Kater Martinchen

Auf der Halbinsel Wittow auf Rügen ist ein Dorf, das heißt Putgarten,

nicht weit von dem berühmten Vorgebirge Arkona, wo der alte

heidnische Götze Swantewit weiland seinen Tempel gehabt und sein

wüstes Wesen getrieben hat. In diesem Dorfe Putgarten lebte eine

reiche Bäuerin, die hieß Trine Pipers. Sie war jung Witwe geworden

und hatte keine Kinder, wollte auch nicht wieder freien, obgleich

viele Freier um sie warben, denn sie war ein sehr schönes und

frisches Weib. Das konnten die Leute nicht recht begreifen, zumal da

sie sonst immer lustig und munter war und bei keinem Tanze und Gelage

fehlte. Denn das mußte man sagen, einen aufgeräumteren Menschen gab

es nicht als diese Bäuerin, und kein Haus hatte so viel Lustigkeit

als das ihrige. Alle hohen Feste hatte es Tanz und Spiel bei ihr;

die Fasten wurden von Anfang bis zu Ende durchgehalten und mit

Schmäusen, Spielen und Tänzen gefeiert, Pfingsten und am Johannistage

ward unter grünen Lauben getanzt, und am Martinstage setzte keine

Bäuerin so viele gebratene Gänse auf, und wenn sie ihr Korn

eingebracht, wenn sie Ochsen oder Schweine geschlachtet oder Wurst

gemacht hatte, mußte die ganze Nachbarschaft sich mit freuen und mit

ihr schmausen. Kurz, diese Bäuerin lebte so prächtig, daß kaum eine

Edelmannsfrau besser leben konnte. In ihrem Hause war alles nett und

tüchtig und fast über das Vermögen einer Bäuerin zierlich. Ebenso

lustig und tüchtig sah es auf ihrem Hofe und in ihren Ställen aus.

Ihre Pferde glänzten immer wie die Aale, und man hätte sie Sommer und

Winter als Spiegel gebrauchen können; ihre Kühe waren die schönsten

und gedeihlichsten im ganzen Dorfe und hatten immer volle Euter; ihre

Hühner legten zweimal des Tages, und von ihren Gänseeiern war nie

eines schier, sondern jedes gab ein Junges. Weil ihr Haus lustig und

sie freigebig war, so hatte sie auch immer die schönsten und

flinksten Knechte und Dirnen auf ganz Wittow.

So lebte Trine manches Jahr, und kein Mensch konnte begreifen, wie

sie als Bäuerin das Leben so halten und durchsetzen konnte, und viele

hatten schon gesagt: "Nun, die wird auch bald vor den Türen

herumschleichen und schnurren gehen." Aber sie focht und schnurrte

nicht herum, sondern blieb die reiche und lustige Trine Pipers nach

wie vor. Andere, die dies lustige Leben so mit ansahen, meinten, es

gehe nicht mit natürlichen Dingen zu; sie habe Umgang und

Gemeinschaft mit bösen Geistern, und die bringen es ihr alles ins

Haus und geben ihrem Vieh und ihren Früchten so wunderbaren Segen und

Gedeihen--als wenn Gott nicht der beste und einzige Segenbringer und

Segensprecher wäre. Viele wollten bei nächtlicher Weile einen

Drachen gesehen haben, der wie ein langer feuriger Schwanz auf ihr

Haus herabgeschossen sei; das sei ihr heimlicher Buhler, der hänge

ihr den Wiem voll Schinken und Mettwürste, fülle ihr die Kisten und

Kasten mit Silber und Gold und stehe mit am Butterfasse und helfe

buttern und gehe mit in den Stall und helfe melken. Andere, noch

boshafter, sagten, sie selbst sei eine Hexe und könne sich unsichtbar

machen: so schleiche sie den Nachbarn in die Häuser, stehle aus

Keller und Speisekammer, nehme den Hühnern die Eier aus den Nestern,

melke die Kühe und rupfe den Schafen die Wolle und den Gänsen die

Dunen aus. Darum sei sie so glatt und glau und könne soviele

Wohlleben ausrichten und ein Leben führen, als wenn es alle Tage

Sonntag wäre. Das bemerkten einige Nachbarsleute noch und

schüttelten die Köpfe dabei, daß Trine eine leidige Freundlichkeit

habe, womit sie wohl hexen könne, und daß sie Kindern nie in die

Augen sehe, wieviel sie auch sonst mit ihnen schmeichle und kose;

denn sie habe als Hexe kein Kind in ihren Augen, und es tue ihr sehr

wehe, wenn sie den unschuldigen Kindern, die noch nichts verbrochen

haben, in ihre reinen Augen schauen müsse.

So lief allerlei Geschwätz unter den Leuten rund, und sie flüsterten

und munkelten viel über Trine Pipers; aber sie konnten ihr doch

nichts anhaben und beweisen. Sie tat all ihr Werk tüchtig vor den

Leuten, war redlich in Handel und Wandel, ging fleißig zur Kirche und

gab Priester und Küster willig und freundlich das Ihrige und hatte

immer eine offene Tasche und einen offenen Brotkorb für die Armen,

wenn sie an ihre Türe kamen. Auch gingen die, welche ihr die Ehre so

hinter ihrem Rücken zerwuschen, recht gern zu ihren Festen und Tänzen

und schmeichelten und heuchelten ihr.

Trine Pipers hatte auf diese Weise wohl zwanzig Jahre ihre Wirtschaft

geführt, und alles war ihr immer nach Wunsch geraten. Da bekam sie

einen bunten Kater ins Haus, und bald ging im Dorfe und in der

Nachbarschaft das Gerede: der sei es, das sei der Gewaltige, nun sei

es endlich zum Vorschein gekommen, und auch ein Kind könne es sehen,

der trage ihr all das Glück zu. Denn leider sind die meisten

Menschen so, daß sie meinen, es müsse mit einem Menschen was

Heimliches oder Ungeheures sein, wenn er die Narrenkappe des Lebens

nicht gerade so trägt wie sie, und wenn er die Schellen daran nicht

ebenso klingen läßt.

Ein bunter Kater ward in Trines Hause gesehen, und kein Mensch wußte,

wo der Kater hergekommen war. Trine lächelte und machte einen Scherz,

wenn man sie fragte, und sagte es nicht. Einigen hatte sie wohl

gesagt, sie habe einen Bruder, der sei Schiffer in Stockholm, der

habe ihr den schönen Kater einmal aus Lissabon mitgebracht; aber das

glaubten sie nicht. Der Kater war groß, bunt und schön, grau mit

gelben Streifen über dem Rücken und hatte einen weißen Fleck am

linken Vorderfuß. Da schrien die alten Weiber: "Da sehen wir's ja,

da haben wir's! Einen dreifarbigen Kater? Wer hat in seinem Leben

gesehen oder gehört, daß es Kater mit drei Farben gibt?" Trine liebte

den Kater sehr und saß manche Stunde mit ihm allein und spielte mit

ihm, der mit wohlgefälligem Brummen seinen Kopf an ihr streichelte

und gegen alles, war ihr zu nah kam, ausprustete und aufpfuchsete:

die arme Trine ward älter, die arme Trine hatte keine Kinder, sie

mußte was zu spielen haben. So saß sie nun manche Stunde, wo sie

sich sonst draußen in ihrer Wirtschaft tummelte, still in der Stube

und spielte mit ihrem Martinichen; denn so rief sie den Kater.

Martinichen und Mieskater Martinichen klang es in der Stube,

Martinichen klang es auf der Flur, Martinichen auf der Treppe und auf

dem Boden. Keinen Tritt und Schritt tat sie, Martinichen war immer

dabei, und von dem Vorratsboden und aus der Speisekammer brachte er

immer seine Bescherung mit im Munde. Kurz, der bunte Kater

Martinichen aus Lissabon war ihre Puppe und ihr Spielzeug; er stand

mit ihr auf und ging mit ihr zu Bette, ja sie ging nicht in die

Nachbarschaft, daß sie ihr Martinichen nicht unterm Arm trug;

Martinichen leckte von ihrem Teller und lappte aus ihrem Napf, er war

der Liebling, er durfte alles, keiner durfte ihm was tun: Hunde

wurden herausgejagt, die ihn beißen wollten, ein Knecht ward

verabschiedet, weil er ihn Murrkater und Brummkater, Speckfresser und

Mausedieb genannt hatte.

Dies gab Geschichten und Lügen und Märchen im ganzen Dorfe, bald im

ganzen Kirchspiele, dann im ganzen Ländchen: Trine hieß eine Hexe,

die einen wundersamen Kater habe, mit dem es nicht richtig sei, und

vor dem man sich hüten müsse. Das sei ein Kater, einen solchen

zweiten werde man in der ganzen Welt umsonst suchen; den ganzen Tag

tue er nichts als fressen und sich hinstrecken und sonnen oder auf

Trines Knien herumwälzen, des Nachts liege er auf ihrem Bette bis an

den lichten Morgen, und doch finde der Knecht, wenn er morgens frühe

zur ersten Fütterung in den Pferdestall gehe, immer zwei große Haufen

toter Ratten und Mäuse vor der Haustüre aufgetürmt. Was möge das

wohl für ein Kater sein, der für diesen feisten und glatten Faulenzer

die Arbeit tue?

Dies Gerede und Gemunkel hatte sich freilich erst draußen

herumgetrieben; dann kam es auch in Trinens Haus und zu Trinens

Leuten, und ihnen fing an, bei ihr ungeheuer zu werden. Wenn sie mit

schmeichelnder Stimme Mieskaterchen! Mies--Mieskaterchen!

Martinichen! Misichen--Martinichen! rief und den knurrenden und

spinnenden Kater auf den Schoß nahm und ihm den Rücken streichelte,

und er sich dann vor Vergnügen krümmte und an ihr strich und brummte,

und ihm die grünen, umnebelten Augen im Kopfe funkelten, dann guckten

die Leute die beiden Spieler mit großen Augen an und wären um alles

in der Welt mit ihnen nicht lange in der Stube geblieben. Trine

hatte sonst immer die tüchtigsten und schönsten Leute gehabt, aber

die konnten es jetzt in ihrem Hause nicht aushalten; sie zogen weg,

und sie konnte zuletzt nichts als Hack und Mack in ihren Dienst

bekommen, und auch die blieben nicht lange, und fast jeden Monat

hatte sie frische Leute. Alle Welt glaubte nun einmal, Trine sei

eine Hexe, und keiner wollte mit ihr zu tun haben. Auch war es mit

der alten Gastlichkeit und Fröhlichkeit des Hauses vorbei und mit den

Schmäusen und Tänzen, denn keiner wollte kommen; und Trine mußte mit

ihrem Mieskater Martinichen einsam sitzen und ihre Bratgänse und

Würste allein verzehren.

Aber ach, du arme Trine Pipers, die du sonst so froh und fröhlich

gewesen warst und alle gern erfreut hattest, wie ging es dir auf

deinen alten Tagen? Nicht allein keine Gesellen und Gesellinnen und

Nachbarn und Nachbarinnen kamen mehr, sich des Segens zu freuen, den

Gott dir gegeben hatte, und sich mit dir zu erlustigen, sondern in

wenigen Jahren verging auch das, wovon du dich hättest erlustigen

können. Die Leute kopfschüttelten und flüsterten zwar, der Kater sei

es, der sei bisher der unsichtbare Bringer und Zuträger gewesen und

habe Scheunen, Kornböden, Keller, Speisekammern, Milcheimer und

Butterfässer und Geldkatzen und Sparbüchsen gefüllt; aber nun war ja

dieser Wundertäter und Hexenmeister da, warum ging es denn nicht noch

gedeihlicher als vorher? Warum ging vielmehr Trinens Wirtschaft von

Tage zu Tage mehr zurück? Die arme Trine hatte Knechte und Mägde,

wie sie kaum ein Bettlerkrug willig beherbergt hätte, recht was man

Krücken und Ofenstecken nennt; ihre sonst so glatten Pferde magerten

ab und verreckten an Rotz und Wurm; ihre Schweine und Kühe hatten

Läuse und gaben keine Milch mehr; ihre Schafe und Gänse wurden

Drehköpfe, als hätten sie geheime Wissenschaft studiert; ihre Hühner

und Enten legten keine Eier und brüteten nicht mehr; ihr Feld trug

Disteln und Dornen für Korn und Weizen. Kurz, Trine geriet in zwei

Jahren in die bitterste Armut: Pferde waren weg, Kühe waren weg,

Schweine ausgestorben, Schafe geschlachtet, Tauben und Hühner vom

Marder aufgefressen, der Hund an der Kette verhungert--kein Hahn

krähte mehr auf ihrer Haustüre, kein Bettler seufzte mehr sein Gebet

davor. Und Trine saß allein und verlassen mit gelben, gefurchten und

gerunzelten Wangen und von Tränen und Jammer triefenden Augen und

schneeweißen Haaren in der frierenden Ecke ihres leeren Zimmers und

hielt ihren magern und in der Asche verbrannten Kater auf dem Schoße

und weinte jämmerlich über den kargen Brocken, die man ihr von fern

zuwarf; denn keiner mochte ihr gern nah kommen.

So hat man sie eines Morgens gefunden tot auf dem Boden ihres

Stübchens hingestreckt und ihren treuen Mieskater Martinichen tot auf

ihr liegend. Die Leute haben mit Grauen davon erzählt. Und die

sonst so reiche Trine, die der Kirche und Geistlichkeit immer so gern

gab, als sie noch was zu geben hatte, ist begraben, wie man Bettler

begräbt, ohne Sang und Klang, ohne Glocken und Gefolge; kein Nachbar

hat sie zum Kirchhof begleiten wollen, kein Verwandter ist ihrer

Leiche gefolgt, sie hatte ihnen ja nichts nachgelassen. O kalte Welt,

wie kalt wirst du denen im Alter, die dann nichts haben, womit sie

sich die Füße zudecken können, und ach, auch die irdischen Mängel,

die man mit schärferen Augen an den Alten betrachtet!

Als Trine nun tot war, erzählen die Leute, ist sie immer als Hexe

umgegangen und geht bis diesen Tag als Hexe um in der Gestalt einer

alten, grauen Katze, die man daran kennt, daß sie Augen hat, die wie

brennende Kohlen leuchten, und daß sie ganz entsetzlich laut sprühet

und prustet, wenn man sie jagt. Sie wird noch alle Mitternächte auf

der Stelle gesehen, wo ehedem Trinens Haus war, und heult dort

erbärmlich; im Winter aber, wann in den Scheunen und auf den Dächern

die wütigen Katzenhochzeiten sind, ist sie immer voran auf der

höllischen Jagd und führt das ganze Getümmel und miaulet und winselt

auf das allerscheußlichste. Diese Stimme verstehen die Leute in

Putgarten so wohl, daß alt und jung gleich rufet: "Hört! Da ist

wieder die alte Trine!"

So ist es Trine Pipers gegangen, und so geht es vielen Menschen bis

diesen Tag. Sie ist eine arme, elendige Bettlerfrau geworden und hat

ihren christlichen, guten Namen verloren, weil sie den bunten Kater

Martinichen lieber gehabt hat als Menschen. Denn wenn sie auch keine

Hexe gewesen ist, so haben die Nachbarn und Nachbarinnen es doch

geglaubt, weil sie sich in ihrer unnatürlichen und häßlichen Liebe zu

der unverständigen Kreatur so in des Katers Gemüt und Gebärden

hineingestohlen und hineinvertieft hatte, daß sie Menschen nicht mehr

so suchte und liebte wie sonst. Sie mag zuletzt auch mit

Katzenfreundlichkeit geblinzelt und mit Katzenaugen geschielt und mit

allerlei Katzenmännchen sich gekrümmt und gewunden haben, so daß kein

Mensch und kein Vieh und also auch kein Glück es länger bei ihr hat

aushalten können und sie zuletzt mit ihrem Mieskater Martinichen ganz

allein geblieben und so im größten Elende umgekommen ist.

Klas Avenstaken.

In dem Lande Westfalen unweit der Stadt Minden, wo es viele tüchtige

Bauern hat, lebte vor langen Jahren ein Schulze in Dümmelshusen, der

Peter Avenstaken hieß, ein Mann von Sitten und Art geduldig und

sanftmüthig und deswegen bei Freunden und Nachbarn wohl berüchtigt

und beliebt, sonst aber von großem und reisigem Leibe und von so

gewaltiger Stärke, daß er weit und breit nur der starke Peter hieß,

und daß die Leute ihm hundert Schritt aus dem Wege gingen, wann er

böse ward; denn ward er böse, so ward er es sehr, und konnte

überhaupt nichts Mittelmäßiges thun. Dieser Schulze in Dümmelshusen

hatte ein Lieblingswort, das er oft gebrauchte und das in seiner

Freundschaft und Verwandtschaft sehr alt war; denn ehrsame

Bauerschaften pflegen auf gewisse Worte, Sinnsprüche und Sprichwörter

eben so zu halten, als Edelleute, die Fahnen und Schild führen, und

setzen auch einen Stolz in dem Alten. Dieses Wort hieß Grade durch,

oder, wie sie in Westfalen sagen, Grad dör; und nach dem Worte, weil

er es so oft im Munde führte, nannten manche Leute ihn auch Peter

Grad dör, was er wohl aufzunehmen pflegte. Es war aber bei dem Worte

noch ein Aberglaube, der sich Jahrhunderte lang in der Familie

Avenstaken fortgepflanzt hatte; sie meinten nemlich, dasjenige von

den Kindern, welches sich dieses Wort vor den andern herausnehme,

werde das Tüchtigste und Glücklichste werden; und also horchten und

merkten die Altern frühe darauf. Seinen Ursprung aber hatte das

Sprichwort von einer alten Geschichte, die sich mit dem Stifter des

Hauses begeben hat, der bei Minden seßhaft ward. Dieser war ein

Schuhmachergesell Namens Klas, gebürtig aus dem Örtchen Corbach im

Waldeckischen. Eines Tages, als er mit einem seiner Gesellen auf der

Wanderschaft war und durch den Hochwald längs der Weser des Weges auf

Minden ging, kam ein wüthender Wolf auf ihn los. Sein Gesell hielt

den Anlauf nicht aus sondern entlief und kletterte auf einen Baum,

Klas aber blieb festen Fußes und Auges stehen, nahm seinen Stock und

wartete des Wolfes; und als dieser auf ihn zufuhr, stieß er ihm den

Stock in den offenen Rachen und stieß so gewaltig, daß der Stock

hinten wieder herausfuhr und der Wolf alle Viere von sich streckte.

Sein Gesell fand sich nun wieder zu ihm, diesen aber prügelte er von

sich weg als einen feigen und erbärmlichen Schächer, und ging mit ein

paar Köhlern, welche das Abentheuer mit angesehen hatten, seines

Weges weiter durch den Wald und übernachtete im nächsten Dorfe. Dem

Wolf hatte er die Haut abgezogen und trug dies herrliche

Siegeszeichen auf seinem Stock, daß er sie einem Kürschner in der

nächsten Stadt verkaufte. Als Klas in der Dorfherberge angekommen

war, erzählten die Köhler den Kampf mit dem Wolfe, und alle Bauren

und Knechte und Dirnen liefen zusammen, daß sie den jungen

Schuhmacher sahen, der den Wolf mit dem Stecken erschlagen hatte, wie

König David den Goliath mit dem Steinchen. Und sie verwunderten sich

sehr, denn der Jüngling sah so gewaltig nicht aus, wiewohl er stark

war; und sie wollten alle den Stecken sehen und betasten, die Dirnen

aber faßten ihn nur mit Grausen an. Es war sonst ein ganz

gewöhnlicher Dornstock, den ein Becker in Corbach dem jungen Klas

geschenkt hatte zu seiner Wanderschaft, und er war an der Spitze

angebrannt, weil der Becker die Kohlen im Ofen zuweilen damit

umgerührt hatte. Desto mehr lobten die Leute Klas und freuten sich

über ihn wegen der herzhaften Antwort, die er dem Schulzen des Dorfes

gab auf die Frage, wie er es denn mit dem Wolfe angefangen habe ihn

umzubringen; da habe es der Stecken wohl nicht allein gethan sondern

der Schusterpfriemen habe wohl mit beispringen müssen. Denn Klas

sagte ihm ganz kurz: Herr Schulze, mit einem bischen Muth fängt man

alles gescheidt an, und so ist auch dieser Ofenstecken grade durch

den Wolf gegangen und hat nicht erst gefragt, ob seine Hinterthüre

auch verschlossen war. Der Schulze wollte das übel nehmen, und

brummte, aber die andern hießen ihn schweigen. Denn Klas hatte alle

für sich gewonnen durch sein freies tüchtiges Wesen, und besonders

nahmen die hübschen jungen Dirnen sich seiner an und trugen ihm Äpfel

und Birnen und Nüsse und Kuchen um die Wette zu und forderten ihn von

selbst auf zum Tanze, der später den Abend in der Schenke begann; und

hätten sie sich nicht entsehen vor den Leuten, einige hätten ihn wohl

mit Vergnügen geherzt und geküßt. Aber das geschah nicht, und Klas

selbst war noch sehr blöd; denn dies war seine erste Wanderschaft und

überhaupt das erste Mal, daß er in die Fremde ging.

Den andern Morgen, als die Sonne anbrach, nahm Klas seinen Stecken

und seine Wolfshaut und kam nach Minden und fand Arbeit bei einem

Meister und blieb dort. Doch war es sein Glück, daß er mit den

Köhlern hier in der Dorfschenke angesprochen hatte, denn eine junge

und hübsche Bauerdirne hatte sich so in ihn verliebt, daß sie Tag und

Nacht nichts anders sah und träumte als den jungen

Schuhmachergesellen Klas und daß sie vor Sehnsucht und Liebe fast

abzehrte und ohne ihn gar nicht leben wollte. Die Ältern suchten ihr

das wohl auszureden, aber Liebe, die es redlich meint, ist, wie man

sagt, die unheilbarste aller Krankheiten. Sie mußten sich also, wenn

sie ihre Tochter behalten wollten, endlich darein geben, und gingen

selbst nach Minden und suchten Klas von Corbach auf, den jeder schon

kannte von wegen seiner Wolfsgeschichte; und sie brachten den wackern

Gesellen ihrer schönen Tochter zu, die ihr einziges Kind war, daß er

sie zum Weibe nähme und vom Tode erlösete. Und Klas ließ sich nicht

lange bitten, denn die hübsche junge Dirne gefiel ihm, und er zog zu

ihr in das Dorf, und legte Pfriemen und Ahl weg und nahm Pflug und

Spaten dafür in die Hand und lebte als ein rechtschaffener Bauersmann

und ward nach einigen Jahren Schulze an dessen Stelle, der über seine

Rede gebrummt hatte. Und von seinem Stecken nannte ihn alle Welt

Klas Avenstaken; er aber gewöhnte sich das Wort an, das andere von

ihm gebrauchten, Grad dör; denn sie pflegten im Scherze von ihm zu

sagen: Grad dör sagt Klas Avenstaken. Und das behielten seine Enkel

und Urenkel nach ihm als ein gutes Wort, das Glück und Muth bedeutete.

Dem Peter in Dümmelshusen waren von seiner Frau Greth Tibbeke schon

viele Söhne und Töchter gebohren, und die Greth hatte ihrem Manne

schon oft angelegen, er solle doch einen Sohn mit dem Hauptnamen in

der Freundschaft Klas taufen lassen; er hatte es aber immer verneint,

und den Buben andere Namen gegeben. Nun geschah es, daß wieder ein

Knabe gebohren wurde und daß Peter mit Gewalt wollte, daß dieser Klas

heißen sollte, wogegen sich Greth sehr steifte, denn sie und die

Freundschaft wollten den Namen Johannes, weil er am Johannisabend zur

Welt gekommen war. Auch sagte sie, indem sie das Kindlein in der

Wiege betrachtete: Sieh Mann, wie sanft und still der Junge aussieht!

das wird dir in der Welt kein Klas, der es mit einem Wolf aufnimmt;

aber Peter antwortete: Kikelkakel! eben deswegen soll er Klas heißen,

die Frommen sind immer die besten Helden gewesen, und die wie

Eisenfresser aussehen, beißen oft keinen Strohhalm inzwei. Kurz, es

half der Greth kein Bitten und Flehen, kein Heulen und Schelten,

Peter war diesmal unerbittlich und sagte: Eben weil er am

Johannisabend, an einem so großen Abend, gebohren ist, soll er Klas

heißen, und ich wette, ein tüchtiger Klas wird er werden. Und mit

diesen Worten nahm er seine Mütze vom Nagel und setzte sie etwas

queer auf, wie er zu thun pflegte, wann er zürnte, und ging hinaus

und achtete nicht des Geschreis seiner Greth und der Muhmen und

Gevatterinnen hinter ihm her. Und der Priester mußte den Knaben Klas

taufen. So daß die Greth, die ihren Johannes noch nicht vergessen

konnte, halb weinend und halb lachend sagte: Nein, dem Peter ist was

durch den närrischen Kopf gefahren, wie es Hunden und Katzen zu

geschehen pflegt, die, wenn man ihnen die Jungen nimmt, daß man eines

oder zwei hegen lasse und die übrigen ersäufe, immer wieder dieselben

Jungen aus allen zuerst ergreifen und wieder in ihr Lager tragen, wo

es die Leute dann auch liegen lassen und aufziehen, meinend, die Alte

müsse am besten wissen, welche von ihren Jungen die besten seyen.

Ich will doch sehen, was aus diesem ausgegriffenen Klas meines lieben

Peters wird.

Und dem kleinen Klas gedieh sein Name wohl, er nahm unverzagt der

Mutter Brust und ließ es sich gut schmecken, schoß in dem zweiten

Monat schon seinen ersten Zahn aus, hatte den vierten Monat schon

sechs Zähne und genoß nebenbei schon allerlei Speise und Trank, vor

dem neunten Monat aber stand er schon auf eigenen Füßen und richtete

sein Antlitz zum Himmel auf. Dann nahm Peter, sein Vater, ihn auf

den Arm, lächelte seelenvergnügt und hielt ihn der Greth hin und

sprach: Sieh, Greth, welch ein Klas! Greth aber halb böse halb

gutmüthig antwortete: Dein Klas ist noch nicht über alle Berge, ich

wollte doch, er hieße Johannes. Und Peter setzte den Buben wieder

auf den Boden, sah zornig und ging stumm und verdrießlich aus der

Thüre. Solche kleine Neckereien über das Bübchen hatte es oft unter

den beiden Eheleuten, die sich übrigens von ganzem Herzen liebten.

Sie schadeten dem kleinen Klas auch nicht sondern er gedieh wohl,

ward breit an Schultern und Brust, warf alle Knaben seines Alters und

auch die ein Jahr älter waren, zur Erde.

So war er im Essen, Trinken, Schlafen und Spielen fünf Jahre alt

geworden. Nun stellte ihn der Vater den Frühling und Sommer schon

hinter die Gänse, und den Winter mußte er in die Schule gehen und

beten und das ABC lernen. Mit dem siebenten Jahre rückte er zum

Schweinhirten vor und im neunten mußte er schon Ochsen und Pferde

hüten. Alles dies that er ordentlich und geschickt, so daß der Vater

Freude daran hatte. Das Einzige, worüber Klagen einliefen, waren

Beulen, die er den Nachbarskindern schlug; Frau Greth jammerte auch

oft über die vielen zerrissenen Hosen und Jacken, die er mit zu Hause

brachte, nein nicht immer mit zu Hause brachte sondern zuweilen auf

den Bäumen und an den Dornen hangen ließ; auch beschwerte sie den

obersten Richterstuhl des Vaters zuweilen mit Schiedsrichteramt, wann

er seine älteren Brüder gebläuet hatte; denn im Zorn konnte er alle

Knaben zwingen, auch die vier fünf Jahre älter waren als er. Der

alte Peter freute sich gewöhnlich, wenn er in solchen

hochnothpeinlichen Halsgerichtsfällen seinen Stuhl besteigen mußte.

Der Schluß vom Liede war fast immer, daß die Kläger und Greth ihr

Anwald wegen Unstatthaftigkeit der Gründe und Zeugen abgewiesen

wurden. Wohlgefällig sagte Peter dann: Ich weiß, ich habe es in

meinen Knabenjahren auch so gemacht; hat denn der Klas je den Zank

angefangen? sind die andern nicht immer die Necker? ihnen geschieht

ihr Recht, wenn er sie tüchtig abstraft. Es ist gut, daß er sie

zwingen kann, so wird ihnen die Lust dazu vergehen. Und er nahm dann

seinen Klas gewöhnlich und streichelte ihn und küßte ihn und ermahnte

ihn zu aller Friedseligkeit. Dessen bedurfte es aber in der That

nicht: Klas war einer der stillesten und freundlichsten Jungen, der

keiner Kreatur etwas zu Leide thun, am wenigsten schwächere und

kleinere Knaben necken konnte; aber wenn er gereitzt ward, gebrauchte

er die Kraft seiner Fäuste nicht mittelmäßig.

Nicht so gut, als hinter den Gänsen, Säuen und Ochsen ging es Klas

hinter den Bänken des Schulmeisters. Er hatte zum Lernen wenig Lust

und Geschick und konnte es in vier Jahren kaum zum Lesen bringen;

denn was er im Winter gekonnt, hatte er im Sommer im Felde und Walde

immer richtig wieder ausgeschwitzt, so daß seine Brüder und die

Nachbarkinder in der Schule immer weit mehr gelobt wurden als er.

Doch hatte der alte Schulmeister ihn sehr lieb und gab ihm das Lob

der Sittigkeit, des Gehorsams und der Frömmigkeit. Im Hause gab das

unter den Alten manchen kleinen Verdruß. Peter, der ihn von allen

seinen Kindern am liebsten hatte, was er sich aber nie merken lassen

wollte, setzte sich oft allein mit ihm hin und half ihm seine Lex

zurecht. Aber sie kamen damit doch nicht durch, Greth nannte ihn oft

ihren breiten Dickkopf, und Peter konnte es nicht wenden, er mußte es

anhören und still dazu schweigen, ja er mußte es wohl leiden, daß der

Jürgen und Joachim und Christoph, seine Brüder, und die Thrine und

Therese, seine Schwestern, als geschicktere und klügere Kinder gelobt

wurden. Dann sagte sie zuweilen auch wohl spöttisch:--sie war sonst

eine herzensgute Frau--Peter, wir wollen doch sehen, was aus deinem

Klas wird; ich wollte, er hieße Johannes, er wäre anders geworden.

Das schlug dann dem Fasse den Boden aus, Peter nahm die Mütze und

ging auf den Hof und in den Pferdestall, daß er sich auslüftete und

wieder besänne. Und wann er sich besonnen hatte und wieder zurück

kam, brummte er wohl für sich: Klas wird doch der beste werden. Klas

gab nemlich ein anderes großes Zeichen von sich, worauf der Vater

Häuser bauete: seit seinem vierten Jahre rief der Knabe immer Grad

dör, sobald er heftig ward oder was Heftiges und Ungestümes beginnen

wollte, besonders wenn er die Fäuste zu Schlachten ballte. Das that

kein anderes von Peter Avenstakens Kindern, obgleich sie das Wort aus

dem Munde des Vaters oft genug hören konnten. Und Peter erlebte die

große Freude, daß Klas vor seinem neunten Jahre im ganzen Dorfe von

Alt und Jung Klas Grad dör genannt ward und daß die Leute zu

Dümmelshusen wieder sagten: Grad dör sagt Klas Avenstaken.

Klas war zwölf Jahre alt geworden, war für sein Alter ungewöhnlich

groß und stark, stand sehr grad und fest auf den Beinen, hatte einen

großen Kopf und breite Stirn mit langen hängenden Flachshaaren, unter

welchen er aus ein paar trotzigen blauen Augen guckte. Viele Leute

sagten, er wäre ein schöner Junge, Peter, sein Vater sagte, er ist

der schönste Junge im Dorfe, aber Greth meinte, er sey zu plump und

dick und seine Brüder seyen viel schöner. Da kam der dreizehnte

Herbst seines Lebens, und mit dem November jenes Herbstes verschwand

Klas durch eine der wunderbarsten Begebenheiten, die ich jetzt

erzählen will, plötzlich aus dem elterlichen Hause.

Peter hatte einen neuen Knecht gemiethet, der mit dem ersten November

zuzog. Dieser hieß Hans Valentin und war schon ein ältlicher Mann

von fünfzig Jahren. Der Knecht war nicht lange im Hause, so schloß

er mit den Knaben eine sonderliche Freundschaft, am meisten aber mit

Klas. Valentin wußte nemlich viele Fabeln, Geschichten und Mährchen

und allerlei alte längst verschollene Leuschen*, und erzählte sie

abendlich nach der Arbeit den Kindern; und er ward durch seine

schönen Geschichten bald so berühmt, daß auch die Kinder der

Nachbarschaft häufig in Peters Haus kamen, damit sie ihn hörten.

Dies geschah meistens des Samstags und Sonntags Abends, wo Valentin

Zeit hatte zum Erzählen. Die Buben brachten dem Valentin Äpfel und

Nüsse mit und andere schöne Sachen, und so setzte die Genossenschaft

sich in einer Ecke hin und schmauste und erzählte. Das war aber das

Besondere, daß von allen Kindern keiner die Geschichten besser

behielt und lebendiger wieder erzählte als Klas; so daß Peter ihm oft

mit Wohlgefallen zuhorchte und schmunzelnd der Greth zurief: Hörst

du's Greth? hörst du's, wie der Klas der Blitzjunge erzählen kann?

Sie aber ließ es kalt abgleiten und sagte wohl: Ja ein Klas ist er

und ein Klas bleibt er, ein rechter Mährchenklas, aber Schulze wird

er nie werden, denn er kann ja nicht schreiben. So sprachen die

Altern über Klas jeder auf seine Weise; sie merkten aber nicht, daß

mit Klas eine große Veränderung vorging und daß Valentin ihn viel

lebendiger und im Herzen viel lustiger machte. Denn die Geschichten

ergriffen den Jungen so, daß er nichts anderes sah und hörte,

dichtete und träumte als Hexen und Hexenmeister, Drachen und Riesen,

bezauberte Prinzessinnen und verwünschte Schlösser. Ja es ging so

weit, daß der Knabe manche liebe Nacht davor gar nicht schlafen

konnte, sondern oft die Augen noch offen hatte, wann der Hahn durch

seinen fünften Krei schon verkündigte, der Himmel wolle seine

geschlossenen Augen wieder aufthun.

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* Hübsches Wort für Mährchen.

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So war Valentin mit seinen Buben bis gegen das heilige Christfest

hingekommen, wo die langen Abende und die vielen Festtage zu Spielen

und Mährchen Gelegenheit gaben und wo alle Welt wegen der Geburt des

süßen Jesuskindleins sich mancherlei Festen und Freuden überließ und

wo Freunde mit Freunden und Nachbarn mit Nachbarn lustig lebten.

Valentin hatte bis auf diese fröhliche Zeit seine besten Geschichten

aufgespart, er hatte den Kindern, welche nebst den Alten ihn

reichlich mit Gaben bedacht hatten, wie man zu sagen pflegt, seine

Mäusekiste aufgethan. Von allen Geschichten aber, die er ihnen

auftischte, wurden sie am meisten erfreut durch die von dem

Pfannkuchenberge und von dem gläsernen Berge, zu welchen er mit

heller Stimme folgende feinklingende Reime zu singen pflegte:

Wer sagt mir an, wo der Pfannkuchenberg liegt,

Gespickt mit Ochsenbraten,

Mit Zucker und Marzipan gefüllt

Und Scheffeln voll Dukaten?

Gläserner Berg, gläserner Berg,

Wann springst du auf?

Spielender Zwerg, künstlicher Zwerg,

Wann wachst du auf?

Wann die Glock Zwölfe schlägt,

Wann der Dieb Säcke trägt,

Dann spring' ich auf;

Wann der Hahn zum zweiten kräht

Und der Mond am höchsten steht,

Dann wach' ich auf.

Diese Geschichten gefielen so sehr, daß sie wenigstens vier Tage

hinter einander immer mit neuen Ausschmückungen erzählt werden mußten,

zumal da, wie Valentin wußte, die beiden Berge in der Nachbarschaft

lagen in dem hohen Forst, in welchem er den Knaben, die dort oft das

Vieh gehütet hatten, die Eiche und Buche ganz deutlich beschrieb und

bezeichnete, die auf ihrem Gipfel ständen. Bei Tage, setzte er hinzu,

kann man diesen Bergen freilich nicht ansehen, was sie eigentlich

sind, dann sehen sie aus wie alle andere Berge; aber um die

Mitternacht sind sie, was sie sind, der eine von dem allerklarsten

und allerdurchsichtigsten Glase, wo Mond und alle Sterne

durchscheinen bis auf den Grund, und der andere der prächtigste

Pfannkuchen, so prächtig, als er nie in einer Pfanne gebacken ist.

Die Sage geht, winkte er dann freundlich und mit leiserer Stimme, daß,

wer in den Pfannkuchenberg steigt, ein großer König wird, und wer in

den gläsernen Berg springt, ganze Säcke mit Dukaten und goldenen

Bechern und silbernen Schalen mit zu Hause trägt; aber wer hat dazu

den Muth? Solche Leute werden nicht alle Tage gebohren.

Das Wörtlein: Aber wer hat dazu den Muth? gab nun, wie es unter

Knaben zu geschehen pflegt, Gelegenheit zu vielem Necken, und sie

wetzten, drillten und foppten einander damit, und einige Wochen hörte

man am Schluß jeder Geschichte immer durchklingen: Aber wer hat dazu

den Muth? und einige Schälke sagten auch wohl Klas Grad dör hat den

Muth. Und Klas zuckte es dann immer in den Fingern, und er hätte sie

gewiß gebraucht, wenn der Vater nicht dabei gewesen wäre; denn Peter

strafte es hart, wenn die Buben sich in seiner Gegenwart rauften.

Indessen ging das Wort und die Neckerei immer fort und auch das Wort

Klas Grad dör hat den Muth; so daß es dem Knaben endlich zu toll ward

und er bei sich selbst dachte: es ist doch auch schlecht, daß ich den

Muth nicht haben soll. Und eines Abends, als sie wieder so

stichelten und stachelten, entfiel ihm im Zorn das Wort: ja Klas Grad

dör hat den Muth, wenn ihr den Muth habt mit dabei zu seyn; und ihr

könnt nun wählen, was ihr wollt, ich nehme mir den Pfannkuchenberg,

worin der König sitzt, wo die große Buche steht, und will

voransteigen als der erste, wenn ihr mitsteigt. Und sie schämten

sich und schrieen alle: Ja! Ja! wir wollen mit; denn es war eben der

helle Mittag und sie däuchten sich alle des Muthes überflüssig zu

haben, und hatten ihn damals auch. Und so neckten sie sich den

ganzen Tag und Abend fort und fort, und Valentin und Peter und Greth

und die Knechte und Mägde, die es hörten, zogen sie auf; denn sie

glaubten nicht, daß es ihr Ernst sey. Die Knaben aber wurden dadurch

nur noch vergritzter auf ihren Vorsatz und der steife Klas hielt die

andern fest, indem er ihnen alles auf das herrlichste vormalte, wie

lustig sie dort leben und mit welchen Schätzen und Herrlichkeiten sie

zu Hause kommen würden.

So war es Abend geworden, und es schlug zehn Uhr vom Kirchthurm, da

rief Klas: Frisch, Gesellen! heraus! es ist Zeit, wir haben über eine

halbe Meile bis zum Walde. Und die Gesellen gingen hinaus mit ihm,

seine drei Brüder und noch fünf andere Knaben, alle in

Sonntagskleidern und mit weißen Stöcken in der Hand; denn mit weißen

Haselstöcken soll man Geistern und Abentheuern entgegen gehen. Und

die Alten riefen und lachten hinter ihnen her, und der Valentin

lachte am lautesten, und sie dachten: die werden keine Berge sprengen

sondern bald wieder hier seyn.

Und die Knaben strichen geschwind über das Feld hin, und Klas lief

allen voran, so brannte die Lust ihn, und sie krächzeten und kakelten

und jauchzeten, wie Krähen krächzen, wenn man sie von den Bäumen

aufjagt, und Hühner kakeln, wenn man ihnen den Flug aufthut. Und

alle blieben bei dem Vorsatz und waren voll Muthes, bis sie die Bäume

des Waldes sehen konnten; da wurden sie fast alle still. Als sie

aber an den Wald kamen und die hohen Bäume rauschen und die Wasser

der Gießbäche aus der Ferne brausen hörten, da standen sie still, der

einzige Klas lief hinein. Und da er die andern nicht folgen sah,

schalt er sie; sie aber achteten des nicht, sondern sagten der eine

dies der andere das, und keiner wollte mit. Da nannte er sie feige

Memmen und rief ihnen spöttisch zu: Klas Grad dör hat den Muth, und

dann rauschte er sporenstreichs durch die Sträuche fort immer bergan.

Sie aber rauschten über das Feld zurück nach Hause und machten so

geschwinde Schritte, als hätte ein jeder ein Gespenst an den Fersen

gehabt.

Und Klas lief eilends seines Weges auf manchen krummen Pfaden, die er

kannte, bergauf bergab, bis er auf der höchsten Höhe des Forsts die

Buche nicken sah. Da mußte er auch still stehen und ihm wollte der

Muth auch fast klein werden, zumal da er wohl vier Kirchenglocken aus

der Ferne eben zwölf schlagen hörte. Aber wie er ein wackerer Bub

war, so sprach er sich das Wort zu, das sein Vater ihm so oft gesagt

hatte: ein Kerl müsse nie vor einem Entschlusse umkehren, den er in

lustiger Stunde gefaßt habe, und, wenn es zur That komme, sich wie

ein Hase auf die Hinterfüße setzen; und Klas rief Grad dör! daß der

Wald wiederhallte, und so sauste er den Berg hinan. Und er kam hin,

wo er eben die Buche noch gesehen hatte, aber sie stand nicht mehr da,

wohl aber duftete und schimmerte der schönste Pfannkuchenberg im

Mondschein. Und Klas bedachte sich nicht lange, that beherzt seine

beiden Augen zu, richtete sich mit beiden Füßen auf die Zehenspitzen,

wagte den Sprung und rief: Grad dör sagt Klas Avenstaken.

Und der Sprung misrieth ihm nicht, und er glitt sanft in den Berg

hinein und sank leise und langsam hinab, als wäre er gefahren, wie

man Eier im Hopfensack zu fahren pflegt. Und es däuchte ihm, er ward

lieblich hinabgeschaukelt und hinabgewiegt und daß er entschlief und

wundersame Träume hatte, worin ihm sein alter Hans Valentin erschien

und ihm gar wohlgefällig und freundlich zulächelte.

Und als er erwachte, da war es dämmerig um ihn her, er fühlte aber,

daß er in einem weichen Bette lag, auf so weichen und feinen Kissen,

als Greth seine Mutter ihm nie untergelegt hatte. Und das gefiel ihm

sehr. Aber ihn hungerte, und das gefiel ihm nicht. Da fing es an

hell zu werden und er bedachte und besann sich über gestern und über

die vorigen Tage und sprach: Hier soll ich ja im Pfannkuchenberg seyn,

will sehen, ob Valentin mir auch was vorgelegen hat. Und er rieb

sich die Augen auf und es ward lichter um ihn; es fiel aber nur ein

dämmerndes Licht von oben herab. Und seine Augen freueten sich, und

sein Herz freuete sich noch mehr; denn was ward er gewahr? Daß er

nun wirklich mitten in dem Pfannkuchenberg war und daß der alte

Valentin nicht gelogen hatte. Denn er war nun in einem Zimmer, worin

ein Bett und ein Tisch und eine Bank war, fast wie in seines Vaters

Hause; nur alles netter und zierlicher. Und das Zimmer war

ringsumher gar herrlich geschmückt und verhangen. Da waren die Wände

mit gebratenen Gänsen und Enten und Hühnern und Schnepfen und

Rebhühnern und Wachteln und Krametsvögeln wie mit den schönsten

Tapeten in der buntesten Mannigfaltigkeit verziert und mit Hasen und

Hirschen und Rehen in Menge, und die schönsten Schüsseln und Teller

und Messer und Gabeln hingen dabei. Das war die eine Seite. Und die

andere Seite war mit Kuchen ausgeschmückt und mit Zuckerwerk und

Marzipan und mit köstlichen Früchten, Pfirsichen, Aprikosen,

Apfelsinen, Weintrauben, Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Nüssen und was

Zunge und Zahn sich in ihrer Lüsternheit nur wünschen mögen zu

schlürfen und zu beißen. Und an den beiden schmaleren Enden des

Zimmers standen blühende Bäume und Bäume voll Früchte, und unter den

Bäumen liefen je zwei Quellen heraus: an dem einen Ende war eine

Wasserquelle und eine Milchquelle, und an dem andern Ende war eine

Bierquelle und eine Weinquelle. Klas kümmerte sich um zwei Quellen

gar wenig, nemlich um die Wasserquelle und die Bierquelle sondern

gebrauchte allein die Milchquelle und die Weinquelle. Dieses ganze

Zimmer war ein Wunder, aber das größte Wunder daran war, daß jeder

verzehrte Braten und jede verschlungene Birne oder Traube gleich

wieder an derselben Stelle wuchs, wo er sie weggerissen hatte, und

daß die Milchquelle und Weinquelle nie versiegten. Ja ich glaube,

ein ganzes Heer Reiter und Fußvolk hätte in dem Pfannkuchenberge ein

Jahrtausend essen und trinken können, und es wäre nicht all geworden.

Und unser Klas aß und trank wie ein Kerl, ja er aß und trank

übermäßig, und es bekam ihm doch nicht übel. Das geschah ihm aber

immer, daß er sogleich nach dem Essen und Trinken einschlief, so daß

man fast sagen mag, er that nichts anderes als essen, trinken und

schlafen. Er wachte aber etwa fünfmal des Tages auf, und dann aß und

trank er jedesmal tüchtig; die Nächte durch aber schlief er immer in

Einem fort vom Abend bis zum Morgen, ohne daß er je erwachte. Weil

dies nun sein Leben war und sein dämmerndes Zimmer ihn an nichts

erinnerte, was er dort oben auf der Erde erlebt und gesehen hatte, so

verschwand ihm das Vergangene fast ganz aus dem Gedächtnisse. Nur

seines Vaters Peter gedachte er zuweilen und des treuen Valentins und

des freundlichen alten Schulmeisters; aber das war ihm auch nur wie

ein Traum. Das aber hielt er von göttlichen und heiligen Dingen und

Gewohnheiten fest, daß er jedesmal, ehe er aß, sich kreuzete und die

Hände faltete und betete. Er konnte aber nur Ein Gebet, das nicht

sehr lang war, und hieß:

Fürchte Gott,

Liebes Kind,

Gott der Herr

Sieht und weiß

Alle Dinge.

Dies Gebet betete er immer sehr andächtig. Seine Schlafstunden bei

Tage und auch die Nacht, wo er im Bette lag, waren ein ewiger Traum,

und zwar ein sehr bunter und lustiger Traum, wo alle Valentinische

Geschichten und Mährchen wunderbar aufblüheten und wieder tausend

andere Geschichten und Mährchen gebahren, wo er immer mitten drinnen

war und ungeheure Thaten vollbrachte, Drachen und Riesen erschlug

eiserne und diamantene Thore zersprengte Prinzessinnen befreiete und

endlich König ward.

Klas verlebte auf diese Weise, ohne daß er wußte, wie ihm geschah, in

seinem Pfannkuchenberge ein ganz vergnügtes und lustiges Leben. Es

war aber in dem Traume jemand da, der ihm die Geschichten erzählte

oder vormachte. Dies war nicht Valentin sondern seine verstorbene

Großmutter, die er in seinen frühesten Kinderjahren noch in seines

Vaters Hause gesehen hatte. Diese schien dann zu seinen Häuptern zu

stehen oder auf den Knien vor ihm zu liegen und über ihm zu beten,

und erzählte ihm zuletzt immer Geschichten. So hat er es in späteren

Jahren oft mit tiefer Bewegung erzählt und gemeint, wenn etwas Gutes

aus ihm geworden, so verdanke er es den stillen Gebeten dieses

frommen und von Gott erlöseten Geistes, der seinen Irrthum, womit er

in den Berg hinabgesprungen, zum Guten gewendet habe.

So waren ihm fünf Jahre vergangen wie Ein Tag, und essend und

trinkend war er immer tiefer hinabgesunken, und das Zimmer hatte sich

mit ihm gesenkt. Und er hatte sich glücklich durch den zauberischen

Berg gefressen; denn durchfressen mußte sich, wer hineinsprang, hatte

Valentin gesagt, anders konnte er nimmer aus dem Berge erlöst werden.

Wie viel er aber in dieser langen Zeit gegessen und getrunken hat,

wer will das wohl ausrechnen? Gewiß ist es aber nicht weniger

gewesen, als zehen der unverdrossensten Esser und Trinker nur hätten

bezwingen können. Auch war es nicht verloren an ihm sondern er war

ein gar starker und reisiger Jüngling geworden. Davon wußte er aber

nichts, denn er hatte niemand, an dem er's hätte versuchen können,

auch war kein Spiegel in seinem Zimmer, der es ihm hätte verrathen

können.

Als nun die fünf Jahre um waren und Klas sich unten bis an den Rand

durchgefressen hatte, und nun wieder herausfallen sollte auf die Erde,

damit sein Schicksal erfüllet würde, fiel er in einen tiefen Schlaf,

und ihm träumte ein sonderbarerer Traum, als er je gehabt hatte. Die

alte weise Frau nehmlich, die immer bei ihm saß und ihm Geschichten

erzählte und aussah wie seine selige Großmutter, schien ihm sehr

traurig und gebehrdete sich, als wenn sie Abschied von ihm nehmen

wollte, ja sie sagte es ihm. Und es däuchte ihm, als wenn sie sehr

brünstig und mit vielen Thränen über ihm betete und ihn dann aus dem

Bette nahm und ihn wusch, wie man ein kleines Kind wäscht, bis er

weiß ward wie ein Schwan, und als wenn sie ihm dann ein weißes Hemd

anzog und einen sehr zierlichen neuen Rock und neue Schuhe und

Strümpfe, und dann verschwand. Und auch ihm schien sehr traurig zu

seyn in seinem Herzen. Und dies war wirklich kein Traum gewesen

sondern er war drinnen rein gewaschen worden und neu gekleidet vom

Haupt bis zu den Füßen, und so war er im Traum aus dem Berge

herausgefallen. Er hatte es aber nicht gemerkt sondern diese

Wundergeschichte verschlafen.

Weil Klas Avenstaken nun wieder auf der Erde erscheinen soll, so muß

ich erzählen, wie es die fünf Jahre, wo er im Pfannkuchenberge lebte,

in seines Vaters Hause gegangen war. Es hatte sich dort seit seinem

Verschwinden nichts Ungewöhnliches begeben, sie lebten gottlob noch

alle, die Altern und die Geschwister, und seine mitternächtliche

Pfannkuchenbergfahrt war wirklich das einzige Außerordentliche

gewesen, was das Haus in so langer Zeit erlitten hatte. Es war lange

Trauer um ihn gewesen, besonders in dem Herzen seines Vaters, der es

sich aber nicht merken ließ, auch in dem alten ehrlichen Valentin,

den die Mutter überdies wegen seiner Geschichten noch viel

ausgescholten hatte. Es war aber seit jener Zeit alle Freude von ihm

gewichen und kein Mährchen mehr über seine Lippen geklungen, und der

alte Mann, der sonst so munter und scherzhaft war, war fast stumm und

grämlich geworden. Auch hatte er aus dem Hause und dem Dienst

weggewollt, Peter aber in seiner Gutmüthigkeit hatte es nicht

zugelassen, und gesprochen: hat der Valentin so großes Leid mit uns

erfahren, so soll er nun auch das bischen Brod mit uns essen bis an

sein Lebensende. Von Klas ward übrigens fast nicht mehr gesprochen

oder doch nur leise geflüstert; die meisten Leute und auch seine

Mutter meinten, die bösen Geister seyen mit ihm abgefahren und das

Knäblein werde in diesem Leben nicht wiederkommen. Nur Valentin und

Peter sprachen zuweilen unter sich noch von dem Knaben, den sie beide

so lieb gehabt hatten, und hegten verschwiegen die Hoffnung, er könne

doch noch wohl mal wiederkommen. Die beiden glaubten auch an die

Geschichten, die sie so gern erzählten oder erzählen hörten. Und

siehe! ihre Hoffnung betrog sie nicht; denn Klas kam wirklich wieder.

Nun muß ich erzählen, wie dies geschehen ist.

Weil Wunder immer auf das wunderbarste geschehen, so begab es sich,

daß Klas gerade auf derselben Stelle, wo er einst versunken, aus dem

Pfannkuchenberge wieder in diese Welt hineingefallen war. Das konnte

nun doch nicht anders geschehen, als daß der Pfannkuchenberg sich

umgekehrt hat, und daß die ganze Welt sich mit ihm umgekehrt hat.

Eines von beiden mußte geschehen seyn, und weil es so war, deswegen

heißt es ein Wunder; denn ein Wunder ist, was jeder Mensch wohl

wissen aber doch kein Mensch begreifen kann. Kurz und gut, als Klas

erwachte, lag er nicht in seinen weichen Betten sondern im grünen

Grase und sah seine wohlbekannte Buche wieder und den hohen Berg,

worauf er so oft die Rinder getrieben hatte, und den ganzen Wald und

das Feld drunten, und die Dörfer und ihre Kirchthürme kamen ihm

wieder wie alte Bekannte vor, jene fünf im Pfannkuchenberge verlebten

Jahre aber waren ihm wie ein Traum, und es war ihm nicht anders, als

sey nur eine Nacht vergangen zwischen dem Abend, wo seine Brüder und

Gesellen von ihm liefen, und diesem Morgen, wo die Lerchen der Erde

ihn wieder wach sangen. Es war aber ein sehr schöner Frühlingstag,

als er sich durchgefressen hatte und wieder aus dem Berge fiel.

Klas lag nicht lange im Grase und gaffte, sondern er machte sich bald

auf und lief geschwinde durch den Wald und über das Feld grad auf

seines Vaters Haus zu. Und er fand, als er in die Stube trat, seine

Ältern und Geschwister und den Valentin alle um den Tisch stehend,

die eben die Hände zum Gebet gefaltet hatten; denn sie wollten

frühstücken. So trat er unter sie. Er war aber sehr groß und schön,

beinahe eines halben Kopfes höher als Peter, der auch kein kleiner

Mann war, und er hatte schöne neue Kleider an. Und deswegen sahen

sie alle auf und verneigten sich vor ihm, denn sie meinten, er sey

ein Fremder. Er aber fiel Vater und Mutter und Schwestern und

Brüdern um den Hals und herzte und küßte sie, und sagte: ich bin Klas

und bin wieder aus dem Pfannkuchenberge gekommen; und auch den alten

Valentin, seinen sehr lieben Freund, küßte er recht herzlich. Und

sie erkannten ihn nun wieder an manchen Zeichen, und erstaunten sehr

und freueten sich, daß er so groß und hübsch geworden.

Als nun aber das erste Erstaunen vorbei war, da wollten alle wissen,

wie es ihm gegangen war in den fünf Jahren und drei Monaten, die er

weg gewesen; und das ganze Dorf war herbeigelaufen, daß sie Klas

Avenstaken sähen, und das erste Wort war immer: Nun lieber Klas,

erzähle uns, wie ist es ergangen? und wie sieht es in dem

Pfannkuchenberge aus? Er wußte ihnen aber nicht viel zu sagen,

sondern es kam alles dunkel heraus wie Träume und

Gespenstergeschichten; so daß einige ihn mit erschrockenen Augen

anguckten, als sey es nicht geheuer mit ihm und als treiben schlimme

Geister in ihm ihr Spiel, andere wohl hie und da flüsterten: der Klas

lügt, er ist nicht in dem Pfannkuchenberge gewesen, er ist von seinen

Ältern gelaufen und ist nun wiedergekommen, und der schlaue Schulze

hat die ganze Geschichte erfunden, daß er seine Schlappe bemäntele.

Die meisten indessen hatten Glauben zu dem Abentheuer und fanden

recht großen Gefallen an der Erzählung, wie sein Zimmer mit Braten,

Kuchen und Früchten tapeziert gewesen, und wie der Milchborn und

Weinborn immer im Flusse gewesen: und das glaubten sie wohl, denn sie

sahen seinen starken und schönen Gliedern und seinen rosenrothen

Wangen und funkelnden Augen wohl an, daß er die Zeit nicht gehungert

hatte. Seine Mutter aber war die erste, die ihn voll Ungeduld nach

den Säcken mit goldenen Dukaten fragte und ob er keine mitgebracht

habe? Als er nun antwortete, da müsse der Valentin sich in der

Geschichte versprochen haben, denn von Gold und Silber habe er in dem

Pfannkuchenberge auch kein Pröbchen gesehen, da kopfschüttelte sie

und meinte, er habe die fünf Jahre eben so gut zu Hause bleiben und

die Wirthschaft mehren und an ihrem Tische essen können: denn was

helfe es ihm nun, daß er Fasanen und Waldschnepfen gegessen und den

köstlichsten Wein geschlürft habe? ohne Geld, möge er sich nur nicht

einbilden, daß ein Mensch König werden könne, was der einfältige

Valentin ihm vorgefabelt habe. Denn Valentin bekam bei Gelegenheit

immer sein Seitenhiebchen mit ab. Und soll ich nun die Wahrheit

sagen, so lautet sie so: Die ersten Tage waren die Leute im Dorfe

außer sich über Klas und stürmten Peters Haus fast, die ersten Wochen

verwunderten sie sich sehr, die ersten Monate sprachen sie viel davon,

und nach einem Jahre war die Geschichte von den meisten schon wieder

vergessen. Die aber immer noch viel von der Geschichte sprachen, das

waren die jungen Dirnen, denn ihnen gefiel Klas über alle Maaßen, und

wo sie es sagen durften, riefen sie fast einstimmig: Klas Avenstaken

ist doch der schönste Junge im Dorfe.

Klas war in seinem achtzehnten Jahre und fand sich wieder auf der

Welt, wie er wohl wußte. Er machte sich rüstig an die Arbeit, denn

dazu hatte er Sehnen und Knochen, und ging mit seinem Vater pflügen

und säen, Steine brechen und Holz hauen, Gras und Korn mähen, und

that all sein Werk still und bescheiden und schaffte so viel als drei

andere. Und der Vater hatte ihn immer sehr lieb und auch der alte

Valentin freute sich an ihm. Auch die Mutter freute sich seiner

schönen Jugend und Gestalt, was Mütter und Weiber nicht lassen können,

und schmunzelte oft, wenn die Nachbarinnen ihn wegen seiner Schöne

lobten; aber im Ganzen war er ihr doch nicht zu Sinn und däuchte ihr

zu still und zu einfältig und nicht so geschickt und anstellig, als

ihre andern Kinder. Und wirklich viele Worte konnte Klas nicht

machen, ja er war viel stiller geworden, denn er als Knabe gewesen;

auch hatte er in den fünf Jahren, die er in dem Berge gesessen, gar

nichts zugelernt sondern schier alles vergessen, was er aus der

Schule mitgebracht hatte; so daß er nichts weiter wußte als sein

einziges kurzes Gebetchen. Doch wußte die Greth mit Grunde nichts

auf ihn zu sagen: er war gehorsam und demüthig in aller Arbeit, ging

fleißig mit andern Christen zur Kirche und hielt alle heiligen Tage

und Feste sittiglich und andächtiglich mit, und hatte bei

jedermänniglich Liebe und ein gutes Gerücht. Das Einzige, was sie an

ihm tadelte und mit Recht tadeln konnte, war, daß er abendlich und

nächtlich viel außer dem Hause war. Denn das konnte er nicht lassen,

besonders an Sonntagen und Festtagen. So wie die Sonne unterging,

mußte er in Feld und Wald spazieren, und oft besuchte er dann auch

den Berg, wo er sein Abentheuer gehabt hatte, und saß unter der

grünen Buche und träumte die lustigsten Träume des Pfannkuchenberges

noch einmal und kam gewöhnlich stummer und in sich gekehrter zu Hause,

als er ausgegangen. Wenn Greth ihn nun darüber auch nicht schalt,

so mußte es der Peter entgelten, wenn er den Klas lobte. Sie brummte

dann wohl für sich hin: ja was ist denn dein Klas? was hat ihm die

ganze Bergfahrt gefrommt, wovon man so viel Geschrei macht? Reicher

ist er nicht geworden, klüger wahrhaftig auch nicht, unser Speck und

Brod hätte ihn eben so stark machen können, und er hätte uns noch

Geld dazu verdient. Er ist als der blöde und stumme Dickkopf

wiedergekommen, als welcher er weglief. Dein Klas ist der Klas

geblieben. Solche Reden mußte Peter oft hören und verschlucken, und

grämte sich und durfte kein Wort dazu sagen. Doch in seinem Herzen

däuchte es ihm alles anders, und er und Valentin ließen den Gedanken

nicht fahren, der Klas müsse noch ein rechter Bidermann werden.

So waren wieder drittehalb Jahre vergangen und Klas war an Schenkeln

und Schultern noch stärker und wo möglich noch schöner geworden, und

füllte sein zwanzigstes Jahr. Da begab sich, was sich begeben sollte,

damit er aus dem Bauerkittel herauskäme und zu den hohen Ehren

gelangte, wozu Gott ihn hatte gebohren werden lassen.

Er war mit seinem Vater in den Wald gegangen Holz zu fällen. Sie

hieben an zwei verschiedenen Seiten einige hundert Schritt von

einander, so daß sie nur den Schall ihrer Äxte hören konnten und

nichts weiter. So mogten sie wohl einige Stunden gearbeitet haben,

als Klas mit Einem Male von der Stelle her, wo Peter hieb, ein

klagendes Ächzen hörte. Er ließ seine Arbeit und lief sporenstreichs

hin und sah, wie vier Männer in grünen Röcken seinem Vater die Hände

auf den Rücken gebunden hatten und ihn mit Prügeln forttrieben. Da

ergrimmte er, sprang hinzu, riß die Bande los, stieß die Männer weg

und fragte sie, aus welcher Macht sie das thäten. Sie antworteten

ihm, er komme in guter Stunde, und ihm werde bald dasselbe geschehen;

denn sie beide seyen Holzdiebe und hauen nicht auf ihrem Grunde

sondern es sey des gnädigen Herrn Wald. Es waren aber diese Viere

Jäger des Grafen, dem das Land gehörte, doch war der Wald, wo Peter

und Klas Holz fällten, nicht des Grafen eigener Wald sondern eine

Almend des Dorfes Dümmelshusen. Und sie wortwechselten noch viel mit

einander; als die Jäger sich aber unterstanden den Alten wieder zu

binden und auch den Klas binden wollten, da kam der Zorn über ihn und

er rief mit gewaltiger Stimme Grad dör! und hieb mit der Axt um sich,

und hieb sie alle vier nieder, daß auch kein Lebenszeichen in ihnen

blieb. Seinen Vater aber tröstete er des Schimpfes, und ging mit ihm

zu Hause, wo er jedermann offen erzählte, was sich zwischen ihm und

den Jägern des Grafen im Walde begeben hatte.

Es ward ihm und seinem Vater aber nicht so geglaubt, sondern es hieß,

er habe die Jäger gewaltsam angegriffen und gefällt. Und der Graf

sandte viele hundert Mann mit Spießen und Stangen nach Dümmelshusen,

daß sie den Klas einfingen und ins Gefängniß führten. Und Klas

entwich nicht, wiewohl er es gekonnt hätte, und weigerte und wehrte

sich nicht, sondern ließ sich ruhig wegführen. Denn er sprach bei

sich: Der Obrigkeit soll man gehorchen und unterthan seyn, und Gott

wird Recht und Unschuld wohl ans Licht bringen.

Und als er in die Stadt kam, wo der Graf wohnte, nahmen sie ihn und

legten ihm Hände und Füße in Eisen wie einem Missethäter und warfen

ihn in ein dunkles Gefängniß, wo weder Sonne noch Mond hineinschien,

und hielten ein strenges Gericht über ihn und verdammten ihn zum Tode,

als der des Landes Frieden gebrochen und schweren Mord begangen

hätte. Und alsbald ließ der Graf, der über den Tod seiner Jäger sehr

erzürnt war, einen neuen Galgen bauen vor den Thoren der Stadt

fünfzig Ellen hoch, woran Klas Avenstaken gehängt werden sollte. Und

es waren viele tausend Menschen aus allen Enden herbeigelaufen den

Tag, als er gehängt werden sollte; denn sein Gerücht war weit

erschollen wegen seiner Stärke und Schönheit, auch hatten die Leute

sich das Mährchen von dem Pfannkuchenberge wieder erzählt und es mit

vielen neuen Wundern vermehrt.

Und als die Sonne des Morgens aufging, wo Klas als ein armer Sünder

sterben sollte, ward er aus dem Stadtthore hinausgeführt, und trug

seine schweren Ketten so leicht, als wären es Strohhalme gewesen, und

schritt wohlgemuth und festen Angesichts daher; denn er hatte recht

andächtig gebetet und tröstete sich Gottes, da er sich keiner

schweren und freiwilligen Schuld bewußt war. Und der Jüngling

däuchte den Leuten schöner als je und aller Augen flossen in Thränen

über daß ein so schönes junges Blut sterben sollte; besonders aber

jammerten die Weiber und Jungfrauen, deren Herz von Natur mitleidiger

ist, und manche dachte wohl: könntest du ihn vom Galgen lösen, du

nähmest ihn gleich zum Mann und schämtest dich nicht. Als aber Klas

unter den Galgen geführt ward und die Priester mit dem Kreuze in der

Hand um ihn her standen und zu ihm sprachen und geistliche Lieder

sangen und die Henker die Leiter und Stricke zurecht machten, da ward

das Weinen ein lautes Schluchzen und Heulen und Schreien rings um das

Hochgericht. Unter andern war auch eine schöne junge Frau da, welche

sich durch den Haufen gedrängt hatte und dem Klas grade gegenüber

stand, so daß sie ihm ins Gesicht schauen konnte. Diese rief so laut,

daß alle Leute es hörten und er es auch hören konnte: O thäte dieser

doch nun den Schergen und Henkern, wie Simson den Philistern und

zerbräche seine Bande! Und Klas fiel die Geschichte von Simson aus

der Schule wieder ein, und er dachte: versuchen kannst du es wohl, ob

es Gottes Wille wäre. Und er raffte seine Glieder zusammen und

spannte seine Sehnen und rief voll Zorns Grad dör! und die eisernen

Ketten sprangen, als wären es Rohrseile gewesen, und er stürmte durch

die Henker und Schergen und durch alles Volk hin und warf links und

rechts alles mit den mächtigen Fäusten nieder. Das Volk aber

jauchzte und schrie: Grad dör, Klas! und Klas lief wie ein Hirsch,

der mit seinen Beinen spielt, über das Feld hin in den Wald, und die

ihm zu Fuß und zu Pferde nachjagten, konnten ihn nicht einholen. Die

Henker aber, ergrimmt, daß sie so ihre Beute verloren hatten, griffen

die schöne junge Frau, die den simsonischen Wunsch ausgesprochen

hatte, und meinten, sie könnten sie nun hängen. Aber das Volk schrie

laut dagegen und die Priester schalten sie, da die Frau es ja nur aus

menschlicher Barmherzigkeit mit einem armen Sünder gesprochen habe,

und der Graf, der auf das Getose und Getümmel wegen Klasens Flucht

herbeigekommen war, befahl, daß sie die Frau wieder frei ließen; und

so geschah es. Es war aber ein gewaltiges Jauchzen und Frohlocken

unter allem Volke, daß Klas so entronnen war; denn daß sie ihn wieder

fangen würden, glaubten sie nicht. Auch fingen ihn nicht wieder, die

ihm nachgejagt waren; ich glaube auch nicht, daß sie besonders große

Lust gehabt hatten, sich an ihn zu machen. Denn sie hatten gehört,

wie er jenen vier Jägern gethan hatte, und sie hatten eben gesehen,

was seine Knochen und Sehnen vermogten und wie Schergen und Henker

und alles Volk, das ihm im Wege stand, unter seinen Fäusten

hingestürzt waren. Auch in Dümmelshusen hörten sie bald, was unter

dem Galgen geschehen war, und freueten sich; und die Altern und

Geschwister richteten sich wieder auf aus dem Elende und der Schmach,

und Peter faltete die Hände und betete: Gott du bist gerecht, Klas

ist kein Mörder, er hat sich für mich und sich nur ungerechter Gewalt

erwehrt.

Als Klas in den Wald gekommen war, wo keine offene Straßen waren,

lief er nicht mehr sondern ging sachte und hörte seine Jäger und

Verfolger ruhig um sich her tosen. Er hatte sich schon einen

tüchtigen knotigen Ast von einer schmeidigen Eiche gebrochen und

zurecht gemacht, und dachte: Laß sie nur kommen, zehen und zwanzig

von ihnen thun mir's nicht, wenn Gott nicht wider mich ist. Sie

lärmten und toseten und getümmelten aber gewaltig mit Hunden und

Pferden durch den Wald, aber auf ihn stieß keiner; und er ging seines

Weges fort, bis es Nacht ward. Da nahm er Herberge bei einem Köhler.

So ging er noch einen Tag fort, da gelangte er auf das Blachfeld,

das zwischen der Weser und Elbe hinstreicht bis ans Meer, und er

dachte: hier mußt du dich mehr in Acht nehmen, weil sie in hellen

Haufen hinter dich her setzen können. Daher schlug er abgelegene

Wege ein durch Wälder und Sümpfe und kehrte meistens ein bei einsamen

Leuten, bei Hirten, Köhlern und Müllern im Walde. Und als der fünfte

Tag anbrach, da sah er zum ersten Mal in seinem Leben das Meer und

erstaunte ob der Gewalt und Pracht und fiel auf sein Angesicht und

betete und dankte Gott, daß er ihm bis dahin geholfen hatte. Das

wußte er aber noch nicht, was das Meer aus ihm machen sollte.

Klas war an der Elbe angelangt in der Gegend, wo sie bald ins Meer

fällt und sehr breit ist, und ging längs ihrem Strande hin auf

Schiffe zu, die er in der Ferne liegen sah. Es war eben die Zeit der

Ebbe und der Strand gar flach. Er wußte aber nichts von Ebbe und

Fluth; denn was wissen die Leute, die in Berg und Wald wohnen, vom

Meer? Und er war einige Stunden am Strome so in Gedanken

fortgeschlendert und hatte nicht gemerkt, daß das Wasser zunahm. Es

fing aber die Fluth wieder an und wuchs bald mit so jählicher Gewalt,

daß er in einem Augenblick rings mit Wasser umflossen war, das ihm

bis über den Gürtel stieg. Da lief er was er konnte den Schiffen zu,

die nun nicht mehr fern waren, und stützte sich an einer langen

Stange, die an ihm hinschwamm und die er ergriff. Aber das nächste

Schiff, wozu er gelangte, lag auf der Tiefe, wohl zwanzig Schritt vom

Lande. Und Klas nahm seine Stange und schwang sich daran empor und

rief Grad dör! und schnellte sich fort und sprang plötzlich mitten

auf das Schiff hinab. Die Leute aber, die unten im Raum waren,

erschracken über den Knall, den seine Füße gaben, und kamen auf das

Verdeck herauf; denn es hatte geknallt, als hätte das Gewitter

eingeschlagen. Und sie erstaunten, als sie den großen und

stattlichen Mann mit der Stange darauf stehen sahen, und fragten ihn,

ob er komme, als Freund oder Feind als Heide oder Christ. Als er

ihnen bejahet hatte, daß er beides als Freund und als Christ komme,

so schüttelten sie ihm alle nach einander die Hand, und bald brachte

ihm einer eine große Schale voll Meth und hieß ihn trinken; und er

trank, und jeder von ihnen trank der Reihe nach auch. Und das sollte

ein Zeichen des Friedens und der Brüderschaft seyn.

Es waren wohl fünfzig Männer auf dem Schiffe, starke großgliedrige

Gesellen, von wildem und rauhem Ansehen. Klas hatte in seinem Lande

dergleichen nie gesehen und hätte sie wohl für Räuber und Unchristen

gehalten, wenn an dem Maste nicht das Zeichen des Kreuzes eingehauen

und die Flagge nicht wie ein Kreuz ausgeschnitten gewesen wäre. Und

sie waren allerdings Christen, aber Räuber waren sie auch. Das

sagten sie ihm bald unverholen, nachdem er ihnen einen Theil seiner

Geschichte erzählt hatte und durch welche simsonische Kühnheit er dem

Galgen entlaufen war. Sie hatten ihn anfangs barsch angesehen, als

ob sie ihm nicht traueten; aber die wilden Gesichter wurden immer

freundlicher, je weiter er in seiner Erzählung vorschritt. Und als

er geendigt hatte, trat derjenige unter ihnen zu ihm, der als der

vornehmste aussah und in der That ihr Hauptmann war, schüttelte ihm

die Hand, umhalste ihn und sprach: Willkommen Klas! solche Leute

können wir brauchen, du sollst hinfort unser Stallbruder seyn auf

Leben und Tod und Ehre und Beute mit uns theilen. Und der Hauptmann

erzählte ihm, sie seyen friesische Männer von den Inseln und Küsten

und leben meist vom Raube, den die See gebe und das Heidenland, aber

Christen lassen sie unangetastet. Als Klas das Letzte hörte, schlug

er getrost ein und ließ es sich gefallen mit ihnen zu ziehen, wiewohl

sie ihm etwas greuliche Leute zu seyn däuchten.

Sie lagen noch wohl zehen Tage da vor Anker am Ufer des Stroms, weil

der Wind aus Westen wehete, und Klas lernte sehr bald, wie man das

Schiffsgeräth und Ruder und Segel handhaben muß, denn er war sehr

gewandt. Er ward nun auch gewaffnet nach Seeräuberart; sie nannten

sich aber nicht Seeräuber sondern Meerfahrer oder Wikinger. Bald

stand Klas in voller Wagenrüstung wie ein Wikinger da. Er trug aber,

wann er in voller Rüstung war, einen Kettenpanzer, einen eisernen

Helm und einen runden Schild mit Buckeln, und führte in der Rechten

eine scharfe Streitaxt und an der linken Seite ein kurzes breites

Schwerdt; Speere aber zum Werfen und Stangen zum Schlagen und Stoßen

lagen im Schiffe genug, die jeder auf seine Weise gebrauchen mogte,

wann der Feind angriff. Auch hatte es mächtige Stahlbogen und Pfeile

in Menge, und damit wußte Klas wohl umzugehen, weil er die letzten

Jahre mit seinem Vater oft auf die Jagd ausgegangen war. Er spannte

aber den stärksten Bogen so leicht, daß seine Gesellen erstaunten;

denn selbst der Hauptmann, der unter ihnen für den stärksten galt,

konnte ihn nur zuweilen aufziehen. Als er ihnen vollends den Sprung

noch einmal machte, den er mit der Stange von dem Ufer auf das Schiff

gethan hatte, da jauchzeten und frohlockten sie und meinten, dieser

Kämpfer solle manchem Heiden noch wohl den Dampf* thun.

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* Dampf: Fall, Sturz von dem Worte Dämpfen Niederschlagen. Schwed.

dämpa: niederschlagen, dimpa: niederfallen.

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Den zehnten Tag hatte der Sturm aus Westen abgewehet, und es blies

ein frischer Südost auf, und sie hisseten die Segel und ließen das

Schiff auf die blaue Tiefe laufen gegen Westen und steuerten gegen

die Inseln der Heiden hin. Und es gab manchen heißen Kampf zur See

und an den Küsten und manches Heidenschiff ward erstiegen und die

Heiden wurden wie tolle Hunde erschlagen oder gefangen, und sie kamen

mit reichem Gold und Silber heim und verkauften den Raub und die

Gefangenen. Und Klas hatte sich schon einen Namen gemacht auf der

See; denn wenn der Streit begann, rief er Grad dör! mit so gewaltiger

Stimme, daß den Feinden sogleich der Muth entfiel und den Freunden

wuchs und sie fast immer leichten Sieg gewannen. Und der Hauptmann,

obgleich er dem Klas seine Stärke und seinen Kriegsruhm fast

beneidete, hatte sich doch die Bitte der meisten seiner Leute

gefallen lassen, daß sie auf dem Spiegel des Schiffes einen hohen

Mann mit einer langen Stange machten, aus dessen Munde die goldenen

Buchstaben Grad dör weheten. Und Graddör ward das berühmteste Schiff

in der Nordsee und Ostsee und weithin in dem Nordwesten bei den

Inseln der Heiden. Und es kamen die besten Kämpfer verließen ihre

Schiffe und traten zu dem Hauptmann des Graddör über; und sechs

Monate nach dem Tage wo Klas darauf gesprungen war, hatte er statt

der fünfzig Kämpfer wohl über zweihundert, und wuchs an Ehre und

Furcht und Reichthum, daß es nicht zu beschreiben ist.

Man kann nicht sagen, daß dieses wilde und unstäte Leben dem Klas

sonderlich gefiel, aber er ließ es sich gefallen. Das frische

Element des Meers und die kühnen Geister, die aus ihm brausen und

wehen, behagten seiner Jugend wohl, und frische muthige Thaten

erquickten ihm Seele und Leib, und Heiden bekämpfen und dämpfen

däuchte ihm eben keine Sünde, zumal da sie als arge und blutdurstige

Räuber die Inseln und Küsten der Christen überfielen und

ausplünderten und die Menschen als Sklaven wegführten und in das

fernste Elend verkauften, und da sie auch alle christliche Schiffe

anfielen und verdarben, deren sie mächtig werden konnten. Er schien

gegen solche in einem guten Streite zu streiten. Auch hat es nicht

gar lange gewährt, so ist Klas Hauptmann des Schiffes Graddör

geworden.

Sie waren im zweiten Jahr seiner Seefahrt aus Westen hinaufgesegelt

hoch gegen Norden und landeten den vierzigsten Tag ihrer Fahrt nach

manchem harten Strauß, den sie mit Feinden und Stürmen bestanden

hatten, auf einer kleinen Heideninsel, die von einigen Hundert

Menschen bewohnt war, welche in ärmlichen Hütten wohnten und, wie es

schien, von den Seevögeln und Fischen lebten. Als sie ans Land

stiegen, kamen diese ihnen friedlich und freundlich entgegen, trugen

gebratene Fische in Schalen und hielten die Methkanne hin; Waffen

aber trug kein einziger von ihnen. Da ließ der Hauptmann aufblasen

zum Angriffe, und ermahnte die Kämpfer mit schallendem Gelächter, daß

sie die Männer niederhauen und mit den Weibern thun mögten, wie sie

gelüstete. Und sie rüsteten sich, jene Armen aber entflohen mit

jammervollem Geheul zu ihren Hütten. Als nun die Männer dem

Hauptmann gehorsam anlaufen wollten, da sprang Klas plötzlich vor,

zückte seine Axt und rief Halt! Zugleich entblößte er sein Haupt vor

dem Hauptmann und bat, ja flehete ihm, daß er so schwere Schuld nicht

auf sich laden wolle und so heilloses und unchristliches Werk nicht

üben lasse gegen wehrlose Männer und Weiber; denn wenn sie auch

Heiden seyen und von dem lebendigen Gott und von dem Heilande und der

Erlösung nichts wissen, so seyen die doch viel ärgere Heiden, die

solches thun könnten. Der Hauptmann aber hörte ihn nicht an sondern

ergrimmte und befahl den andern, daß sie Klas als einen Aufrührer

fingen und bänden. Klas aber stämmte sich auf seine Streitaxt, sah

zornig um sich und sprach: wer wagt's?--und sie standen und keiner

wagte es. Da befahl der Hauptmann zum zweiten Male, und es entstand

Gemurmel unter dem Volke, und einige schritten vor, als wollten sie

an Klas Hände legen. Klas aber ward nun von seinem Zorn und von

seiner Macht gefaßt und schrie Grad dör! und sprang mit seiner

gezückten Axt auf den Hauptmann, der vergebens seine Wehr aufhob, und

spaltete ihm den Kopf mitten durch, und rief: Der ist bezahlt und hat

seinen verdienten Lohn; wer ein Christ ist, her zu mir! Und über die

Hälfte der Männer traten zu ihm über, die andern aber ergrimmten um

den erschlagenen Hauptmann und griffen zu den Waffen, als wollten sie

seinen Tod rächen. Klas aber schrie abermal Grad dör! und sie

standen wie vom Blitz in dem Boden festgeschlagen. Dann vermahnte er

sie und die andern zum Frieden und belehrte sie, wie der Hauptmann

Unmenschliches und Unchristliches befohlen habe, wie Christen

geduldig, sanftmüthig und barmherzig seyn müssen und ihre Hände nicht

mit unschuldigem Blut beflecken dürfen, und wenn es auch Heidenblut

sey; denn Gott sey auch der Heiden Vater und Schöpfer. Und es liefen

den eisernen Männern, als sie die Worte hörten, Thränen über die

rauhen Wangen und sie sprachen: Der Hauptmann ist durch Gott gefallen

und durch dich, und riefen alle einstimmig: Klas du sollst unser

Hauptmann seyn! Und er ließ es sich gefallen und ward nun Hauptmann

über zweihundert Männer.

Und es erschien bald, wie sie recht gethan hatten. Klas hatte das

wilde und rohe Wesen, das bisher unter ihnen gegolten hatte, wohl nie

geliebt noch selbst mitgemacht, aber er hatte es doch an den andern

dulden müssen, wiewohl solche Gräuel von ihnen nie begangen waren,

als der Hauptmann jetzt gegen die armen waffenlosen Menschen auf der

Heideninsel befehlen wollte. Als er nun selbst Hauptmann geworden,

führte er eine recht strenge christliche Zucht ein und stieß ohne

Erbarmen alles von seinem Schiffe aus, was sich ihr nicht fügen

wollte. Das war aber sein erstes Gesetz, daß ohne Gnade an dem

Mastbaum baumeln mußte, wer einen unbewehrten Mann mit dem Eisen

verletzte oder ein Weib vergewaltigte. Er fuhr aber noch immer gegen

die Heiden, säuberte das Meer von ihren Raubschiffen und erlösete

viele Christen aus der Gefangenschaft; auch hat er an vielen Orten,

die sonst heidnisch waren, das heilige Kreuz als das Heil der Welt

gepflanzt und durch seine Gerechtigkeit und Milde viele Heiden zum

Christentum geführt. Und sein Name ist so gewachsen, daß die

tapfersten Männer sich zu ihm gesellten und unter ihm auszogen und

daß er im zweiten Jahre seiner Hauptmannschaft auf zwanzig Schiffen

schon fünftausend Kämpfer hatte. Denn seine Redlichkeit und

Gottesfurcht war groß und seine Tapferkeit gefürchtet und seine

Stärke unüberwindlich; denn gegen den Hieb seiner Axt oder den Stoß

seiner Stange hatte kein Schmied Schild und Panzer schmieden können.

Als nun das vierte Jahr seiner Seefahrt und das zweite Jahr seiner

Hauptmannschaft war, hatte er eine Fahrt nach Island gemacht, war

aber durch einen gewaltigen Nordwind zurückgetrieben und ward gegen

die Ostküste einer großen Halbinsel verschlagen, welche Jütland

heißet. Diese Halbinsel war zu jener Zeit halb heidnisch und halb

christlich, und es hatte sich vor wenigen Monaten begeben, daß der

Heidenkönig den Christenkönig geschlagen und erschlagen und alles

Land überfahren hatte. Auch hatte er bald das Schloß des

christlichen Königs und dessen Frau und Tochter, die darin waren,

gewonnen. Die gefangene Königstochter war aber die schönste

Prinzessin in allen Landen weit und breit. Diese wollte der

Heidenkönig zwingen, daß sie sein Gemal werden und ihm das Königreich

zubringen sollte, als habe er es mit gerechter Hand erworben. Und er

dachte in seinem stolzen Sinn: sie wird thun und seyn wie andere

Weiber und sich freuen, daß der Vornehmste bei ihr schlafen will und

der König im Lande ihr Mann heißt. Aber sie that und war ganz anders,

und weigerte sich standhaft, und da er nicht abließ und zuletzt

hochmüthig dräuete, da schalt sie ihn einen wilden Wütherich und

einen heidnischen Bluthund. Und er ergrimmte darüber so sehr, daß

alle seine heißen Flammen plötzlich erkälteten, und er schwur, sie

solle für die Schmach eines greulichen und quaalvollen Todes sterben.

Und er ließ einen großen Scheiterhaufen aufthürmen auf offenem Felde

unweit dem Schlosse, worin er die Prinzessin gefangen hatte; darauf

sollte sie gleich einer gemeinen Missethäterin verbrannt werden.

Nun begab es sich durch Gottes Schickung, der dem Bösen nicht seinen

Willen lassen wollte, daß Klas mit seinen meisten Schiffen aus Noth

hier jenen Morgen grade landete, als die Hinrichtung der

unglücklichen Prinzessin geschehen sollte. Die Menge Menschen, die

um das Schloß und an dem Strande und auf dem Felde rings herum

toseten und wimmelten, der Schimmer und das Geklirr von Wagen und der

Schall von Trommeln und Pauken machten ihn aufmerksam, und er

erkundigte sich bei einem der Umstehenden, der ein Christ war, nach

der Ursache des Gewimmels und Getümmels der Menschen und der vielen

Kriegsleute. Jener aber erzählte es ihm alles und wie die Prinzessin

in einer halben Stunde werde herausgeführt und jämmerlich auf dem

Scheiterhaufen verbrannt werden, und wie sie nicht zu erretten sey

vor der heidnischen Wuth, denn der Heidenkönig habe mehr als

zehentausend Kriegsleute bei sich, die sie zum Feuertode geleiten

sollen. Und der Mann fing an bitterlich zu weinen, als er den Jammer

auserzählt hatte.

Klas aber, als er alles so von ihm gehört hatte, ward blutroth vor

Mitleid und Zorn, und sprach zu dem Manne: Das verhüte Gott und mein

gutes Eisen, daß die Prinzessin sterbe! Und er schrie Grad dör! daß

das Ufer rings wiederhallete und antwortete. Und seine Krieger

verstanden den Schrei, und in einigen Augenblicken standen sie

versammelt um ihn wohl dreitausend an der Zahl. Und er rief ihnen zu:

Auf Gesellen! frisch mit dem Gotte der Christen! wir wollen die

Prinzessin und die Christen von den schnöden Heiden erlösen. Sind

ihrer zehentausend, so ist es euer Brauch, jeder wohl fünf auf sich

zu nehmen. Frischauf denn! Gott sieht das Herz an und nicht die

Menge. So sprach er und schallte noch einmal Grad dör! drein, und

riß sie wie ein Blitz mit sich fort grade auf den Scheiterhaufen hin

in dem Augenblicke, als die Prinzessin, mit Schwerdtern und Spießen

umgeben, aus dem Thore herausgeführt ward. Und er ließ das Bluthorn

blasen, und die Heiden trompeteten gegen, und der König hielt an

ihrer Spitze und rief den Seinen zu: Frisch! Frisch! wie die See

immer vom trockenen Lande zurückfließen muß, so werdet ihr diese

elenden Seeräuber in ihr Element zurückspülen. Und sie trafen hart

auf einander, aber Klas und Graddör waren den Heiden zu mächtig, und

sie fielen vor ihm und seinen Wikingern, wie Haberstroh vor der

Sichel fällt, wann es zu reif ist. Und als die andern Christen der

Stadt und des Landes sahen, daß Klas die Oberhand bekam über die

Heiden, da stürmten sie auch von allen Seiten auf sie; und in wenigen

Stunden ward der Heidenkönig nebst allem seinem Volke erschlagen bis

auf einige wenige, die durch die Geschwindigkeit ihrer Pferde mit der

Prinzessin in das Schloß zurückgeflohen waren. Diese gaben wenige

Stunden nach der Schlacht das Schloß und die Prinzessin auf um das

Leben und den freien Abzug. Und Klas gestand es ihnen zu, weil ihrer

so wenige waren, und ließ sie in Frieden abziehen.

Als Klas in das Schloß einzog, da war große Freude unter allem

Christenvolke, daß Gott die Heiden so unter seiner Faust gedemüthigt

und die Prinzessin vom Feuertode errettet hatte, und die alte Königin

und die erlöste Prinzessin traten ihm an den Stufen des Schlosses

entgegen und priesen sich glücklich, daß sie durch einen solchen Mann

befreit worden. Denn durch den Schlachtruf Grad dör hatten sie

sogleich vernommen, welch ein Mann für sie gestritten. Und sie

nahmen ihn an die Hand und führten ihn die Stufen des Schlosses

hinauf; er aber weigerte sich dessen und verneigte sich vor den

königlichen Frauen tief bis zur Erde, wie es einem tapfern und

ritterlichen Mann geziemt, und wollte hinter ihnen her treten. Sie

aber wehrten ihm das, und die alte Königin sprach: wo ist eine

Prinzessin in der Welt, die nicht die geehrteste wird, wenn ein

solcher Mann und Held an ihrer Hand einher geht? Und er mußte ihnen

wohl gehorchen und nebst seinen Helden sich am Mahle mit ihnen

erquicken und in dem Schlosse und der Burg Herberge nehmen.

Die Königin hatte aber gleich bei sich bedacht, als sie Klas gesehen,

und auch ihre Räthe hatten es ihr zugeflüstert: wo wäre ein Mann wie

dieser, der das Christenthum hier emporbringen und das Heidenthum

bändigen könnte? hat Gott uns diesen nicht wie ein Wunder durch den

Sturm hergewehet und als den König und Retter des Volkes gezeigt?

Und sie hatte sich viele süße Gedanken gemacht über ihre Tochter.

Aber das verbarg sie noch in ihrem Herzen, und dachte: Gott wird es

schon machen, wenn es gut ist. Und Gott machte es, damit erfüllet

würde, was Valentin gesagt hatte: wer sich muthig durch den

Pfannkuchenberg fresse, der werde einmal König werden.

Denn Klas war kaum einige Stunden in den Gemächern des Schlosses, so

fühlte er sich in seinem ganzen Herzen wie umgekehrt, er fühlte, daß

er ein Weib gesehen hatte, von welcher seine Augen nicht wanken

konnten. Die Prinzessin war auch gewiß die Allerschönste, die zu

ihrer Zeit auf der Welt lebte. Er fühlte das mit Wohlgefallen, daß

ihm das Herz zitterte; aber er bedachte zugleich, daß er der Sohn

eines Dorfschulzen und sie eine Königstochter war, und schlug sich

bei diesem Gedanken vor die Stirn und rief: Klas, Klas, wo willst du

hin in deiner Thorheit? hier hilft dir dein Grad dör zu nichts. Denn

Klas war bei allen seinen großen Thaten immer seiner Jugend eingedenk

geblieben und war immer herzlich demüthig und klein vor Gott, dem er

allein alles beimaaß; von seiner eigenen Ritterlichkeit und Schönheit,

die wohl die Herzen aller Weiber der Welt anlocken konnte, wußte er

gar nichts. So brachte er, von den Reitzen der schönen Prinzessin

geblendet und verwundet, eine schlaflose kranke Nacht zu, und weil

sein Wunsch ihm eine Unmöglichkeit däuchte, so beschloß er mit dem

frühen Morgen nebst seinen Gesellen wieder in die Schiffe zu gehen

und seinen Kummer dem wilden Element des Wassers zur Heilung zu

übergeben, wenn Liebesflammen nur durch Wasser gekühlt und gelöscht

werden könnten.

Und als es kaum dämmerte und das Licht noch furchtsam durch die

Vorhänge in die Zimmer guckte, rief er seine Männer auf, und es ward

ein Laufen und Wimmeln im Schloßhofe, daß die Königin und die

Prinzessin darob erwachten und mit Staunen und Schrecken vernahmen,

daß Klas wieder auf seine Schiffe wolle. Und die alte Königin

bedachte sich nicht lange, sie that, was sie thun mußte, kleidete

sich eilends an, warf ihren königlichen Mantel um, und trat zu Klas

ins Zimmer, zu welchem sie folgende Worte sprach:

Lieber Herr Klas, was ist das für eine Botschaft, die wir mit

Schrecken hören? So willst du fort, und gönnst uns nicht einmal das

bischen traurige Zeit, daß wir dir wenigstens mit Worten danken

können? So willst du uns verlassen? du willst das heilige Kreuz, du

willst das Christenthum, du willst die Christen hier wieder verlassen,

und sie wieder auf des Schwerdtes Spitze stellen? das Fürstenkind

willst du wieder verlassen, das du eben aus dem Feuer und Eisen der

Heiden gerissen hast? Zwar liegt der Heidenkönig erschlagen und sein

Heer speiset die Raben; aber viele Heiden wohnen noch um uns und über

uns, und er hat der reisigen Söhne und Neffen genug, welche kommen

werden und seinen Tod rächen, wann du weg bist. Unser König aber ist

auch todt, unsre besten Männer liegen auch erschlagen, und wir haben

keinen Sohn, keinen Bruder, keinen Bräutigam, die das Scepter und das

Schwerdt führen können in der Gefahr. Hat der Wind Gottes dich denn

nur hieher gewehet, um uns desto herrlicher und größer zu verderben?

hat er dich nicht hergewehet, daß du diesen Christen ein Kriegsfürst

und König gegen die Heiden, mir ein geliebter Sohn und der Prinzessin,

meiner Tochter ein würdiger Gemal seyn sollst? Ja das hat er

gewollt, und das will ich, darum bin ich so früh aufgestanden, darum

komme ich, darum bitte ich.

Die Königin sprach diese Worte so gewaltig, daß sie alle Worte todt

machten, die Klas hätte antworten können. Er konnte nicht gehen; er

konnte nicht sprechen, er konnte sich nur verneigen und erröthen und

schweigen. Und dies that er auf seine Art, welche der Königin sehr

gefiel; denn sie verstand, er werde mit den Schiffen nicht entfliehen,

und also fuhr sie fort in ihrer Rede:

Du hast es beantwortet, wie ein Ritter und Mann antworten soll, wann

eine Frau solches zu ihm spricht. Und nun will ich künftig auch

nichts mehr hören von dir, daß du in einer Bauerhütte und wir in

Königsschlössern gebohren sind. Siehe Gott hat an dir große Zeichen

gewiesen, daß er auch die Kleinsten groß machen kann, so wie er, wenn

er will, Leben und Kronen gebohrner Könige in den Staub legt; er hat

dir solche Demuth und Tugend und Gewalt des Muthes und Glückes

gegeben, daß du ein Mann heißest unter den besten Männern: dich hat

die Ritterlichkeit Königen gleich gemacht und dein Grad dör! ist

stärker als ein Heer. Und nun komm!

Und sie nahm ihn an der Hand, und er war ihr still und gehorsam wie

ein kleines Kind und ließ sich von ihr führen, wohin sie wollte.

Und die Königin führte ihn in das Gemach ihrer Tochter der Prinzessin

und legte die Hände der beiden zusammen und segnete sie ein. Und sie

ließen es sich wohl gefallen, aber sprechen konnten sie kein Wort.

Denn der Prinzessin war es nicht anderes gegangen als Klas; sobald

sie ihn erblickt hatte, war es in ihr gewesen, als wollte es heraus

klingen aus ihrer Brust: der ist der Mann, und kein anderer! Und

wenn die Prinzessin die Allerschönste heißen konnte, so mogte Klas

wohl mit eben dem Rechte der Allerschönste genannt werden.

Und Klas blieb nun und die Schiffe lagen vor Anker in der Bucht und

kein Auge gab auf die Winde Acht. Sie waren alle auf das Land

gerichtet, niemand dachte an Segel und Taue und Ruder, sondern die

Männer schmückten Sporen und Waffenröcke für die Hochzeit. Diese

ward in wenigen Wochen mit großer Herrlichkeit gefeiert, und die

schöne Prinzessin nahm Klas Avenstaken zum Mann, der hinfort König

Klas von Jütland hieß.

Und er wohnte manchen fröhlichen Tag und manche schöne Nacht mit der

Prinzessin in dem Schlosse. Es lag das Schloß aber in Südjütland, wo

jetzt die Stadt Schleßwig steht. Aber er vergaß sich in der Freude

nicht in Lässigkeit, sondern rüstete sich eifrig zum Kriege gegen die

Heiden, und sie rüsteten sich auch. Und es begann ein langer

schwerer Kampf um die Herrschaft, bis sie endlich unterlagen und Klas

König war über die ganze große Halbinsel und über die Inseln umher.

Und es war das Ende des zweiten Jahrs, nachdem er den Heidenkönig

erschlagen und die Prinzessin sich vermählt hatte, als er alles Land

der Heiden unter sich bezwungen hatte bis an die Elbe und das Kreuz

des Heils als Panier seiner Herrschaft allenthalben aufgerichtet

hatte für die bunten Götzen aus Stein und Holz--da stand Klas einmal

diesseits am Ufer der Elbe, und es däuchte ihm, als sehe er jenseits

in der Ferne die Stelle, wo er mit der Stange einst auf das Schiff

gesprungen war; und es war wirklich die Stelle, und er erkannte sie

an drei Bäumen wieder, die auf einer Anhöhe hoch über das Gestade

ragten. Und sein wunderbarer Lebenslauf wandelte ihm hier in

Gedanken vorüber, und in Demuth fiel er auf die Erde nieder und

betete und dankte Gott, daß er ihn aus so vielen Gefahren errettet

und auf eine so außerordentliche Weise zum König und Herrn über

Länder und Völker gemacht hatte. Und er nannte die Stelle, wo er

stand, Glückstadt und bauete dort ein Schloß; und das Schloß und die

Stadt steht von seiner Zeit bis auf diesen Tag. Klas war jetzt

sechsundzwanzig Jahre alt, und es war das sechste Jahr seit jenem

Morgen, wo er dem Galgen entlaufen war, woran er so unschuldig hatte

hangen sollen.

Und als er die Heiden bezwungen und das Land mit Schlössern und

Burgen befriedet hatte, da dachte er in Sehnsucht und Liebe seiner

alten Ältern und seiner Geschwister und Freunde, und säumte nicht

lange, sondern trat die Reise an zu ihnen. Er nahm aber sein Gemal

die Königin mit nebst tausend seiner Reisigen, damit er ein

königliches Geleit hätte, So zog er über die Elbe gegen Süden. Und

als sie vier Tage gezogen waren und der fünfte Tag anbrach und sie

nicht mehr fern waren von seiner Heimath, da hieß er die Reisigen

zurückbleiben und ritt mit seiner Königin voran und hatte nur einen

Knappen bei sich. Und es war grade der Mittag des fünften Tages und

die Glocke schlug zwölf, da ritten sie in Dümmelshusen ein und

gradezu auf seines Vaters Haus. Sie ließen die Pferde aber im Dorfe

laufen, was sie laufen konnten, damit die Leute, die sie sahen, sich

nicht über sie besinnen noch es seinen Ältern verrathen konnten. Und

als sie vor Peter Avenstakens Hause anlangten, sprang der König Klas

rasch vom Pferde und rief lustig Grad dör! daß es durch das ganze

Dorf erklang. Und Peter, der mit Frau und Kindern grade bei Tische

saß, sprang heraus bei dem Worte und sah den Mann und die Frau mit

den goldenen Kronen auf dem Kopfe. Er merkte aber sogleich, daß es

sein Sohn war, und rief: Nun Gott sey Dank, daß du wieder da bist und

ein König geworden! Wir haben schon davon gehört, sie haben es uns

aber nicht glauben wollen, auch deine eigene Mutter hat es nicht

glauben wollen; nur ich und Valentin haben es gleich geglaubt, denn

wir beide wußten wohl, daß etwas Besonderes aus dir werden mußte.

Und er rief in der Freude überlaut: Valentin! Valentin! komm doch

heraus, daß du siehest, was aus unserm Klas geworden ist! Und

Valentin kam und die Mutter und alle Geschwister kamen, und es war

ein Herzen und Küssen, daß es kein Ende nehmen wollte. Und als der

König und die Königin hineingegangen waren und sich an der Ältern

Tisch gesetzt und mit ihnen gegessen und getrunken hatten in Demuth

zu Gott und in Liebe zu ihnen, da übernahm den alten Peter die Freude

und er wußte nicht, was er sprechen sollte, er sprach aber vor

Freuden fast zu viel. Und da hat er der Greth in die Ohren

geflüstert, und es ist wohl nicht recht gewesen in solchem

Augenblicke: Nun Greth, ist mein Klas der Klas geblieben? hätte aus

deinem Johannes wohl mehr werden können?

Und Klas ist manchen Tag und manche Woche bei seinen Altern geblieben

und hat fröhlich mit ihnen gelebt, und hat sie und seine Geschwister

und die Nachbarskinder reichlich beschenkt, den alten Valentin aber

hat er mitgenommen und zu ihm gesprochen: Lieber Valentin, du sollst

meinen Söhnen auch lustige und waidliche Geschichten erzählen, wie

ein jeder tüchtiger Mensch mit Gottes Hülfe etwas werden kann, damit

brave Männer und Helden aus ihnen werden. Und Valentin ist gern mit

ihm gezogen, denn er bildete sich auf König Klas viel ein und dachte

bei sich, er habe ihn eigentlich zum Könige gemacht. Auch seinen

jüngsten Bruder hat der König mitgenommen und seine jüngste Schwester;

und ist der Bruder ein Graf und die Schwester eine Gräfin geworden

und leben noch viele vornehme Leute in der Welt, die von ihnen

herstammen. Das hat er sich aber ausbedungen vor der Abreise, daß,

wenn der Vater stürbe, ihm das Bauergut zufallen sollte, und hat es

seinen Brüdern gleich um den zehnfachen Werth abgekauft. Und der

Vater und die Brüder haben es ihm zugesagt und auch gehalten. Denn

er sagte: Ich will einen meiner Söhne hinschicken, der soll ein Bauer

werden und seine Kinder und Kindeskinder sollen Bauern bleiben; denn

Bauern sind älter und halten länger aus als die Könige.

Und König Klas ist wieder heimgegangen in sein Reich und hat noch

manches liebe Jahr glücklich mit seiner Königin gelebt und regiert

und viele Söhne und Töchter mit ihr gezeugt, und haben viele große

Könige und Königinnen aus seinem Blute nach ihm geherrscht. Aber

doch ist das glorreiche Geschlecht von Klas Avenstaken nun schon

lange ausgestorben und ein anderer Stamm herrscht in den Landen, die

ihn einst als König verehrten. Aber seines Sohnes Konrad Geschlecht

dauert noch bis diesen Tag. Dieser Konrad war sein jüngster Sohn.

Den that er alsbald nach seiner Geburt auf das Land zu einem Bauer

und ließ ihn bäuerlich leben und arbeiten und sandte ihn dann in das

Land seiner Heimath in Westfalen nach Dümmelshusen, wo er ihn auf das

Gut seines Vaters setzte. Und Konrad ist groß und stark geworden wie

König Klas, aber nicht so mächtig und herrlich vor der Welt, sondern

ist als Dorfschulze gestorben, was sein Großvater Peter auch gewesen.

Und von diesem Konrad dem Königssohn stammen bis diesen Tag noch

alle Avenstaken her, die als Bauern in Dümmelshusen und in der Gegend

leben.

Märchen und Sagen · 第 13 / 17 题