalinger= zu nennen, während für den anderen zur Unterscheidung die
unliebenswürdige Bezeichnung =Scheusalinger= in Aufnahme kam. Es war
bequem und gewiß witzig; ich weiß nicht, ob es berechtigt war. Der Witz
pflegt danach nicht viel zu fragen.
Folgender Verdichtungswitz wurde mir erzählt: Ein junger Mann, der
bisher in der Fremde ein heiteres Leben geführt, besucht nach längerer
Abwesenheit einen hier wohnenden Freund, der nun mit Überraschung den
Ehering an der Hand des Besuchers bemerkt. Was? ruft er aus, Sie sind
verheiratet? Ja, lautet die Antwort: =Trauring=, +aber wahr+. Der
Witz ist vortrefflich; in dem Worte „=Trauring=“ kommen die beiden
Komponenten, das Wort: Ehering in +Trauring+ gewandelt und der Satz:
+Traurig, aber wahr+, zusammen.
Es tut der Wirkung des Witzes hier keinen Eintrag, daß das Mischwort
eigentlich nicht ein unverständliches, sonst nicht existenzfähiges
Gebilde ist wie „famillionär“, sondern sich vollkommen mit dem einen
der beiden verdichteten Elemente deckt.
Zu einem Witz, der wiederum dem „famillionär“ ganz analog ist, habe
ich selbst im Gespräche unabsichtlich das Material geliefert. Ich
erzählte einer Dame von den großen Verdiensten eines Forschers, den
ich für einen mit Unrecht Verkannten halte. „Aber der Mann verdient
doch ein Monument,“ meinte sie. „Möglich, daß er es einmal bekommen
wird,“ antwortete ich, „aber momentan ist sein Erfolg sehr gering.“
„+Monument+“ und „+momentan+“ sind Gegensätze. Die Dame vereinigt nun
die Gegensätze: Also wünschen wir ihm einen =monumentanen= Erfolg.
Einer vortrefflichen Bearbeitung des gleichen Themas in englischer
Sprache (+A. A. Brill+, Freud’s Theory of wit, Journal of abnormal
Psychology, 1911) verdanke ich einige fremdsprachige Beispiele, die den
gleichen Mechanismus der Verdichtung zeigen wie unser „famillionär“.
Der englische Autor +de Quincey+, erzählt +Brill+, hat irgendwo die
Bemerkung gemacht, daß alte Leute dazu neigen, in „=anecdotage=“ zu
verfallen. Das Wort ist zusammengeschmolzen aus den sich teilweise
überdeckenden
anec+dote+ und
+dotage+ (kindisches Gefasel).
In einer anonymen kurzen Geschichte fand +Brill+ einmal die
Weihnachtszeit bezeichnet als „=the alcoholidays=“. Die gleiche
Verschmelzung aus
alco+hol+ und
+holi+days (Festtage).
Als +Flaubert+ seinen berühmten Roman Salammbô, der im alten Karthago
spielt, veröffentlicht hatte, verspottete ihn +Sainte-Beuve+ als
=Carthaginoiserie= wegen seiner peinlichen Detailmalerei:
Cartha+ginois+
+chinoiserie+.
Das vorzüglichste Witzspiel dieser Gruppe hat einen der ersten Männer
Österreichs zum Urheber, der nach bedeutsamer wissenschaftlicher und
öffentlicher Tätigkeit nun ein oberstes Amt im Staate bekleidet.
Ich habe mir die Freiheit genommen, die Witze, die dieser Person
zugeschrieben werden und in der Tat alle das gleiche Gepräge tragen,
als Material für diese Untersuchungen zu verwenden,[6] vor allem darum,
weil es schwer gehalten hätte, sich ein besseres zu verschaffen.
[Sidenote: Verdichtung mit Modifikation.]
Herr N. wird eines Tages auf die Person eines Schriftstellers
aufmerksam gemacht, der durch eine Reihe von wirklich langweiligen
Aufsätzen bekannt geworden ist, welche er in einer Wiener Tageszeitung
veröffentlicht hat. Die Aufsätze behandeln durchweg kleine Episoden
aus den Beziehungen des ersten Napoleon zu Österreich. Der Verfasser
ist rothaarig. Herr N. fragt, sobald er den Namen gehört hat: +Ist das
nicht der =rote Fadian=, der sich durch die Geschichte der Napoleoniden
zieht?+
Um die Technik dieses Witzes zu finden, müssen wir auf ihn jenes
Reduktionsverfahren anwenden, welches den Witz durch Änderung des
Ausdruckes aufhebt und dafür den ursprünglichen vollen Sinn wieder
einsetzt, wie er sich aus einem guten Witz mit Sicherheit erraten
läßt. Der Witz des Herrn N. vom roten Fadian ist aus zwei Komponenten
hervorgegangen, aus einem absprechenden Urteil über den Schriftsteller
und aus der Reminiszenz an das berühmte Gleichnis, mit welchem +Goethe+
die Auszüge: „Aus Ottiliens Tagebuche“ in den „Wahlverwandtschaften“
einleitet.[7] Die unmutige Kritik mag gelautet haben: Das also ist der
Mensch, der ewig und immer wieder nur langweilige Feuilletons über
Napoleon in Österreich zu schreiben weiß! Diese Äußerung ist nun gar
nicht witzig. Auch der schöne Vergleich +Goethes+ ist kein witziger und
ganz gewiß nicht geeignet, uns zum Lachen zu bringen. Erst wenn diese
beiden in Beziehung zueinander gesetzt werden und dem eigentümlichen
Verdichtungs- und Verschmelzungsprozeß unterliegen, entsteht ein Witz,
und zwar vom ersten Range.[8]
Die Verknüpfung zwischen dem schimpflichen Urteil über den
langweiligen Geschichtschreiber und dem schönen Gleichnis in den
Wahlverwandtschaften, muß sich aus Gründen, die ich hier noch nicht
verständlich machen kann, auf weniger einfache Weise hergestellt
haben als in vielen ähnlichen Fällen. Ich werde es versuchen, den
vermutlichen wirklichen Hergang durch folgende Konstruktion zu
ersetzen. Zunächst mag das Element der beständigen Wiederkehr desselben
Themas bei Herrn N. eine leise Reminiszenz an die bekannte Stelle der
Wahlverwandtschaften geweckt haben, die ja zumeist fälschlich mit
dem Wortlaut „+es zieht sich wie ein roter Faden+“ zitiert wird. Der
„rote Faden“ des Gleichnisses übte nun eine verändernde Wirkung auf
den Ausdruck des ersten Satzes aus, infolge des zufälligen Umstandes,
daß auch der Geschmähte +rot+, nämlich +rothaarig+ ist. Es mag nun
gelautet haben: +Also dieser rote Mensch ist es, der die langweiligen
Feuilletons über Napoleon schreibt.+ Nun griff der Prozeß ein, der
die Verdichtung beider Stücke zu einem bezweckte. Unter dem Drucke
desselben, der in der Gleichheit des Elements „+rot+“ den ersten
Stützpunkt gefunden hatte, assimilierte sich das „+langweilig+“ dem
„+Faden+“ und verwandelte sich in „+fad+“, und nun konnten die beiden
Komponenten verschmelzen zu dem Wortlaut des Witzes, an welchem diesmal
das Zitat fast mehr Anteil hat als das gewiß ursprünglich allein
vorhandene schmähende Urteil.
„Also dieser +rote+ Mensch ist es, der das +fade+ Zeug +über N.+
schreibt.
Der +rote+ +Faden, der sich durch+
alles hindurch+zieht+.
----------------------------------------------------------------------
+Ist das nicht der =rote Fadian=, der sich durch die Geschichte der
N. zieht?+“
Eine Rechtfertigung, aber auch eine Korrektur dieser Darstellung werde
ich in einem späteren Abschnitt geben, wenn ich diesen Witz von anderen
als bloß formalen Gesichtspunkten her analysieren darf. Was immer aber
an ihr zweifelhaft sein möge, die Tatsache, daß hier eine Verdichtung
vorgefallen ist, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Das Ergebnis
der Verdichtung ist einerseits wiederum eine erhebliche Verkürzung,
anderseits anstatt einer auffälligen Mischwortbildung vielmehr eine
Durchdringung der Bestandteile beider Komponenten. „+Roter Fadian+“
wäre immerhin als bloßes Schimpfwort existenzfähig; es ist in unserem
Falle sicherlich ein Verdichtungsprodukt.
Wenn nun an dieser Stelle zuerst ein Leser unwillig würde über eine
Betrachtungsweise, die ihm das Vergnügen am Witz zu zerstören droht,
ohne ihm aber die Quelle dieses Vergnügens aufklären zu können, so
würde ich ihn zunächst um Geduld bitten. Wir stehen erst bei der
Technik des Witzes, deren Untersuchung ja auch Aufschlüsse verspricht,
wenn wir sie erst weit genug ausgedehnt haben.
Wir sind durch die Analyse des letzten Beispiels vorbereitet darauf,
daß, wenn wir dem Verdichtungsvorgang noch in anderen Beispielen
begegnen, der Ersatz des Unterdrückten nicht in einer Mischwortbildung,
sondern auch in einer anderen Abänderung des Ausdrucks gegeben sein
könne. Worin dieser andersartige Ersatz bestehen mag, wollen wir aus
anderen Witzen des Herrn N. lernen.
„+Ich bin =tête-à-bête= mit ihm gefahren.+“ Nichts leichter als
diesen Witz zu reduzieren. Offenbar kann es dann nur heißen: Ich bin
+tête-à-tête+ mit dem X. gefahren, und der X. ist ein dummes +Vieh+.
Keiner der beiden Sätze ist witzig. Oder in einen Satz zusammengezogen:
+Ich bin tête-à-tête mit dem dummen Vieh von X. gefahren+, was
ebensowenig witzig ist. Der Witz stellt sich erst her, wenn das
„+dumme Vieh+“ weggelassen wird und zum Ersatz dafür das eine +tête+
sein =t= in =b= verwandelt, mit welcher geringen Modifikation das
erst unterdrückte „Vieh“ doch wieder zum Ausdruck gelangt. Man kann
die Technik dieser Gruppe von Witzen beschreiben als +Verdichtung mit
leichter Modifikation+ und ahnt, daß der Witz um so besser sein wird,
je geringfügiger die Ersatzmodifikation ausfällt.
Ganz ähnlich, obwohl nicht unkompliziert, ist die Technik eines anderen
Witzes. Herr N. sagt im Wechselgespräch über eine Person, an der
manches zu rühmen und vieles auszusetzen ist: +Ja, die Eitelkeit ist
eine seiner =vier Achillesfersen=.+[9] Die leichte Modifikation besteht
hier darin, daß anstatt der +einen Achillesferse+, die man ja auch beim
Helden zugestehen muß, deren +vier+ behauptet werden. Vier Fersen,
also vier Füße hat aber nur das Vieh. Somit haben die beiden im Witz
verdichteten Gedanken gelautet:
„+Y. ist bis auf seine Eitelkeit ein hervorragender Mensch; aber ich
mag ihn doch nicht, er ist doch eher ein Vieh als ein Mensch.+“[10]
Ähnlich, nur viel einfacher, ist ein anderer Witz, den ich in einem
Familienkreise im statu nascendi zu hören bekam. Von zwei Brüdern,
Gymnasiasten, ist der eine ein vortrefflicher, der andere ein recht
mittelmäßiger Schüler. Nun passiert auch dem Musterknaben einmal
ein Unfall in der Schule, den die Mutter zur Sprache bringt, um der
Besorgnis Ausdruck zu geben, das Ereignis könne den Anfang einer
dauernden Verschlechterung bedeuten. Der bisher durch seinen Bruder
verdunkelte Knabe greift diesen Anlaß bereitwillig auf. Ja, sagt er,
+Karl =geht auf allen Vieren zurück=+.
Die Modifikation besteht hier in einem kleinen Zusatz zur Versicherung,
daß der andere auch nach seinem Urteil zurückgeht. Diese Modifikation
vertritt und ersetzt aber ein leidenschaftliches Plaidoyer für die
eigene Sache: Überhaupt müßt ihr nicht glauben, daß er darum soviel
gescheiter ist als ich, weil er in der Schule besseren Erfolg hat. Er
ist doch nur ein dummes Vieh, d. h. viel dümmer, als ich bin.
Ein schönes Beispiel von Verdichtung mit leichter Modifikation
zeigt ein anderer sehr bekannter Witz des Herrn N., der von einer
im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit behauptete, +sie
habe eine große =Zukunft hinter sich=+. Es war ein jüngerer Mann,
auf den dieser Witz zielte, der durch seine Abstammung, Erziehung
und seine persönlichen Eigenschaften berufen erschien, dereinst die
Führung einer großen Partei zu übernehmen und an ihrer Spitze zur
Regierung zu gelangen. Aber die Zeiten änderten sich, die Partei wurde
regierungsunfähig, und nun ließ sich vorhersehen, daß auch der zu ihrem
Führer prädestinierte Mann es zu nichts bringen werde. Die kürzeste
reduzierte Fassung, durch die man diesen Witz ersetzen könnte, würde
lauten: +Der Mann hat eine große Zukunft vor sich gehabt, mit der ist
es aber jetzt aus.+ Anstatt des „+gehabt+“ und des Nachsatzes die
kleine Veränderung im Hauptsatze, daß das „+vor+“ durch ein „+hinter+“,
sein Gegenteil, abgelöst wird.[11]
Fast der nämlichen Modifikation bediente sich Herr N. im Falle eines
Kavaliers, der Ackerbauminister geworden war ohne anderes Anrecht, als
daß er selbst Landwirtschaft betrieb. Die öffentliche Meinung hatte
Gelegenheit, ihn als den mindest begabten, der je mit diesem Amt
betraut gewesen, zu erkennen. Als er aber das Amt niedergelegt und sich
auf seine landwirtschaftlichen Interessen zurückgezogen hatte, sagte
Herr N. von ihm:
+Er ist, wie Cincinnatus, auf seinen Platz vor dem Pflug zurückgekehrt.+
Der Römer, den man auch von der Landwirtschaft weg zum Amt berufen
hatte, nahm seinen Platz +hinter+ dem Pflug wieder ein. +Vor+ dem Pflug
ging damals wie heute nur -- der Ochs.
Eine gelungene Verdichtung mit leiser Modifikation ist es auch, wenn
+Karl Kraus+ von einem sogenannten Revolverjournalisten mitteilt, er
sei mit dem +Oriente=r=preßzug+ in eines der Balkanländer gefahren.
Gewiß treffen in diesem Wort die beiden anderen „+Orientexpreßzug+“
und „+Erpressung+“ zusammen. Infolge des Zusammenhanges macht sich das
Element „Erpressung“ nur als Modifikation des vom Verbum geforderten
„Orientexpreßzuges“ geltend. Dieser Witz hat für uns, indem er einen
Druckfehler vorspiegelt, noch ein anderes Interesse.
Wir könnten die Reihe dieser Beispiele leicht um weitere vermehren,
aber ich meine, wir bedürfen keiner neuen Fälle, um die Charaktere der
Technik in dieser zweiten Gruppe, Verdichtung mit Modifikation, sicher
zu erfassen. Vergleichen wir nun die zweite Gruppe mit der ersten,
deren Technik in Verdichtung mit Mischwortbildung bestand, so sehen wir
leicht ein, daß die Unterschiede nicht wesentliche und die Übergänge
fließend sind. Die Mischwortbildung wie die Modifikation unterordnen
sich dem Begriff der Ersatzbildung, und, wenn wir wollen, können wir
die Mischwortbildung auch als Modifikation des Grundwortes durch das
zweite Element beschreiben.
* * * * *
Wir dürfen aber hier einen ersten Halt machen und uns fragen, mit
welchem aus der Literatur bekannten Moment sich unser erstes Ergebnis
ganz oder teilweise deckt. Offenbar mit dem der Kürze, die +Jean Paul+
die Seele des Witzes nennt (s. o. S. 5). Die Kürze ist nun nicht an
sich witzig, sonst wäre jeder Lakonismus ein Witz. Die Kürze des Witzes
muß von besonderer Art sein. Wir erinnern uns, daß +Lipps+ versucht
hat, die Besonderheit der Witzkürzung näher zu beschreiben (s. S. 5).
Hier hat nun unsere Untersuchung eingesetzt und nachgewiesen, daß
die Kürze des Witzes oftmals das Ergebnis eines besonderen Vorganges
ist, der im Wortlaut des Witzes eine zweite Spur, die Ersatzbildung,
hinterlassen hat. Bei der Anwendung des Reduktionsverfahrens,
welches den eigentümlichen Verdichtungsvorgang rückgängig zu machen
beabsichtigt, finden wir aber auch, daß der Witz nur an dem wörtlichen
Ausdruck hängt, welcher durch den Verdichtungsvorgang hergestellt wird.
Natürlich wendet sich jetzt unser volles Interesse diesem sonderbaren
und bisher fast nicht gewürdigten Vorgang zu. Wir können auch noch
gar nicht verstehen, wie aus ihm all das Wertvolle des Witzes, der
Lustgewinn, den der Witz uns bringt, entstehen kann.
[Sidenote: Die Verdichtung in der Traumarbeit aufzufinden.]
Sind ähnliche Vorgänge, wie wir sie hier als Technik des Witzes
beschrieben haben, auf irgend einem anderen Gebiete des seelischen
Geschehens schon bekannt geworden? Allerdings, auf einem einzigen und
scheinbar recht weit abliegenden. Im Jahre 1900 habe ich ein Buch
veröffentlicht, welches, wie sein Titel („Die Traumdeutung“)[12]
besagt, den Versuch macht, das Rätselhafte des Traumes aufzuklären
und ihn als Abkömmling normaler seelischer Leistung hinzustellen. Ich
finde dort Anlaß, den +manifesten+, oft sonderbaren +Trauminhalt+
in Gegensatz zu bringen zu den +latenten+, aber völlig korrekten
+Traumgedanken+, von denen er abstammt, und gehe auf die Untersuchung
der Vorgänge ein, welche aus den latenten Traumgedanken den Traum
machen, sowie der psychischen Kräfte, die bei dieser Umwandlung
beteiligt sind. Die Gesamtheit der umwandelnden Vorgänge nenne ich
die +Traumarbeit+ und als ein Stück dieser Traumarbeit habe ich einen
Verdichtungsvorgang beschrieben, der mit dem der Witztechnik die größte
Ähnlichkeit zeigt, wie dieser zur Verkürzung führt und Ersatzbildungen
vom gleichen Charakter schafft. Jedem werden aus eigener Erinnerung
an seine Träume die Mischgebilde von Personen und auch von Objekten
bekannt sein, die in den Träumen auftreten; ja, der Traum bildet
auch solche von Worten, die sich dann in der Analyse zerlegen lassen
(z. B. Autodidasker = Autodidakt + Lasker) („Die Traumdeutung“, S.
206).[13] Andere Male, und zwar noch viel häufiger, werden von der
Verdichtungsarbeit des Traumes nicht Mischgebilde erzeugt, sondern
Bilder, die völlig einem Objekt oder einer Person gleichen bis auf
eine Zutat oder Abänderung; die aus anderer Quelle stammt, also
Modifikationen ganz wie die in den Witzen des Herrn N. Wir können nicht
bezweifeln, daß wir hier wie dort den nämlichen psychischen Prozeß vor
uns haben, den wir an den identischen Leistungen erkennen dürfen. Eine
so weitgehende Analogie der Witztechnik mit der Traumarbeit wird gewiß
unser Interesse für die erstere steigern und die Erwartung in uns rege
machen, aus einem Vergleich von Witz und Traum manches zur Aufklärung
des Witzes zu ziehen. Aber wir enthalten uns, auf diese Arbeit
einzugehen, indem wir uns sagen, daß wir die Technik erst bei einer
sehr geringen Zahl von Witzen erforscht haben, so daß wir nicht wissen
können, ob die Analogie, deren Leitung wir uns überlassen wollen, auch
vorhalten wird. Wir wenden uns also von dem Vergleich mit dem Traume
ab und kehren zur Witztechnik zurück, lassen an dieser Stelle unserer
Untersuchung gleichsam einen Faden heraushängen, den wir vielleicht
später wieder aufnehmen werden.
* * * * *
[Sidenote: Zerteilungswitze.]
Das nächste, was wir erfahren wollen, ist, ob der Vorgang der
Verdichtung mit Ersatzbildung bei allen Witzen nachweisbar ist, so daß
er als der allgemeine Charakter der Witztechnik bezeichnet werden kann.
Ich erinnere mich da an einen Witz, der mir infolge besonderer Umstände
im Gedächtnis geblieben ist. Einer der großen Lehrer meiner jungen
Jahre, den wir für unbefähigt hielten, einen Witz zu schätzen, wie wir
auch nie einen eigenen Witz von ihm gehört hatten, kam eines Tages
lachend in das Institut und gab bereitwilliger als sonst Bescheid über
den Anlaß seiner heiteren Stimmung. „Ich habe da einen vorzüglichen
Witz gelesen. In einem Pariser Salon wurde ein junger Mann eingeführt,
der ein Verwandter des großen J. J. Rousseau sein sollte und auch
diesen Namen trug. Er war überdies rothaarig. Er benahm sich aber so
ungeschickt, daß die Dame des Hauses zu dem Herrn, der ihn eingeführt,
als Kritik äußerte: ‚Vous m’avez fait connaître un jeune homme +roux et
sot+, mais non pas un +Rousseau+.‘ Und er lachte von neuem.“
Dies ist nach der Nomenklatur der Autoren ein Klangwitz, und zwar
niedriger Sorte, einer, der mit dem Eigennamen spielt, etwa wie der
Witz in der Kapuzinade aus Wallensteins Lager, die bekanntlich der
Manier des +Abraham a Santa Clara+ nachgebildet ist:
„Läßt sich nennen den +Wallenstein+,
ja freilich ist er uns +allen+ ein +Stein+
des Anstoßes und Ärgernisses.“[14]
Welches ist aber die Technik dieses Witzes?
Da zeigt es sich, daß der Charakter, welchen wir vielleicht hofften
allgemein nachzuweisen, schon bei dem ersten neuen Fall versagt. Es
liegt hier keine Auslassung, kaum eine Verkürzung vor. Die Dame sagt
im Witze selbst fast alles aus, was wir ihren Gedanken unterlegen
können. „Sie haben mich auf einen Verwandten von +J. J. Rousseau+
gespannt gemacht, vielleicht einen Geistesverwandten, und siehe da,
es ist ein rothaariger dummer Junge, ein +roux et sot+.“ Ich habe da
allerdings einen Zusatz, eine Einschaltung machen können, aber dieser
Reduktionsversuch hebt den Witz nicht auf. Er bleibt und haftet an dem
Gleichklang von +Rousseau.+/+roux sot+. Damit ist nun erwiesen, daß
die Verdichtung mit Ersatzbildung an dem Zustandekommen dieses Witzes
keinen Anteil hat.
Was aber sonst? Neue Versuche zur Reduktion können mich belehren, daß
der Witz so lange resistent bleibt, bis der Name +Rousseau+ durch
einen anderen ersetzt wird. Ich setze z. B. anstatt desselben +Racine+
ein und sofort hat die Kritik der Dame, die ebenso möglich bleibt wie
vorhin, jede Spur von Witz eingebüßt. Nun weiß ich, wo ich die Technik
dieses Witzes zu suchen habe, kann aber noch über deren Formulierung
schwanken; ich will folgende versuchen: Die Technik des Witzes liegt
darin, daß ein und dasselbe Wort -- der Name -- in +zweifacher
Verwendung+ vorkommt, einmal als Ganzes und dann in seine Silben
zerteilt wie in einer Scharade.
Ich kann einige wenige Beispiele anführen, die in ihrer Technik mit
diesem identisch sind.
[Sidenote: Mehrfache Verwendung derselben Worte.]
Mit einem auf die gleiche Technik der zweifachen Verwendung beruhenden
Witz soll sich eine italienische Dame für eine taktlose Bemerkung des
ersten Napoleon gerächt haben. Er sagte ihr auf einem Hofballe, auf
ihre Landsleute deutend: „Tutti gli Italiani danzano si male“, und sie
erwiderte schlagfertig: „Non tutti, ma +buona parte+.“ (+Brill+, l. c.)
(Nach +Th. Vischer+ und +K. Fischer+.) Als in Berlin einmal die
+Antigone+ aufgeführt wurde, fand die Kritik, daß die Aufführung des
antiken Charakters entbehrt habe. Der Berliner Witz machte sich diese
Kritik in folgender Weise zu eigen: +Antik? Oh, nee.+
In ärztlichen Kreisen ist ein analoger Zerteilungswitz heimisch. Wenn
man einen seiner jugendlichen Patienten befragte, ob er sich je mit
der Masturbation befaßt habe, würde man gewiß keine andere Antwort
hören als: +O na, nie+.
In allen drei Beispielen, die für die Gattung genügen mögen, dieselbe
Technik des Witzes. Ein Name wird in ihnen zweimal verwendet, das
eine Mal ganz, das andere Mal in seine Silben zerteilt, in welcher
Zerteilung seine Silben einen gewissen anderen Sinn ergeben.[15]
Die mehrfache Verwendung desselben Wortes einmal als eines Ganzen
und dann der Silben, in die es sich zerfällen läßt, war der erste
Fall einer von der Verdichtung abweichenden Technik, der uns begegnet
ist. Nach kurzer Besinnung müssen wir aber aus der Fülle der uns
zuströmenden Beispiele erraten, daß die neu aufgefundene Technik kaum
auf dieses eine Mittel beschränkt sein dürfte. Es gibt offenbar eine
zunächst noch gar nicht übersehbare Anzahl von Möglichkeiten, wie
man dasselbe Wort oder dasselbe Material von Worten zur mehrfachen
Verwendung in einem Satze ausnützen kann. Sollten uns alle diese
Möglichkeiten als technische Mittel des Witzes entgegentreten? Es
scheint so zu sein; die nachfolgenden Beispiele von Witzen werden es
erweisen.
Man kann zunächst dasselbe Material von Worten nehmen und nur etwas an
der Anordnung derselben ändern. Je geringer die Abänderung ist, je eher
man den Eindruck empfängt, verschiedener Sinn sei doch mit denselben
Worten gesagt worden, desto besser ist in technischer Hinsicht der
Witz.
+D. Spitzer+ (Wiener Spaziergänge, II. Bd., S. 42):
„Das Ehepaar X. lebt auf ziemlich großem Fuße. Nach der Ansicht der
einen soll der Mann +viel verdient+ und sich +dabei etwas zurückgelegt+
haben, nach anderen wieder soll sich die Frau +etwas zurückgelegt+ und
dabei +viel verdient+ haben.“
Ein geradezu diabolisch guter Witz! Und mit wie geringen Mitteln er
hergestellt ist! Viel verdient -- sich etwas zurückgelegt, sich etwas
zurückgelegt -- viel verdient; es ist eigentlich nichts als eine
Umstellung dieser beiden Phrasen, wodurch sich das vom Manne Ausgesagte
von dem über die Frau Angedeuteten unterscheidet. Allerdings ist dies
auch hier wiederum nicht die ganze Technik dieses Witzes.[16]
[Sidenote: Doppelsinn und Wortspiel.]
Ein reicher Spielraum eröffnet sich der Witztechnik, wenn man die
„+mehrfache Verwendung des gleichen Materials+“ dahin ausdehnt, daß
das Wort -- oder die Worte --, an denen der Witz haftet, das eine Mal
unverändert, das andere Mal mit einer +kleinen Modifikation+ gebraucht
werden dürfe.
Z. B. ein anderer Witz des Herrn N.:
Er hört von einem Herrn, der selbst als Jude geboren ist, eine
gehässige Äußerung über jüdisches Wesen. „Herr Hofrat,“ meint er, „Ihr
+Antesemitismus+ war mir bekannt, Ihr +Antisemitismus+ ist mir neu.“
Hier ist nur ein einziger Buchstabe verändert, dessen Modifikation
bei sorgloser Aussprache kaum bemerkt wird. Das Beispiel erinnert
an die anderen Modifikationswitze des Herrn N. (s. S. 15), aber zum
Unterschiede von ihnen fehlt ihm die Verdichtung; es ist im Witze
selbst alles gesagt, was gesagt werden soll. „Ich weiß, daß Sie früher
selbst Jude waren; es wundert mich also, daß gerade Sie über Juden
schimpfen.“
Ein vortreffliches Beispiel eines solchen Modifikationswitzes ist auch
der bekannte Ausruf: +Traduttore -- Traditore!+
Die fast bis zur Identität gehende Ähnlichkeit der beiden Worte ergibt
eine sehr eindrucksvolle Darstellung der Notwendigkeit, die den
Übersetzer zum Frevler an seinem Autor werden läßt.[17]
Die Mannigfaltigkeit der möglichen leisen Modifikationen ist bei diesen
Witzen so groß, daß keiner mehr ganz dem anderen gleicht.
Hier ein Witz, der sich bei einem rechtswissenschaftlichen Examen
zugetragen haben soll! Der Kandidat soll eine Stelle des Corpus juris
übersetzen. „+Labeo ait+“ ... +Ich falle, sagt er ... Sie fallen, sag’
ich+, erwidert der Prüfer und die Prüfung ist zu Ende. Wer den Namen
des großen Rechtsgelehrten für eine, zudem falsch erinnerte, Vokabel
verkennt, verdient freilich nichts besseres. Aber die Technik des
Witzes liegt in der Verwendung fast der nämlichen Worte, welche die
Unwissenheit des Geprüften bezeugen, zu seiner Bestrafung durch den
Prüfer. Der Witz ist außerdem ein Beispiel von „Schlagfertigkeit“,
deren Technik, wie sich zeigen lassen wird, von der hier erläuterten
nicht viel absteht.
Worte sind ein plastisches Material, mit dem sich allerlei anfangen
läßt. Es gibt Worte, welche in gewissen Verwendungen die ursprüngliche
volle Bedeutung eingebüßt haben, deren sie sich in anderem
Zusammenhange noch erfreuen. In einem Witz von +Lichtenberg+ sind
gerade jene Verhältnisse herausgesucht, unter denen die abgeblaßten
Worte ihre volle Bedeutung wieder bekommen müssen.
„+Wie geht’s?+“ fragte der Blinde den +Lahmen+. „Wie Sie +sehen+,“
antwortete der Lahme dem +Blinden+.
Es gibt im Deutschen auch Worte, die in anderem Sinne +voll+ und +leer+
genommen werden können, und zwar in mehr als nur einem. Es können
nämlich zwei verschiedene Abkömmlinge desselben Stammes, das eine
sich zu einem Worte mit voller Bedeutung, das andere sich zu einer
abgeblaßten End- oder Anhängesilbe entwickelt haben, und beide doch
vollkommen gleich lauten. Der Gleichlaut zwischen einem vollen Wort und
einer abgeblaßten Silbe mag auch ein zufälliger sein. In beiden Fällen
kann die Witztechnik aus solchen Verhältnissen des Sprachmaterials
Nutzen ziehen.
+Schleiermacher+ wird z. B. ein Witz zugeschrieben, der uns als fast
reines Beispiel solcher technischen Mittel wichtig ist: +Eifersucht+
ist eine +Leidenschaft+, die mit +Eifer sucht+, was +Leiden schafft+.
Dies ist unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als
Witz. Es fallen hier eine Menge von Momenten weg, die uns bei
der Analyse anderer Witze irre machen können, so lange wir jeden
von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wortlaut
ausgedrückte Gedanke ist wertlos; er gibt jedenfalls eine recht
ungenügende Definition der Eifersucht. Von „Sinn im Unsinn“,
„verborgenem Sinn“, „Verblüffung und Erleuchtung“ ist keine Rede.
Einen Vorstellungskontrast wird man mit der größten Anstrengung
nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den Worten und dem,
was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von einer Verkürzung ist
nichts zu finden; der Wortlaut macht im Gegenteil den Eindruck
der Weitschweifigkeit. Und doch ist es ein Witz, selbst ein sehr
vollkommener. Sein einzig auffälliger Charakter ist gleichzeitig
derjenige, mit dessen Aufhebung der Witz verschwindet, nämlich daß
hier dieselben Worte eine mehrfache Verwendung erfahren. Man hat dann
die Wahl, ob man diesen Witz jener Unterabteilung zurechnen will, in
welcher Worte einmal ganz und das andere Mal zerteilt gebraucht werden
(wie +Rousseau+, +Antigone+), oder jener anderen, in der die volle und
die abgeblaßte Bedeutung von Wortbestandteilen die Mannigfaltigkeit
herstellen. Außer diesem ist nur noch ein anderes Moment für die
Technik des Witzes beachtenswert. Es ist hier ein ungewohnter
Zusammenhang hergestellt, eine Art +Unifizierung+ vorgenommen worden,
indem die Eifersucht durch ihren eigenen Namen, gleichsam durch sich
selbst definiert ist. Auch dies ist, wie wir hier hören werden,
eine Technik des Witzes. Diese beiden Momente müssen also für sich
hinreichend sein, einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu
geben.
Wenn wir uns nun in die Mannigfaltigkeit der „mehrfachen Verwendung“
desselben Wortes noch weiter einlassen, so merken wir mit einem Male,
daß wir Formen von „Doppelsinn“ oder „Wortspiel“ vor uns haben, die
als Technik des Witzes längst allgemein bekannt und gewürdigt sind.
Wozu haben wir uns die Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir
aus der seichtesten Abhandlung über den Witz hätten entnehmen können?
Wir können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur anführen, daß wir
an dem nämlichen Phänomen des sprachlichen Ausdrucks doch eine andere
Seite hervorheben. Was bei den Autoren den „spielerischen“ Charakter
des Witzes erweisen soll, fällt bei uns unter den Gesichtspunkt der
„mehrfachen Verwendung“.
Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man auch als
+Doppelsinn+ zu einer neuen, dritten Gruppe vereinigen kann, lassen
sich leicht in Unterabteilungen bringen, die freilich nicht durch
wesentliche Unterscheidungen von einander gesondert sind, ebensowenig
wie die ganze dritte Gruppe von der zweiten. Da gibt es zunächst
_a_) die Fälle von Doppelsinn eines +Namens+ und seiner +dinglichen
Bedeutung+, z. B. „+Drück dich aus unserer Gesellschaft ab, Pistol+“
(bei Shakespeare).
„Mehr +Hof+ als +Freiung+,“ sagte ein witziger Wiener mit Beziehung
auf mehrere schöne Mädchen, die seit Jahren viel gefeiert wurden und
noch immer keinen Mann gefunden hatten. „Hof“ und „Freiung“ sind zwei
aneinander stoßende Plätze im Innern der Stadt Wien.
+Heine+: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche Macbeth,
sondern hier herrscht +Banko+“ (Banquo).
Wo der unveränderte Namen nicht brauchbar -- man könnte sagen: nicht
mißbrauchbar -- ist, kann man mittels einer der uns bekannten kleinen
Modifikationen den Doppelsinn aus ihm gewinnen:
„Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurückgewiesen?“ fragte man
in nun überwundenen Zeiten. Die Antwort lautete: „+Elsas+ (+Elsaß+)
wegen.“
_b_) Den Doppelsinn der +sachlichen+ und +metaphorischen+ Bedeutung
eines Wortes, der eine ergiebige Quelle für die Witztechnik ist. Ich
zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold bekannter ärztlicher Kollege
sagte einmal zum Dichter +Arthur Schnitzler+: „Ich wundere mich nicht,
daß du ein großer Dichter geworden bist. Hat doch schon dein Vater
seinen Zeitgenossen den +Spiegel+ vorgehalten.“ Der Spiegel, den der
Vater des Dichters, der berühmte Arzt Dr. +Schnitzler+, gehandhabt, war
der +Kehlkopfspiegel+; nach einem bekannten Ausspruch +Hamlets+ ist es
der Zweck des Schauspieles, also auch des Dichters, der es schafft,
„der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eigenen
Züge, der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert und Körper der
Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen“ (III., 2. Szene).
_c_) Den eigentlichen Doppelsinn oder das +Wortspiel+, der sozusagen
ideale Fall der mehrfachen Verwendung; dem Wort wird hier nicht Gewalt
angetan, es wird nicht in seine Silbenbestandteile zerrissen, es
braucht sich keiner Modifikation zu unterziehen, nicht die Sphäre, der
es angehört, etwa als Eigenname, mit einer anderen zu vertauschen; ganz
so wie es ist und im Gefüge des Satzes steht, darf es dank der Gunst
gewisser Umstände zweierlei Sinn aussagen.
Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung:
(Nach +K. Fischer+.) Eine der ersten Regentenhandlungen des letzten
Napoleon war bekanntlich die Wegnahme der Güter der Orléans. Ein
vortreffliches Wortspiel sagte damals „C’est le premier +vol+ de
l’aigle.“ „Vol“ heißt +Flug+, aber auch +Raub+.
Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von dessen Talent
man ihm erzählt hatte, auf die Probe zu stellen; bei der ersten
Gelegenheit befiehlt er dem Kavalier, einen Witz zu machen über ihn
selbst; er selbst, der König, wolle „Sujet“ dieses Witzes sein. Der
Hofmann antwortete mit dem geschickten Bonmot: „Le roi n’est pas
+sujet+.“ „Sujet“ heißt ja auch +Untertan+.
Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu dem ihn
begleitenden Ehemanne kopfschüttelnd: Die Frau +gefällt+ mir nicht. Mir
+gefällt+ sie schon lange nicht, beeilt sich dieser zuzustimmen.
Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau, er hat aber
seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten ausgedrückt, daß der
Mann in ihnen die Bestätigung seiner ehelichen Abneigung finden kann.
Von einer satyrischen Komödie sagte +Heine+: „Diese Satyre wäre nicht
so +bissig+ geworden, wenn der Dichter mehr zu +beißen+ gehabt hätte.“
Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphorischem und gemeinem
Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber wem läge daran, hier an
scharfen Grenzen festzuhalten?
Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (+Heymans+, +Lipps+)
in einer Form erzählt, durch die ein Verständnis desselben verhindert
wird.[18] Die richtige Fassung und Einkleidung fand ich unlängst in
einer sonst wenig brauchbaren Sammlung von Witzen.[19]
„+Saphir+ kam einst mit +Rothschild+ zusammen. Sie hatten kaum ein
Weilchen miteinander geplaudert, als +Saphir+ sagte: ‚Hören Sie,
+Rothschild+, meine Kasse ist dünn geworden, Sie könnten mir 100
Dukaten pumpen.‘ ‚Je nun,‘ erwiderte +Rothschild+, ‚darauf soll es
mir nicht ankommen, aber nur unter der Bedingung, daß Sie einen Witz
machen.‘ ‚Darauf soll’s mir ebenfalls nicht ankommen,‘ versetzte
+Saphir+. ‚Gut, so kommen Sie morgen auf mein Bureau.‘ +Saphir+ stellte
sich pünktlich ein. ‚Ach,‘ sagte +Rothschild+, als er den Eintretenden
gewahrte, ‚+Sie kommen um Ihre 100 Dukaten+.‘ ‚Nein,‘ erwiderte dieser,
‚+Sie kommen um Ihre 100 Dukaten+, da es mir bis zum jüngsten Tage
nicht einfallen wird, sie wieder zu bezahlen.‘“
„Was +stellen+ diese Statuen +vor+?“ fragt ein Fremder einen
einheimischen Berliner angesichts einer Front von Denkmälern auf einem
öffentlichen Platz. „Je nu,“ antwortet dieser, „+entweder das rechte
oder das linke Bein+.“[20]
+Heine+ in der Harzreise: „Auch sind mir in diesem Augenblicke nicht
alle Studenten+namen+ im Gedächtnisse und unter den Professoren sind
manche, die noch gar keinen +Namen+ haben.“
Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung, wenn
wir hier einen anderen allbekannten Professorenwitz anschließen. „Der
Unterschied zwischen +ordentlichen+ und +außerordentlichen+ Professoren
besteht darin, daß die +ordentlichen+ nichts +außerordentliches+
und die +außerordentlichen+ nichts +ordentliches+ leisten.“ Das ist
gewiß ein Spiel mit den zwei Bedeutungen der Worte „ordentlich“ und
„außerordentlich“, in und außer der Ordo (dem Stande) einerseits und
tüchtig, beziehungsweise hervorragend, anderseits. Die Übereinstimmung
dieses Witzes aber mit anderen uns bekannt gewordenen Beispielen mahnt
uns daran, daß hier die mehrfache Verwendung weit auffälliger ist
als der Doppelsinn. Man hört ja in dem Satz nichts anderes als das
immer wiederkehrende „+ordentlich+“, bald als solches, bald negativ
modifiziert (vgl. S. 23). Außerdem ist hier wiederum das Kunststück
vollbracht, einen Begriff durch seinen Wortlaut zu definieren (vgl.
Eifersucht ist eine Leidenschaft usw.), genauer beschrieben, zwei
korrelative Begriffe durcheinander, wenn auch negativ, zu definieren,
was eine kunstvolle Verschränkung ergibt. Endlich kann man den
Gesichtspunkt der Unifizierung auch hier hervorheben, die Herstellung
eines innigeren Zusammenhanges zwischen den Elementen der Aussage, als
man nach deren Natur zu erwarten ein Recht hätte.
+Heine+ in der Harzreise: „Der Pedell Sch. grüßte mich sehr
kollegialisch, denn er ist ebenfalls Schriftsteller und hat meiner
in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn auch
außerdem oft +zitiert+ hat, und wenn er mich nicht zu Hause fand,
immer so gütig war, die +Zitation+ mit Kreide auf meine Stubentür zu
schreiben.“
Der „Wiener Spaziergänger“ +D. Spitzer+ fand für einen sozialen Typus,
der zur Zeit des Gründertums blühte, die lakonische, aber gewiß auch
sehr witzige, biographische Charakteristik:
„+Eiserne+ Stirne -- +eiserne+ Kasse -- +eiserne+ Krone.“ (Letzteres
ein Orden, mit dessen Verleihung der Adelsstand verknüpft war.) Eine
ganz ausgezeichnete Unifizierung, alles gleichsam aus Eisen! Die
verschiedenen, aber nicht sehr auffällig miteinander kontrastierenden
Bedeutungen des Beiwortes „eisern“ ermöglichen diese „mehrfachen
Verwendungen“.
[Sidenote: Zweideutigkeit.]
Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen Unterart der
Doppelsinntechnik erleichtern. Der auf S. 26 erwähnte witzige Kollege
ließ sich zur Zeit des Dreyfushandels den Witz zu Schulden kommen:
„Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus. Die Armee glaubt nicht an
ihre +Unschuld+.“
Das Wort „Unschuld“, auf dessen Doppelsinn der Witz aufgebaut ist, hat
in dem einen Zusammenhang den gebräuchlichen Sinn mit dem Gegensatz:
Verschulden, Verbrechen, in dem anderen aber einen sexuellen Sinn,
dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung ist. Nun gibt es sehr viele
derartige Beispiele von Doppelsinn, und in ihnen allen kommt es für die
Wirkung des Witzes ganz besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte
für diese Gruppe etwa die Bezeichnung „+Zweideutigkeit+“ reservieren.
Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes ist der
auf Seite 22 mitgeteilte von +D. Spitzer+:
„Nach der Ansicht der einen soll der Mann +viel verdient+ und +sich
dabei etwas zurückgelegt+ haben, nach anderen wieder soll +sich+ die
Frau +etwas zurückgelegt+ und dabei +viel+ verdient haben.“
Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit Zweideutigkeit
mit anderen, so fällt ein Unterschied ins Auge, der für die Technik
nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von der „Unschuld“ liegt der
eine Sinn des Wortes unserem Erfassen ebenso nahe wie der andere; man
wüßte wirklich nicht zu unterscheiden, ob die sexuelle oder die nicht
sexuelle Bedeutung des Wortes die gebräuchlichere und uns vertrautere
ist. Anders in dem Beispiel von +D. Spitzer+; in diesem ist der eine,
banale, Sinn der Worte „sich etwas zurückgelegt“, der bei weitem
aufdringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn,
der einem Arglosen etwa gar entgehen könnte. Setzen wir zum scharfen
Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn hin, in dem auf solches
Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet ist, z. B. +Heines+
Charakterschilderung einer gefälligen Dame: „Sie konnte nichts
+abschlagen+ außer ihr Wasser.“ Es klingt wie eine Zote, der Eindruck
des Witzes kommt kaum zur Geltung.[21] Nun kann die Eigentümlichkeit,
daß die beiden Bedeutungen des Doppelsinnes uns nicht gleich nahe
liegen, auch bei Witzen ohne sexuelle Beziehung vorkommen, sei es, daß
der eine Sinn der an sich der gebräuchlichere ist, sei es, daß er durch
den Zusammenhang mit den anderen Teilen des Satzes vorangestellt wird
(z. B. c’est le premier +vol+ de l’aigle); alle diese Fälle schlage ich
vor als +Doppelsinn mit Anspielung+ zu bezeichnen.
* * * * *
Wir haben bis jetzt bereits eine so große Anzahl verschiedener
Techniken des Witzes kennen gelernt, daß ich fürchten muß, wir könnten
die Übersicht über dieselben verlieren. Versuchen wir darum eine
Zusammenstellung derselben:
I. Die Verdichtung:
_a_) mit Mischwortbildung,
_b_) mit Modifikation.
II. Die Verwendung des nämlichen Materials:
_c_) Ganzes und Teile,
_d_) Umordnung,
_e_) leichte Modifikation,
_f_) dieselben Worte voll und leer.
III. Doppelsinn:
_g_) Name und Sachbedeutung,
_h_) metaphorische und sachliche Bedeutung,
_i_) eigentlicher Doppelsinn (Wortspiel),
_k_) Zweideutigkeit,
_l_) Doppelsinn mit Anspielung.
[Sidenote: Die Tendenz zur Ersparung.]
Diese Mannigfaltigkeit wirkt verwirrend. Sie könnte uns mißmutig werden
lassen, daß wir uns gerade der Beschäftigung mit den technischen
Mitteln des Witzes zugewendet haben, und könnte uns argwöhnen lassen,
daß wir deren Bedeutung für eine Erkenntnis des Wesentlichen am Witze
doch überschätzen. Stände dieser erleichternden Vermutung nicht die
eine unabweisbare Tatsache im Wege, daß der Witz jedesmal aufgehoben
ist, sobald wir die Leistung dieser Techniken im Ausdruck wegräumen!
Wir werden also doch darauf hingewiesen, die Einheit in dieser
Mannigfaltigkeit zu suchen. Es müßte möglich sein, alle diese Techniken
unter einen Hut zu bringen. Die zweite und dritte Gruppe zu vereinigen
ist nicht schwierig, wie wir uns schon gesagt haben. Der Doppelsinn,
das Wortspiel ist ja nur der ideale Fall von Verwendung des nämlichen
Materials. Letzterer ist dabei offenbar der umfassendere Begriff.
Die Beispiele von Zerteilung, Umordnung des gleichen Materials,
mehrfacher Verwendung mit leichter Modifikation (_c_, _d_, _e_) würden
sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht ohne Zwang unterordnen. Aber
welche Gemeinsamkeit gibt es zwischen der Technik der ersten Gruppe
-- Verdichtung mit Ersatzbildung -- und jener der beiden anderen,
mehrfache Verwendung des nämlichen Materials?
Nun, eine sehr einfache und deutliche, sollt’ ich meinen. Die
Verwendung des nämlichen Materials ist ja nur ein Spezialfall der
Verdichtung; das Wortspiel ist nichts anderes als eine Verdichtung
+ohne+ Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die übergeordnete
Kategorie. Eine zusammendrängende oder richtiger +ersparende+ Tendenz
beherrscht alle diese Techniken. Es scheint alles Sache der Ökonomie zu
sein, wie Prinz +Hamlet+ sagt (Thrift, Horatio, Thrift!).
Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzelnen Beispielen.
„C’est le premier vol de l’aigle.“ Das ist der erste Flug des Adlers.
Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet zum Glück für die
Existenz dieses Witzes sowohl „Flug“ als auch „Raub“. Ist dabei nichts
verdichtet und erspart worden? Gewiß der ganze zweite Gedanke, und zwar
ist er ohne Ersatz fallen gelassen worden. Der Doppelsinn des Wortes
+vol+ macht solchen Ersatz überflüssig, oder eben so richtig: Das Wort
+vol+ enthält den Ersatz für den unterdrückten Gedanken, ohne daß der
erste Satz darum einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben
ist die Wohltat des Doppelsinnes.
Ein anderes Beispiel: Eiserne Stirne -- eiserne Kasse -- eiserne Krone.
Welch außerordentliche Ersparnis gegen eine Ausführung des Gedankens,
in welcher der Ausdruck das „+eisern+“ nicht gefunden hätte! „Mit der
nötigen Frechheit und Gewissenlosigkeit ist es nicht schwer, ein großes
Vermögen zu erwerben, und zur Belohnung für solche Verdienste bleibt
natürlich der Adel nicht aus.“
Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis,
unverkennbar. Sie soll aber in allen nachweisbar sein. Wo steckt
nun die Ersparnis in solchen Witzen wie +Rousseau -- roux et sot+,
+Antigone -- antik? o -- nee+, in denen wir zuerst die Verdichtung
vermißt haben, die uns vor allem bewegen haben, die Technik der
mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials aufzustellen? Hier würden
wir allerdings mit der Verdichtung nicht durchkommen, aber wenn wir
diese mit dem ihr übergeordneten Begriff der „Ersparnis“ vertauschen,
geht es ohne Schwierigkeit. Was wir in den Beispielen Rousseau,
Antigone usw. ersparen, ist leicht zu sagen. Wir ersparen es, eine
Kritik zu äußern, ein Urteil zu bilden, beides ist im Namen selbst
schon gegeben. Im Beispiel der Leidenschaft -- Eifersucht ersparen
wir es uns, eine Definition mühsam zusammenzustellen: Eifersucht,
Leidenschaft und -- Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte dazu
und die Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bisher
analysierten Beispiele. Wo am wenigsten erspart wird, wie in dem
Wortspiel von +Saphir+: „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten,“ da wird
wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bilden; der
Wortlaut der Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenig, aber nur in
diesem Wenigen liegt der Witz. Die mehrfache Verwendung der nämlichen
Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört gewiß zum „Sparen“. Ganz, wie
+Hamlet+ die rasche Aufeinanderfolge des Todes seines Vaters und der
Hochzeit seiner Mutter aufgefaßt sehen will:
„Das Gebackene
Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.“
Ehe wir aber die „Tendenz zur Ersparnis“ als den allgemeinsten
Charakter der Witztechnik annehmen und die Fragen stellen, woher sie
stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn des Witzes aus ihr
entspringt, wollen wir einem Zweifel Raum gönnen, der ein Recht hat,
angehört zu werden. Mag es sein, daß jede Witztechnik die Tendenz
zeigt, mit dem Ausdruck zu sparen, aber die Beziehung ist nicht
umkehrbar. Nicht jede Ersparung am Ausdruck, jede Kürzung, ist darum
auch witzig. Wir standen schon einmal an dieser Stelle, damals als wir
noch bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften, und
damals machten wir uns den berechtigten Einwand, ein Lakonismus sei
noch kein Witz. Es müßte also eine besondere Art von Verkürzung und
von Ersparnis sein, an welcher der Charakter des Witzes hinge, und
solange wir diese Besonderheit nicht kennen, bringt uns die Auffindung
des Gemeinsamen in der Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht
näher. Außerdem finden wir den Mut zu bekennen, daß die Ersparungen,
welche die Witztechnik macht, uns nicht zu imponieren vermögen. Sie
erinnern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen, wenn
sie, um einen entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und Geld für die
Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um einige Heller wohlfeiler
zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch seine Technik? Einige
neue Worte zusammenzufügen, die sich meist mühelos ergeben hätten;
anstatt dessen muß er sich die Mühe geben, das eine Wort aufzusuchen,
welches ihm beide Gedanken deckt; ja er muß oft erst den Ausdruck des
einen Gedankens in eine nicht gebräuchliche Form umwandeln, bis diese
ihm den Anhalt zur Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken ergeben
kann. Wäre es nicht einfacher, leichter und eigentlich sparsamer
gewesen, die beiden Gedanken so auszudrücken, wie es sich eben trifft,
auch wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Ausdruckes zu stande kommt?
Wird die Ersparnis an geäußerten Worten nicht durch den Aufwand an
intellektueller Leistung mehr als aufgehoben? Und wer macht dabei die
Ersparung, wem kommt sie zu gute?
Wir können diesen Zweifeln vorläufig entgehen, wenn wir den Zweifel
selbst an eine andere Stelle versetzen. Kennen wir wirklich bereits
alle Arten der Witztechnik? Es ist sicherlich vorsichtiger, neue
Beispiele zu sammeln und der Analyse zu unterziehen.
* * * * *
[Sidenote: Kalauer.]
Wir haben in der Tat einer großen, vielleicht der zahlreichsten
Gruppe von Witzen noch nicht gedacht und uns dabei vielleicht durch
die Geringschätzung beeinflussen lassen, welche diesen Witzen zu teil
geworden ist. Es sind die, welche gemeinhin +Kalauer+ (Calembourgs)
genannt werden und für die niedrigste Abart des Wohnsitzes gelten,
wahrscheinlich, weil sie am „billigsten“ sind, mit leichtester
Mühe gemacht werden können. Und wirklich stellen sie den mindesten
Anspruch an die Technik des Ausdrucks wie das eigentliche Wortspiel
den höchsten. Wenn bei letzterem die beiden Bedeutungen in dem
identischen und darum meist nur einmal gesetzten Wort ihren Ausdruck
finden sollen, so genügt beim Kalauer, daß die zwei Worte für die
beiden Bedeutungen durch irgend eine, aber unübersehbare Ähnlichkeit
aneinander erinnern, sei es durch eine allgemeine Ähnlichkeit ihrer
Struktur, einen reimartigen Gleichklang, die Gemeinsamkeit einiger
anlautender Buchstaben u. dgl. Eine Häufung solcher, nicht ganz
treffend, „Klangwitze“ benannter Beispiele findet sich in der Predigt
des Kapuziners in Wallensteins Lager:
„Kümmert sich mehr um den +Krug+ als den +Krieg+,
Wetzt lieber den +Schnabel+ als den +Sabel+,
Frißt den +Ochsen+ lieber als den +Oxenstirn’+,
Der +Rheinstrom+ ist geworden zu einem +Peinstrom+,
Die +Klöster+ sind ausgenommene +Nester+,
Die +Bistümer+ sind verwandelt in +Wüsttümer+,
Und alle die gesegneten deutschen +Länder+
Sind verkehrt worden in +Elender+.“
Besonders gern modifiziert der Witz einen der Vokale des Wortes,
z. B.: Von einem kaiserfeindlichen italienischen Dichter, der dann
doch genötigt war, einen deutschen Kaiser in Hexametern zu besingen,
sagt +Hevesi+ (Almanaccando, Reisen in Italien, S. 87): Da er die
+Caes=a=ren+ nicht auszurotten vermag, merzt er wenigstens die
+Caes=u=ren+ aus.
Bei der Fülle von Kalauern, die uns zur Verfügung stünden, hat es
vielleicht noch ein besonderes Interesse, ein wirklich schlechtes
Beispiel hervorzuheben, das +Heine+ zur Last fällt. Nachdem er sich
(Buch Le Grand, Kapit. V) durch lange Zeit vor seiner Dame als
„indischer Prinz“ gebärdet, wirft er dann die Maske ab und gesteht:
„Madame! Ich habe Sie belogen ... Ich war ebensowenig jemals in
+Kalkutta+, wie der +Kalkuten+braten, den ich gestern Mittag gegessen.“
Offenbar liegt der Fehler dieses Witzes darin, daß die beiden ähnlichen
Worte nicht mehr bloß ähnlich, sondern eigentlich identisch sind. Der
Vogel, dessen Braten er gegessen, heißt so, weil er aus dem nämlichen
Kalkutta stammt oder stammen soll.
+K. Fischer+ hat diesen Formen des Witzes große Aufmerksamkeit
geschenkt und will sie von den „Wortspielen“ scharf getrennt wissen
(S. 78). „Das Calembour ist das schlechte Wortspiel, denn es spielt
mit dem Wort nicht als Wort, sondern als Klang.“ Das Wortspiel aber
„geht von dem Klange des Wortes in das Wort selbst ein“. Anderseits
zählt er auch Witze wie „famillionär“, Antigone (antik? o nee) usw.
zu den Klangwitzen. Ich sehe keine Nötigung, ihm hierin zu folgen.
Auch im Wortspiel ist das Wort für uns nur ein Klangbild, mit dem sich
dieser oder jener Sinn verbindet. Der Sprachgebrauch macht aber auch
hier wieder keine scharfen Unterschiede, und wenn er den „Kalauer“ mit
Mißachtung, das „Wortspiel“ mit einem gewissen Respekt behandelt, so
scheinen diese Wertungen durch andere als technische Gesichtspunkte
bedingt zu sein. Man achte einmal darauf, welcher Art die Witze sind,
die man als „Kalauer“ zu hören bekommt. Es gibt Personen, welche die
Gabe besitzen, wenn sie in aufgeräumter Stimmung sind, durch längere
Zeit jede an sie gerichtete Rede mit einem Kalauer zu beantworten.
Einer meiner Freunde, sonst das Muster der Bescheidenheit, wenn seine
ernsthaften Leistungen in der Wissenschaft in Rede stehen, pflegt
dergleichen auch von sich zu rühmen. Als die Gesellschaft, die er einst
so in Atem erhielt, der Verwunderung über seine Ausdauer Ausdruck gab,
sagte er: „Ja, ich liege hier auf der +Ka-Lauer+,“ und als man ihn bat
endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung, daß man ihn zum +Poeta
Ka-laureatus+ ernenne. Beides sind aber vortreffliche Verdichtungswitze
mit Mischwortbildung. (Ich liege hier auf der +Lauer+, um +Kalauer+ zu
machen.)
Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Streitigkeiten über
die Abgrenzung von Kalauer und Wortspiel, daß ersterer uns nicht
zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen kann. Wenn
beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehrsinnige Verwendung des
+nämlichen+ Materials aufgegeben ist, so fällt doch der Akzent auf das
Wiederfinden des Bekannten, auf die Übereinstimmung der beiden dem
Kalauer dienenden Worte, und somit ist dieser nur eine Unterart der
Gruppe, die im eigentlichen Wortspiel, ihren Gipfel erreicht.
* * * * *
Es gibt aber wirklich Witze, deren Technik fast jegliche Anknüpfung an
die der bisher betrachteten Gruppen vermissen läßt.
Man erzählt von +Heine+, daß er sich eines Abends in einem Pariser
Salon mit dem Dichter +Soulié+ befunden und unterhalten habe,
unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in den Saal, die
man nicht bloß um des Geldes willen mit Midas vergleicht, und sieht
sich bald von einer Menge umringt, die ihn mit größter Ehrerbietung
behandelt. „Sehen Sie doch,“ sagt +Soulié+ zu +Heine+, „wie dort das
neunzehnte Jahrhundert das goldene Kalb anbetet.“ Mit einem Blick auf
den Gegenstand der Verehrung antwortet Heine, gleichsam berichtigend:
„+O, der muß schon älter sein+“ (+K. Fischer+, S. 82).
Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes gelegen? In
einem Wortspiel, meint +K. Fischer+: „So kann z. B. das Wort ‚goldenes
Kalb‘ den Mammon und auch den Götzendienst bedeuten, im ersten Falle
ist das Gold, im zweiten das Tierbild die Hauptsache; es kann auch
dazu dienen, um nicht eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der
sehr viel Geld und sehr wenig Verstand hat“ (S. 82). Wenn wir die
Probe machen und den Ausdruck „goldenes Kalb“ wegschaffen, heben wir
allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann +Soulié+ sagen: „Sehen
Sie doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen, bloß weil er reich
ist,“ und das ist freilich gar nicht mehr witzig. +Heines+ Antwort wird
dann auch unmöglich.
Aber wir wollen uns besinnen, daß es ja sich gar nicht um den etwa
witzigen Vergleich +Souliés+, sondern um die Antwort +Heines+ handelt,
die gewiß weit witziger ist. Dann haben wir kein Recht an die Phrase
vom goldenen Kalb zu rühren, dieselbe bleibt als Voraussetzung für die
Worte +Heines+ bestehen und die Reduktion darf nur diese letzteren
betreffen. Wenn wir diese Worte: „O, der muß schon älter sein,“
ausführen, können wir sie nur etwa so ersetzen: „O, das ist kein Kalb
mehr, das ist schon ein ausgewachsener Ochs.“ Für den Witz +Heines+
erübrigte also, daß er das „goldene Kalb“ nicht mehr metaphorisch,
sondern persönlich genommen, auf den Geldmenschen selbst bezogen hätte.
Wenn dieser Doppelsinn nicht etwa schon in der Meinung +Souliés+
enthalten war!
Wie aber? Nun glauben wir zu bemerken, daß diese Reduktion den Witz
+Heines+ nicht völlig vernichtet, vielmehr dessen Wesentliches
unangetastet gelassen habe. Es lautet jetzt so, daß +Soulié+ sagt:
„Sehen Sie doch, wie dort das neunzehnte Jahrhundert das goldene Kalb
anbetet!“ und +Heine+ zur Antwort gibt: „O, das ist kein Kalb mehr,
das ist schon ein Ochs.“ Und in dieser reduzierten Fassung ist es noch
immer ein Witz. Eine andere Reduktion der Worte +Heines+ ist aber nicht
möglich.
Schade, daß dieses schöne Beispiel so komplizierte technische
Bedingungen enthält. Wir können an ihm zu keiner Klärung kommen,
verlassen es darum und suchen uns ein anderes, in dem wir eine innere
Verwandtschaft mit dem vorigen zu verspüren glauben.
Es sei einer der „Badewitze“, welche die Badescheu der Juden in
Galizien behandeln. Wir verlangen nämlich keinen Adelsbrief von
unseren Beispielen, wir fragen nicht nach ihrer Herkunft, sondern nur
nach ihrer Tüchtigkeit, ob sie uns zum Lachen zu bringen vermögen und
ob sie unseres theoretischen Interesses würdig sind. Beiden diesen
Anforderungen entsprechen aber gerade die Judenwitze am besten.
„Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen. ‚+Hast du
genommen ein Bad?+‘ fragt der eine. ‚+Wieso?+‘ fragt der andere
dagegen, ‚+fehlt eins?+‘“
Wenn man über einen Witz recht herzlich lacht, ist man nicht gerade
in der geeignetsten Disposition, um seiner Technik nachzuforschen.
Darum bereitet es einige Schwierigkeiten, sich in diese Analysen
hineinzufinden. „Das ist ein komisches Mißverständnis,“ drängt sich
uns auf. -- Gut, aber die Technik dieses Witzes? -- Offenbar der
doppelsinnige Gebrauch des Wortes nehmen. Für den einen ist „nehmen“
das farblos gewordene Hilfswort; für den anderen das Verbum mit
unabgeschwächter Bedeutung. Also ein Fall von „voll“ und „leer“ nehmen
desselben Wortes (Gruppe II, f.). Ersetzen wir den Ausdruck „ein Bad
genommen“ durch den gleichwertigen einfacheren „gebadet“, so fällt der
Witz weg. Die Antwort paßt nicht mehr. Der Witz haftet also wiederum am
Ausdruck „genommen ein Bad“.
Ganz richtig, doch scheint es, daß auch in diesem Falle die Reduktion
an unrichtiger Stelle angesetzt hat. Der Witz liegt nicht in der
Frage, sondern in der Antwort, in der Gegenfrage: „Wieso? Fehlt eins?“
Und diese Antwort ist ihres Witzes durch keine Erweiterung oder
Veränderung, die nur ihren Sinn ungestört läßt, zu berauben. Auch haben
wir den Eindruck, daß in der Antwort des zweiten Juden das Übersehen
des Bades bedeutsamer ist als das Mißverständnis des Wortes „nehmen“.
Aber wir sehen auch hier noch nicht klar und wollen ein drittes
Beispiel suchen.
[Sidenote: Die Verschiebung.]
Wiederum ein Judenwitz, an dem aber nur das Beiwerk jüdisch ist, der
Kern ist allgemein menschlich. Gewiß hat auch dieses Beispiel seine
unerwünschten Komplikationen, aber zum Glück nicht diejenigen, welche
uns bisher klar zu sehen verhindert haben.
„Ein Verarmter hat sich von einem wohlhabenden Bekannten unter vielen
Beteuerungen seiner Notlage 25 fl. geborgt. Am selben Tage noch trifft
ihn der Gönner im Restaurant vor einer Schüssel Lachs mit Mayonnaise.
Er macht ihm Vorwürfe: ‚Wie, Sie leihen sich Geld von mir aus und dann
bestellen Sie sich Lachs mit Mayonnaise. Dazu haben Sie mein Geld
gebraucht?‘ ‚Ich verstehe Sie nicht,‘ antwortet der Beschuldigte, ‚wenn
ich kein Geld habe, +kann+ ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise, wenn
ich Geld habe, +darf+ ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise. +Also wann
soll ich eigentlich essen Lachs mit Mayonnaise?+‘“
Hier ist endlich nichts mehr von Doppelsinn zu entdecken. Auch die
Wiederholung von „Lachs mit Mayonnaise“ kann nicht die Technik des
Witzes enthalten, denn sie ist nicht „mehrfache Verwendung“ desselben
Materials, sondern durch den Inhalt geforderte wirkliche Wiederholung
des Identischen. Wir dürfen vor dieser Analyse eine Weile ratlos
bleiben, werden vielleicht zur Ausflucht greifen wollen, der Anekdote,
die uns lachen machte, den Charakter des Witzes zu bestreiten.
Was läßt sich sonst Bemerkenswertes über die Antwort des Verarmten
sagen? Daß ihr in eigentlich auffälliger Weise der Charakter des
Logischen verliehen ist. Mit Unrecht aber, die Antwort ist ja
unlogisch. Der Mann verteidigt sich dagegen, daß er das ihm geliehene
Geld für den Leckerbissen verwendet hat, und fragt mit einem Schein
von Recht -- +wann+ er denn eigentlich Lachs essen darf. Aber das ist
gar nicht die richtige Antwort; der Geldgeber wirft ihm nicht vor,
daß er sich den Lachs gerade an dem Tage gegönnt, an dem er sich das
Geld geborgt, sondern mahnt ihn daran, daß er in seinen Verhältnissen
+überhaupt nicht+ das Recht habe, an solche Leckerbissen zu denken.
Diesen einzig möglichen Sinn des Vorwurfes läßt der verarmte Bonvivant
unberücksichtigt, antwortet, als ob er den Vorwurf mißverstanden hätte,
auf etwas anderes.
Wenn nun gerade in dieser +Ablenkung+ der Antwort von dem Sinn des
Vorwurfes die Technik dieses Witzes gelegen wäre? Eine ähnliche
Veränderung des Standpunktes, Verschiebung des psychischen Akzents wäre
dann vielleicht auch in den beiden früheren Beispielen, die wir als
verwandt empfunden haben, nachzuweisen.
Siehe da, dieser Nachweis gelingt ganz leicht und deckt in der Tat die
Technik dieser Beispiele auf. +Soulié+ macht +Heine+ darauf aufmerksam,
daß die Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert das „goldene Kalb“
anbetet, gerade so wie einst das Volk der Juden in der Wüste. Dazu
paßte eine Antwort von +Heine+ etwa wie: „Ja, so ist die menschliche
Natur, die Jahrtausende haben an ihr nichts geändert,“ oder irgend
etwas anderes Beipflichtendes. +Heine+ lenkt aber in seiner Antwort von
dem angeregten Gedanken ab, er antwortet überhaupt nicht darauf, er
bedient sich des Doppelsinnes, dessen die Phrase „goldenes Kalb“ fähig
ist, um einen Seitenweg einzuschlagen, greift den einen Bestandteil der
Phrase, das „Kalb“, auf und antwortet, als ob auf dieses der Akzent in
der Rede +Souliés+ gefallen wäre: „O, das ist kein Kalb mehr“ usw.[22]
Noch deutlicher ist die Ablenkung im Badewitz. Dieses Beispiel fordert
eine graphische Darstellung heraus.
Der erste fragt: „Hast du genommen ein +Bád+?“ Der Akzent ruht auf dem
Element Bad.
Der zweite antwortet, als hätte die Frage gelautet: „Hast du +genommen+
ein Bad?“
Der Wortlaut „genommen ein Bad?“ soll nur diese Verschiebung des
Akzents ermöglichen. Lautete es: „Hast du gebadet?“ so wäre ja jede
Verschiebung unmöglich. Die unwitzige Antwort wäre dann: „Gebadet? Was
meinst du? Ich weiß nicht, was das ist.“ Die Technik des Witzes aber
liegt in der Verschiebung des Akzents von „Baden“ auf „nehmen“.[23]
Kehren wir zum Beispiel „Lachs mit Mayonnaise“ als dem reinsten
zurück. Das Neue an demselben darf uns nach verschiedenen Richtungen
beschäftigen. Zunächst müssen wir die hier aufgedeckte Technik
mit einem Namen belegen. Ich schlage vor, sie als +Verschiebung+
zu bezeichnen, weil das Wesentliche an ihr die Ablenkung des
Gedankenganges, die Verschiebung des psychischen Akzents auf ein
anderes als das angefangene Thema ist. Sodann obliegt uns die
Untersuchung, in welchem Verhältnis die Verschiebungstechnik zum
Ausdruck des Witzes steht. Unser Beispiel (Lachs mit Mayonnaise) läßt
uns erkennen, daß der Verschiebungswitz im hohen Grade unabhängig
vom wörtlichen Ausdruck ist. Er hängt nicht am Worte, sondern am
Gedankengange. Um ihn wegzuschaffen, fruchtet uns keine Ersetzung der
Worte bei Festhaltung des Sinnes der Antwort. Die Reduktion ist nur
möglich, wenn wir den Gedankengang abändern und den Feinschmecker auf
den Vorwurf direkt antworten lassen, welchem er in der Fassung des
Witzes ausgewichen ist. Die reduzierte Fassung würde dann lauten: „Was
mir schmeckt, kann ich mir nicht versagen, und woher ich das Geld dafür
nehme, ist mir gleichgültig. Da haben Sie die Erklärung, warum ich
gerade heute Lachs mit Mayonnaise esse, nachdem Sie mir Geld geliehen
haben.“ -- Das wäre aber kein Witz, sondern ein +Zynismus+.
Es ist lehrreich, diesen Witz mit einem ihm dem Sinne nach sehr
nahestehenden zu vergleichen:
Ein Mann, der dem Trunk ergeben ist, ernährt sich in einer kleinen
Stadt durch Lektionengeben. Sein Laster wird aber allmählich bekannt,
und er verliert infolgedessen die meisten seiner Schüler. Ein Freund
wird beauftragt, ihn zur Besserung zu mahnen. „Sehen Sie, Sie könnten
die schönsten Lektionen in der Stadt haben, wenn Sie das Trinken
aufgeben wollten. Also tun Sie’s doch.“ -- „Wie kommen Sie mir vor?“
ist die entrüstete Antwort. „+Ich geb Lektionen, damit ich trinken
kann; soll ich das Trinken aufgeben, damit ich Lektionen bekomme!+“
Auch dieser Witz trägt den Anschein von Logik, der uns bei „Lachs mit
Mayonnaise“ aufgefallen ist, aber er ist kein Verschiebungswitz mehr.
Die Antwort ist eine direkte. Der Zynismus, der dort verhüllt ist, wird
hier offen eingestanden. -- „Das Trinken ist mir ja die Hauptsache.“
Die Technik dieses Witzes ist eigentlich recht armselig und kann uns
dessen Wirkung nicht erklären, sie liegt nur in der Umordnung des
gleichen Materials, strenger genommen in der Umkehrung der Mittel-
und Zweck-Relation zwischen dem Trinken und dem Lektionengeben oder
-bekommen. Sowie ich in der Reduktion dieses Moment im Ausdruck nicht
mehr betone, habe ich den Witz verwischt, also etwa so: „Was ist das
für unsinnige Zumutung? Mir ist doch das Trinken die Hauptsache, nicht
die Lektionen. Die Lektionen sind für mich doch nur ein Mittel, um
weiter trinken zu können.“ Der Witz haftete also wirklich am Ausdruck.
Im Badewitz ist die Abhängigkeit des Witzes vom Wortlaut (Hast du
genommen ein Bad?) unverkennbar, und die Abänderung desselben bringt
die Aufhebung des Witzes mit sich. Die Technik ist hier nämlich eine
kompliziertere, eine Verbindung von Doppelsinn (von der Unterart f.)
und Verschiebung. Der Wortlaut der Frage läßt einen Doppelsinn zu,
und der Witz kommt dadurch zu stande, daß die Antwort nicht an den
vom Fragesteller beabsichtigten, sondern an den Nebensinn anknüpft.
Wir sind demgemäß im stande, eine Reduktion zu finden, welche den
Doppelsinn im Ausdruck bestehen läßt und doch den Witz aufhebt, indem
wir bloß die Verschiebung rückgängig machen:
„Hast du genommen ein Bad?“ -- „Was soll ich genommen haben? Ein Bad?
Was ist das?“ Das ist aber kein Witz mehr, sondern eine gehässige oder
scherzhafte Übertreibung.
Eine ganz ähnliche Rolle spielt der Doppelsinn im +Heine+schen Witz
über das „goldene Kalb“. Er ermöglicht der Antwort die Ablenkung von
dem angeregten Gedankengang, welche im Witz von Lachs mit Mayonnaise
ohne solche Anlehnung an den Wortlaut geschieht. In der Reduktion
würden die Rede +Souliés+ und die Antwort +Heines+ etwa lauten: „Es
erinnert doch lebhaft an die Anbetung des goldenen Kalbes, wie die
Gesellschaft hier den Mann, bloß weil er so reich ist, umschwärmt.“
Und +Heine+: „Daß er wegen seines Reichtums so gefeiert wird, finde
ich nicht das Ärgste. Aber Sie betonen mir zu wenig, daß man ihm wegen
seines Reichtums seine Dummheit verzeiht.“ Damit wäre bei Erhaltung des
Doppelsinnes der Verschiebungswitz aufgehoben.
An dieser Stelle dürfen wir uns auf den Einwand gefaßt machen, daß uns
vorgehalten werde, diese heikeln Unterscheidungen suchen auseinander
zu reißen, was doch zusammengehöre. Gibt nicht jeder Doppelsinn Anlaß
zu einer Verschiebung, zu einer Ablenkung des Gedankenganges von dem
einen Sinn zum anderen? Und wir sollten damit einverstanden sein,
daß „Doppelsinn“ und „Verschiebung“ als Repräsentanten zweier ganz
verschiedener Typen der Witztechnik aufgestellt werden? Nun, diese
Beziehung zwischen Doppelsinn und Verschiebung besteht allerdings,
aber sie hat mit unserer Unterscheidung der Witztechniken nichts
zu tun. Beim Doppelsinn enthält der Witz nichts als ein mehrfacher
Deutung fähiges Wort, welches dem Hörer gestattet, den Übergang von
einem Gedanken zu einem anderen zu finden, den man etwa -- mit einigem
Zwang -- einer Verschiebung gleichstellen kann. Beim Verschiebungswitz
aber enthält der Witz selbst einen Gedankengang, in dem eine solche
Verschiebung vollzogen ist; die Verschiebung gehört hier der Arbeit an,
die den Witz hergestellt hat, nicht jener, die zu seinem Verständnis
notwendig ist. Sollte uns dieser Unterschied nicht einleuchten, so
haben wir an den Reduktionsversuchen ein nie versagendes Mittel,
uns denselben greifbar vor Augen zu führen. Einen Wert wollen wir
aber jenem Einwand nicht bestreiten. Wir werden durch ihn aufmerksam
gemacht, daß wir die psychischen Vorgänge bei der Bildung des Witzes
(die Witzarbeit) nicht mit den psychischen Vorgängen bei der Aufnahme
des Witzes (die Verständnisarbeit) zusammenwerfen dürfen. Nur die
ersteren sind der Gegenstand unserer gegenwärtigen Untersuchung.[24][25]
[Sidenote: Verschiebung und Doppelsinn.]
Gibt es noch andere Beispiele der Verschiebungstechnik? Sie sind nicht
leicht aufzufinden. Ein ganz reines Beispiel, dem auch die bei unserem
Vorbild so sehr überbetonte Logik abgeht, ist folgender Witz:
Ein Pferdehändler empfiehlt dem Kunden ein Reitpferd: „Wenn Sie dieses
Pferd nehmen und sich um 4 Uhr früh aufsetzen, sind Sie um ½7 Uhr in
Preßburg.“ -- „Was mach’ ich in Preßburg um ½7 Uhr früh?“
Die Verschiebung ist hier wohl eklatant. Der Händler erwähnt die
frühe Ankunft in der kleinen Stadt offenbar nur in der Absicht, die
Leistungsfähigkeit des Pferdes an einer Probe zu beweisen. Der Kunde
sieht von dem Leistungsvermögen des Tieres, das er weiter nicht in
Zweifel zieht, ab und geht bloß auf die Daten des zur Probe gewählten
Beispieles ein. Die Reduktion dieses Witzes ist dann nicht schwer zu
geben.
Mehr Schwierigkeiten bietet ein anderes, in seiner Technik recht
undurchsichtiges Beispiel, welches sich aber doch als Doppelsinn mit
Verschiebung auflösen läßt. Der Witz erzählt von der Ausflucht eines
Schadchens (jüdischen Heiratsvermittlers), gehört also zu einer Gruppe,
die uns noch mehrfach beschäftigen wird.
Der Schadchen hat dem Bewerber versichert, daß der Vater des Mädchens
nicht mehr am Leben ist. Nach der Verlobung stellt sich heraus, daß
der Vater noch lebt und eine Kerkerstrafe abbüßt. Der Bewerber macht
nun dem Schadchen Vorwürfe. „Nun,“ meint dieser, „was habe ich Ihnen
gesagt? Ist denn das +ein Leben+?“
Der Doppelsinn liegt in dem Worte „Leben“ und die Verschiebung besteht
darin, daß der Schadchen sich von dem gemeinen Sinn des Wortes, in
dem es den Gegensatz zu „Tod“ bildet, auf den Sinn wirft, den das
Wort in der Redensart: Das ist kein Leben, hat. Er erklärt dabei
seine damalige Äußerung nachträglich für doppelsinnig, obwohl diese
mehrfache Bedeutung gerade hier recht fern liegt. Soweit wäre die
Technik ähnlich wie im Witz vom „goldenen Kalb“ und im „Badewitz“.
Aber es ist hier noch ein anderes Moment zu beachten, welches durch
seine Vordringlichkeit das Verständnis der Technik stört. Man
könnte sagen, dieser Witz sei ein „charakterisierender“, er bemüht
sich, die für den Heiratsvermittler charakteristische Mischung von
verlogener Dreistigkeit und schlagfertigem Witz durch ein Beispiel
zu illustrieren. Wir werden hören, daß dies nur die Schauseite,
die Fassade, des Witzes ist; sein Sinn, d. h. seine Absicht, ist
eine andere. Wir schieben es auch auf, eine Reduktion von ihm zu
versuchen.[26]
Nach diesen komplizierten und schwierig zu analysierenden Beispielen
wird es uns wiederum Befriedigung bereiten, wenn wir in einem Falle ein
völlig reines und durchsichtiges Vorbild eines „Verschiebungswitzes“ zu
erkennen vermögen. „Ein Schnorrer trägt dem reichen Baron seine Bitte
um Gewährung einer Unterstützung für die Reise nach Ostende vor; die
Ärzte hätten ihm Seebäder zur Herstellung seiner Gesundheit empfohlen.
‚Gut, ich will Ihnen etwas dazu geben,‘ meint der Reiche; ‚aber müssen
Sie gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?‘ -- ‚Herr
Baron,‘ lautet die zurechtweisende Antwort, ‚für meine Gesundheit
ist mir nichts zu teuer.‘“ -- Gewiß, ein richtiger Standpunkt, nur
eben nicht richtig für den Bittsteller. Die Antwort ist gegeben vom
Standpunkt eines reichen Mannes. Der Schnorrer benimmt sich, als wäre
es sein eigenes Geld, das er für seine Gesundheit opfern soll, als
gingen Geld und Gesundheit die nämliche Person an.
* * * * *
Knüpfen wir nun von neuem an das so lehrreiche Beispiel „Lachs mit
Mayonnaise“ an. Es kehrte uns gleichfalls eine Schauseite zu, an
welcher ein auffälliges Aufgebot von logischer Arbeit zu bemerken
war, und wir haben durch die Analyse erfahren, daß diese Logik
einen Denkfehler, nämlich eine Verschiebung des Gedankenganges zu
verdecken hatte. Von hier aus mögen wir, wenn auch nur auf dem Wege
der Kontrastverknüpfung, an andere Witze gemahnt werden, die ganz im
Gegenteil etwas Widersinniges, einen Unsinn, eine Dummheit unverhüllt
zur Schau stellen. Wir werden neugierig sein, worin die Technik dieser
Witze bestehen mag.
[Sidenote: Der Unsinn als technisches Mittel.]
Ich stelle das stärkste und zugleich reinste Beispiel der ganzen Gruppe
voran. Es ist wiederum ein Judenwitz.
Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Er ist offenbar ein
intelligenter Bursche, aber ungefügig und ohne Interesse für den
Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt ihn
beiseite und sagt ihm: „Itzig, du taugst nicht zu uns. Ich will dir
einen Rat geben: +Kauf’ dir eine Kanon’ und mach’ dich selbständig.+“
Der Rat, über den man herzlich lachen kann, ist ein offenbarer Unsinn.
Es gibt doch keine Kanonen zu kaufen, und ein einzelner kann sich als
Wehrkraft unmöglich selbständig machen, gleichsam „etablieren“. Es kann
uns aber keinen Moment zweifelhaft bleiben, daß dieser Rat kein bloßer
Unsinn ist, sondern ein witziger Unsinn, ein vorzüglicher Witz. Wodurch
wird also der Unsinn zum Witz?