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Kleine
Lebensgemälde
in
Erzählungen
von
Julius von Voß.
Berlin, 1821.
In der Sanderschen Buchhandlung.
Kurstraße No. 51.
Der
Besuch nach zwanzig Jahren
in der Vaterstadt.
Ein Sittengemälde.
Der Besuch nach zwanzig Jahren.
Zwanzig Jahre sind eben so viele Umläufe des Erdballs um die Sonne;
regelmäßig ist die Wandlung, auf eine Minute voraus zu berechnen, in
welchem Abstand er sich an diesem oder jenem Tage von der Sonne, auch von
allen bisher entdeckten Planeten befinden wird. Es kann der Mensch stolz
seyn, daß er so erhabner Berechnungen fähig ist; sie unterscheiden ihn von
dem sprachlosen Thier. Stets kehren die Jahreszeiten regelmäßig wieder, und
die veränderte Witterung hängt an atmosphärischen Ursachen, die genau der
Mensch noch nicht ergründen konnte. Im Allgemeinen sind diese Abweichungen
aber nicht bedeutend, und man wird doch ziemlich voraussagen können, welch
ein Ansehn die Natur an diesem oder jenem Orte, in einem oder dem anderen
Monate, haben wird.
Nicht so ist es bei dem Menschen. Er verfolgt auch einen Gang, dem an sich
Frühling, Sommer, Herbst und Winter zugetheilt sind; übrigens hat sein
Leben aber so wenig Regelmäßigkeit, und die Zukunft läßt sich so ungewiß
aus der Gegenwart bestimmen, daß oft eine ganz andere Erscheinung, als die
gehoffte, eintreten wird. Nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren darf nur
-- wer so lange denken kann -- sich fragen: welche Bekannte hatte ich, als
dieser Zeitraum anfing? Was ist aus ihnen geworden; und wie hofften und
glaubten sie einst, daß ihrem Wünschen und Streben die Fügung entsprechen
würde? Aus den vorhandenen Thatsachen werden nun die Beantwortungen
hervorgehn, und nicht wenig in Erstaunen setzen.
Auf die allmähligen Veränderungen, welche in zwanzig Jahren mit unsern
Bekannten sich zutragen, achten wir bei dem Allen viel zu wenig, als daß
uns die entstandnen Kontraste zwischen Ehedem und Jetzt recht deutlich
ins Auge fielen. Wo die Farben nach und nach sich umwandeln, befremdet es
endlich kaum noch, wenn aus dem Weiß ein Schwarz sich hervorgebildet hat;
doch wer aus dem Mittag jähling in die Mitternacht träte, oder aus dem
Julius in den Februar, könnte von auffallenden Gegensätzen der Ansicht
reden.
So auch, wenn wir die Bekannten in zwanzig Jahren nicht gesehn, auch
während dieser Zeit nicht das Mindeste von ihnen gehört haben. Diese
Erfahrung sollte ich machen, und ich entnahm daraus, wie viel merkwürdiger
noch es seyn muß, wenn der Zeitabschnitt dreißig oder noch mehr Jahre
beträgt.
Ich wurde in einer Stadt mittlern Umfangs in Deutschland geboren. Mein
Vater bekleidete das Amt eines Rathsherrn, und stand in ausgezeichnetem
Ansehn; theils weil es seine Würde ihm gab, theils, weil er mit einem
anerkannt redlichen Sinn eine ungemein scherzhafte Laune verband, die ihn
jeden Zirkel, in den er trat, beseelen, und allenthalben Freunde gewinnen
ließ. Eben so war meine Mutter, ihres gutmüthigen und feinen Betragens
willen, in meiner Heimath geachtet.
Ich hatte noch einen älteren Bruder Otto, welcher die Rechte studierte,
wogegen ich auf einer Hochschule der Cameralwissenschaft oblag. Meine
Schwester, Wilhelmine, zählte einige Jahre weniger als ich.
Mit Otto stand ich von den Kinderjahren her nicht zum Beßten. Vater und
Mutter gaben mir einigen Vorzug; dies machte ihn zu meinem Feind. Unsre
Gemüthsweisen hatten eine große Verschiedenheit. Otto war einsilbig,
trocken, mißlaunig, galt daher nicht bei den Knabenspielen in unserer
Nachbarschaft für einen lustigen Gefährten; ein Lob, das mir hingegen ward,
bei meiner natürlichen, in jenen Zeiten oft muthwilligen, Lebhaftigkeit.
Man konnte Ottos Fleiß auf Schulen nicht tadeln; er zeigte vielmehr dort
guten Eifer, trieb jedoch Alles mechanisch, konnte es nur zu langsamen
Fortschritten bringen, und am Ende schien Alles bei ihm nur magres
Gedächtnißwerk. Die Mitschüler nannten ihn einen Pinsel; bei den Lehrern
aber galt er, weil er ihnen eine ungemein unterworfne Ehrerbietung bewies.
Mein Streben war nicht so ernst, allein die Arbeit wurde mir leicht; ich
konnte in einer Stunde mehr vor mich bringen, als Otto in einem halben
Tage. Daher übertraf ich ihn nicht selten, und erregte oft die Verwunderung
meiner Lehrer in Fragen, die von scharfsinnigem Nachdenken und treffendem
Urtheil zeugten; oder in Einfällen, die ihnen witzig schienen. Allein ich
trieb nebenbei auch manchen kleinen Unfug, war zu leichtsinnig die Gunst
der Lehrer auf solchen Wegen zu suchen, wie Otto, an dem ich vielmehr eine
kriechende, sklavische Höflichkeit bespöttelte. So gewann ich dort wenig
Gunst.
Als wir gemeinschaftlich die Hochschule bezogen hatten, blieb unser
Verhältniß zu einander sich ähnlich. Otto galt mehr bei den Professoren,
ich mehr bei den aufgeweckten Burschen, war bald in meiner Landsmannschaft,
in meinem Orden ein strahlendes Licht. Otto wirthschaftete spärlich; weit
mehr kostete ich dem Vater. Bei dem Allen war ich ihm doch lieber, als mein
Bruder, nachdem wir von der Hochschule in die Vaterstadt zurückkamen. Meine
Außenseite schien ihm vortheilhafter, meine Unterhaltung geistreicher.
Unser Wissen dünkte ihm sich ungefähr die Wage zu halten; doch meinte er:
ich würde mit meinem Pfund gescheidter zu wuchern verstehn, die Wege,
auf denen man sein Glück macht, mit Scharfblick suchen, mit kluger
Beharrlichkeit verfolgen, und so bald an einem namhaften Ziele stehn.
Otto, pflegte er zu sagen, wird so ein sechs Jahre als Referendarius der
Jurisprudenz mitlaufen, und dann sich zum Senator, oder, wenn es hoch
kommt, zum Bürgermeister in einem Landstädtchen ernannt sehn, und damit
wird seine Laufbahn geschlossen seyn. An Wilhelm denke ich hingegen noch zu
erleben, daß er zum Geheimen-Finanz-Rath oder Präsidenten emporsteigt.
Der gute Vater irrte, wie es die Folge zeigen wird. Ueberhaupt gehört es
auch zu meinen gesammelten Erfahrungen, daß häufig die Eltern ihrer Kinder
wahrscheinliches Loos unrichtig beurtheilen.
Man stellte uns bei den zwei Collegien an, die in meiner Vaterstadt sich
befanden. Otto glänzte auf seinem Standpunkt gar nicht; meine Talente
wurden bald gepriesen. Doch hatte sich nach zwei Jahren da viel geändert.
Otto griff mehr und mehr ein, und hatte die Zuneigung der Obern, in seinem
höchst aufmerksamen Betragen, gewonnen. Die meinigen aber fanden an mir
dies und das zu erinnern. Ich hätte zwar Talente, hieß es, wäre aber auch
voreilig eitel darauf, ließe mir bald Nachlässigkeiten in der gebührenden
Achtung gegen Höherstehende, bald in den amtlichen Verrichtungen, zu
Schulden kommen, und wäre oft auch absprechend, anmaßend; wollte am Eingang
der Laufbahn manches besser verstehen, als Männer, die größtentheils sie
schon durchlaufen hätten.
Doch ich will meine nächste Umgebung, in diesen zwei Jahren, beschreiben,
um hernach darzuthun, welche seltsame Wechsel zwanzig Jahre in den
Schicksalen der Menschen hervorzubringen fähig sind.
Mein Vater hatte ein Einkommen, das für den Ort ansehnlich heißen durfte,
und auch meine Mutter hatte ihm einiges Vermögen zugebracht. Dies setzte
ihn in den Stand, oft Gäste einzuladen, oder, wie man es nennt, ein Haus
zu machen. Es entsprach seinen Neigungen zu heitrer Geselligkeit, und er
setzte auch eine Art Stolz in den Ruf: sein Haus könne ein Wohnsitz des
guten Geschmacks heißen. Er traf auch deshalb eine sorgsame Auswahl unter
den Leuten, mit welchen er vorzüglich umging; wenigstens mußten sie zur
feinsten Welt des Ortes gehören, und es lag ihm mehr daran, zu bewirthen,
als bewirthet zu werden. Daneben war gute, frohe Laune eine den
Hausfreunden gemachte Bedingung. Sie wohnte ihm selbst in hohem Maße bei,
und lange Weile floh er.
Er liebte diesen Aufwand jedoch zu viel, erwog nicht genug, daß zwischen
seinen Einnahmen und Ausgaben kein richtiges Verhältniß bestände. Wir Söhne
hatten ihm auf der Hochschule auch nicht wenig gekostet, und durften in den
nächsten Jahren noch keinem Amtsgehalt entgegen sehn. Deshalb war um die
Zeit, als wir an den erwähnten Landesstühlen untergeordnete Plätze
gefunden hatten, das Vermögen seiner Gattin schon mit aufgezehrt. Nichts
destoweniger lebte mein Vater nach alter Weise, zum Theil einmal daran
gewöhnt, zum Theil auch aus überdachten Gründen. Er meinte, wenn er die
Obern seiner Söhne durch öftere Einladungen sich verbindlich machte, so
würden sie um so geneigter seyn, Jenen zu einem besseren Fortkommen
zu helfen. Zudem wuchs auch meine Schwester heran; eine glückliche
Verheirathung derselben gehörte zu den sehnlichsten Wünschen meiner beiden
Eltern. Die Mutter pflegte zu sagen: Ein Mädchen, das nicht gesehn wird,
kann auch nicht begehrt werden. Und so munterte sie ihn zu dem noch auf,
wovon ihn abzumahnen vielleicht rathsamer gewesen wäre.
In der That mußte aber Wilhelmine nahe gesehn, nach ihren verschiednen
Eigenthümlichkeiten beobachtet werden, wenn diese auf Männerherzen Eindruck
machen sollten; es konnte dann jedoch ein namhafter seyn. Der Mitgift wegen
ließen Freier sich nicht absehn, und Wilhelmine hatte keinen Mangel an
Schönheit, zeichnete sich gleichwohl auch daran nicht aus. Sie hatte eine
mittlere, feine Gestalt, ein nicht unregelmäßiges, und allerdings auf
schönen inneren Sinn deutendes, aber wie gesagt, nicht ausgezeichnetes
Gesicht. Es hätte sich daran mehr frische Blüthe, und schärferer Ausdruck
in den Zügen wünschen lassen; sonst hingegen war es hold, freundlich und
angenehm.
Viel hatten die Eltern an Wilhelminens Erziehung gewandt, und sie war ihren
Bemühungen stets mit regem Eifer entgegen getreten. Sie zählte nun achtzehn
Jahre, und hatte ihren natürlichen Verstand ungemein durch nützliche
Schriften, und vortheilhaft gewählte Freundinnen, ausgebildet. Der
französischen und italiänischen Sprache war sie mächtig, und dehnte ihr
Urtheil auf mannichfache Gegenstände im Gebiet der Wissenschaften und
Künste aus. Vor Allem nannte sie Tonkunst ihr Lieblingsthum, und erregte
in der That mit ihrem Gesang die Bewunderung der Kenner. Man sagte von ihr:
sie eine die Fertigkeit einer Virtuosin mit dem Gefühl einer Dilettantin;
und es war keine Schmeichelei. Sie wußte sich daneben mit einem edel
einfachen Geschmack zu kleiden, und trat allenthalben mit Anmuth und feiner
Darstellung auf.
So mußte Wilhelminens Gesammtheit allerdings anziehend seyn, und in den
Augen sinniger Männer blieben auch schönere, doch weniger gebildete Mädchen
ihr weit nachgesetzt. Man feierte die Schwester auf eine ausgezeichnete
Weise; namentlich glänzte sie, wo man sie veranlaßte, ihre Meinung über
schönwissenschaftliche Gegenstände zu äußern, oder ihren Gesang tönen zu
lassen.
Ohne tadelhaft eitel zu seyn, fühlte aber Wilhelmine doch, daß man sie
auszeichnete, und daß ihre geistigen und gemüthlichen Vorzüge ihr höhere
Ansprüche gäben, als vielen Mädchen. Schon weil sie das Ideal eines sehr
vollkommenen Mannes, einer höchst glücklichen Ehe, sich mit vielem Sinn und
Geschmack zu entwerfen wußte, hoffte sie auch, einen Bräutigam zu finden,
der geeignet wäre, ihre Wünsche -- dem größeren Theil nach mindestens -- zu
erfüllen.
Ich hatte ihr Vertrauen mehr, als Otto; daher theilte sie mir oft ihre
Wünsche mit, und ich konnte das, ihr zartes Selbstgefühl Ehrende und
Verständige darin, nicht abläugnen.
Ihres Standes sollte der Bräutigam seyn, oder auch höheren; das Letzte
würde, eben nicht aus stolzem Sinn, doch in dem Betracht, daß Wilhelmine
durch ihre sich angeeigneten Vorzüge sich bereits erhoben hatte, ihr nicht
unangemessen gedünckt haben. Reichthum gehörte nicht zu den Bedingungen,
welche sie aufstellte; Ueberfluß, meinte sie, wäre unnöthig, doch
unerläßlich nöthig auch, vor Nahrungssorgen und Mangel geschirmt zu seyn.
Eine mittlere Wohlhabenheit -- auf ein darüber Hinausgehn würde sie
auch nicht gezürnt haben -- stand hier also in Rede. Aber einen schönen
jugendlichen Mann wünschte sie vorzüglich; wie hätte sie dem an ihr
gerühmten feinen Geschmack sonst entsprechen können! Gleichwohl beschränkte
sie noch ihre Forderungen mäßig. Ein Adonis, ein Antinous, sagte sie, thut
g'rade nicht Noth, doch eine Gestalt, an der nichts Makelhaftes oder gar
Lächerliches heraustritt, die eine wahrhaft männliche zu nennen ist. Nichts
stelle ich mir kläglicher vor, als wenn ich an der Seite einer hagern,
gebrechlichen, oder sonst verbildeten Mißgestalt einhergehn müßte; ich
würde in Aller Augen Bespöttelung, und die Frage lesen: wie konnte sie aber
mit einem solchen Mann zum Altar gehn? Geist und Fühlbarkeit, eine
gewisse Romantik, Sinn für Poesie und Tonkunst durften in keinem Fall
ausgeschlossen seyn: je höher die Gabe von dem Allen, je besser. Am meisten
würde mein Fantasiebild jedoch erreicht seyn, fügte Wilhelmine hinzu, wenn
der Bräutigam auch mit irgend einem Tonwerkzeug virtuosenhaft auftreten,
mein Spiel am Pianoforte begleiten könnte, und wenn er daneben eine
wohllautende Baß- oder Tenorstimme ausgebildet hätte. Eine Doppelsonate,
ein Duett, müssen doch manche Stunden im langen Eheleben reitzend
ausfüllen.
Nun, pflegte sie zu enden, dies Alles heißt doch nicht übertrieben, nicht
unbescheiden fordern. Es kann demungeachtet wohl seyn, daß ich es, nach
vollem Wunsch, nicht beisammen finden werde. Mag indeß meinem Vorbild
auch nur in den _Hauptzügen_ Wort gehalten seyn, der _Mehrzahl_ von meinen
Bedingungen nach. Darunter -- lasse ich aber mich nicht ein, und werde mich
hüten, leicht und voreilig meine Hand wegzugeben.
Der Vater, sehr eingenommen für Wilhelminen, und selbst zum sanguinischen
Hoffen geneigt, bestärkte sie in den hochfliegenden Ansprüchen; die Mutter
hingegen schüttelte den Kopf, und sagte: einem Mädchen ohne Vermögen stände
leider wenig Auswahl zu.
Außer unsern schon genannten Obern lud mein Vater nun, in jener Absicht,
häufig einen Baron von Lilienthal in sein Haus. Er hatte Wilhelminen an
öffentlichen Versammlungsorten große Aufmerksamkeiten bewiesen; das weckte
Aufmerksamkeit für ihn.
Er stand als Offizier bei der Besatzung im Orte, und war in der That ein
schöner, einnehmender Mann, von etwa fünf und zwanzig Jahren. Was man ein
lustiges Betragen nennt, und an jungen Militärpersonen nicht eben selten
findet, ließ sich ihm nicht vorwerfen. Er schien jetzt wenigstens darüber
hinaus, mochte es auch früherhin ihm ein wenig eigen gewesen seyn. Er
sprach mit Geist und richtigem Urtheil, äußerte ein feines Empfinden; seine
Darstellung war höchst gefällig. Ueber seine Glücksumstände war man bei
uns nicht unterrichtet, hegte aber glänzende Vermuthungen; denn Lilienthal
zeigte sich stets in artiger Eleganz, hielt Reitpferde und Livreebedienten,
und fehlte bei keinen Bällen oder anderen Lustfestlichkeiten, welche die
sogenannte schöne Welt anordnete. In den Concerten, oder -- wenn reisende
Mimen eintrafen -- im Theater, blieb er noch weniger aus, gab hier den
Ton des Urtheils an, und mit sinnigem Geschmack. Er selbst blies die Flöte
ziemlich, konnte Wilhelminen allenfalls eine Sonate begleiten.
Es schmeichelte ihr nicht wenig, daß Lilienthal ihren Vorzügen, mit so
vielem Sinn dafür, huldigte. Nicht allein, daß er nicht den mindesten
Adelstolz in unserm Hause zeigte, auch an öffentlichen Orten achtete er
auf keine Schönheit von Geburt mehr, so bald man Wilhelminen sah. Vieler
Mädchen Antlitz umwölkte Neid; denn unter allen jungen Männern der hiesigen
schönen Welt nahm Lilienthal, nach der gebildeten Schönheiten Anerkennung,
eine der obersten Rangstufen ein.
Es wurde auch in der Stadt mancherlei von ihm gesprochen, was die
Theilnahme an ihm von Zeit zu Zeit erneute und erhöhte. Bald sagte man:
er habe mächtige Gönner am Hofe, die ihm nächstens zu einer einträglichen
Hauptmannsstelle helfen würden; bald: er habe einen reichen Oheim beerbt.
Da wären nun die Hauptzüge von meiner Schwester Ideal so ziemlich vorhanden
gewesen. Daß Lilienthal mehr für sie empfinde, als eine gewöhnliche
Werthachtung ihrer ausgebildeten Talente, stellte sie in keinen Zweifel.
Seine Blicke sprachen von heißer Liebe; auch manches hingeflogne Wort ließ
diese ahnen. Zu einem unumwundenen Geständniß, einer netten Werbung um ihre
Hand, kam es demungeachtet nicht, obschon Wilhelmine oft meinte, beides
schwebe auf seinen Lippen. Als Jahr und Tag so entflohen waren, zweifelten
die Eltern, ob es hier zum Ernst hingehn würde; die Tochter aber nicht.
Ferner lud man einen jungen Referendarius fleißig ins Haus, der auch
zu einem der Landesstühle gehörte, und sich mit uns auf der Hochschule
befunden hatte. Es war ein Herr von Soldin, und von ihm bekannt, daß ihm
sein Vater einst hunderttausend Thaler nachlassen würde. Seine übrigen
Eigenschaften wichen indeß sehr in den Schatten zurück, wo Lilienthal sich
zeigte. Soldin hatte eine zwar nicht verkrüppelte, aber doch unscheinbare
Gestalt, und trug sie noch krumm und unbeholfen. Sein Gesicht drückte rohen
Stumpfsinn aus, seine Gespräche verriethen überall Unwissenheit, seine
Kleidung war vernachlässigt. Die Amtslaufbahn, worin er sich schleppend
fortbewegte, hatte auch nur den Zweck, ihn seiner dörfischen Linkheit zu
entwöhnen, und er empfand einst weder Lust zu den Studien, noch jetzt zur
Dienstarbeit. Ist mein Vater todt, sagte er, nehme ich den Abschied, und
ziehe auf meine Güter.
Ueber diese Güter allein wußte er mit einiger Sachkenntniß zu sprechen, und
zeigte auch hinsichtlich des Geldes und seines Werths richtige Begriffe.
Sein Vater unterstützte ihn namhaft; doch übte der Referendarius eine so
wirthliche Beschränkung, daß er mehr als die Hälfte davon sparte. Seine
einzige Liebhaberei bestand in einem Pudel, den er mit in unser Haus
bringen zu dürfen bat, auch dort mit großer Zuneigung streichelte und
fütterte.
Wilhelmine urtheilte: es sei ein geschmackloser, in hohem Grad ungebildeter
Mensch -- häßlich wäre seine Gestalt aber doch nicht zu nennen. Ohne
allen Verstand wäre Soldin auch nicht: er bewiese ihn ein seiner klugen
Sparsamkeit; auch ein freundliches Gemüth lege er bei dem Pudel an den Tag.
Es würde nur eine Schleifung des rohen Diamants bedingen.
Die hunderttausend Thaler milderten wohl ihr Gutachten über ihn so.
Zwei Umstände machten sie aber noch gespannt. Soldin kam oft, auch
uneingeladen, zum Besuch; ihn mußte in unserm Hause folglich etwas anziehn.
Auch sagte er einmal denkwürdig: bei seiner Heirath wolle er nicht auf
Adel, nicht auf Reichthum sehn, vielmehr ganz nach Liebe wählen. Sein
Vater ließe ihm darin Freiheit, und könne auch nicht füglich mit Einreden
auftreten, weil auch er ein bürgerliches und ganz unbemitteltes Mädchen
geehlicht habe.
Wilhelmine fand nicht rathsam, die löblichen Grundsätze zu tadeln, wohl
aber, so viel es thunlich sei, die anziehende Kraft zu erhöhen, die uns des
jungen Mannes so wiederholten Zuspruch verschaffte. Namentlich wenn sie mit
ihm allein sich befand -- was die Eltern so eifrig eben nicht hinderten --
nahm sie an dem Pianoforte eine idealische Haltung an, und sang nicht wenig
schmelzend. Doch seltsam! was Alle hinriß, brachte sein Gefühl nicht aus
der Stelle. Soldin gähnte oft, schlief sogar etliche Mal ein; und wenn ihm
meine Schwester das freundlich verwies, gestand er freimüthig: daß ihm ein
Marsch, oder ein lustiges Stückchen, zum Beispiel, Freut Euch des Lebens,
mehr gefallen würde. Sie meinte dann, über den Geschmack sei nicht zu
streiten, und gab ihm das Verlangte zum Beßten. Doch wie sie auch Hände und
Mund für ihn gefällig bewegte, ließ er Wilhelminen immer noch nicht hören,
was sie gern vernommen hätte, zumal als es auch ihr zu scheinen begann:
Herr von Lilienthal liebe sie zwar ungemein, habe gleichwohl keine
Absichten auf ihre Hand.
Es war, als ob eine Art Furcht ihm die Zunge bei Wilhelminen lähmte.
Nicht einmal ein fortlaufendes Gespräch konnte er mit ihr führen. Nicht
allenthalben ließ er eine ähnliche Zurückhaltung sehn. Mein Vater liebte
Scherz; oft ging Soldin darauf ein, wenn schon auf eine ziemlich derbe
Weise. Ueber Haushaltung richtete er oft ein Gespräch an die Mutter.
Auch hatten meine Eltern eine junge arme Verwandte ins Haus genommen, die
Charlotte hieß. Keinen Unterricht in Gegenständen, welche man zur feinen
Bildung zählt, hatte sie bekommen; nur schlicht bürgerlich war sie in einer
kleinen Landstadt erzogen. Sie führte meistens unsre häusliche Wirthschaft,
kam selten ins Besuchzimmer, und, wenn es geschah, blieb sie entweder
gänzlich unbeachtet, oder man blickte auch wohl befremdet und spöttisch auf
sie hin; denn sie stand allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu der
so geistvollen, zarten, niedlichen, abgeglätteten Wilhelmine. Sie konnte
nur von den alltäglichsten Hausdingen reden. Ihre Gestalt war lang,
rund, derb; und wer noch das Beiwort plump beifügte, konnte es allenfalls
verantworten. Nicht einen Zug in dem Gesicht hätte interessant nennen
mögen, wer sich auf das Interessante verstand; unbedeutend, fade, selbst
gemein, würden Kunstrichter des Schönen es bezeichnet haben. Gleichwohl
konnte Soldin bisweilen sich eine gute halbe Stunde zu Charlotten in
einen Winkel setzen, und mit ihr ein Gespräch über Nichtiges unterhalten.
Wilhelmine, nach ihrer Gutmüthigkeit, legte ihm auch diesen Verstoß gegen
ihren, doch so viel höheren, Werth zum beßten aus. Sie äußerte sich:
auch dies sei ein Beleg guten Herzens an Soldin. Er fühle bei den
Zurücksetzungen, die Charlotten widerführen, Mitleid, und wolle ihr zeigen,
daß er keines Stolzes gegen übersehene Personen fähig sei.
Indem sie aber zugleich urtheilte: die Gespräche von gewöhnlichem Stoff
hätten für Soldin eine behagliche Seite, weil er die Seelenkräfte dabei
nicht so zu spannen brauche, als wenn sie den Regionen der Wissenschaften
und Künste entgegen eilte, und ihm dahin zu folgen ansann, -- wollte sie
es ihm auch bequem machen, und fragte ihn bald um die Hühner, bald um die
Gänse auf den väterlichen Gütern. Sie empfing zwar befriedigende Antworten;
allein es schien demungeachtet, er könne das rechte Vertrauen zu ihr noch
nicht gewinnen. Sie meinte nun, Alles würde mit der Zeit sich finden;
auch hernach die allmählige Umbildung des jungen Mannes, welche ihn ihrem
Vorbilde näher brächte.
Außer diesen beiden, stellten noch zwei andere junge Leute sich häufig ein.
Die Eltern bauten eben keine Entwürfe auf sie; es stand mit der Zeit, wo
sie an eine Heirath würden gehn können, zu weit aussehend. Allein sie waren
angenehm unterhaltende Gesellschafter, und hatten mit Otto und mir die
Schule besucht. Allenfalls konnten Jene auch denken: gesetzt es fände sich
für Wilhelminen nicht bald etwas Annehmlicheres und Einem oder dem Anderen
glückten feine Absichten, so möchte er als Eidam nicht verwerflich seyn.
Eduard war ein junger Kaufmann, stand jedoch erst im Begriff, sich
anzusiedeln. Einige tausend Thaler hatte er zum Anfang; indem er gleichwohl
einsah, es würde sich damit nichts von Bedeutung unternehmen lassen,
wollte er zuvor nach Hamburg, Amsterdam, Bordeaux, Lion, Triest und
anderen berühmten Handelsstädten reisen. Dies sollte ihn eignen, sich die
vortheilhafteren Geschäfte auszuwählen, bedeutende Verbindungen anzuknüpfen
und gleich im Großen seinen Kredit zu gründen; so ließe auch zur Stelle im
Großen sich spekuliren und gewinnen. Eine Fabrikenanlage von Belang gehörte
auch zu Eduards hochfliegenden Planen. Die Landesregierung, meinte er,
würde ihm gewiß mit den dazu nöthigen Summen beistehn, wenn er ihr deutlich
bewiesen hätte: seine Fabrik würde nicht allein Hunderttausende, welche ins
Ausland flössen, zurückhalten, sondern noch Hunderttausende aus der Fremde
hereinziehn, auch Tausende von Armen nützlich beschäftigen, und was dessen
mehr war. Er behauptete: kluge Spekulationen, wie Unternehmungen von weitem
Umfange, müßten den Kaufmann nach weniger Zeit reich machen; dies habe eine
so einleuchtende Evidenz, wie das Einmaleins. Träfe es bei Vielen
nicht ein, so läge es an ihrem Mangel an kühner Regsamkeit; der echte
Handelsgeist beseele die Alltagsköpfe nicht. Er wußte auch von gar manchen
Grossirern, Wechslern, Rhedern zu erzählen, die mit nichts angefangen, und
doch Millionen vor sich gebracht hätten; und er fügte naiv hinzu: In so
fern die Wege doch bekannt sind, auf denen es ihnen gelang, sehe ich nicht
ein, warum ich sie nicht auch betreten sollte.
Eduard war übrigens eine ganz hübsche Mannsperson, kleidete sich gut,
sprach wie Leute von Ton, und ließ sich gern finden, wo Leute von Ton
zusammenkamen. Er machte Wilhelminen so ehrerbietig als schmeichelhaft
seine Aufwartung, zeigte, daß es ihm so wenig, als Herrn von Lilienthal, an
Urtheil und Herz für hohe weibliche Vollkommenheit fehle. Ich zweifle auch
gar nicht, daß ihm die Schwester ihre Hand würde gereicht haben, wenn
er von seiner ersten Million vor der Hand nur den zwanzigsten Theil
aufgewiesen hätte. Er trug einige Mal auf ein vorläufiges Versprechen an,
und bewies dadurch wenigstens: er hege doch eine ernste Meinung. Wilhelmine
beschied ihn nicht abschlägig, war aber doch zu klug, sich voreilig zu
binden. Sie verwies ihn auf den Spruch des weisen Salomo: Jedes Ding hat
seine Zeit.
Die Eltern hatten es auch so gewollt. Man hörte, des jungen Mannes ererbtes
Vermögen bestehe in drei- bis viertausend Thalern. Seit Vollendung seiner
Lehrjahre beschäftigten ihn aber nur die Entwürfe künftiger Plane, und er
lebte einstweilen, als ob schon gelungen sei, was erst späterhin gelingen
sollte, hatte auch deshalb mit seinem Vormund, der auf eine baldige
Ansiedlung in Kleinem drang, manchen Streit. Weil Eduard indeß bald darauf
nach Hamburg reis'te, und von dort schrieb: er sei schon auf dem beßten
Wege, seinen, gar nicht zu großen merkantilischen Ideen aufgelegten,
Vormund zu beschämen, konnte man dem echten Handelsgeist doch auch nicht
alles Glück absprechen wollen.
Jetzt komme ich auf den genievollsten unter den vermeinten, und wirklichen,
Aspiranten zu Wilhelminens Torus. Es war ein Ex-Kandidat der Theologie,
sein Vorname August. Theils aus philosophischem Sinn, noch mehr aber, weil
er ausschließlich der Tonkunst leben wollte, hatte er die Gottesgelahrtheit
aufgegeben. Für Tonkunst, in Tonkunst lebte, webte und strebte sein Genius;
und so verstand es sich von selbst, daß er mit Wilhelminen in eine innigere
Wahlverwandtschaft treten konnte, als die Uebrigen. Er spielte Klavier
und Geige, sang auch einen recht artigen Bariton. Da kam es folglich zu
Doppelsonaten und Duetten, welche Andere mit Vergnügen hörten, wobei
die Vollziehenden aber das süßere und erhebendere Vergnügen empfanden.
Wilhelminens Notensammlung enthielt auch manches Lied, von Jenem in Töne
gesetzt, und sie redete manches von einem darin wehenden Geist, von den
neuen, eigenthümlichen Gedanken, welche diese Lieder enthielten.
August wollte bei dem Allen höher hinaus. Es schien auch Noth zu thun,
nachdem er auf ein Predigtamt Verzicht geleistet hatte; wozu aber auch
-- der Sage nach -- das Consistorium seinen Genius wenig tüchtig erachtet
haben sollte. Es schien, er habe über die Tonleiter die Himmelsleiter
vergessen, oder gemeint: die Tonleiter führe auch zu Himmelsgefilden. Er
sagte indeß vom hinderlichen Consistorium nichts.
Dem sei wie ihm wolle, -- Vermögen, das geniale ausgenommen, besaß er
keineswegs, und mußte kümmerlich von musikalischem Unterricht leben.
Dagegen beschäftigte ihn seit einiger Zeit die Composition einer großen
Oper, und er zweifelte im mindesten nicht, es würde auch dem Kunstwerth
nach etwas Großes damit seyn. Denn nie hatte er solche Weihe im Genius
empfunden, als bei dieser Arbeit. Es ist auch wahr, daß er sich höheren
Aufflug gar sinnig zu bereiten verstand. Draußen in einem Garten der
Vorstadt, und zwar in einem Lusthause desselben, das auf einer Höhe lag,
und eine anmuthige Aussicht in die Umgegend öffnete, hatte er seine Wohnung
aufgeschlagen. Maienblüthe, Jasminduft, Aurora, Sommerabendroth,
helles Wintermondlicht übten begeisternde Einflüsse, und die heftig
leidenschaftlichen Stellen fertigte August, während Aequinoctialstürme
tobten. Nach Vollendung wollte er das geniale Singspiel den vorzüglichsten
Bühnen in Deutschland verkaufen, und rechnete -- auf dem Papier -- die
nöthige Summe zu einer Kunstwallfahrt ins gelobte Italien heraus. In
Venedig, Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Palermo dachte er Opern in Mozarts
Styl zu schreiben, dann wie ein neuer Gluck in Paris, später in London
wie ein Händel =redivivus= aufzutreten, und endlich, nach vorangegangener
ansehnlichen Bereicherung, bei irgend einem deutschen Fürsten als
Kapellmeister zu glänzen.
Der Plan schien so übel nicht, und der Meinung nach, welche die Schwester
von dem kunstsinnigen Jüngling hegte, mußte dessen Ausführung schier
nothwendig gelingen. Sie bezog sich dabei auf Schillers:
Mit dem Genius steht die Matur im vertraulichsten Bunde;
Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.
Mochten einige Kunstverständige auch sagen: es habe so gar viel mit dem
Talent des jungen Mannes nicht auf sich; er sehe es mit überschätzendem,
träumerischem Dünkel an, -- Wilhelmine sprach dagegen: das sei die Stimme
des Neides. Am liebsten würde sie den ihr so kunstverwandten August
geheirathet, für die -- ihm noch winkenden -- Honorare Soldins Reichthum
vergessen haben, und lieber auch Frau Kapellmeisterin als Frau von
Lilienthal gewesen seyn; weil in jenem Falle auch ihres Mannes berühmter
Name in allen europäischen Notenhandlungen glänzen würde. August war nicht
schön -- Alles ist nun einmal nie beisammen -- und Wilhelmine sagte: Eduard
gefalle ihr, der Außenseite nach, ungemein, auch noch mehr als Lilienthal;
dennoch galt ihr August, der genievollen Herrlichkeit wegen, den höheren
Preis. Sie war auch nicht abgeneigt, die ganze Reihe von Jahren zu warten,
in denen Italien, Frankreich und England des Geliebten Ruhm krönen sollten,
um endlich diesen Ruhm mit ihm zu theilen.
Aber -- und das ehrt Wilhelminens Verstand -- sie war von Liebe auch nicht
so geblendet, daß sie, wenn eine andere anständige Heirath sich dargeboten
hätte, sie würde abgelehnt haben. Wilhelmine kannte den Vorzug gewisser
vor ungewissen Dingen. Doch -- dies stand ganz fest -- ihr Ideal sollte
meistens erreicht seyn; sonst wollte sie ihre Hand gar nicht vergeben, und
müßte sie auch lebelang unvermählt bleiben.
Nach diesem flüchtigen Abbild meiner Schwester wird man gestehn, daß sie,
für ihren hellen Geist und ihr schön fühlbares Herz, auch ihr löbliches
Streben sich zu bilden, ein gutes Glück verdient hätte.
Ich erwähne noch eines Advokaten, Namens Sauer, den man seltner, aber doch
von Zeit zu Zeit, in unserm Familienkreise sah. Mein Vater hatte allerlei
Geschäfte mit ihm, weshalb er denn aus Höflichkeit bisweilen eingeladen
wurde.
Seinen Namen führte er mit der That: er war ein recht sauertöpfiger Gesell,
bei einer unvortheilhaften körperlichen Bildung. Sein Gesicht hatten die
Blattern entstellt, daneben war es schwammicht und fahl. Verstand ließ sich
ihm nicht absprechen, doch zeugte sein Urtheil von einem lieblosen Gemüth;
die satirische Laune, in welche er zuweilen ausbrach, hatte einen finstern
und hämischen Styl. Fühlloser gegen das Schöne konnte Niemand seyn. Lief
das Gespräch um reitzende Mädchen, so blieb er nicht allein eiskalt,
sondern wußte auch viel an den Gestalten zu tadeln, bis er sie völlig
herabgewürdigt hatte. Ueber Poesie spottete er wie über eine Narrheit,
Musik war ihm unleidlich. Deshalb, und wegen seiner ganzen Sinnesart, war
er auch meiner Schwester unleidlich; sie konnte ihr Mißvergnügen nicht
hehlen, wenn Sauer ins Zimmer trat, und wich den Unterhaltungen mit ihm
gerne aus.
Einst kam Wilhelminen jedoch zu Ohren: der Advokat hätte an einem dritten
Orte gesagt: er ginge mit dem Vorhaben um, sie zu heirathen. Liebe, meinten
die Hinterbringer, schiene dabei eben nicht sein Antrieb, vielmehr wohl der
Umstand, daß man Wilhelminen, ihrer Talente wegen, so erhöbe; nun möchte
er stolz mit einer beneideten Frau prunken. Bald, hatte er indeß noch
erinnert, solle die Anwerbung nicht geschehn; in einigen Jahren erst, wenn
seine Berufsgeschäfte mehr empor gekommen wären. Denn es gehörte noch zu
dem Abstoßenden an diesem Ehrenmann, daß er wenig zu thun, und deshalb üble
Vermögensumstände, neben manchen Schulden, hatte.
Wilhelmine entsetzte sich zum Theil, als sie das hören mußte, zum Theil
lachte sie hell auf. Ich würde vor ihm schaudern, sagte sie, und wenn er
eine Tonne Goldes besäße; ja, ich würde ihn, möchte er daneben auch jung
und schön seyn, seines verächtlichen Gemüths wegen, doch fliehn. Ha ha ha!
so ein Mann wäre für mich! Also nach etlichen Jahren will er obenein erst
kommen, und zählt jetzt schon mehr als dreißig. Zu meinen Bedingungen
gehört auch ein Abstand von höchstens sechs Jahren, zwischen Mann und Frau.
Und hier sollte ich -- -- Hu hu! Mögen ihm die Freunde sagen: er solle sich
den Verdruß eines, nicht einmal zierlich geflochtenen, Korbes sparen. Indeß
-- wird es auch nicht einmal dahinkommen. Der saubre Freier will ja noch
etliche Jahre verziehn.
Allerdings meinte Wilhelmine, sie würde, nach diesem Zeitraum, schon lange
angemessen vermählt seyn. Ich theilte diese Hoffnung; auf Soldin oder
Eduard rechnete ich am meisten, obwohl ich auch dachte: meiner Schwester
nicht alltägliche Vorzüge könnten noch andere zuständige Bewerber finden.
Meine Eltern hatten jedoch Wilhelminens Verheirathung nicht allein im Auge;
ihre Söhne kamen daneben mit in Betracht. Keiner von jenen Vorgesetzten,
die uns zu guten Aemtern helfen konnten, hatte eine mannbare Tochter; sonst
dürften Jene vermuthlich hierauf einen Entwurf gebaut haben. Doch lebte
ein gewisser Commerzienrath Hill in unserm Wohnorte, den mein Vater, schon
seines aufgeweckten Humors wegen, gern sah. Hill sollte aber auch Reichthum
besitzen, und der Aufwand in seinem Hause stritt gegen die allgemeine
Sage nicht. Er hatte zwei Töchter, Emma und Minna, eben in der holdesten
Blüthenzeit begriffen, und weiterhin noch so angethan, daß sie vor allen
übrigen Mädchen in der Stadt glänzten. Beide waren ausgezeichnet schön: sie
übertrafen Wilhelminen ohne Zweifel in diesem Betracht; und konnte dasselbe
nicht von den ausgebildeten Talenten meiner Schwester gelten, so hatten
Jene doch Manches, was, bei der Menge wenigstens, noch mehr in die Augen
fiel. Dahin gehörte ein Studium des feineren Welttons, das sich kaum höher
getrieben denken ließ. Sie wußten über Vieles zu sprechen, und geschah es
nicht immer mit Gründlichkeit, so erwarben ihnen die einnehmende Weise, die
lebhaften und treffenden Bemerkungen, der eingemengte und unbefangene Witz,
Verehrer genug. Die Huldinnengestalten erschienen nicht bloß in den neusten
Moden, sie wählten auch davon mit bewundertem geschmackvollem Sinn, und an
_reicher_ Kleidung überschimmerten sie alle Nebenbuhlerinnen, wie man auch
in gefälligem, bildlichen Tanz ihnen das Meisterinnenthum zuerkannte. Die
jungen artigen Männer umflatterten sie emsig; von Bräutigamen verlautete
dagegen noch nichts.
Die Eltern meinten: wir Brüder würden nicht übel thun, wenn wir es auf
Eroberung dieser Schönheiten anlegten. Reichen Mitgaben ließe sich bei
ihnen entgegen sehn, und ein Mann, der eine schöne Frau habe, komme dadurch
oft um so besser fort, weil er um so geachteter sei.
Das ließ sich hören, und ich fühlte mich zudem aufgelegt, den elterlichen
Rath zu befolgen, weil Emma, die Schönere mir dünkend, bereits lange
einigen Eindruck auf mein Gefühl machte. Otto ging schwerer daran, hatte
auch einen gewissen steifen Ernst, und eine nach dem Amtsberuf klingende
Sprachweise, die ihm den Eingang zur Frauengunst wenig öffneten. Dennoch
versuchte er einige Aufwartung bei Minna. Sie that aber schneidend fremd,
und als sie erst seine wahre Absicht zu durchblicken schien, dergestalt
hochfahrend, daß Otto wohl ahnen konnte, sie wolle ihm alle Bemühung um
sie verleiden. Er stand nun auch gleich um so mehr davon ab, als er noch
daneben ausgekundet haben wollte: es stehe mit Hills Vermögensumständen
nicht so, wie die Eltern glaubten; Unterrichtete sprächen vielmehr
zweideutig davon. Ich meinte dagegen: Otto rede dem Fuchs ähnlich, bei den
Trauben, die er nicht erreichen konnte, und setzte meine schon begonnenen
Annäherungen bei Emma fort. Zuerst wär' es mir beinahe so schlimm gegangen,
wie dem Bruder. Emma trug das griechische Näschen ziemlich hoch, und that
schnippisch, wenn ich sie eine bedeutendere Zuneigung wahrnehmen ließ, als
die allgemeinen Huldigungen, welche sie erhielt. Der Widerstand entwaffnete
meine Liebe jedoch nicht, erhöhte sie vielmehr, und ich strebte bei allen
Gelegenheiten, ihr es darzuthun. Nach und nach schien es demungeachtet, als
ob ich ihr nicht ganz mißfiele, sie aber noch manches Bedenken trüge.
Oft ruhten die schönen tiefblauen Augen mit Theilnahme auf mir, ja, sie
blinkten und strahlten dergestalt Gefühl, daß ich die Hieroglyphen der
Gegenliebe entzifferte. Bei dem Allen suchte Emma näheren Erklärungen
sich zu entziehen. Um desto heller flammte es in meiner Brust: meine Liebe
erreichte einen hohen Grad heftiger Leidenschaft; Emma war es, nicht ihre
Glücksgüter, um die es in meinem Herzen rief, und ich dachte: wenn ich nur
genügendes Vermögen, oder ein Amt mit hinreichendem Einkommen besäße, so
würde ich Emma, wäre sie auch eine Bettlerin, mit Entzücken heirathen.
Einmal fügte es sich gleichwohl, daß ich meiner Geliebten dies Alles sagen
konnte. Sie zuckte die Achseln. Mein Vater ist eigen, sagte sie, und Bitten
ändern seine Grundsätze nicht. Wären Sie Geheimer Rath, so würde er Ja, und
ich -- nicht Nein sagen.
Geheimer Rath war ich aber nicht, und die Aussicht nach diesem Ziel
durchlief eine weite Bahn.
Ich hehlte meinem Vater nichts. Er sagte: Wenn Hill seiner Tochter
zwanzigtausend Thaler Mitgift auszahlt, so könnt ihr einander bald
heirathen, und die Beförderung zum Geheimen Rath abwarten. Er gab dem
Commerzienrath dies zu verstehn; der schnitt jedoch den Faden kurz ab, und
besuchte, von der Zeit an, unser Haus mit seinen Töchter nicht mehr. Ich
hätte verzweifeln mögen.
Noch manche Verdrießlichkeiten gesellten sich zum Schmerz meiner Liebe.
Ich hatte den Präsidenten an meinem Landesstuhl in aufwallender Hitze
beleidigt, weil er einen jüngeren Referendarius mir voranstellte. Um so
weniger durfte ich nun Beförderung hoffen. Da Otto, um eben dieselbe Zeit,
auf eine höhere Stufe in seinem Collegium erhoben ward, so demüthigte mich
die Zurücksetzung noch mehr.
Es lebte jedoch ein Oheim in Rußland, der ein wichtiges Amt bekleidete. Er
hatte meinem Vater geschrieben: Schicke mir einen von deinen Söhnen; hat er
Kenntnisse, so werde ich leicht sein Glück machen. Otto hatte keine Lust,
in die Ferne zu gehn; ich hingegen überlegte nun, daß manche Deutsche
in Rußland zu einem schnellen Fortkommen gelangt wären, und daß, bei dem
mächtigen Einfluß des Oheims, mir eine um so größere Hoffnung winke. Den
Ort zu verlassen, wo mir so vieles theuer war, kostete meinem Herzen viel;
doch weil es am Ersten auch seine glühenden Wünsche zu stillen vermochte,
ermannte ich mich.
Zuvor schrieb ich an Emma, und befragte sie: ob ich hoffen könne, daß sie
nach Rußland mir zu folgen geneigt seyn würde, sobald ich dort ein Amt von
Bedeutung erlangt hätte. Sie antwortete zur Hälfte zärtlich, zur Hälfte mit
kluger Vorsicht. Ihre Gegenliebe wurde so heiß geschildert, daß sie dadurch
sich bewogen fühlen müsse, jedem Verlangen, das ich an sie richten würde,
zu genügen; in so weit ihr Vater damit einverstanden sei. Wenn gleichwohl,
ehe ich meinen Wunsch aussprechen könnte, dieser Vater anderweitig über
ihre Hand zu gebieten veranlaßt werden sollte, dürfte sie -- freilich nicht
ungehorsam seyn.
Ich mußte mich hiermit begnügen, und eilte nach Rußland.
Was mir dort begegnet ist, mag nur flüchtig berührt werden. Ich gelangte
durch meinen Oheim in eine Laufbahn, auf der ich vermuthlich eine höhere
Ehrenstelle würde erreicht haben, wenn sich nicht gewisse Umstände ereignet
hätten. Auch schien es mir hier zu weit aussehend mit einer namhaften
Beförderung; ich hoffte schneller emporzusteigen, wenn ich mich in eine
geheime Verbindung einließe, deren eigentliches Ziel mir Anfangs nicht
bekannt war. Allerdings war es jugendliche Unbesonnenheit, die mich in
bedenkliche Umtriebe verwickelte. Es kam an den Tag; ich wurde abgesetzt,
und nach Sibirien geschickt.
Hier theilte ich das Loos aller Verwiesenen, hatte Zeit genug, über meine
begangene Thorheit nachzudenken, und schleppte, zwischen Reue und Hoffnung,
ein elendes Leben hin.
Erst nach beinahe zwanzig Jahren schlug die Befreiungsstunde; ich hatte
damals auf weiteres Hoffen bereits Verzicht gethan.
Ich kam zurück nach St. Petersburg; mein Oheim war gestorben, hatte
mich aber, auf den Fall, daß meine Verbannung enden sollte, zum Erben
eingesetzt. Ein Vermögen von etwa dreißig tausend Rubeln wurde mir
ausgehändigt.
Mit diesem Eigenthum beschloß ich wieder in meine Heimath zu gehn. Zwanzig
Jahre lang hatte ich nicht die mindeste Nachricht von dort erhalten, um so
stärker sehnte sich mein Herz nach Wiedersehn.
Auch die Stimme der Liebe war noch nicht darin verhallt. Auf jenen einsamen
Schneegefilden hatte Emma nur zu oft meine Gedanken beschäftigt, und ihr
Bild um so lebendiger vor meiner Fantasie gestanden, als mich dort kein
Umgang mit anderen Frauenzimmern zerstreuen, oder in mir eine andere
Neigung erwachen lassen konnte.
Freilich dachte ich aber auch oft: Sie wird längst verheirathet seyn. Es
ist nicht glaublich, daß so viel Liebenswürdigkeit ungesucht verblüht wäre.
Auf dem Heimwege mußte ich zunehmend darauf gespannt seyn, in welchem
Verhältniß ich Emma antreffen würde. Bisweilen dachte ich: Ganz unmöglich
wäre es bei dem Allen nicht, sie noch ledigen Standes zu finden. Sie könnte
mehr gezaudert haben, als ihr Brief es zusagte, und, selbst wenn sie von
meinem Unglück Nachrichten bekommen hätte, einer nahen Befreiung davon
entgegen gesehn haben. Denn schrieb mein Oheim seinem Bruder von den
Ursachen meines Unglücks, so schilderte er mich gewiß auch weniger stafbar,
als leichtsinnig, und vertröstete auf eine glückliche Wendung meiner
Angelegenheit; die er selbst immer gehofft, und eifrig nachgesucht hatte,
wie ich nach meiner Rückkunft aus Sibirien erfuhr. Noch ein Umstand machte
es nicht ganz unwahrscheinlich, daß Emma unvermählt geblieben seyn könne,
denn noch vor meiner Abreise aus der Vaterstadt gewann Otto's Behauptung,
daß es um Hills Vermögen nicht am beßten stehe, Glaubwürdigkeit. So dachte
ich denn jetzt: Selbst schöne Mädchen, wenn sie unbemittelt sind, bleiben
zuweilen ohne Freier, und es könnte also hier auch so ergangen seyn.
Vielleicht hatte sich Emma aber auch vermählt, und ich fand sie jetzt als
Wittwe. In jenem und in diesem Falle wollte ich sie besitzen. Ich träumte
mir noch die Reste ihrer ehemaligen Schönheit entzückend, und empfand, nur
etwas über vierzig Jahre hinaus, in meiner Brust um so mehr liebende Gluth,
als ich sie im nördlichen Asien nicht abgekühlt hatte.
Daneben beschäftigte mich aber oft auch die Frage: Was mag aus den übrigen
Lieben in dem langen Zeitraum geworden seyn? Von den Eltern ließ es sich
kaum hoffen, daß sie noch lebten, wie heiß ich es auch wünschte; beide
standen nahe an den Funfzigen, als ich von ihnen schied. Unmöglich war es
demungeachtet nicht. Nächst ihnen lag mir die Schwester am Herzen. Vier
junge Männer schienen Wilhelminen zu lieben, als ich mich entfernte. Kurz
zuvor hatte es noch das Ansehn, als ob Lilienthal wirklich Ernst machen
wollte. Man sprach neuerdings von einem Erbe, das ihm zugefallen sei, und
einer ihm bevorstehenden Rangerhöhung. Ich konnte meinen: er habe räthlich
gefunden, erst diese Umstände abzuwarten. Wo nicht, so hatte vielleicht
Soldin bald nachher Entschlossenheit gewonnen, ihr sein Verlangen
darzuthun. Oder fände ich etwa in Eduard oder August meinen Schwager?
Die Letzten sowohl, als jene Beiden, waren übrigens meine vorzüglichsten
Jugendfreunde; verwandt mit ihnen oder nicht, regten die Schicksale, welche
sie erfahren haben konnten, meine warme Theilnahme an. Ich wünschte Jeden
beim Wiedersehn glücklich zu finden, und es mangelte nicht an Gründen,
es zu hoffen. Lilienthal, der junge Officier voll Geist und Kraft, dessen
einnehmende Außenseite ihm allenthalben Freunde gewann, und der bei meiner
Abreise glänzende Aussichten hatte, war vielleicht nun Oberst, vielleicht
General; wenn er anders in den Kriegen, welche sich unterdessen
ereignet hatten, nicht geblieben war. Soldin lebte vermuthlich als ein
wohlbegüterter Landedelmann ruhig, und in wirthlich genossenem Ueberfluß.
Eduard konnte leicht mit seinem klugen Unternehmungsgeist viel erworben
haben; wenn auch nicht alle Erwartungen seiner jugendlichen Fantasie
eingetroffen waren. Ich glaubte mit Ueberzeugung, daß ich ihn wenigstens
als einen angesehenen, wohlbemittelten Kaufmann begrüßen würde. August
hatte einst Genialität dargethan; ich bezweifelte sie weniger, als einige
Andere, bei denen, wie ich meinte, wohl Neid im Spiele seyn konnte. Und
mochte einst, dachte ich nun, der junge Mann einen zu hohen Glauben an
sich nähren; das spornt den Strebeflug, ohne den nichts gelingen kann. Ich
zweifle, daß seine Plane nach ihrem ganzen Umfang gelungen seyn werden; mag
es aber auch nur ein bescheidner Kreis seyn, in welchem August mit Erfolg
sich bewegt: dann finde ich immer einen berühmten Componisten an ihm, den
mindestens auch einige Wohlhabenheit oder ein anständiges Auskommen in
einem, seinen Neigungen entsprechenden, Beruf erfreut. Ich dachte noch:
Wenn ich schon ein mittelmäßiges Vermögen besitze, werde ich vermuthlich
doch gegen die alten Freunde zurückstehn; August hat wenigstens einen
berühmten Namen in seinem Kunstgebiet, und ich habe den meinigen eben nicht
bekannt gemacht. Ich gestehe, daß ich an Otto weniger hing, als an jenen
Freunden, und deshalb sein Schicksal nicht so zum Gegenstand meiner Wünsche
und Hoffnungen erhob. Zwar verwies ich mir das aus Pflichtgefühl, als
unbrüderlich; allein es war nun einmal so. Unsere verschiedene Gemüthsweise
hatte schon in den Knabenjahren ein enges Vertrauen gehindert; und vor
meiner Abreise entzweite ich mich noch heftig mit ihm. Denn er gab mir auf
eine hochtrabende Weise Lehren, tadelte mein Benehmen im Collegium, und
verwies mit Stolz mich auf sein Beispiel und das schon erreichte höhere
Amt. Uebles konnte ich indeß meinem Bruder deshalb unmöglich wünschen,
und hielt übrigens dafür, Otto würde vermuthlich einigermaaßen seinen Weg
gemacht, aber es doch nicht zu etwas Ausgezeichnetem gebracht haben. Seine
trockne Engherzigkeit schien für diese Meinung zu sprechen.
Auch unsere Verwandte, Charlotte, überging ich damal nicht, bei diesen,
mir so viele Theilnahme erregenden, Betrachtungen. Es war ein unbedeutendes
Ding, ohne Verstand und Schönheit, nur im Hauswesen tüchtig. Sicher glaubte
ich, die Arme würde ohne Mann geblieben, und, wenn meine Eltern nicht
mehr lebten, oder Wilhelmine sich ihrer nicht angenommen hätte, gezwungen
gewesen seyn, irgendwo ein Unterkommen als Ausgeberin zu suchen. Denn ich
urtheilte: ein Mann von Geschmack, selbst nur mit Charlotten in gleichem
Standesverhältniß, hätte wohl eine Person nicht begehren können, die einer
gewöhnlichen Magd -- die schönen darunter ausgenommen -- ähnlich sah. Und
einem kleinen Bürgersmann, der platt genug empfunden, auf Schönheit gar
nicht zu sehn, wohl aber eine rege Hauswirthin gesucht hätte, dürfte
schwerlich auch das Wagstück eingefallen seyn, sich um die Verwandte
eines Rathsherrn zu bemühen; und mein Vater _dann_ auch seine Einwilligung
versagt haben. Ich beschloß aber, wenn es sich dergestalt verhielte,
Charlottens Lage nach meinen Kräften zu verbessern.
Endlich sah ich mit klopfender Brust die Thürme meiner Vaterstadt. Sie
waren unverändert geblieben, bis auf den an der Hauptkirche. Seines
baufälligen Zustandes wegen hatte man ihn bis zur Hälfte abgetragen,
und mit einem kleinen stumpfen Dache versehn. Er prangte einst mit einer
stattlichen Kuppel und Spitze; die Physiognomie der Stadt gewann durch ihn
etwas heiter Aufstrebendes. Als Knabe hatte ich ihn mit einem erhebenden
Wohlgefallen angesehn, und ihn oft bis zur sogenannten Haube erstiegen.
Es verdroß mich, den alten Freund als einen Krüppel wiederzufinden; schier
ahnte mir darin ein Zeichen übler Vorbedeutung.
Als ich näher kam, lächelte mich eine neue, hoch empor gediehene, Pflanzung
von Pappeln an. Es war eine Verschönerung; sie würde mir gleichwohl
anderswo besser gefallen haben, als hier. Dem erinnernden Bilde in mir
widersprach sie, und machte mir die Gegend vor dem Thore fremd.
Ich stieg aus dem Wagen, mich desto bequemer umzusehn, und ließ den
Postillon halten. Es war ein schöner Sommerabend; auf dem neuen Spaziergang
lustwandelten Einwohner. Ich mengte mich unter sie, fand aber nicht einen
der alten Bekannten hier. Auch das erregte mir Unmuth. Meinem Besuch
nach zwanzig Jahren in der Vaterstadt, hob ich bei mir an, scheint wenig
Freudiges entgegen treten zu wollen.
Wenn auch nicht gerade schon trübe, war ich doch nicht so heiter, wie ich
auf der langen Reise gehofft hatte, daß ich es am Eingange der Heimath seyn
würde. Von dem geahnten traulich heiligen Empfinden wehte mich jetzt nichts
an, und ich klagte heimlich, daß es so sei. Immer wollte ich einen von den
Unbekannten anreden, ihn um meine Eltern, um Wilhelminen, um Emma fragen,
hatte gleichwohl nicht den Muth dazu. Ebenso zauderte ich, in die Stadt zu
gehn.
Meine Blicke fielen auf die Thür des nahen Kirchhofs. Sie stand offen, und
ich fühlte einen schwermüthigen Zug hineinzugehn. O wie viele neue
Gräber! Doch auch viele neue Denkmähler, die von zugenommenem Luxus
und verfeinertem Geschmack zeugten. Baumanlagen, sonst nicht vorhanden,
Gitterwerke, die kleine Gärten umfingen, unter denen Todte ruhten, einzelne
Hügel, mit Blumen geschmückt, konnten als liebliche Veredlungen des
Anblicks trauernder Stille gelten. Aber sie riefen mir auch sehr lebhaft
den Gedanken zu: daß Alles endet, wie schön es einst auch blühen und
glänzen mochte.
Ich schlich an den Gräbern hin, und las die mancherlei Inschriften der
weißen Steine und Eisenplatten. O, hier traf ich Bekannte genug! Ein Mal
über das andere stieß ich auf einen Namen, der mir einst wenigstens nicht
ganz gleichgültig ins Ohr tönte. Und nicht bloß ältere Personen, die ich
vor Zeiten werth hielt, auch jüngere sah ich nun lange schon der Verwesung
übergeben. Es war ein Mädchen darunter, das ich ein wenig geliebt hatte,
ehe noch Emma den bleibendern Eindruck auf mein Herz machte. Jene war im
ein und zwanzigsten Jahre verstorben, und ein Gespiele meiner frühsten
Kinderjahre hatte nur bis zum dreißigsten gelebt.
Nun kann eine wahrhaft melancholische Stimmung über mich, und ich bebte,
Namen zu sehn, die mich noch stärker rühren könnten. Des Gottesackers
Hinterwand umliefen noch inwendig Begräbnißplätze in Gewölben. Mein Vater
hatte sich dort einen erkauft, und den nöthigen Bau daran ordnen lassen.
Als ich aus meiner Vaterstadt ging, hatten die Seinigen noch keine
Anwendung von der neuen Ruhestätte machen dürfen. Ich gewahrte sie
schaudernd, und nahte mich zitternd und wankend. Eine Steinplatte, mit
Zeilen versehn, war in die Außenwand gemauert. Schon sah ich sie, eh ich
die Zeilen noch lesen konnte. Ein Opfer also, dachte ich seufzend, hat sich
der Tod aus unserm Kreis genommen. Mit grauenvoller Neugier eilte ich zu
lesen, und vermochte es kaum. Es war die Mutter; sie schlief bereits zwölf
Jahre hier. Der Kirchhof warf viel auf meine Brust!
Ich starrte einige Zeit die Tafel an, und ging langsam weg. Es gelang mir
nicht, durch die Vorstellungen mich zu trösten: daß es sich kaum anders
habe erwarten lassen, und daß ich von Glück sagen dürfe, wenn ich meinen
Vater noch unter den Lebenden antreffe. Ich fühlte in dem Augenblick, was
die übrigen Verwandten zwölf Jahre früher an diesem Grabe empfanden.
Wieder hinausgetreten, sah ich einen dürren bleichen Mann daher kommen. Er
bewegte sich mit kleinen Schritten, und hustete im Gehen oft. Er trug ein
schlechtes Oberkleid, und sein ganzer Anzug zeugte nicht von Wohlhabenheit.
Mir war, als hätte ich ihn früher gesehn; doch besann ich mich auf Namen
und Stand nicht. Es schien mir auch, als hätten Blässe und Falten das
Gesicht merklich umgewandelt.
Auch er faßte mich ins Auge, und ich war schon an ihm vorübergegangen, als
wir Beide zugleich still standen und nach einander umblickten. Jetzt rief
er meinen Namen. Auch die Stimme tönte mir bekannt, doch schwach und hohl.
Ich ging zu ihm, und sagte: »Verzeihen Sie, mein Herr; ich soll die Ehre
haben, Sie zu kennen, und besinne mich doch nicht gleich ...«
Haben Sie Ihren alten Freund Lilienthal vergessen? Mit diesen Worten
unterbrach er mich.
Ich trat staunend zurück, und konnte kein Wort sagen.
Ja, fing er lächelnd wieder an, ich habe mich wohl ziemlich verändert. Sie
aber scheinen noch ganz munter. Noch nicht einmal, wie ich sehe, Ein graues
Haar. (Das seinige war schon zur Hälfte bleich.)
Ich umarmte ihn nun, und stotterte: »Nein -- das hätte ich nicht gedacht --
und wie gehts? Mit welchem Titel hat man Sie anzureden?«
Er antwortete: Es geht verdammt schlecht. Ich bin invalider, pensionirter
Hauptmann.
»Verwundet im Kriege?«
Nein, die Gicht hat es mir gethan. Da muß ich mich nun mit dem schmalen
Gnadengehalt hinstümpern. Und wenn ich ihn noch ganz bekäme! So wird mir
aber noch für meine Gläubiger die Hälfte abgezogen.
»Freund -- ich beklage unendlich, Sie nicht in einem glücklichern Zustande
wiederzusehn.«
So geht es nun schon einmal. Wenn man in der Jugend zu rasch gelebt hat,
wird man früh alt.
»Hm -- ich dachte, Sie besäßen außerdem ein ansehnliches Vermögen« --
Wo bist Du Sonn' geblieben!
»Ehe ich vor zwanzig Jahren abreis'te, hieß es, Sie hätten eine bedeutende
Erbschaft« --
Ach, wie man's denn im Leichtsinn treibt. Ich hatte ein Paar tausend
Thaler; in ein Paar Jahren flogen sie aber hin. Einmal gewöhnt, auf einem
artigen Fuß zu leben, nahm ich auf, und sprengte, um meinen Kredit zu
befestigen, allerhand Mährchen aus. Eigentlich nicht ganz Mährchen. Ich
hatte begründete Hoffnung, zu steigen, zu erben, nur kein Glück. Manche
lebten wüster in den Tag hinein, als ich, und sind jetzt Obersten,
Generale, und haben keine Gicht. Das Glück tut alles auf der Welt.
»Sind Sie verheirathet?«
O! wenn ich noch Frau und Kinder hätte, schösse ich gar mich todt. -- Die
Abendluft wird kalt, ich muß unter Dach. Wir sehen uns wohl ein ander Mal.
Leben Sie wohl!
»Erlauben Sie mir, Sie noch einen Augenblick zu begleiten. Ich bin in
zwanzig Jahren nicht hier gewesen, und möchte um Manches fragen.«
Er that mir den Vorschlag, mit nach der Kegelbahn zu gehn, die er besuchen
wollte; da könnten wir noch eins mit einander plaudern.
Der öffentliche Garten lag nahe. Ich trat mit Lilienthal hinein, und sah,
daß Einrichtungen und Gäste nur ein ziemlich mittelmäßiges Ansehn hatten,
so daß ich mich wunderte, wie Lilienthal sich an einen solchen Ort begeben
könnte.
Unterweges fragte ich: »Lebt mein Vater noch?«
Kann's wohl nicht recht sagen, hieß die Antwort; hab' ihn in langen Jahren
nicht gesehn. --
»Hm -- ein Rathsherr ist doch nicht so unbekannt« --
Jetzt besinn' ich mich. Er soll noch leben, ist aber schon lange in den
Ruhestand versetzt. Es geht ihm wie mir.
»Wohnt er noch in seinem Hause?«
Das ist schon lange verkauft. Irre ich nicht, so hält er sich bei der
Tochter auf.
»Und die?«
Sie lebt, das weiß ich gewiß. Noch vor etlichen Wochen ist sie mir mit
ihren Kindern begegnet.
Ich wollte eben mit großer Spannung fragen, an wen sie verheirathet sei,
als etwas Anderes dazwischen trat. Der Wirth des Gartens kam, und fragte,
was uns beliebe. Ich wollte eine Flasche Wein geben lassen. Den habe ich
nicht, sagte er mit Achselzucken. Lilienthal nahm das Wort mit Lachen: Hier
giebt es nur diverse Biere und Aquavite.
Ich hatte nach Jenem wenig gesehn; nun fiel mir auf, daß er seinen Mund an
Lilienthals Ohr legte, und ihn um etwas fragte, wobei er mich ansah. Der
invalide Hauptmann erwiederte: Ja, ja, er ists.
Jetzt nahm ich den Wirth mit seinem Mützchen aus Sammet genauer ins Auge.
Wieder ein nicht fremdes, aber ziemlich schmalbäckiges Gesicht. Kaum traute
ich meinen Augen, und rief endlich: Eduard?
Er gab mir die Hand. Ei, ei! Lange nicht gesehn. Eine dicke Stimme aus
der Kegelgesellschaft rief jedoch: Herr Wirth, noch ein Glas Breslauer! Da
eilte mein Jugendfreund schnell seinem Beruf nach.
»Um Gottes willen, hob ich mit fast erstickter Rede zu Lilienthal an: _der_
in einem Kegelgarten?«
Der arme Teufel hat ihn gepachtet, wird aber auch nicht sonderlich bestehn;
es kommen nur wenig Gäste.
»Er war doch Kaufmann« ...
Hat einen kleinen Bankrott gemacht. Und was sollte er dann thun? Frau und
Kinder wollen ernährt seyn.
Eduard hatte sein Geschäft besorgt. Ich nahm ihn bei der Hand, und führte
ihn aus der Kegelbahn in einen Gang. »Freund, sagte ich, wie geht es zu?
Dein spekulativer Sinn, Dein Unternehmungsgeist von ehedem! Ich dachte ...
ich hoffte ...«
Die Stimme, von der ich Bescheid bekam, tönte nicht mehr so leicht und
hochfliegend; sie hatte etwas Schweres, neben dem Kleinlauten. Eduard schob
die Sammtmütze, um sich hinterm Ohr zu kratzen, und sagte nun: Wer kann
für Unglück! Ja hätte der Vormund mich nur in Hamburg gelassen, ich glaube
immer noch ... er schickte mir aber kein Geld; ich mußte zurück, und hier
meine Handlung mit Spezerei- und Materialwaaren antreten. Nun, ich habe
mich viele Jahre dabei hingestümpert. Aber rechts und links etablirten sich
Andere, verkauften um Spottpreis, die Consumption nahm in den schlechten
Zeiten ab, Einquartierung und andere Kriegslasten dazu -- so ward ich
endlich ruinirt.
»Du wolltest ja eine große Fabrik anlegen.«
Jung will man viel. Ohne große Mittel läßt sich aber nichts Großes
anfangen.
»Du wolltest Dich um Summen an die Regierung wenden.«
Das will mächtige Fürsprache. Ich habe geschrieben, da- und dorthin. Rund
abgeschlagen.
»Armer Eduard!«
Wären die Paar Tausend Thaler meiner guten Frau nur nicht mit darauf
gegangen!
»Wen hast Du denn geheirathet?«
Die Tochter meines Vorgängers in der Handlung. Der Vormund wollte es so,
hatte auch im Grunde nicht unrecht. Ich mochte mich in den ersten Jahren
wohl nicht genug nach der Decke strecken, nicht genug um meine Handlung
bekümmern; wie das so geht, wenn man denkt, es kann nicht fehlen. Man
bereut es hernach, doch zu spät. -- Und der Herr Bruder? Ich hörte von
Sibirien. Doch also wieder frei! Gratulire. Wie geht es sonst?
»Schon darum übel, weil ich zwei alte Freunde nicht glücklich wiedersehe!«
Was hilft's? Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Hier ist ja noch ein
Jugendfreund. He, Cantor, lieber Cantor!
Ich sah den Mann herwatscheln, der mit einer dicken Stimme Breslauer Likör
verlangt hatte. Die weitere Gestalt entsprach dem. Keine schmale Wange; ein
ächtes Abend-Vollmondgesicht, denn es war mit Kupfer bestreut.
Eduard nannte ihm meinen Namen. Ei, ei! rief er; lange nicht gesehn und
doch noch gekannt. Er schloß mich so weit in die feisten Arme, als der
Schmeerwanst es nicht hinderte, und sagte jovial: Darauf müssen wir gleich
eins trinken. =Cantores amant humores!=
Verlegen erkundigte ich mich: von wem ich die Ehre hätte, mich umarmt zu
sehn?
Karl! rief die fette Gestalt; und Du willst Deinen August nicht mehr
kennen?
Ich wand mich los, und starrte aufs höchste betroffen in das faunische
Gesicht. In der That, es war August!
Er kicherte: Nicht wahr, ich habe mir da einen runden Bauch angeschafft? Er
kostet mir aber auch manchen runden Thaler. Ha ha ha!
»Freut mich, Dich wenigstens vergnügt zu sehn. Ich hoffte indeß gerade
nicht den Bauch zu finden ...«
O, den laß mir in Ehren!
»Bist Du nicht in Italien gewesen?«
Was sollte ich da gethan haben! Und wo Geld hernehmen zur Reise!
»Du hattest vor zwanzig Jahren doch gewisse geniale Ideen ...«
Ja, Brüderchen, es gibt nur so vielen Widerstand.
»Ich meinte, Du würdest gegen ihn ankämpfen, ihn besiegen.«
Brüderchen, man wird denn ärgerlich, ist mitunter auch ein wenig faul ...
»Du hattest damal die Composition einer Oper in Arbeit. Was ich davon
hörte, fand ich ungemein ...«
Erinnre mich nicht daran. Ich hatte Aerger die Menge dabei, und Schaden.
Ließ zehn Abschriften machen, und schickte sie an deutsche Theater. Die
meisten remittirten, unter höflichen Ausflüchten. Einige nahmen sie; nur
von Einem bekam ich aber Geld, und das ersetzte mir die Kosten noch
nicht. Kabalen steckten auch dahinter, Kunstneid, Hudelei. Wo man die
Oper aufgeführt hatte, erschienen böse Kritiken, sprachen von entlehnten
Gedanken, veraltetem Styl. Ich hätte die Hunde von Recensenten todt prügeln
mögen. Hernach verschwor ich's mit den Opern. Aber ein Heft geistlicher
Oden und vierstimmiger Motetten habe ich noch herausgegeben; die wurden
ziemlich gut recensirt.
»Darum kamst Du nicht nach Italien?«
Italien, Italien! =Tempi passati=, sagen sie dort.
»Und nach Frankreich, das einen Gluck =redivivus= in Dir sehn sollte?«
Brüderchen, es taugt im Grunde den Teufel nicht, wenn man in der Jugend
Genie hat, und sitzt nicht auch an der Quelle, und weiß die Kabalen nicht
todtzumachen. Das Brotstudium wird darüber versäumt, man treibt =Allotria=,
und macht Plänchen, die wie Seifenblasen an der Luft zerplatzen. Jetzt habe
ich mir die angenehmen Träumereien abgewöhnt. =Non sum qualis eram.= Weißt
Du, was ich thun würde, wenn ich etliche und zwanzig Jahre zurück hätte,
oder was ich hätte thun sollen? Meine Theologie tüchtig treiben, mir
Freunde machen, eine gute Pfarre verschaffen, und hernach das liebe Minchen
heirathen. O, Minchen war mir gut, besonders am Klavier. Man schwärmte auch
ein bischen mit Klopstock, Göthe und Schiller. Alles vorbei! Ich frage auch
den Teufel mehr nach Amor; Vater Bacchus ist mein Mann.
»Ei, ei! Und wie lebst Du denn sonst?«
Nun, hier auf der Kegelbahn befinde ich mich ganz wohl, und dann geh ich
zum Duchstein*). Die Composition hab' ich an den Nagel gehängt; es kommt
nichts dabei heraus. Und, die Wahrheit zu sagen, ich bin auch zu faul, und
habe mit meiner Singschule, meiner Kirchenmusik ohnehin so viel zu thun.
Brüderchen, so viel kann ich Dir aber noch sagen: aus meinem Bariton ist,
ohne Ruhm zu melden, ein Bierbaß geworden, der sich gewaschen hat. Komm
nur den Sonntag in die Frühpredigt, Du wirst hören, daß alle Kirchenfenster
klingen.
*) Ein Weißbier, das in Königslutter gebraut wird.
Herr Cantor! rief man drinnen; Sie schieben.
Eilig watschelte August davon, und ließ den Freund stehn. Eduard zuckte
die Achseln, und sagte: Er ist nun einmal nicht anders, und muß schon so
verbraucht werden.
Lilienthal kam wieder zu mir. Es soll, nahm er das Wort, dem Cantor
nicht an Geschicklichkeit fehlen; nur betrübt, daß er sich dem Trunk so
leidenschaftlich ergeben hat! Es hieß schon einmal: er würde seine Stelle
deshalb verlieren.