Schon vor funfzehn Jahren. Wir haben drei Jungen und zwei Mädchen. Also gar
keine Nachricht von den Verwandten gehabt? Nun, in Sibirien, da wundert's
mich nicht. Und meines Schwiegervaters Bruder in Rußland ist ja auch schon
vor langer Zeit gestorben. Ihr wollt doch nicht im Gasthof logiren? Kommt
zu mir. Es ist wohl enge da; doch wir müssen sehn, wie man sich behilft.
Der Alte ist ja auch bei uns. Nur wieder in den Wagen; ich steige mit ein.
Dies konnte ich nicht wohl ablehnen. Im Wagen fragte ich: Nun, wie lebt Ihr
denn mit Wilhelminen?
Je nun, war die Antwort, so so. In der Ehe giebt es nun einmal viel
Aprilwetter. Anfangs hatte sie immer noch die eleganten Herrchen, die
Genies, im Kopf; da stand es um unsere Eintracht nicht am beßten. Ich
sagte: Das waren nichtige Courmacher, luftige Projektanten; ich bin ein
solider Geschäftsmann, und habe es doch ernst gemeint. Also ziemt es sich,
daß Madame so gütig ist, und mich liebt. Eine ätherische Liebe verlange
ich gleichwohl nicht; bloß eine irdische, wie sie eine deutsche vernünftige
Hausfrau kleidet. Wenn ich aber doch sah, daß Madame nicht so gütig seyn
wollte, und aus dem angenommenen Schein nur Verstellung hervorblickte, ja
dann hielt ich bisweilen eine Gardinenpredigt, und hatte Recht dazu.
Mit der ewigen Musik, und den Musenalmanachen hatte ich erst auch meinen
Verdruß, und ich gestehe, daß ich bisweilen ein Notenheft, oder ein
Bändchen Poesien ins Feuer geworfen habe. Indeß hat es sich gegeben. Sind
erst fünf Kinder im Hause, dann geht es prosaisch genug zu, und das liebe
Fortepiano wird in Monaten nicht berührt. Im Anfang überlief mich auch der
liederliche Cantor oft. Ich wies ihm die Thür; nun paßte er die Zeit ab,
wo ich Geschäfte außer dem Hause hatte. Es wurde mir aber gesteckt; ich kam
unvermuthet, und dies Mal warf ich ihn zur Thür hinaus. Ich kann's nicht
leugnen, daß ich -- und wer an meiner Stelle hätte es nicht auch gethan? --
daß ich in der Hitze meinem Minchen eine kleine Ohrfeige gab. Nun, das hat
mich auch bei kaltem Blute nicht gereut; denn seitdem hat sich Minchen um
vieles gebessert.
Diese Mittheilung empörte mich so, daß ich eben ausholen und meinem
Schwager eine große Ohrfeige appliziren wollte, als mir noch zur rechten
Zeit einfiel, daß meine Schwester davon am meisten zu leiden haben würde.
Fünf Kinder hatte sie zudem mit dem Unhold! So knirschte ich denn bloß mit
den Zähnen.
Gott, dachte ich heimlich, wäre mir in dem langen Zeitraum all dies Unheil
nach und nach zu Ohren gekommen! Aber nun so auf Einmal! Und was mag mir
noch bevorstehn!
Wir langten in Sauers Wohnung an. Wilhelmine stieß vor Freude einen
heftigen Schrei aus; ich hätte ihn vor Schrecken erwiedern mögen! O Himmel!
wie bleich, abgezehrt, und daneben wie alltäglich, zeigte sich jetzt die
einst so holde, einnehmende Schwester! Weder ihre Kleidung, noch der sie
umgebende Hausrath, deuteten auf eine vortheilhafte Lage. Die Kinder,
welche sie rief, den Oheim zu begrüßen, waren reinlich, aber ziemlich
dürftig gekleidet. Mich befiel ein Kummer ohne Gleichen.
Sauer holte meinen Vater aus seinem Zimmer. Fast Entsetzen erregte mir sein
Anblick. Schneeweißes Haar, nichts als Runzeln, Kopf und Hände bebend. Und
so erkaltet war ihm das Gemüth, daß er kaum noch einige Freude über den
nach zwanzig Jahren wiedererscheinenden Sohn äußerte. Keine Spur mehr von
jener alten Herzlichkeit und dem heitern, aufgeweckten Sinn.
Wir setzten uns zum Abendessen. Ich mußte von meinen Schicksalen im Norden
erzählen, wobei die Anderen meistens schwiegen, und ich so zu keinen Fragen
gelangte. Ich mochte deren auch keine mehr thun. Hatte ich nicht schon
freudenlose Antworten genug bekommen?
Nachher schien es, als habe der Wein den Greis ein wenig aufgethaut,
oder als habe er in dem schwach gewordenen Kopfe nun überdacht, was sich
zugetragen hatte. Er schloß mich in die zitternden Arme, und weinte. Gott
sei Dank, sagte er, daß Du noch kamst. Etwas später, so hättest Du mich
nicht mehr gefunden. Ich werde bald zu Deiner Mutter gehn.
O Gott! sagte ich, aufs Neue erschüttert; ich habe bereits an ihrem Grabe
gestanden.
Mein Vater ging zu Bette, der Schwager sammt den Kindern auch; Wilhelmine
fragte mich: ob wir nicht noch ein halbes Stündchen plaudern wollten?
Ich that das gern. Sie schilderte mir nun ihren häuslichen Zustand. Das
Betragen ihres Mannes umging sie zart; außerdem hatte sie aber von nichts
als Noth und Kummer zu erzählen. Sauer hatte wenig Freunde; nur Leute, die
einen Erzrabulisten suchten, wendeten sich an ihn. Das Einkommen reichte
bei fünf Kindern nicht zu; man steckte in peinlichen Schulden, und eben
so der alte Vater noch. Die Kreuzträgerin endete: Was ist zu thun? Ich muß
mich in Geduld fassen. Noch ein Glück für mein Mutterherz, daß meine Kinder
gesund, auch sonst ziemlich wohlgeartet sind. Vielleicht erlebe ich an
ihnen noch Freude.
»Gute Schwester, erwiederte ich, einigermaaßen werde ich Deine Lage
verbessern können. Doch sage mir: wie hast Du Dich entschließen können,
Sauer'n zu heirathen?«
Seufzend erklärte sie: Ja -- es ward mit den übrigen Aussichten nichts.
»Ich dachte, Herr von Soldin ...«
Schnell unterbrach sie mich: Auch nichts! und fuhr fort: Die Zeit ging hin;
ich war schon drei und zwanzig Jahr. Die Eltern fühlten sich immer mehr
bedrängt, und wollten mich versorgt sehn. Da kam mein Mann -- Es währte
lange, eh ich mich überwinden konnte; doch -- was blieb mir ...
»O Gott! sagte ich; Du hast so vielen Fleiß auf die Bildung Deiner schönen
Talente gewandt! Was nützt es Dir nun!«
Laß uns nicht mehr über das Vergangene reden, seufzte sie. Hin ist hin!
Jetzt lebe ich nur in meinen Kindern.
Ich ging stumm auf und nieder, warf mich dann in das Sopha, und stützte
den Kopf auf die Hand; die Unruhe in meiner Brust war unbeschreiblich.
Ich dachte an die Worte eines Dichters, welche mir auf der Reise von
St. Petersburg hieher, mit einem süßen Anklang, oft einfielen:
Froh werd' ich die Altäre
Der heimatlichen Höh'n,
Und froh die Wonnezähre
Der Jugendfreunde sehn.
Und sie, die einst im Lenze
Der schönen Minnezeit,
Sich bis zur dunkeln Gränze
Des Lebens mir geweiht --
Ach, so fand ich es nicht! -- Noch hatte ich nach Emma nicht gefragt. Was
ich bis jetzt gehört, ließ mich die Geliebte vergessen, indeß nur auf eine
kurze Zeit. Die Frage schwebte mir wieder auf der Zunge, doch immer
gewann ich keinen Muth dazu; mein Herz fürchtete hier zu viel von einer
niederwerfenden Botschaft.
Endlich hob ich doch zu Wilhelminen stockend an:
»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?«
Schon zehn Jahre todt.
»Das glaubte ich nicht; wenigstens fand ich seinen Namen auf keinem
Leichenstein.«
Er ist in der größten Dürftigkeit gestorben. Aufwand und mißlungene
Spekulationen ...
»Hm -- und Minna, seine Tochter?«
Die hat schmählich geendet.
»Geendet?«