Rattenkönig Birlibi

Ich will die Geschichte erzählen von dem Rattenkönig Birlibi, eine

Geschichte, die mir Balzer Tievs aus Preseke oft erzählt hat nebst

vielen andern Geschichten. Balzer war ein Knecht, der auf meines

Vaters Hofe diente, als ich acht, neun Jahre alt war, ein Mensch von

schalkischen Einfällen, der viele Geschichten und Märchen wußte. Die

Geschichte von dem Rattenkönig Birlibi lautet also:

In dem stralsundischen Dorfe Altenkamp, welches zwischen Garz und

Putbus seitwärts am Strande liegt, hat vormals ein reicher Bauer

gelebt, der hieß Hans Burwitz. Das war ein ordentlicher, kluger Mann,

dem alles, was er angriff, geriet, und der im ganzen Dorfe die beste

Wehr hatte. Er hatte sechzehn Kühe, vierzig Schafe, acht Pferde und

zwei Füllen auf dem Stalle und in den Koppeln, glatt wie die Aale und

von so guter Zucht, daß seine Füllen auf dem Berger Pferdemarkt immer

zu acht bis zehn Pistolen das Stück bezahlt wurden. Dazu hatte er

sechs hübsche Kinder, Söhne und Töchter, und es ging ihm so wohl, daß

die Leute ihn wohl den reichen Bauer zu Altenkamp zu nennen pflegten.

Dieser Mann ist durch nächtliche Gänge im Walde um all sein Vermögen

gekommen.

Hans Burwitz war auch ein starker Jäger, besonders hatte er eine

treffliche Witterung auf Füchse und Marder und war deswegen oft des

Nachts im Walde, wo er seine Eisen gelegt hatte und auf den Fang

lauerte. Da hat er im Dunkeln und im Zwielichte der Dämmerung und

des Mondscheins manche Dinge gesehen und gehört, die er nicht

wiedererzählen mochte, wie denn im Walde des Nachts viel Wunderliches

und Absonderliches vorgeht; aber die Geschichte von dem Rattenkönig

Birlibi hat man von ihm erfahren. Hans Burwitz hatte in seiner

Kindheit oft von einem Rattenkönig erzählen hören, der eine goldene

Krone auf dem Kopfe trage und über alle Wiesel, Hamster, Ratten,

Mäuse und anderes dergleichen Springinsfeldisches und leichtes

Gesindel herrsche und ein gewaltiger Waldkönig sei; aber er hatte nie

daran glauben wollen. Manches liebe Jahr war er auch im Walde auf

Fuchs- und Marderfang und Vogelstellerei rundgegangen und hatte vom

Rattenkönig auch nicht das mindeste weder gesehen noch gehört. Da

mochte der Rattenkönig aber wohl in einer anderen Gegend sein Wesen

getrieben haben. Denn er hat viele Schlösser in allen Ländern unter

den Bergen und zieht beinahe jedes Jahr auf ein anderes Schloß, wo er

sich mit seinen Hofherren und Hofdamen erlustigt. Denn er lebt wie

ein sehr vornehmer Herr, und der Großmogul und König von Frankreich

kann keine bessere Tage haben, und die Königin von Antiochien hat sie

nicht gehabt, die ihr Vermögen in Herzen von Paradiesvögeln und

Gehirnen von Nachtigallen aufgefressen hat. Und das glaube nur nicht,

daß dieser Rattenkönig und seine Freunde Nüsse und Weizenkörner und

Milch je an ihren Schnabel bringen; nein, Zucker und Marzipan ist ihr

tägliches Essen, und süßer Wein ist ihr Getränk, und leben besser als

König Salomon und Feldhauptmann Holofernes.

Nun ging Hans Burwitz wieder einmal nach Mitternacht in den Wald und

war auf der Fuchslauer. Da hörte er aus der Ferne ein vielstimmiges

und kreischendes Getöse, und immer klang mit heller Stimme heraus:

Birlibi! Birlibi! Birlibi! Da erinnerte er sich des Märchens vom

Rattenkönig Birlibi, das er oft gehört hatte, und er dachte: "Willst

mal hingehen und zusehen, was es ist!" Denn er war ein beherzter Mann,

der auch in der stockfinstersten Nacht keine Furcht kannte. Und er

war schon auf dem Sprunge zu gehen, da bedachte er das Sprichwort:

"Bleib weg, wo du nichts zu tun hast, so behältst du deine Nase";

aber das Birlibi tönte ihm nach, solange er im Walde war. Und die

andere Nacht und die dritte Nacht war es wieder ebenso. Er aber ließ

sich nichts anfechten und sprach: "Laß den Teufel und sein Gesindel

ihr tolles Wesen treiben, wie sie wollen! Sie können dem nichts tun,

der sich nicht mit ihnen abgibt." Wollte Gott, Hans hätte es immer so

gehalten! Aber die vierte Nacht hat es ihn übermächtigt, und er ist

wirklich in die bösen Stricke geraten.

Es ist der Walpurgisabend gewesen, und seine Frau hat ihn gebeten, er

möge diese Nacht nur nicht in den Wald gehen, denn es sei nicht

geheuer, und alle Hexenmeister und Wettermacherinnen seien auf den

Beinen, die können ihm was antun; denn in dieser Nacht, die das ganze

höllische Heer loslasse, sei schon mancher Christenmensch zu Schaden

gekommen. Aber er hat sie ausgelacht und hat es eine weibische

Furcht genannt und ist seines gewöhnlichen Weges in den Wald gegangen,

als die andern zu Bett waren. Da ist ihm aber der König Birlibi zu

mächtig geworden. Anfangs war es diese Nacht im Walde eben wie die

vorigen Nächte, es tosete und lärmte von fern, und das Birlibi klang

hell darunter; und was über seinem Kopfe durch die Wipfel der Bäume

schwirrte und pfiff und rauschte, das kümmerte Burwitz nicht viel,

denn an Hexerei glaubte er gar nicht und sagte, es seien nur

Nachtgeister, wovor dem Menschen graue, weil er sie nicht kenne, und

allerlei Blendwerke und Gaukeleien der Finsternis, die dem nichts tun

können, der keinen Glauben daran habe. Aber als es nun Mitternacht

ward und die Glocke zwölf geschlagen hatte, da kam ein ganz anderes

Birlibi aus dem Walde hervor, daß Hansen die Haare auf dem Kopfe

kribbelten und sauseten und er davonlaufen wollte. Aber die waren

ihm zu geschwind, und er war bald mitten unter dem Haufen und konnte

nicht mehr heraus.

Denn als es zwölf geschlagen hatte, tönte der ganze Wald mit einem

Male wie von Trommeln und Pauken und Pfeifen und Trompeten, und es

war so hell darin, als ob er plötzlich von vielen tausend Lampen und

Kerzen erleuchtet worden wäre. Es war aber diese Nacht das große

Hauptfest des Rattenkönigs, und alle seine Untertanen und Leute und

Mannen und Vasallen waren zur Feier desselben aufgeboten. Und es

schienen alle Bäume zu sausen und alle Büsche zu pfeifen und alle

Felsen und Steine zu springen und zu tanzen, so daß Hansen

entsetzlich bange ward; aber als er weglaufen wollte, verrannten ihm

so viele Tiere den Weg, daß er nicht durchkommen konnte und sich

ergeben mußte, stehenzubleiben, wo er war. Es waren da die Füchse

und die Marder und die Iltisse und Wiesel und Siebenschläfer und

Murmeltiere und Hamster und Ratten und Mäuse in so zahlloser Menge,

daß es schien, sie waren aus der ganzen Welt zu diesem Feste

zusammengetrommelt. Sie liefen und sprangen und hüpften und tanzten

durcheinander, als ob sie toll waren; sie standen aber alle auf den

Hinterfüßen, und mit den Vorderfüßen trugen sie grüne Zweige aus

Maien und jubelten und toseten und heulten und kreischten und pfiffen

jeder auf seine Weise. Kurz, es war das ganze leichte Diebsgesindel

der Nacht beisammen und machten gar ein scheußliches Geläute und

Gebimmel und Getümmel durcheinander. In den Lüften ging es ebenso

wild als auf der Erde; da flogen die Eulen und Krähen und Käuze und

Uhus und Fledermäuse und Mistkäfer bunt durcheinander und

verkündigten mit ihren gellenden und kreischenden Kehlen und mit

ihren summenden und schwirrenden Flügeln die Freude des hohen Tages.

Als Hans erschrocken und erstaunt sich mitten in dem Gewimmel und

Geschwirr und Getöse befand und nicht wußte, wo aus noch ein, siehe,

da leuchtete es mit einem Male heller auf, und nun sangen viele

tausend Stimmen zugleich, daß es in fürchterlich grauslicher

Feierlichkeit durch den Walde schallte und Hansen das Herz im Leibe

bebte:

Macht auf! Macht auf! Macht auf die Pforten!

Und wallet her von allen Orten!

Geladen seid ihr allzugleich;

Der König ziehet durch sein Reich.

Ich bin der große Rattenkönig.

Komm her zu mir, hast du zu wenig!

Von Gold und Silber ist mein Haus,

Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus.

So klang es im feierlichen und langsamen Gesange fort, und dann

schallten immer wieder einzelne kreischende und gellende Stimmen mit

widerlichem Laute darunter Birlibi! Birlibi! und die ganze Menge

rief Birlibi! nach, daß es durch den Wald schallte. Und es war der

Rattenkönig, welcher einhergezogen kam. Er war ungeheuer groß wie

ein Mastochs und saß auf einem goldenen Wagen und hatte eine goldene

Krone auf dem Haupte und hielt ein goldenes Zepter in der Hand, und

neben ihm saß seine Königin und hatte auch eine goldene Krone auf und

war so fett, daß sie glänzte; und sie hatten ihre langen kahlen

Schwänze hinter sich zusammengeschlungen und spielten damit, denn

ihnen war sehr wohlig zumute. Und diese Schwänze waren das

Allerscheußlichste, was man da sah; aber der König und die Königin

waren auch scheußlich genug. Und der Wagen, worin sie saßen, ward

von sechs magern Wölfen gezogen, die mit den Zähnen fletschten, und

zwei lange Kater standen als Heiducken hinten auf und hielten

brennende Fackeln und miauten entsetzlich. Dem Rattenkönig und der

Rattenkönigin war aber vor ihnen nicht bange; sie schienen hier zu

gewaltige Herren und Könige über alle zu sein. Es gingen auch zwölf

geschwinde Trommelschläger dem Wagen voran und trommelten. Das waren

Hasen; die müssen die Trommel schlagen und andern Mut machen, weil

sie selbst keinen haben.

Hansen war schon bange genug gewesen; jetzt aber, als er den

Rattenkönig und die Rattenkönigin und die Wölfe und Kater und Hasen

so miteinander sah, da schauderte ihm die Haut auf dem ganzen Leibe,

und sein sonst so tapferes Herz wollte fast verzagen, und er sprach

bei sich: "Hier mag der Henker länger bleiben, wo alles so wider die

Natur geht! Ich habe auch wohl von Wundern gelesen und gehört; aber

sie gingen doch immer etwas natürlich zu. Daß dies aber buntes

Teufelsspiel ist und teuflisches Pack, sieht man wohl. Wer nur

heraus wäre!"

Und Hans machte noch einen Versuch, sich heraus zu drängen; aber der

Zug brauste immer frisch fort durch den Wald, und Hans mußte mit. So

ging es, bis sie an eine äußerste Ecke des Waldes kamen. Da war ein

offenes Feld und hielten viele hundert Wagen, die mit Speck und

Fleisch und Korn und Nüssen und anderen Eßwaren beladen waren. Einen

jeden Wagen fuhr ein Bauer mit seinen Pferden, und die Bauern trugen

die Säcke Korn und das Speck und die Schinken und Mettwürste und was

sie sonst geladen, hinab in den Wald, und als sie Hans Burwitz stehen

sahen, riefen sie ihm zu: "Komm! Hilf auch tragen!" Und Hans ging

hin und lud mit ab und trug mit ihnen; er war aber so verwirrt, daß

er nicht wußte, was er tat. Es deuchte ihm aber in dem Zwielichte,

als sehe er unter den Bauern bekannte Gesichter, und unter andern den

Schulzen aus Krakvitz und den Schmied aus Casnevitz; er ließ sich

aber nichts merken, und jene taten auch wie unbekannte Leute. Mit

den Bauern aber hatte es die Bewandnis: sie hatten sich dem

Rattenkönig und seinem Anhange zum Dienst ergeben und mußten ihnen in

der Walpurgisnacht, wo des Rattenkönigs großes Fest steht, immer den

Raub zu dem Walde fahren, den Rattenkönigs Untertanen einzeln aus

allen Orten der Welt zusammengemaust und zusammengestohlen hatten.

Und Hans kam nun auch ganz unschuldig dazu und wußte nicht wie.

Sowie die Säcke und das andere in den Wald getragen wurden, war das

wilde Diebsgesindel darüber her, und es ging Grips! Graps! und Rips!

Raps! hast du mir nicht gesehen, und jeder griff zu und schleppte

sein Teil fort, so daß ihrer immer weniger wurden. Der König aber

hielt noch da in seinem hohen und prächtigen Wagen, und es tanzeten

und toseten und lärmten noch einige um ihn. Als aber alle Wagen

abgeladen waren, da kamen wohl hundert große Ratten und gossen Gold

aus Scheffeln auf das Feld und auf den Weg und sangen dazu:

Hände her! Mützen her!

Wer will mehr? Wer will mehr?

Lustig! Lustig! Heut geht's toll,

Lustig! Händ' und Mützen voll!

Und die Bauern fielen wie die hungrigen Raben über das ausgeschüttete

Gold her und griffelten und graffelten und drängten und stießen sich,

und jeder raffte so viel auf von dem roten Raube, als er habhaft

werden konnte, und Hans war auch nicht faul und griff rüstig mit zu.

Und als sie in bester Arbeit waren wie Tauben, worunter man Erbsen

geworfen, siehe, da krähete der Morgenhahn, wo das heidnische und

höllische Reich auf der Erde keine Macht mehr hat--und in einem hui

war alles verschwunden, als wäre es nur ein Traum gewesen, und Hans

stand ganz allein da am Walde. Und der Morgen brach an, und er ging

mit schwerem Herzen nach Hause. Er hatte aber auch schwere Taschen

und schönes rotes Gold darin; das schüttete er nicht aus. Seine Frau

war ganz ängstlich geworden, daß er so spät zu Hause kam, und sie

erschrak, als sie ihn so bleich und verstört sah, und fragte ihn

allerlei. Er aber fertigte sie nach seiner Gewohnheit mit Scherz ab

und sagte ihr nicht ein Sterbenswörtchen von dem, was er gesehen und

gehört hatte.

Hans zählte sein Gold (es war ein hübsches Häuflein Dukaten), legte

es in den Kasten und ging die ersten Monate nach diesem Abenteuer

nicht in den Wald. Er hatte ein heimliches Grauen davor. Dann

vergaß er, wie es dem Menschen geht, die Walpurgisnacht und ihr

schauerliches und greuliches Getümmel allmählich und ging nach wie

vor im Mond- und Sternenschein auf seinen Fuchs- und Marderfang. Von

dem Rattenkönig und seinem Birlibi sah und hörte er nichts mehr und

dachte zuletzt selten daran. Aber als es gegen den Frühling ging,

veränderte sich alles; er hörte zuweilen um die Mitternacht wieder

das Birlibi klingen, daß seine mattesten Haare auf dem Kopfe ihm

lebendig wurden, und lief dann zwar immer geschwinde aus dem Walde,

hatte aber dabei doch seine heimlichen Gedanken auf die

Walpurgisnacht; und weil das, was die Menschen bei Tage denken, ihnen

bei Nacht im Traume wiederkommt und allerlei spielt und spiegelt und

gaukelt, so blieb auch der Rattenkönig mit seiner Nachtgaukelei nicht

aus, und Hans träumte oft, als stehe der Rattenkönig vor seiner Türe

und klopfe an; und er machte ihm dann auf und sah ihn leibhaftig, wie

er damals in dem Wagen gesessen, und er war nun ganz von lauterem

Golde und auch nicht so häßlich, als er ihm damals vorgekommen, und

Rattenkönig sang ihm mit der allersüßesten Stimme, von der man nicht

glauben wollte, daß eine Rattenkehle sie haben könnte, den Vers vor:

Ich bin der große Rattenkönig.

Komm her zu mir, hast du zu wenig!

Von Gold und Silber ist mein Haus,

Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus.

Und dann kam er dicht zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr: "Du

kommst doch wieder zur Walpurgisnacht, Hans Burwitz, und hilfst Säcke

tragen und holst dir deine Taschen voll Dukaten?" Zwar hatte Hans,

wann er aus solchen Träumen erwachte, neben der Freude über das Gold

immer ein Grauen, und er sprach dann wohl: "Warte nur, Prinz Birlibi,

ich komme dir nicht zu deinem Feste!" Aber es ging ihm, wie es andern

Leuten auch gegangen ist, und das alte Sprichwort sollte an ihm auch

wahr werden: Wen der Teufel erst an einem Faden hat, den führt er

auch wohl bald am Strick. Genug, je näher die Walpurgisnacht kam,

desto mehr wuchs in Hans die Gier, auch dabei zu sein. Doch nahm er

sich fest vor, dem Bösen diesmal nicht den Willen zu tun, und ging

den Walpurgisabend auch glücklich mit seiner Frau zu Bett. Aber er

konnte nicht einschlafen; die Wagen mit den Säcken und die Bauern und

die großen Ratten, die das Gold aus Scheffeln auf den Boden

schütteten, fielen ihm immer wieder ein, und er konnte es nicht

länger aushalten im Bette, er mußte aufstehen und sich von der Frau

fortschleichen und in den finstern Wald laufen. Und da hat er diese

zweite Nacht ebenso wieder erlebt als das erstemal. Er hatte sich

ein Säckchen mitgenommen für das Gold und hatte auch viel reichlicher

eingesammelt als das vorige Jahr.

Nun deuchte ihm, habe er des Goldes genug, und er tat einen hohen

Schwur, er wolle sich nimmer wieder in die Versuchung geben und auch

nie wieder in den Wald gehen. Und er hat den Schwur gehalten und

sich selbst überwunden, daß er nicht in den Wald gegangen ist und

keine Walpurgisnacht wieder mitgehalten hat, so oft ihm auch noch von

dem Birlibi und dem goldenen Rattenkönige geträumt hat. Er hat das

aber nicht in seinem Herzen sitzen lassen, sondern hat es mit

eifrigem Gebet wieder ausgetrieben und den Bösen endlich müd, gemacht,

daß er von ihm gewichen ist. So war manches Jahr vergangen, und

Hans hieß ein sehr reicher Mann. Er hatte sich für seine Dukaten

Dörfer und Güter gekauft und war ein Herr geworden. Es munkelte auch

unter den Leuten, es gehe nicht mit rechten Dingen zu mit seinem

Reichtum; aber keiner konnte ihm das beweisen. Aber endlich ist der

Beweis gekommen.

Der Böse lauerte auf den armen Mann, an dem er schon einige Macht

gewonnen hatte. Er war ergrimmt auf ihn, weil er von seinen hohen

Festen in der Walpurgisnacht ganz ausblieb, und als Hans einmal

wieder mit sündlicher Lüsternheit an das Goldsammeln gedacht und

darüber das Abendgebet vergessen, auch einige unchristliche Flüche

über eine Kleinigkeit getan hatte, hat er mit seinem Gesindel

hervorbrechen können, und Hans hat nun gelernt, was das goldene

Spielwerk des Königs Birlibi eigentlich auf sich habe. Seit dieser

Zeit hat Hans weder Stern noch Glück mehr in seiner Wirtschaft gehabt.

Wieviel er sich auch abmattete, er konnte nichts mehr vor sich

bringen, sondern es ging von Tage zu Tage mehr rückwärts. Seine

ärgsten Feinde aber waren die Mäuse, die ihm im Felde und in den

Scheunen das Korn auffraßen, die Wiesel, Ratten und Marder, die ihm

die Hühner, Enten und Tauben abschlachteten, die Füchse und Wölfe,

die seine Lämmer, Schafe, Füllen und Kälber holten. Kurz, das

Gesindel hat es so arg gemacht, daß Hans in wenigen Jahren um Güter

und Höfe, um Pferde und Rinder, um Schafe und Kälber gekommen ist und

zuletzt nicht ein einziges Huhn mehr hat sein nennen können. Er hat

als ein armer Mann mit dem Stock in der Hand nebst Weib und Kindern

von Haus und Hof gehen und sich auf seinen alten Tagen als Tagelöhner

ernähren müssen.

Da hat er oft die Geschichte erzählt, wie er zu dem Reichtum gekommen

und aus dem Bauern ein Edelmann geworden ist, und hat Gott gedankt,

daß er Ratten und Mäuse als seine Bekehrer geschickt und ihn so arm

gemacht hat. "Denn sonst", hat der arme Mann gesagt, "Wäre ich wohl

nicht in den Himmel gekommen, und der Teufel hätte seine Macht an mir

behalten, und ich hätte dort jenseits endlich auch nach des

Rattenkönigs Pfeife tanzen müssen." Das hat er auch dabei erzählt,

daß solches Gold, das man auf eine so wundersame und heimliche Weise

gewinne, doch keinen Segen in sich habe; denn ihm sei bei allen

seinen Schätzen doch nie so wohl ums Herz gewesen als nachher in der

bittersten Armut; ja, er sei ein elenderer Mann gewesen, da er als

Junker mit Sechsen gefahren, als nachher, da er oft froh gewesen,

wenn er des Abends nur Salz und Kartoffeln gehabt habe.

Rotkehlchen und Kohlmeischen.

Rotkehlchen und Kohlmeischen waren einst ein paar hübsche Dirnen,

Töchter einer alten frommen Wittwe, die sich vom Spinnen, Nähen und

Waschen und von anderer Arbeit knapp aber doch ehrlich ernährte. Sie

hatte nur diese beiden Kinder, von welchen die älteste Grethchen und

die jüngste Kathrinchen hieß. Sie hielt, wie sauer es ihr auch ward,

die Kinder immer nett und reinlich in Kleidung und schickte sie

fleißig zu Kirche und Schule, und als sie größer wurden, unterwies

sie sie in allerlei künstlicher Arbeit mit der Scheere und Nadel und

hielt sie still in ihrem Kämmerlein in aller Ehrbarkeit und Tugend.

Und Grethchen und Kathrinchen gediehen, daß es eine Freude war, und

wurden eben so hübsch und fein, als sie fleißig und ehrbar waren; so

daß alle Menschen ihre Lust an ihnen hatten und die Nachbarn sie

ihren Töchtern als rechte Muster zeigten und lobten. Die Wittwe

starb und die beiden Schwestern blieben in ihrem Häuschen und lebten,

wie sie mit der Mutter bisher gethan, von ihrer Hände Arbeit. Aber

es blieb nicht lange mehr so still in dem Häuschen, als es sonst

gewesen war. Die Falken und Habichte, welche auf schönes junges Blut

lauren, merkten, daß die Hüterin weg war, welche die Täubchen sonst

bewacht hatte, und es fanden sich häufig lose junge Gesellen ein,

welche die Mädchen zu Tänzen und Gelagen und zu Spaziergängen auf die

Dörfer verlocken wollten. Die beiden Schwestern wehrten sich einige

Wochen tapfer, aber endlich ließen sie sich bewegen und gingen mit

und dachten, es kann doch wohl keine Sünde seyn, was so viele Frauen

und Mädchen thun, die niemand unehrlich nennt. Zuerst kam es ihnen

bei diesen Tänzen doch zu wild vor und sie sahen nicht einmal lange

zu sondern gingen früh weg und waren vor Sonnenuntergang wieder zu

Hause und ließen sich nicht bis in die Nacht hinein halten, wieviel

die, welche sie mitgenommen hatten, auch locken mogten. Das zweite

und dritte Mal tanzten sie schon mit, gingen aber bei Tage heim, und

mit etwas schwerem Herzen, und nahmen sich deswegen vor, den nächsten

Sonntag zu Hause zu bleiben. Aber das Worthalten war schwer, denn

die jungen Gesellen kamen immer wieder und baten zu schön. Das

vierte und fünfte Mal blieben sie schon bis nach Sonnenuntergang, und

das sechste und siebente Mal hatte die Glocke zwölf geschlagen, als

sie heim kamen, und sie mußten ihre Wirthin herauspochen, daß sie

ihnen die Thüre aufschlösse, und als die alte Frau sie ermahnte und

sie ihrer seligen Mutter erinnerte, lachten sie schon und sprachen:

Ach! die Mutter und ihr! wann die Mäuse keine Zähne mehr haben,

schelten sie auf die Nußknacker; ihr werdet auch getanzt haben, als

ihr jung waret.

Die Mädchen waren zu Hause noch immer sehr fleißig, auch hatten sie

noch nichts Unehrbares gethan noch gelitten, aber die Thüre zum Bösen

war geöffnet, und Leichtsinn und Leichtfertigkeit nahmen von Tage zu

Tage zu, und nun ward auch schon mancher kostbare Wochentag mit

Nichtsthun und Herumprangen vertändelt und verquändelt, den sie sonst

auf nützliche Arbeit verwendet hatten. Auch in ihrem Kämmerchen

mußte alles anders werden; die Vögel waren lustig und bunt geworden,

es mußte alles blankere und zierlichere Federn anziehen: neue Tische,

neue Stühle, neue Vorhänge, feinere Kleider und Schuhe. Aber mit dem

alten Hausrath schien auch der mütterliche Segen, der bisher sichtbar

auf den Kindern geruht hatte, aus dem Hause gezogen zu seyn. So

schlich sich das Unglück mit dem Leichtsinn ein; erst hielt sie der

Böse nur an einem dünnen seidenen Fädchen, zuletzt hat er sie mit

einem dicken Kabeltau der Sünde umflochten und sie haben die Schwere

und den Schmutz desselben gar nicht mehr gefühlt.

Grethchen und Kathrinchen hatten immer viele schöne Arbeit und

kostbare Zeuge unter Händen, woraus sie Schmuck und Kleider stickten

und näheten. Sie gebrauchten jetzt mehr Geld als sonst, sie fingen

allmälig an zu mausen, ach! sie stahlen zuletzt. Einmal hatten sie

einen bunten seidenen Rock gestohlen, der in einem Nachbarhause am

Fenster hing, und an einen herumziehenden Juden verkauft. Ein armer

Schneidergesell, bei welchem man viele bunte Lappen und Streifen Zeug

gefunden, die er auch wohl gemaust haben mogte, war darüber angeklagt,

gerichtet und gehängt worden. Er hing und baumelte an dem lichten

Galgen. Eines Abends spät kamen die beiden Dirnen mit andern

Gesellen und Gesellinnen von einem Dorftanze zurück und der Weg ging

an dem Galgen vorbei. Da rief einer aus der Schaar, ein

leichtfertiger Gesell: Fritz Schneiderlein! Fritz Schneiderlein! wie

theuer wird dir dein bunter Rock! Kaum aber hatte er das Wort

gesprochen, so schlug die Sünde wie ein Blitz in die beiden Dirnen,

die schuld waren an des armen Schneiders Tod. Sie stürzten beide wie

todt zur Erde hin, und die andern, die es sahen, liefen voll

Schrecken weg, als hätten ihnen alle Galgenvögel schon in dem Nacken

gesessen. Sie haben die Geschichte in der Stadt erzählt, und die

Leute sind hingegangen, aber die beiden Dirnen haben sie nimmer

gefunden.

Und wie hätten sie sie finden sollen? Sie waren in Vögel verwandelt

und müssen nun in der weiten Welt herumfliegen. Grethchen ist ein

Rothkehlchen geworden und Kathrinchen ein Kohlmeischen; denn

Grethchen trug immer ein rothes seidenes Tuch um den Hals und

Kathrinchen ein gelbes. So müssen sie nun als kleine Vögel in den

Wäldern rundfliegen und Hunger und Durst leiden, Hitze und Kälte

aushalten und vor Sperbern und Falken, vor Schlangen und Ottern, vor

Jägern und wilden Buben zittern. Das hatte ihre Mutter wohl nicht

gedacht, als sie so sittig und fein mit ihr in dem Kämmerlein saßen

und stickten und webten und näheren und Abends und Morgens bei dein

Zubettgehen und Aufstehen mit heller Stimme geistliche Lieder sangen.

Aber die armen Kinder sind zuerst verlockt dann verführt und so

endlich in schwere Sünden gefallen, und haben kaum gewußt, wie sie

dazu gekommen sind: so leise und sanft hat der Leichtsinn sie seinen

Schlangenblumenweg geführt. Daß diese kleinen Vögel einst Menschen

gewesen, ist ganz natürlich, und man kann es auch daraus sehen, daß

sie immer um die Häuser der Menschen fliegen, auch oft durch die

offenen Fenster in die Zimmer kommen und sich da fangen lassen, auch

daß sie im Walde, so wie sich nur Menschen da sehen lassen, sogleich

um sie herumflattern und herumzwitschern. Sie haben auch die alte

Unart im Vogelkleide noch nicht abgelegt und können das Mausen nicht

lassen sondern sind noch immer Erzdiebe, und wo nur etwas Buntes und

Neues und Schimmerndes ausgehängt wird, da fliegen und schnappen sie

darnach, und werden daher keine Vögel leichter in Fallen und

Schlingen gefangen als diese beiden, und müssen Grethchens und

Kathrinchens gefederte Urenkel es noch entgelten, daß sie einst

zuviel auf Kirmisse und Tänze gegangen und den bunten Rock gestohlen

haben, worum der Schneider hangen mußte. Die Menschen jammert es

sehr, wann sie Rothkehlchen und Kohlmeischen in den Schlingen hangen

sehen, und sie rufen wohl: ach! die armen niedlichen Vögelein! Denn

sie sind wirklich sehr niedlich und hübsch, und waren einst auch

niedliche und hübsche Dirnen, ehe sie von bösen Buben verführt wurden,

und lebten als fromme einfältige Kinder und meinten und wußten

nichts Arges.

Aus dieser Geschichte lernt man, daß es wohl wahr ist, was weise

Leute sagen, daß mancher einen bunten Rock trägt, worin ihm nicht

wohl ist, und daß manche bunte Röcke tragen, wozu sie nicht gut

gekommen sind.

Märchen und Sagen · 第 15 / 17 题