Thrin Wulfen

Nicht weit von Schoritz, zwischen Schoritz und Puddemin, an dem Wege,

wo man von Garz nach dem Zudar fährt, lag einst ein kleines Dorf, das

hieß Günz, worin ein paar Bauern wohnten, die nach Schoritz zu Hofe

dienten. Die sind aber ganz zerstört mit Häusern und mit Gärten, so

daß man dort keine Spur mehr sieht, daß jemals Menschen dort gewohnt

haben. In diesem Dorfe Günz wohnte ein Bauer, der hieß Jochen Wulf,

der hatte eine Frau, und die hieß Thrin; das war eine arge Hexe, von

deren losen Künsten und bösen Streichen die Leute noch heute zu

erzählen wissen. Daß sie aber eine Hexe war, konnte man ihr anmerken

an ihrer außerordentlichen Freundlichkeit und Leidigkeit, woraus List

und Schelmerei oft hervorlächelten, und an den schönen und leckeren

Sachen, die sie immer bei sich trug, und womit sie die Hunde und

kleinen Kinder an sich lockte. Davor hat den Leuten auch gegraut,

daß ihr, wohin sie immer gekommen, die Katzen von selbst auf den

Schoß gesprungen sind, was diese Tiere, die eben keine

Menschenfreunde sind, sonst nimmer mit Fremden tun. Denn durch die

Kinder und durch Leckereien, die sie den Kindern geben, und durch

Sälbchen und Kräuterchen, womit sie bei Kinderkrankheiten immer

gleich zur Hand sind, drängen sich die alten Hexen in alle Häuser,

und Hunde und Katzen dürfen sie nicht zu Feinden haben, weil ihre

Arbeit meistens des Nachts ist, wo die andern Christenmenschen

schlafen. Doch merkten die Leute ihr und ihrem Manne ihr heimliches

und verbotenes Handwerk dadurch an, daß sie sehr reich wurden, und

daß der Bauer Wulf dreimal soviel Korn und Weizen verkaufen konnte

wie seine Nachbarn, und daß seine Pferde und Kühe, wenn er sie im

Frühling ins Gras trieb, so glatt und fett waren wie die Aale, und

als ob sie aus dem Teige gewälzt wären. Auch sagten alle Leute, sie

habe einen Drachen, und den haben sie des Nachts oft auf ihr Dach

herabschießen sehen, wo er ihr Raub und Schätze von andern zutrug.

Das ist auch gewiß, und viele Leute haben es erzählt, die bei

nächtlicher Weile bei Günz vorbeigegangen sind, daß es dann auf dem

Wege oft geknarrt und geseufzt hat, wie die Räder an schwerbeladenen

Wägen knarren und seufzen. Da haben die Leute sich umgesehen oder

sind aus dem Wege gesprungen, damit sie nicht übergefahren würden;

sie haben aber weder Pferde noch Wagen gesehen, und es ist ihnen ein

entsetzliches Grauen angekommen. Das ist aber auch der alte,

heimliche Drache gewesen, der den Nachbarn die Garben gestohlen und

sie in des Wulfs Scheunen hat einfahren lassen. Daß die Thrine

Wulfen eine arge Wetterhexe war, hat man am meisten auf der Weide und

Brache an dem jungen Vieh sehen können. Wenn sie einmal unter eine

Herde kam, gleich streckte ein Kalb alle viere von sich und hatte den

Frosch, oder ein paar Dutzend junge Gänschen machten nicht zum

Vergnügen den Drehhals, oder einige Lämmer und Jährlinge wurden

Kopfhänger und Kopfschüttler, oder eine Schar Säue tanzte den Dreher.

Sie gebärdete sich bei solchem Anblick, als tue es ihr sehr leid

(die alten Hexen aber können es nicht lassen, junges, freudiges Vieh

zu behexen, und wenn es ihr eigenes wäre), und sie sagte den Hirten

oder Nachbarn, sie habe und wisse manche heilsame Mittel gegen solche

Übel; sie sollen nur zu ihr kommen und sich eine Salbe holen und die

kranken Tierchen damit bestreichen, gleich werde es dann besser mit

ihnen werden. Das haben einige getan, und wirklich hat es stracks

geholfen, aber den meisten hat gegraut, über ihre Schwelle zu treten,

und da hat das liebe Vieh denn dran gemußt. Alle aber haben sich

zugeflüstert, Thrin Wulfen habe sie behext und ihnen den Schabernack

angetan. So zum Beispiel hatte sie eine Frau, welche sich mit ihr

erzürnt und sie eine alte Wetterhexe gescholten hatte, in ihrem

eignen Hause festgezaubert, daß sie nicht über die Schwelle zu gehen

wagte und alle Türen und Fenster dicht versperrt hielt. Denn sie

glaubte, sie sei in eine Erbse verwandelt, und jeder Vogel, der

vorüberflog, war ihr so fürchterlich, daß sie bei seinem Anblick

schrie, als fliege ihr Tod heran, ja daß sie bei dem Ton eines

Gefieders aus der Luft schon in Ohnmacht fiel und mit Händen und

Füßen zappelte; für die Enten, Hühner und Tauben aber in ihrem Hofe

war der jüngste Tag gekommen, und sie hatten ihnen allen sogleich

beim Beginn ihrer Krankheit die Hälse umdrehen lassen. Auch hatte

die alte Bösewichtin es dem Mann dieser Frau angetan, daß er wie ein

kindischer und besoffener Narr tanzen mußte, sobald er einen

Ziegenbock springen sah. Und dies ist allen Leuten lächerlich und

ärgerlich anzusehen gewesen, und das ärgste dabei ist noch gewesen,

daß die Einfältigen vor dem Mann eine Art Grauen bekommen haben, als

sei er auch von der Ziegenbocksgesellschaft und von den

Blocksbergfahrern; die Klugen aber haben wohl gewußt, von wem diese

Bockssprünge herrührten, doch keiner hat es ihr beweisen können. Und

man kann wohl denken, wie die alte Bosheit in sich gelacht hat, daß

der unschuldige Mann für ihren Gesellen gehalten worden ist. Ihr

Vieh war immer das fetteste und mutigste in der ganzen Dorfherde, und

man konnte an vielen Zeichen sehen, daß der Teufel sein Spiel damit

hatte; denn fast nie ist ein Stück davon krank worden, und sie hat

ihnen solche Kraft und Stärke angezaubert, daß von ihren kleinsten

Kälbern die größten Ochsen sich stoßen ließen, und daß ihre Ferkel

die wütendsten Eber aus dem Felde schlugen.

Auch haben die Leute sie in mancherlei Verwandlungen umherlaufen und

herumfliegen gesehen, aber niemand hat sich unterstanden, sie

anzupacken oder ihr etwas zu tun; auch haben sie die

allerwunderlichsten bunten Hunde und Katzen und sogar Füchse und

Wiesel bei Tage und bei Nacht um ihren Hof laufen gesehen, aber

keiner hat sie angetastet; sie wußten wohl, aus wessen Stall dieses

gefährliche Vieh war. Von Elstern und Krähen aber hüpften immer

ganze Scharen auf ihrem Hofe und ihren Dächern, und von ihrem

einzigen Hausgiebel uhuheten des Nachts mehr Eulen, denn von allen

Häusern und Dächern in Swantow und Puddemin zusammen.

So ist sie in der Nachbarschaft viel herumgestrichen und

herumgeflogen auf Schelmstücke und Diebsschliche, und es ist ihr

lange genug glücklich gegangen. Der Pastor zum Zudar, der Herr

Manthey hieß, hat die meiste Not mit ihr gehabt, und auch wohl

deswegen, weil er dem Bösen selbst den Krückstock reichte, womit er

ihn überholen konnte, da er mehr ins Buch der vier Könige guckte als

in Bibel und Evangelienbuch. Einmal ist Thrin Wulfen zu seiner Frau

gekommen und hat ihr eine Stiege Eier gebracht, und sie und die Frau

Pastorin haben einander viel erzählt und sind sehr herzig und

heimlich miteinander geworden, so daß die Frau Pastorin endlich die

Thrin, als sie Ade gesagt, umhalst hat. Da ist ihr aber geschehen,

daß sie vor Schrecken ohnmächtig worden und wie tot hingefallen ist.

Denn was hat sie gesehen? Vor ihren sehenden Augen und unter ihren

greifenden Händen ist die Thrin plötzlich eine rote Füchsin geworden

und hat ihr mit den Vordertatzen die Wangen gestreichelt und mit der

Schnauze das Gesicht geleckt und dabei recht fürchterlich greinig und

freundlich ausgesehen. Das hat die Pastorin später vielen Leuten

erzählt; wie es aber weiter geworden, hat sie nicht gewußt; denn als

sie wieder zur Besinnung gekommen, war die Thrin weg und auch keine

Spur von ihr und der roten Füchsin mehr da als der Geruch der

füchsischen Küsse in ihrem Gesichte und ein paar leichte rote

Streifen, womit sie sie bei der umhalsenden Liebkosung gekratzt hatte.

Zuerst hat die Frau Manthey die Geschichte aus Furcht verschwiegen

und erst nach Verlauf von Jahren erzählt. Auch Pastor Manthey ist

inne geworden, daß er gegen die losen und leichten Künste der Thrin

sich nicht mit der gehörigen geistlichen Rüstung gewaffnet hatte, und

daß sie an ihn durfte; er hat bemerkt, daß ihm ein Dieb an seine

Schinken und Würste kam, und das ist auch die Thrin gewesen. Denn

wie manche Nacht ist sie als Katze in Wiemen und Keller und

Speisekammern geschlichen und hat sich eine Wurst, eine Spickgans

oder ein Stück Schinken nach Hause getragen! Endlich war es ruchbar

geworden, daß man oft eine unbekannte graue Katze durchs Dorf laufen

gesehen und daß auch andern Leuten auf eine ähnliche, unbegreifliche

Weise manches abhanden gekommen war. Da lauerte der Pastor des

Abends und in der Frühe oft genug auf mit einem geladnen Gewehr; aber

nimmer hat er den schleichenden Dieb erwischen können. Endlich aber

ist ihm die Katze mal in dem Garten in den Wurf gekommen, als er

Sperlinge schießen wollte, und er hat ihr unverzagt aufs Leder

gebrannt und sie mit humpelndem Fuß über den Zaun springen und

jämmerlich miauen gehört. Der Schäfer aber, der hinter dem Garten

eben mit den Schafen vorbeitrieb, als der Mantheysche Schuß fiel, hat

erzählt, es sei neben ihm ein altes Weib über den Weg hingehinkt, die

habe jämmerlich gewinselt und geheult, und sie habe ihm geklagt, des

Krügers großer Hund habe ihr den Fuß blutig gebissen. So sei sie

über die Zudarsche und Schoritzer Heide fortgehumpelt, und man habe

ihr Gewinsel noch lange aus der Ferne hören können. Und das war

wirklich die Thrin aus Günz gewesen; der Pastor hatte ihr das linke

Bein durchschossen.

Dieser geistliche Schuß gab einen großen Glückswandel. Thrin lag

wohl ein Vierteljahr elend im Bette; dann sah man sie wieder, aber

sie humpelte mit einem lahmen Beine und erzählte den Leuten, sie sei

beim Äpfelschütteln vom Baum gefallen und habe sich dabei das Bein

verrenkt. Nun ging es ihr aber schlimm. Weil sie nicht mehr so

flink auf den Füßen war als sonst, so konnte sie, wann die Begier zu

hexen mit plötzlicher Lüsternheit in ihr aufstieg, nicht mehr

geschwind zu andern oder zu Fremden kommen, sondern mußte ihr Eigenes

behexen. Da ward denn fast täglich irgend etwas verdreht, gelähmt

oder umgebracht. Bei Tauben, Hühnern und Gänsen fing es an, und mit

dem großen Vieh hörte es auf. Und wieviel der alte Jochen Wulf sie

auch prügelte, das half alles nichts; die Hexenlust ist ein

unauslöschlicher und unbezwinglicher Trieb. Als also alles Federvieh

verdorben oder erwürgt war, da ist die Kunst über die Ferkel und

Lämmer hergefahren, darauf an die Kälber und Schafe, endlich an die

Kühe und Pferde. Der Bauer hat nun immer wieder neues Vieh kaufen

müssen, und in solcher Weise ist in ein paar Jahren der Reichtum

vergangen und das ungerechte Teufelsgut zerronnen. Ja, ihr eignes,

einziges Kind hat sie zum Krüppel hexen müssen; und der alte Wulf ist

aus Angst, daß ihm zuletzt ähnliches widerfahren möge, in die weite

Welt gegangen und ist auf immer ein verschollener Name geblieben.

Einige erzählen aber, die Thrin habe ihn verwandelt und habe wegen

seiner Sünde die Macht dazu gehabt, weil der alte Schelm um ihre

Hexerei gewußt und die Früchte davon gehehlt und mitgenossen habe;

und so müsse er nun als ein greulicher Werwolf rundlaufen und die

alten Weiber und Kinder erschrecken. Die Thrin aber sei nach der

Flucht des Wulf als eine arme Bettlerin aus der Wehr geworfen und

habe zuletzt in Puddemin gewohnt, sei aber zuzeiten immer noch hin

und wieder als eine lahme Katze oder Füchsin umgegangen oder habe als

eine lahme Elster auf Bäumen und Dächern herumgehüpft; endlich aber

sei sie vor das Gewehr eines Freischützen geraten, wodurch die

Katzengestalt für immer festgemacht worden. So haben viele Leute sie

öfter als eine wilde, graue Katze an dem Günzer Teiche sitzen gesehen,

auch als kein Haus mehr dastand; auch haben andere es dort um die

Mitternacht häufig miauen und prusten und pfuchsen gehört, daß ihnen

vor Grauen die Haare zu Berge standen.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Märchen und Sagen, von Ernst

Moritz Arndt.

Märchen und Sagen · 第 17 / 17 题