Ilse nahm es ihr fort. »Laß liegen,« sagte sie, »es ist mein Strumpf!«

Ehe noch Fräulein Güssow sie wegen ihres unpassenden Wesens zurechtweisen

konnte, trat Fräulein Raimar in das Zimmer. Sie ging von einer Schülerin

zur andern und prüfte deren Arbeiten, sie that dies zuweilen, um sich an

den Fortschritten zu erfreuen, oder auch zu tadeln, wenn es nötig war.

»Nun, wie steht es mit dir, Ilse?« fragte sie. »Hast du deinen Strumpf

bald fertig? Zeige ihn einmal her.«

Ilse that, als habe sie die Aufforderung nicht verstanden, sie schämte

sich ihrer schmutzigen Arbeit.

»Ich will dein Strickzeug sehen, Ilse, hast du mich nicht verstanden?«

Etwas streng und hart klangen die Worte der Vorsteherin, und nun war es

Trotz, weshalb sie den Gehorsam versagte.

Aufgebracht über diesen Widerstand nahm Fräulein Raimar ihr den Strumpf

unsanft aus der Hand.

»Ich bin gewöhnt, daß meine Schülerinnen mir gehorchen und du wagst es,

dich zu widersetzen? – Seht einmal Kinder,« fuhr sie fort und hielt mit

spitzen Fingern das Strickzeug in die Höhe, »was sagt ihr zu dieser

Arbeit? Sieht sie wohl aus, als ob sie einem erwachsenen Mädchen angehöre?

Schäme dich! Niemals wieder will ich ein so unsauberes Strickzeug sehen.«

Aller Augen waren auf dasselbe gerichtet, und einige Pensionärinnen

glaubten sich durch die Frage der Vorsteherin berechtigt, ein Wort

mitzureden. Die vorlaute Grete meinte, daß ihre kleine fünfjährige

Schwester daheim weit besser und sauberer stricke, ihr Strumpf sähe wie

Schnee gegen Ilses aus, sie dürfe aber auch niemals mit schmutzigen Händen

stricken.

Die ästhetische Flora verglich das façonlose Ding mit einem Kaffeebeutel,

ein Vergleich, der Annemie so in das Lachen brachte, daß sie sich gar

nicht wieder beruhigen konnte.

Was in diesem Augenblicke in Ilses Innerem vorging, ist schwer zu

beschreiben. Sie sah sich verlacht und verspottet von allen Seiten und

durfte sich nicht dagegen verteidigen. Ihr heißes Blut, ihre unbändige

Natur bäumten sich mit aller Macht auf gegen die, wie sie glaubte, ihr

öffentlich angethane Schmach. Sie geriet in eine so blinde Wut, wie sie

bis jetzt noch niemals empfunden hatte, sie ballte die Hände und biß

hinein, ihre Augen füllten sich mit heißen, trotzigen Thränen.

Fräulein Raimar hatte bereits das Zimmer verlassen, doch die Thür

desselben hinter sich offen gelassen, sie hielt sich noch auf dem Korridor

auf. Welchen Aufruhr sie in Ilse heraufbeschworen, ahnte sie nicht, sie

würde ihn auch schwerlich begriffen haben, glaubte sie doch fest, durch

eine öffentliche Beschämung Ilses Widerstand ein für allemal geheilt zu

haben. Wie wenig verstand sie ein leidenschaftliches Gemüt! Gerade das

Gegenteil hatte sie hervorgerufen. Ilses wilder Trotz stand in

lichterlohen Flammen.

»Neckt sie nicht!« gebot Fräulein Güssow, die Ilse besser verstand. »Ich

will nicht, daß ihr sie auslacht!«

Und Nellie, die einzige, welche mitleidig dem ganzen Auftritt zugesehen,

nahm gutmütig den verachteten Strumpf in die Hand, um ihn wieder in

Ordnung zu bringen.

»Laß!« rief Ilse und ihr ganzer Grimm entlud sich auf Nellies unschuldiges

Haupt, »laß! Was kümmern dich meine Sachen?«

»Gieb doch her,« bat diese sanft, »ich mach’ dich alles wieder gut.«

Aber Ilse hörte nicht darauf und riß es Nellie aus der Hand, und ehe noch

diese sie zurückhalten konnte, warf sie im höchsten Zorne das

unglückselige Strickzeug gegen die Wand. Die Nadeln schlugen klirrend

aneinander und das Knäuel kollerte weit fort, zur offnen Thür hinaus, bis

zu den Füßen der Vorsteherin.

Vielleicht hätte dieselbe kein Arg an diesem kleinen Zufall gefunden, wenn

nicht zu gleicher Zeit laute Ausrufe wie »Ah!« und »o!« ihr Ohr getroffen

und ihr verkündet hätten, daß etwas Unerhörtes passiert sein müsse.

»Was giebt es?« fragte sie hastig eintretend. Sie erhielt keine Antwort;

aber ihr Blick fiel auf das Strickzeug am Fußboden und sie erriet das

Ganze.

»Warfst du es absichtlich hierher?« richtete sie an Ilse die Frage, und

ihre Stimme bebte vor Aufregung, in ihren stets so ruhig blickenden Augen

blitzte es unheimlich auf. – »Antworte – ich will es wissen!«

»Ja,« sagte Ilse.

»Komm hierher und nimm es wieder auf!«

Die Heftigkeit der Vorsteherin machte Ilse nur verstockter, sie rührte

sich nicht.

»Hast du verstanden, was ich dir befahl? Glaubst du mir trotzen zu können?

Ich verlange, daß du mir gehorchst!«

»Nein,« entgegnete Ilse zum Entsetzen der anwesenden Pensionärinnen, »ich

thue es nicht!«

Fräulein Güssow sah die Widerspenstige traurig und bekümmert an. Nicht

Zorn, nur Mitleid empfand sie mit derselben. »Wenn ich dich ändern könnte!

Wenn es mir gelänge, dich auf einen andern Weg zu bringen, armes,

verblendetes Kind!« dachte sie und beschloß, nichts unversucht zu lassen,

um Ilse von ihrem bösen Fehler zu heilen.

Solange sie Vorsteherin des Pensionats war, hatte Fräulein Raimar niemals

Aehnliches erlebt. Trotz ihrer stets so maßvollen Ruhe war sie für den

Augenblick fassungslos und ungewiß, was mit Ilse geschehen solle.

»Geh auf dein Zimmer,« befahl sie kurz, »und bleibe dort! Das andre wird

sich finden.«

Ilse erhob sich und ging hinauf. Nachdem sie in ihrem Zimmer angelangt,

brach der furchtbare Sturm, den sie mühsam zurückgehalten hatte, los. Sie

warf sich auf einen Stuhl und weinte laut. Stürmisch rief sie nach ihrem

Papa, daß er komme und sie holen möge – klagte die Mama an, die sie in

diese fürchterliche Anstalt gebracht – kurz fühlte sich verzweifelt und

verlassen, wie nie im Leben.

Allerhand Gedanken jagten durch ihren Kopf, der zum Zerspringen brannte,

kindisch und unausführbar. Zuerst wollte sie davonlaufen, – wohin war ihr

gleich, nur fort, damit sie die böse Vorsteherin, die stets einen Aerger

auf sie gehabt, und die abscheulichen Mädchen, die sie verhöhnt hatten,

von denen keine sie lieb hatte, nicht wieder sehe – niemals! Kein Mensch

mochte sie leiden, nur der Papa. O, wenn sie gleich bei ihm wäre!

Der Gedanke, daß sie zurück müsse nach Moosdorf, behielt die Oberhand. Sie

fing an, ihre Sachen aus der Kommode zu räumen und war eben im Begriff,

das Mädchen zu beauftragen, ihr den Koffer vom Boden herabzuholen, als

Nellie und gleich darauf Fräulein Güssow in das Zimmer traten.

Erstaunt blickte letztere auf die umherliegenden Sachen.

»Nun, Ilse, was soll denn das bedeuten?« fragte sie.

Anstatt zu antworten vergrub Ilse das Gesicht in beiden Händen und

schluchzte laut.

Fräulein Güssow ließ sie einige Augenblicke gewähren, dann zog sie ihr

leise die Hände vom Gesicht.

»Beruhige dich, Kind,« sprach sie in sanftem Tone, »dann will ich mit dir

reden.«

»Ich kann nicht! Ich will fort!« stieß Ilse leidenschaftlich heraus.

»Du mußt dich beherrschen, Herz. Ich glaube gern, daß es dir schwer wird,

dein trotziges Ich zu zähmen, aber du mußt es thun, es ist notwendig.

Siehst du nicht ein, Ilse, wie unrecht, wie ungezogen du gehandelt hast?«

Diese schüttelte den Kopf. »Sie haben mich alle gereizt,« entgegnete sie

abgebrochen schluchzend – »Fräulein Raimar hat mich so furchtbar blamiert

– alle haben mich ausgelacht!«

Fräulein Güssow hatte das Gefühl, als sei es besser gewesen, wenn die

Vorsteherin ihren berechtigten Tadel in einer andern Weise ausgesprochen

hätte, – doch das war nun einmal geschehen und nicht zu ändern.

»Du irrst,« entgegnete sie, »nicht Fräulein Raimar, sondern du selbst hast

dich lächerlich gemacht. Denke einmal zurück, wie du dich benommen hast. –

Uebrigens,« fuhr sie fort, »du darfst nicht so trostlos sein und dir nicht

allzuschwere Gedanken darüber machen. Wenn du morgen verständig bist, ist

alles vergessen. Die Mädchen haben dich alle lieb.«

»Nein, nein,« rief Ilse, »mich hat niemand lieb! Ich weiß es wohl! – Ich

bin dumm und ungeschickt und ich will fort – zu meinem Papa!«

»Wenn du so sprechen willst, Ilse, dann verlasse ich dich. Du weißt, wie

sehr ich dich lieb habe, dergleichen kindische Reden aber will ich nicht

von dir anhören. Soll ich gehen? – willst du vernünftig sein?« –

Ilse schwieg und die junge Lehrerin wandte sich der Thür zu. Als sie im

Begriffe war dieselbe zu öffnen, eilte Ilse auf sie zu.

»Bitte, bleiben Sie,« bat sie und hielt sie an der Hand fest.

»Von Herzen gern, wenn du mich ruhig anhören willst.«

Sie setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und nahm Ilse in den Arm.

»Wie heiß du bist, du böser Trotzkopf,« sagte sie und streichelte ihr

liebevoll die erhitzten Wangen. »Nellie, gieb Ilse ein Glas Wasser.«

Die Angeredete hatte stumm und still am andern Fenster gelehnt und der

Freundin lautes Schluchzen mit heimlichen Thränen begleitet, jetzt sprang

sie hinzu und reichte das Gewünschte.

»Trink einer kühle Schluck, er wird dir ruhig machen,« redete sie herzlich

zu. »Du mußt nie wieder sagen, daß wir dir nicht liebten, du böse, böse

Ilse! – Nicht mehr weinen darfst du, komm, ich mache deine Gesicht kalt.«

Und sie tauchte einen Schwamm in das Wasser und kühlte damit Ilses

brennende Augen und Wangen.

»Nun, mein Kind,« fragte Fräulein Güssow, als Ilse sich etwas beruhigt

hatte, »was gedenkst du zu thun?«

»Ich muß heute noch abreisen,« entgegnete sie, »hier bleiben kann ich

nicht.«

»Also noch immer möchtest du mit deinem Kopfe die Wand einstoßen. Der

Gedanke, daß du nachgeben mußt, daß es an dir ist, um Verzeihung zu

bitten, kommt dir gar nicht in den Sinn! Du hast Fräulein Raimar bitter

gekränkt, denkst du nicht daran, sie wieder zu versöhnen? Sprich!«

»Nein,« rief Ilse und warf den Kopf zurück, »Fräulein Raimar hat mich

beleidigt und furchtbar gekränkt! Ich bitte sie nicht um Verzeihung! Noch

niemals habe ich jemand um Verzeihung gebeten – und ich thue es auch jetzt

nicht! Nein!«

Das war wieder ein trotziger, böser Ausfall von ihr, dennoch verlor

Fräulein Güssow nicht die Geduld, sie blieb ruhig und sanft.

»Du batest niemals um Verzeihung, Ilse? Das wundert mich; aber du hast

deinem Papa ein gutes Wort gegeben, wenn du unartig warst und er dir

zürnte.«

»Meinem Papa!« wiederholte Ilse und sah höchst erstaunt die junge Lehrerin

an. »Niemals hat er mir gezürnt, er war immer, immer gut, ich konnte

machen, was ich wollte.«

»So,« sprach Fräulein Güssow und meinte jetzt den Schlüssel zu Ilses

Eigensinn in des Vaters zu großer Nachgiebigkeit gefunden zu haben. »Und

die Mama, war auch sie stets damit zufrieden, was du thatest, – kränktest

du sie niemals? Sage einmal aufrichtig.«

Ilse blickte nachdenklich vor sich hin. Sie konnte nicht leugnen, sie

hatte dieselbe oftmals durch ihren Widerstand gekränkt.

»Ich glaube, daß ich es that,« sagte sie zögernd.

»Und dann sagtest du: vergieb mir, liebe Mama, nicht wahr?«

Ilse schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »niemals habe ich das gethan.

Mama hat es auch gar nicht von mir verlangt, sie weiß, daß ich einmal

nicht bitten kann.«

»Ein Kind muß bitten können! Und ein Mädchen vor allem. O Ilse! Auch du

mußt es lernen, noch ist es nicht zu spät!« sprach Fräulein Güssow sehr

erregt. »O Ilse, wenn doch meine Worte es vermöchten, dich so recht aus

deiner Verblendung aufzurütteln! Lerne nachgeben, mein Kind, lerne vor

allem dich beherrschen! Thust du es nicht, so nimmt das Leben dich in

seine harte Schule und bereitet dir viel Herzeleid und Kummer. Glaube mir,

Trotz und Widerstand sind böses Unkraut in einem Mädchenherzen, und

oftmals überwuchern sie die besten, heiligsten Gefühle! Geh’ hinunter,

Kind, bitte Fräulein Raimar um Vergebung. Ueberwindest du heute deinen

harten Sinn, so hast du gewonnen für alle Zeit!«

Sie hatte warm und eindringlich gesprochen, und in ihren braunen Augen

standen Thränen. Ilse war auch seltsam ergriffen von ihren Worten, aber

Abbitte thun, – das konnte sie trotzdem nicht.

»Ich kann es nicht,« sagte sie zögernd, aber bestimmt.

»Du willst nicht, aber du mußt,« entgegnete Fräulein Güssow im höchsten

Grade erregt. »Gott! giebt es denn kein Mittel, daß ich dich von deinem

Starrsinn heilen kann!« –

»Komm, setze dich zu mir,« fuhr sie ruhiger fort, »ich will dir eine wahre

Geschichte von einem trotzigen, widerspenstigen Mädchenherzen erzählen,

das sein Lebensglück einer kindischen Laune opferte, und wenn du dann noch

sagen wirst: ›Ich kann nicht,‹ dann gehe hin und folge deinem harten

Kopfe, – ich werde nie wieder den Versuch machen, ihn zu beugen ...«

Noch niemals hatte jemand in einem so überzeugenden Tone zu Ilse

gesprochen, derselbe verfehlte seine Wirkung nicht. Willig und gehorsam

setzte sie sich der jungen Lehrerin gegenüber und sah erwartungsvoll und

gespannt auf sie. Der häßliche, trotzige Ausdruck schwand aus ihrem

Gesichte und wer sie jetzt sah, würde nicht geglaubt haben, daß diese Ilse

und die andre, die sich vor kaum einer Stunde so wild und unbändig

betragen, ein und dieselbe sei.

Fräulein Güssow hatte den Kopf auf das Fensterbrett gestützt und blickte

gedankenvoll hinaus in den Garten. Ihr blasses Gesicht hatte sich leicht

gerötet und um den Mund lag ein schmerzlicher Zug. Es schien fast, als ob

ein heftiger Kampf in ihr arbeite, als ob es ihr schwer werde, mit dem

ersten Worte zu beginnen. Plötzlich erhob sie sich.

»Es ist hier so drückend und schwül,« sagte sie und öffnete die

Fensterflügel.

Ein erquickender Luftzug strömte ihr entgegen, ein Gewitter war im Anzuge.

Sausend fuhr der Wind durch die Wipfel der Bäume, in der Ferne grollte der

Donner.

»Wie das wohl thut,« fuhr sie mit einem tiefen Atemzuge fort, »die Hitze

lag mir schwer wie Blei auf der Brust. – Wie alt bist du, Ilse?«

unterbrach sie sich plötzlich wie in halber Zerstreuung.

»Im nächsten Monat werde ich sechzehn Jahre.«

»Sechzehn Jahre!« wiederholte die Lehrerin, »dann bist du alt und auch

verständig genug, denke ich, die traurige Geschichte meiner Jugendfreundin

zu begreifen. Hör’ zu.

»Es war einmal ein junges, fröhliches Menschenkind, das mit seinen

sechzehn Jahren die Welt zu erstürmen meinte. Vater und Mutter waren ihm

früh gestorben und so kam es, daß die kleine Waise zu der Großmutter

gegeben wurde, die sie erzog und von Grund auf verzog. Lucie, so wollen

wir das Mädchen nennen, hatte nie gelernt zu gehorchen oder sich zu fügen,

sie erkannte nur einen Willen an, und das war der eigene. Das war sehr

schlimm für sie, denn bei manchen guten Eigenschaften des Herzens besaß

Lucie einen häßlichen Fehler, den Trotz.

»Anstatt denselben durch unerbittliche Strenge schon in der Kindheit zu

zügeln, pflegte ihn die Großmama durch allzugroße Nachsicht.

»›Warum soll ich dem Kinde nicht seinen Willen thun?‹ fragte sie, wenn man

sie zuweilen auf ihre Schwäche aufmerksam machte, ›ist es nicht schlimm

genug, daß es keine Eltern hat? Ich kann es nun einmal nicht traurig

sehen.‹«

»War Lucie hübsch?« fragte Nellie, die sich hinter Ilses Stuhl gestellt

und den Arm um deren Schulter gelegt hatte.

»Ich glaube wohl,« entgegnete die Angeredete und errötete leicht,

»wenigstens hat man es dem erwachsenen Mädchen oftmals gesagt. Doch das

ist Nebensache – hört mich weiter an.

»Die Großmutter besaß ein herrliches Landhaus, dessen Park sich an einen

bewaldeten Bergesabhang lehnte. Man durfte nur eine kleine Pforte, die

sich am Ausgange des Grundstückes befand, durchschreiten und befand sich

im schönsten Walde, den ihr euch denken könnt.

»Selten kamen Spaziergänger aus dem nahen Städtchen dorthin, desto öfter

benutzte Lucie die kleine Ausgangspforte, durchstreifte den Wald bis an

die Spitze des Berges, oder was sie noch häufiger that, sie lagerte sich

an irgend einem versteckten Platze. So im weichen, schwellenden Moose zu

liegen, ein gutes Buch zu lesen und darüber die Welt zu vergessen, – das

war die höchste Wonne ihres Lebens.

»Eines Tages hatte sie wieder ihren Lieblingsplatz am Fuße einer Eiche

aufgesucht. Die Luft war heiß und schwül und doppelt wohlthuend empfand

sie die Waldeskühle. Sie streckte die schlaffen Glieder im Moose aus und

blickte hinauf in das grüne Blätterdach. Nicht lange, dann öffnete sie das

mitgebrachte Buch und las. So vertieft war sie bald in den Inhalt

desselben, daß sie der Gegenwart ganz entrückt war. –

»Eine männliche Stimme schreckte sie plötzlich auf. Aergerlich über die

Störung blickte sie auf und sah in das lächelnde Antlitz eines jungen

Mannes, der mit Pinsel und Palette in der Hand vor ihr stand.

»›Ein wunderbares Bild!‹ rief er aus. ›Wahrlich, ich hätte Lust, dasselbe

zu malen! Bleiben Sie in der Stellung,‹ bat er, als Lucie sich schnell

erheben wollte, ›nur wenige Augenblicke! Aber so böse dürfen Sie nicht

aussehen, – nein, ich bitte, wieder derselbe Zug von Spannung um den Mund,

– dasselbe erwartungsvolle Lächeln – bitte!‹

»›Was fällt Ihnen ein?‹ rief Lucie aufgebracht und erhob sich mit einem

Sprunge. Dabei fiel ihr das Buch aus der Hand.

»Er kam ihr zuvor, als sie sich schnell darnach bücken wollte; doch ehe er

es ihr überreichte, las er das Titelblatt.

»›Werthers Leiden‹, bemerkte er und lachte lustig. ›Dacht’ ich es doch!

Natürlich verbotene Lektüre, die in der Waldeinsamkeit verschlungen wird!

Oder hat der Herr Papa vielleicht Ihnen diese gefährliche Geschichte

erlaubt?‹

»Lucie entriß ihm das Buch, aber sie wurde über und über rot.

»›Ich verbitte mir Ihre Bemerkungen!‹ entgegnete sie zornig. ›Wer hat

Ihnen erlaubt, mich zu beobachten?‹

»›Ich nahm mir selbst die Freiheit,‹ sagte er sich verbeugend, ›und bitte

dafür um Verzeihung. Ein Zufall brachte mich in Ihre Nähe, dort jene

Buchengruppe war ich im Begriffe zu malen, – da erblickte ich Sie, und

können Sie mir verdenken, daß ich dem Zauber nicht widerstehen konnte, Sie

zu betrachten?‹

»Sie gab keine Antwort, ja sie grüßte nicht einmal, als sie eilig davon

ging. Sie empfand Unwillen und Aerger über den Aufdringlichen und doch –

gefiel er ihr.« –

»War er ein schön Mann?« fragte Nellie.

»Ja, er war schön und klug und gut. Von den letzteren Eigenschaften konnte

Lucie sich bald überzeugen, denn der Maler machte unter irgend einem

Vorwande einen Besuch in der Großmutter Hause.

»Wie bald er der Liebling derselben, wie er nach und nach täglicher Gast

bei ihr wurde und wie er endlich der trotzigen Lucie Herz gewann, das kann

ich euch nicht erzählen, nur so viel, daß sie eines Tages seine Braut war.

»Es war ihm nicht leicht geworden, ihr Jawort zu erringen, denn wenn er

heute glaubte, daß sie ihn gern möge, war er morgen vom Gegenteil

überzeugt. Wenn er im Begriffe war, sie zu fragen: hast du mich lieb?

reizte sie ihn gerade durch Trotz und Widerstand, und das Wort erstarb ihm

auf den Lippen.

»Endlich trug er den Sieg davon. An ihrem achtzehnten Geburtstage war es,

als sie mit ihm vor die Großmama trat und jubelnd ausrief:

»›Ich bin Braut!‹

»Nun, glaubt ihr, Lucie ist eine andre geworden? Das Glück und die Liebe

haben sie nachsichtiger gestimmt, nicht wahr, ihr glaubt, das könne nicht

anders sein? – Wie seid ihr im Irrtum! Das Gegenteil war der Fall. Ihr

Widerstand trat gegen den Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, oftmals

heftiger hervor, als je vorher.

»Welche Mühe gab er sich, sie von diesem Fehler zu heilen, wie

eindringlich und liebevoll stellte er ihr die Folgen desselben vor; sie

hörte ihn an und versprach sich zu bessern, – aber ihr Wort hielt sie

nicht, – – leider! – Hätte sie es gethan, wie viel Kummer und Herzeleid

hätte sie sich erspart!«

Einen Augenblick hielt die junge Lehrerin inne, ein scharfer Beobachter

hätte ihr ansehen können, wie schwer es ihr wurde, die Geschichte weiter

zu erzählen, – die jungen Mädchen indessen merkten nichts davon. Sie

glaubten, die Heftigkeit des Gewitters habe die Pause hervorgerufen.

»O bitte, fahren Sie fort,« bat Nellie, deren Augen vor Entzücken

glänzten; niemals bis jetzt hatte das Fräulein ähnliches erzählt, »bitte,

weiter! O, ich bin zu gierig, weiter zu wissen!«

Ilse saß still und sinnend da. Was sie da hörte, berührte eine verwandte

Saite in ihr, oftmals hatte sie das Gefühl, als ob das junge Mädchen nicht

Lucie, sondern Ilse geheißen habe. –

»Lucies Brautzeit neigte sich zu Ende,« fuhr Fräulein Güssow fort, »in

vier Wochen sollte die Hochzeit sein. An dem Morgen eines herrlichen

Maitages saß das Brautpaar auf der Veranda vor dem Hause und träumte sich

in die Zukunft hinein. Es wurde eine Reise nach der Schweiz und Italien

geplant, – den ganzen Sommer wollten sie umherschweifen, und wo es ihnen

am schönsten gefiel, dort wollten sie für den Winter ihr Nest bauen.

»Der Himmel wölbte sich hoch und blau über ihnen, die Frühlingssonne

lachte sie freundlich an, – ringsum blühte, duftete und zwitscherte es,

kein Mißton störte das wunderbare Lenzesleben.

»Lucie machte Pläne und malte sich aus, wie sie leben und wie sie sich

einrichten wollten. Sie hing am Aeußeren und hatte eine lebhafte

Phantasie, da war es denn am Ende ganz natürlich, daß ihre Wünsche und

Hoffnungen bis an den Himmel reichten.

»Er hatte ihrem Geplauder lächelnd gelauscht, ohne sie zu unterbrechen. Da

gab ihm ein unglücklicher Zufall die Frage ein: ›Wie würdest du es

ertragen, Lucie, wenn wir uns ganz einfach einrichten müßten, wenn wir

nicht reisen könnten – wenn wir wenig Mittel hätten, – mit einem Worte,

wenn die Not an uns herantreten würde?‹

»›Die Not?‹ fragte sie erstaunt und sah ihn beinahe entsetzt an. ›Das wäre

furchtbar!‹

»›Du giebst mir keine Antwort auf meine Frage, liebes Herz. Ich meine, ob

deine Liebe zu mir so stark sein würde, daß du ohne Klage auch ein

armseliges Los mit mir teilen würdest?‹ –

»Es verdroß sie, daß Curt, so hieß der Maler, durch unnütze Fragen einen

Mißklang in ihre frohe Stimmung brachte.

»›Laß doch den Unsinn!‹ wehrte sie ab, ›wir werden nie in solche Lage

kommen. Ich bin reich und deine Bilder werden hoch bezahlt.‹

»›Man kann nicht wissen, was in den Sternen für uns geschrieben steht,‹

entgegnete er ernst. ›Du könntest zum Beispiel dein Vermögen verlieren, –

und ich – nun wenn ich krank würde und nicht malen könnte?‹

»›Warum quälst du mich mit allerhand dummen Möglichkeiten, Curt,‹ sagte

sie ungeduldig. ›Ich antworte dir nicht auf solche Fragen.‹ Und sie wandte

sich halb von ihm ab.

»›Du sprichst jetzt gegen deine bessere Ueberzeugung, du kleine

Widerspenstige,‹ sagte er halb ernst, halb scherzhaft. ›Ich weiß, du wirst

mir ganz bestimmt meine Gewissensfrage beantworten, ich weiß auch, meine

Lucie würde den Mut haben, ein sorgenvolles Leben mit mir zu teilen, wie

sie meine Gefährtin in Glück und Wohlstand werden wollte. Nicht wahr? Du

siehst ein, Liebling, daß ich von meiner zukünftigen Frau das verlangen

kann?‹

»›Das sehe ich nicht ein!‹ rief Lucie sehr entrüstet und entzog ihm ihre

Hand, die er liebevoll ergriffen hatte. ›Armselige Verhältnisse würden

mich unglücklich machen – ja, unglücklich machen!‹ wiederholte sie, als er

sie zweifelnd ansah, ›lieber würde ich gar nicht heiraten!‹

»Er wurde blaß bei ihren Worten, aber noch wollte er nicht an den Ernst

derselben glauben. ›Hast du mich lieb, Lucie?‹ fragte er sie.

»›Ja, aber in einer Hütte bei Salz und Brot mag ich nicht mit dir wohnen!‹

»›Kein ›Aber‹, Lucie. Hast du mich lieb? Sage ja und nimm zurück, was du

gesagt hast.‹

»›Nein!‹ rief sie entschieden und sprang von ihrem Platze auf. ›Nichts

nehme ich zurück! Was ich gesagt habe, ist meine wahre Meinung!‹

»›Lucie!‹ rief er erregt, ›besinne dich! Es ist nicht wahr, du denkst

nicht wie du sprichst! Dein Widerspruch gab dir die Worte ein ....! Nimm

sie zurück, Herz!‹ und flehend blickte er ihr in das Auge.

»›Du irrst,‹ entgegnete sie mit scheinbarer Kälte, ›nicht aus Widerspruch,

sondern mit voller Ueberzeugung sagte ich dir meine Ansicht.‹

»›Nein, nein! Ich kann’s, ich will’s nicht glauben! – Komm her, sieh’ mich

an. Deine Augen sollen mir die Antwort geben, ich weiß, daß sie nicht

lügen können. – Du liebst mich? Ja? Nicht wahr, du hast mich lieb?‹

wiederholte er noch einmal dringend – ›und du nimmst zurück, was du

gesagt?‹

»Unglücklicherweise hatte die Großmama auf der entgegengesetzten Seite der

Veranda gesessen und war so eine stumme Zeugin dieser Scene geworden.

Aengstlich erhob sie sich und trat dem jungen Paare näher.

»›Sie dürfen Lucie nicht so übel nehmen, was sie sagt, lieber Curt,‹

sprach sie beruhigend, ›es kommt ihr nicht vom Herzen, glauben Sie mir.‹

»Die alte Frau hatte es gut gemeint, aber sie stiftete Unheil an. Hätte

sie sich nicht in den Streit gemischt, vielleicht war es besser. Ihre

gütigen Worte stachelten Lucies Trotz noch mehr an.

»›Es kommt mir wohl aus dem Herzen!‹ rief dieselbe aufgebracht, ›und ich

wiederhole noch einmal: Lieber heirate ich gar nicht, als daß ich Not und

Mangel leide!‹« –

»O, wie hart ist sie!« warf Nellie ein, als Fräulein Güssow wie erschöpft

einen Augenblick innehielt.

»Sie war nicht hart, nur verblendet,« fuhr diese fort. »Niemals hatte sie

gelernt, sich einem andern Willen zu beugen, niemals war sie im stande

gewesen nachzugeben. Jetzt, wo das ernste Verlangen ihres Verlobten in

aller Entschiedenheit an sie herantrat, ihren Widerstand zu zähmen, da

bäumte derselbe sich dagegen auf und sie unterlag seiner Macht.

»›Ist das dein letztes Wort, – Lucie!‹ – Wie ein Schrecken kam es über

seine Lippen. Sie blieb ungerührt, wandte sich von ihm und eilte aus dem

Zimmer.

»Besorgt folgte ihr die Großmama, aber sie klopfte vergeblich an der

verschlossenen Thüre, dieselbe wurde nicht geöffnet. –

»Lucie befand sich in keiner beneidenswerten Stimmung. Es kochte und tobte

in ihr und verworrene Gedanken durchzuckten ihr Hirn. War es recht, wie

sie gehandelt hatte? ›Ja,‹ antwortete sie sich darauf, ›ich bin im Rechte.

Warum schreckt er mich mit den Gespenstern Sorge und Not, warum peinigt er

mich damit? Ich will in eine glückliche Zukunft sehen und er will mir das

Herz schwer machen mit Unmöglichkeiten. Und welch eine wichtige Sache er

daraus macht? – Ich soll zurücknehmen, was ich gesagt habe! Solch ein

Verlangen! Abbitte soll ich thun – Abbitte! Und er hat mich doch erst

herausgefordert. Er ist an allem schuld.‹

»Aus einem Winkel ihres Herzens meldete sich auch eine Stimme, die ihr

zurief: ›Gieb nach! Reich’ ihm die Hand, oder du hast ihn verloren!‹ Sie

wurde nicht beachtet, und als eine Stunde vergangen war, hatte sie sich so

völlig in den Gedanken an ihre Schuldlosigkeit eingelebt, daß sie

erwartete, Curt müsse kommen und sie um Verzeihung bitten.

»Er kam auch und begehrte Einlaß. ›Oeffne mir, Lucie,‹ rief er stürmisch,

›es hängt unser Glück davon ab! Ich muß dich sprechen! – Ich will dich

sprechen!‹

»Das klang wie ein Befehl, sie schwieg und gab keine Antwort. Wohl klopfte

ein guter Engel an ihr Herz und rief ihr warnend zu: ›Erhöre ihn und es

wird alles gut‹ – sie war taub gegen seine Stimme. Ein böser Geist hielt

sie für den Augenblick gefangen und trauernd floh ihr guter Engel von

dannen.

»›Ich will nicht mit dir reden!‹ rief sie zurück, ›ich wüßte auch nicht,

was du mir noch sagen könntest!‹

»›So treibst du mich fort von dir, Lucie!‹ – rief er außer sich. ›Bedenke

was du thust! Ich gehe und nicht eher kehre ich zu dir zurück, bis du mich

zurückrufst: Lebe wohl!‹ – –

»Es waren die letzten Worte, die sie von ihm gehört hat.

»Nach einer in Aufregung durchwachten Nacht brach der nächste Tag an. Der

trotzige Aufruhr in Lucies Innern hatte sich gelegt und einer

unzufriedenen Stimmung Raum gemacht. Nachzugeben fühlte sie sich auch

heute nicht geneigt, aber sie wollte ihn heute anhören, wenn er kam, – und

daß er kommen werde, darauf hoffte sie fest.

»Aber sie hoffte vergebens. Die Großmama überhäufte ihre Enkelin mit

bitteren Vorwürfen und forderte sie unter Thränen auf, sie möge nachgeben.

»›Wird es dir denn so schwer,‹ sagte sie, ›dem Manne, dem du in vier

Wochen die Hand für das Leben geben willst, ein bittendes Wort zu sagen?

Ueberwinde dich, Lucie, nimm deine bösen Worte zurück, oder es giebt ein

Unglück.‹

»›Ich kann nicht, Großmama. Ich müßte ja abbitten, so verlangt er, und du

weißt, ich that es nie! Er kehrt auch ohne meinen Ruf zurück, du wirst es

sehen.‹

»Aber auch der nächste Tag verging und er blieb aus. Lucie befand sich in

einer fieberhaften Aufregung und schrak zusammen, sobald sich die Thür

öffnete. – Am dritten Tage, – es war gegen Abend, sie hatte wieder

vergeblich ihn erwartet, da brachte Curts Diener ihr einen Brief. Sie

eilte auf ihr Zimmer, um ihn allein und ungestört zu lesen – es war doch

endlich – endlich ein Zeichen von ihm!

»Hastig öffnet sie und in zwei Teile gebrochen fiel ihr Curts

Verlobungsring entgegen. Wenige Zeilen nur schrieb er dazu. – Ich will

versuchen euch dieselben zu wiederholen,« unterbrach sich Fräulein Güssow,

»Lucie hat sie mir oftmals zu lesen gegeben.

»Du hast mich nicht zurückgerufen, – – so sehnsüchtig ich auch darauf

gehofft habe. Liebtest Du mich, wie ich Dich, wäre es Dir nicht schwer

geworden, ein versöhnendes Wort zu sagen. Lebe wohl denn, ich muß von Dir

scheiden, Lucie, weil ich Dir nicht versprechen kann, Dir stets Wohlstand

und Glück zu bieten. – – Mit welchem Rechte könnte ich vom Schicksal

verlangen, daß mein Leben nur von der Sonne beschienen werde? Leb’ wohl, –

ich habe Dich sehr geliebt.« –

»Wie gebrochen sank sie zur Erde nieder und hätte vor Schmerz vergehen

mögen. Das hatte sie nicht gedacht, – so weit hatte sie es nicht treiben

wollen. – Nun war es zu spät, alle Reue, alle Selbstanklage, brachten ihr

den Geliebten nicht zurück.

»Die Großmama fand Lucie in einem verzweiflungsvollen Zustande, und

heimlich, ohne ihr Wissen, schickte sie einen Boten in Curts Wohnung. Er

kehrte zurück mit der Meldung: der Herr sei seit zwei Stunden abgereist. –

Sie hatte ihn auf ewig verloren!« –

»O, die arm’ Lucie! Der schlechter Mensch, warum konnt’ er ihr verlassen!«

rief Nellie unter Weinen. »Er hat ihr gar nix lieb gehabt.«

»Er hat sie sehr geliebt,« entgegnete die Lehrerin und sah hinaus auf den

strömenden Regen; »aber er war ein ganzer Mann, der Lucies trotzigen

Widerstand nicht länger ertragen konnte.«

»Und wo ist Lucie geblieben?«

»Lucie?« wiederholte Fräulein Güssow zögernd, – »ein trauriges Geschick

hat sie getroffen. Ein Jahr nach dem Geschehenen verlor die Großmutter

fast ihr ganzes Vermögen. Die Villa mußte verkauft werden und Lucie, das

verwöhnte und verzogene Mädchen, war gezwungen, für die Zukunft ihr eignes

Brot zu verdienen.«

Ilse sah entsetzt die Lehrerin an. »Ja, ihr Brot zu verdienen,« betonte

dieselbe. »Das erschreckt dich, nicht wahr? Aber es wurde ihr nicht so

schwer, als sie einstmals geglaubt. Seit jenem Tage, da sie das Schwerste

erfahren, war eine Aenderung in ihrem Wesen vorgegangen. Still und ernst

ging sie einher und ihr übermütiges Lachen war verschwunden. – Sie

bereitete sich vor, Gouvernante zu werden, und als sie ihr Examen

bestanden hatte, ging sie, nachdem sie die Großmama durch den Tod

verloren, nach London. Sie wirkt dort als Lehrerin in einem Institute.«

»Und der Maler? Hat die arm’ Lucie nie gehört davon?«

»Seine Werke hat sie oft in den Galerien bewundert – er selbst blieb

verschollen.«

»Oh wie ein furchtbar trauriges Geschicht’ ist das!« rief Nellie. »Es thut

mich sehr weh.«

Und Ilse? Sie saß da, die Hände gefaltet, mit gesenktem Blick. Sie war bis

in das Innerste getroffen. Wie Lucie hätte auch sie gehandelt, auch sie

würde es bis zum Aeußersten getrieben, auch sie würde ihr Lebensglück im

trotzigen Uebermute geopfert haben. – Noch schwankte sie einen Augenblick,

wie im Kampf mit sich selber, dann aber erhob sie sich schnell und ergriff

Fräulein Güssows Hand.

»Ich will um Verzeihung bitten,« sagte sie in leisem Tone, es war, als ob

sie sich scheue, ihre eigenen Worte zu hören.

Ueber der Lehrerin Gesicht glitt ein Freudenschimmer. Sie nahm die Reuige

in den Arm und küßte sie zärtlich.

»Geh’ – geh’,« sagte sie gerührt, »und wenn je ein böser Geist wieder über

dich kommen will, denk’ an Lucies traurige Geschichte.«

Zögernd und beklommen stieg Ilse die Treppe hinunter. Vor der Vorsteherin

Zimmer blieb sie stehen. Sie konnte sich nicht entschließen, die Thür zu

öffnen. Zweimal hatte sie schon die Hand nach dem Drücker ausgestreckt und

wieder zurückgezogen. Es war so furchtbar schwer, die erste Abbitte zu

thun. Ob sie umkehre?

Einen Augenblick war sie es willens, ja, schon machte sie eine leichte

Wendung zurück, da hörte sie Fräulein Güssow die Treppe herabkommen.

Sollte dieselbe sie unverrichteter Sache hier finden? Sie hätte sich vor

ihr schämen müssen. Mit einem tiefen Atemzuge öffnete sie die Thür.

[Illustration]

Die Vorsteherin saß an ihrem Schreibtische; als sie Ilse eintreten sah,

erhob sie sich.

Ilses Herz klopfte zum Zerspringen. Als sie das strenge, zürnende Auge

Fräulein Raimars auf sich gerichtet sah, entsank ihr der Mut. Sie

versuchte zu sprechen, aber es war ihr unmöglich, ein Wort

hervorzubringen, die Kehle erschien ihr wie zugeschnürt. Es war eine

Folterqual, die sie ausstand, und wenn jetzt der Boden unter ihren Füßen

sich plötzlich geöffnet und sie hätte verschwinden lassen, sie würde es

für eine Wohlthat des Himmels angesehen haben. Aber diese Wohlthat blieb

aus, und Ilse stand noch immer wortlos vor der Vorsteherin.

Schon regte sich wieder der alte Trotz, der ihr eingab, es ruhig darauf

ankommen zu lassen und sich nicht zu beugen – da war es, als ob Lucie sie

traurig anblicke, als ob sie ihr mahnend zurief: »Nicht zurück! Geh’ mutig

vorwärts!«

»Nun Ilse?« unterbrach Fräulein Raimar das minutenlange Schweigen. »Was

ist dein Begehr?«

Ilse machte eine vergebliche Anstrengung zu sprechen und brach in ein

krampfhaftes Schluchzen aus. Abgebrochen und unverständlich kam es von

ihren Lippen: »Ver–zeih–ung!«

Fräulein Raimar war sehr aufgebracht über Ilses Betragen gewesen und sie

hatte die Absicht gehabt, ihr eine derbe Lektion dafür zu geben, als sie

indes dieselbe so zerknirscht und reuevoll vor sich stehen sah, wurde sie

milder gestimmt.

»Für diesmal,« sagte sie, »will ich dir vergeben, ich sehe, daß du dich

selbst mit Vorwürfen strafst, und daß du zur vollen Erkenntnis deines

Ungehorsams gekommen bist. Bessre dich! Beträgst du dich ein zweites Mal

in ähnlicher Weise, würde ich die strengsten Maßregeln ergreifen, das

heißt: ich würde dich zu deinen Eltern zurückschicken! – Ich hoffe, du

vergißt dich niemals wieder, versprich mir das!«

Beinah hätte sie sich sofort gegen dieses Versprechen aufgelehnt und

geantwortet: »Schicken lasse ich mich nicht! Dann gehe ich lieber gleich

zu meinen Eltern,« – da war es wieder Lucies warnendes Beispiel, das diese

böse Antwort von ihren Lippen scheuchte.

Zögernd und noch immer schluchzend ergriff sie des Fräuleins Hand. »Nie –

wieder!« stammelte sie.

Und Fräulein Raimar war von der Wahrheit ihres Versprechens überzeugt und

hatte beinah Mitleid mit der Reumütigen. »Nun geh’ und beruhige dich,«

sagte sie in mildem Tone, »und sehe ich, daß du dich besserst, wird der

heutige Tag von mir vergessen sein. –«

Als Ilse die Treppe zu ihrem Zimmer wieder hinaufstieg, fühlte sie sich

leicht wie nie im Leben, es war ihr so frei und froh in der Brust, niemals

hatte sie eine ähnliche Empfindung gekannt. Es war das Bewußtsein, sich

selbst überwunden zu haben. –

Der Juli und August waren vorüber und man befand sich in den ersten Tagen

des September. Ilse hatte sich mehr und mehr in das Pensionsleben

eingelebt und fühlte sich längst keine Fremde mehr. An vieles, das ihr

anfangs unmöglich erschien, hatte sie sich gewöhnt, ja gewöhnen müssen.

Wie hätte sie auch vermocht, sich gegen das einmal Bestehende aufzulehnen!

Das frühe Aufstehen, das regelmäßige Arbeiten, die Ordnung und

Pünktlichkeit, die streng innegehalten wurden, – schwer genug hatte sie

sich in all diese Dinge gefunden, und wer weiß, ob sie es überhaupt je

gethan hätte, wenn Nellie nicht wie ein guter Geist ihr stets zur Seite

gestanden hätte. Mit ihrer fröhlichen Laune half sie der Freundin über

manche Schwierigkeit hinweg und oft verstand sie es, durch ein Wort, ja

durch einen Blick dieselbe zu zügeln, wenn sich die alte Heftigkeit melden

wollte.

Eine heftige Szene hatte sie übrigens nicht wieder herbeigeführt. Fräulein

Güssows Erzählung war auf fruchtbaren Boden gefallen und hatte ihren

trotzigen Sinn etwas nachgiebiger gemacht.

Ueber ihre Fortschritte und Fähigkeiten herrschte unter ihren Lehrern und

Lehrerinnen eine sehr verschiedene Ansicht, wie dieses in der letzten

Konferenz recht deutlich zu Tage trat. Der Rechenlehrer und der Lehrer der

Naturgeschichte behaupteten, daß Ilse ohne jede Begabung sei, daß sie

weder Gedächtnis, noch Lust am Lernen besitze. Andre waren vom Gegenteile

überzeugt. Fräulein Güssow, die in der Litteratur und Doktor Althoff, der

Deutsch, Geschichte und in der französischen Litteratur unterrichtete,

waren in jeder Beziehung mit Ilses Kenntnissen und ihren Fortschritten

zufrieden. Professor Schneider lobte ganz besonders ihren Fleiß und ihre

Ausdauer, die sie bei ihm entwickle, und erklärte mit aller

Entschiedenheit, wenn Ilse so fortfahre, würde sie es mit ihrem Talente

weit bringen, sie habe in den acht Wochen, in denen sie seine Schülerin

sei, so große Fortschritte im Zeichnen gemacht, wie nie eine andre zuvor.

Ueber dieses Lob geriet Monsieur Michael in Entzücken. Ja er vergaß sich

in seiner lebhaften Freude so weit, daß er ausrief; »Bravo, Monsieur

Schneider! So spreche auch ich, sie ist eine hochbegabte, eine

entzückende, junge Mademoiselle.«

Fräulein Raimar lächelte über diese Ekstase und erkundigte sich nach Ilses

Betragen.

Da kam denn leider manches bedenkliche Kopfschütteln an den Tag. Besonders

wurde von einigen sehr gerügt, daß sie bei dem geringsten Tadel eine

trotzige Miene mache, daß sie sogar mehrmals gewagt habe, zu

widersprechen.

»Leider, leider ist dem so,« bestätigte die Vorsteherin, »und ich habe

nicht den Mut, zu glauben, daß wir sie ändern können. Ich fürchte sogar,

daß ihr zügelloser Sinn uns eines Tages eine ähnliche Szene, wie die

bereits erlebte, machen wird, und was geschieht dann?«

»Dann geben wir sie den Eltern zurück,« fiel Miß Lead lebhaft ein. »Ich

glaube, daß es dahin kommen wird. Ilse ist nicht nur verzogen, sie ist –

wie soll ich sagen – sehr bäurisch, sehr brutal, sie paßt nicht in unsre

Pension.«

Doktor Althoff warf der Engländerin einen etwas ironisch lächelnden Blick

zu, als wollte er sagen: Du freilich mit deinen übertriebenen, strengen

Formen hast kein Verständnis für das junge, frische Wesen mit seinem

natürlichen Sinn – »Ich glaube, Sie irren, meine Damen,« wandte er ein,

»in unsrer kleinen Ilse steckt ein tüchtiger Kern. Lassen Sie nur erst die

etwas rauhe Schale sich von demselben abgestoßen haben und Sie werden

sehen, in welch ein liebenswürdiges, natürliches, echt weibliches Wesen

sich die bäurische, ›brutale Ilse‹,« er betonte die letzten Worte etwas

stark, »verwandeln wird. Von der Natur ist sie dazu beanlagt, glauben Sie

mir. Man muß nur nicht von der kurzen Zeit, die sie bei uns verweilt, gar

zu viel verlangen.«

Miß Lead zuckte die Achseln und machte eine abweisende Miene. Fräulein

Güssow dagegen sah Doktor Althoff dankbar an.

»Das sage ich mit Ihnen, Herr Doktor!« stimmte sie bei. »Wir müssen Geduld

haben mit unsrem wilden Vogel, der bis jetzt nur die Freiheit kannte.

Fehler, die durch jahrelange, allzunachsichtige Erziehung in dem Kinde

groß gezogen wurden, können unmöglich in wenigen Wochen vollständig

abgestreift sein. Mir scheint, daß wir schon viel erreicht haben, wenn wir

daran denken, wie wenig Arbeitstrieb Ilse mit in die Pension brachte und

wie sie jetzt gewissenhaft und sogar in manchen Fächern ihre Aufgaben sehr

trefflich anfertigt.«

Fräulein Güssows Behauptung war vollständig berechtigt. Ilse war weit

strebsamer geworden, das gute Beispiel der übrigen Mädchen spornte sie

mächtig an.

Anfangs war es ihr gleichgültig gewesen, ob man sie in die erste oder

zweite Klasse brachte, als sie indes die Bemerkung machte, daß alle ihre

Mitschülerinnen jünger waren, als sie, da erwachte der Ehrgeiz und

zugleich ein Eifer in ihr, der sie antrieb, das Versäumte nachzuholen, zu

lernen und zu arbeiten, damit sie bald in die erste Klasse komme.

Ihre Aufsätze besserten sich mit jedem Mal, auch nahm sie sich sehr

zusammen, keine orthographischen Schnitzer mehr zu machen. Sie hatte allen

Respekt vor Doktor Althoff, der stets mit einem leichten Spott dergleichen

Fehler zu rügen wußte.

Ihr letzter Aufsatz war der beste in der Klasse gewesen. »Ein Spaziergang

durch den Wald« hieß das gegebene Thema und sie hatte ihre Aufgabe in

anmutiger und lebendiger Weise gelöst. Sie wurde dafür gelobt, und Doktor

Althoff las ihren Aufsatz der Klasse vor, was stets als eine besondere

Auszeichnung galt. Mitten im Lesen unterbrach er sich lachend.

»Da ist Ihnen ein ganz abscheulicher Irrtum passiert, Ilse,« sagte er,

»denn ich kann mir kaum denken, daß Sie wirklich dachten, was Sie hier

niederschreiben.«

Und er trat zu ihr und zeigte ihr die verhängnisvolle Stelle, die also

lautete:

»Ich war eine gans, tüchtige Strecke allein gegangen.« – Sie errötete,

nahm schnell eine Feder und machte aus dem s ein z.

»Ein andres Mal sehen Sie sich besser vor, solche Verwechselungen können

höchst komisch wirken. Auch mit den Kommas, Punkten u. s. w., rate ich

Ihnen weniger verschwenderisch umzugehen, oder haben Sie die Absicht, es

wie jene junge Dame zu machen, die, sobald sie eine Seite zu Ende

geschrieben hatte, ganz willkürlich die Zeichen hineinsetzte. Etwa zehn

Kommas, sieben Ausrufungszeichen, fünf Fragezeichen und neun Punkte, wie

sie gerade Lust hatte, manchmal mehr, manchmal weniger. Das gab dann

zuweilen einen tollen Sinn, Sie können es sich denken.«

Die Mädchen lachten und Ilse mit. Ohne jede Empfindlichkeit nahm sie eine

Rüge von diesem Lehrer auf, der es verstand, stets die richtige Art und

Weise zu treffen. Mit liebenswürdigem Humor, in welchen er einen ernsten

Tadel oftmals kleidete, richtete er weit mehr aus, wie mancher andre, der

in der Aufregung sich zu zornigen Worten hinreißen ließ.

Aber wie schwärmten auch seine Schülerinnen für ihn! In jeder

Mädchenschule giebt es gewiß einen Lehrer, der zum allgemeinen Liebling

erkoren wird, in dem Institute des Fräulein Raimar hatte Doktor Althoff

das Los getroffen.

»Er ist furchtbar reizend!« beteuerte Melanie und schlug den Blick

schwärmerisch gen Himmel. »Das bezaubernde Lächeln um seinen Mund, das

blitzende, geistvolle Auge, das schmale, vornehme Gesicht, das dunkle,

lockige Haar! Wirklich furchtbar nett!« Die neugierige Grete hatte sogar

entdeckt, daß Schwester Melanie in einem Medaillon, welches sie an der Uhr

befestigt trug, ein Stückchen Papier mit seinem Namen geborgen hatte. Es

war eine Unterschrift von seiner Hand, die sie unter einem früheren

Aufsatze fortgeschnitten hatte.

Flora Hopfstange besang den Gegenstand ihrer Verehrung in den

überschwenglichsten Gedichten, auch war er der Held ihrer sämtlichen

Novellen und Romane. Wie zufällig verlor sie zuweilen eines ihrer

schwärmerischen Gedichte, natürlich nur in der Litteraturstunde, indessen

vergeblich. Doktor Althoff hatte noch niemals eine ihrer kostbaren

Dichterblüten gefunden.

[Illustration]

Selbst Orla teilte diese allgemeine Schwäche, trotzdem sie dieselbe stets

verspottete. Längst aber hatte sie sich verraten und das ging so zu.

Doktor Althoff trug eine Nelke in der Hand, als er die Klasse betrat und

ließ dieselbe auf dem Katheder liegen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen,

als fast sämtliche Schülerinnen, wie die Stoßvögel auf die rote Blume

zustürzten, um sie für sich zu gewinnen. Orla eroberte sie glücklich. Hoch

hielt sie ihre Siegestrophäe in die Luft und eilte damit auf ihr Zimmer.

Vom Juwelier ließ sie sich dann ein goldenes Medaillon anfertigen mit

einer russischen Inschrift darauf. Grete hatte das bald genug

herausgewittert, aber leider stand sie vor einem unlösbaren Rätsel, denn

Orla würde ihr nimmermehr vertraut haben, daß die beiden Worte ins

Deutsche übertragen hießen: »Vom Angebeteten.« – In diese kostbare,

goldene Hülle legte sie die Nelke und trug sie immer.

Nellie machte es am ärgsten. Eines Abends, als sie mit Ilse allein auf

ihrem Zimmer war, nahm sie ein Federmesser und ritzte damit den

Anfangsbuchstaben seines Vornamens in ihren Oberarm. Mit spartanischem

Mute ertrug sie lächelnd diese schmerzhafte Operation.

»Aber Nellie, wie albern bist du!« rief Ilse. »Warum machst du denn den

Unsinn? Wenn Herr Doktor Althoff all’ eure Dummheiten erfährt, müßt ihr

euch doch schämen.«

»Schweig!« gebot Nellie scherzhaft, »du bist noch ein klein’ grüner

Schnabel. Du verstehst nix von heimliche Anbetung. Komm erst in der Jahre

und lerne ihr begreifen. Dein Herz lauft noch in der Kinderschuhe.«

Ilse wollte sich totlachen. Ihr gesunder, urwüchsiger Sinn verstand und

begriff dergleichen krankhafte Dinge nicht. »Ach Nellie!« rief sie

fröhlich, »du sprichst so weise, wie eine alte Großmama, und bist doch nur

zwei Jahr älter als ich.«

Nellie war aber keineswegs wie eine Großmama, oft sogar konnte sie recht

kindlich denken und handeln, wenn es darauf ankam, irgend etwas für ihren

Schnabel zu gewinnen.

Eines Sonntags, es war gegen Abend, stand sie am offnen Fenster in ihrem

Zimmer und blickte sehnsüchtig auf den Apfelbaum, dessen Früchte goldgelb

und rotwangig, höchst verlockend zwischen dem dunklen Laube hindurch

lachten.

»Die schöne Aepfel!« rief sie aus, »o, hatte ich doch gleich einer davon!

Er ist reif, Ilse, ich weiß, ich kenne dieser Baum genau. Ich habe jetzt

so groß’ Lust, Apfel zu speisen, und darf ihn doch nur ansehen! Sehen –

und nicht essen – es ist hart!«

Ilse, die nach Nellies Muster und Angabe einen grauen Wäschbeutel mit

roten Arabesken benähte, legte die Arbeit beiseite und trat zu der

Freundin.

»Ja, die sind reif,« sagte sie und betrachtete mit Kennermiene die Aepfel,

»wir haben dieselbe Sorte daheim, das sind Augustäpfel. Wenn ich doch

gleich in Moosdorf wäre, dann stieg’ ich in den Baum und holte welche

herunter, aber hier – – ach!«

Nellie horchte auf und blickte Ilse an, die mit wehmütigem Verlangen

hinauf in den Baum sah. Plötzlich kam ihr ein guter Gedanke.

»Du bist in der Baum gestiegen?« fragte sie. »O, Ilse, ich habe ein’

furchtbar nette Idee! – Du steigst in der Baum und holst uns von der

Apfel!«

Die letzten Worte sprach sie flüsternd, damit ja kein unberechtigtes Ohr

etwas erlauschte.

Ilses braune Augen leuchteten auf. »Wie gern würde ich das thun! Aber ich

darf ja nicht! Denk’ nur, Nellie, wenn Fräulein Raimar oder irgend jemand

anderes mich sehen würde!«

»Laß mir nur machen,« meinte Nellie und machte ein höchst listiges

Gesicht. »Heut’ abend, wenn Fräulein Raimar und alles andre auf seines Ohr

liegt, dann erheben wir uns wieder von unsrem Lager und die mutige Ilse

wird wie eine Katz’ leise aus die Fenster steigen und in der Baum

klettern. Der lieber Mond steckt sein’ Latern’ dazu an und leuchtet sie,

daß sie die besten und großesten Apfel finden kann. Und ich geb’ acht, daß

nix kommt, – ich werde eine gute Spion sein.«

Ilse strahlte vor Wonne. Der Gedanke war auch zu verlockend, als daß sie

noch länger Bedenken tragen sollte.

»Das ist zu himmlisch!« rief sie so laut, daß Nellie ihr die Finger auf

den Mund legte. »Ich ziehe meine Blouse und den blauen Rock dazu an und

steige hinauf in das grüne Blätterdach. Es ist himmlisch, Nellie!«

Und sie ergriff die Freundin am Arme und tanzte mit ihr durch das Zimmer.

»O, du bist einer Engel! du kluge Ilse! Wenn wir nur erst Nacht hätten!«

Ilse stand schon wieder am Fenster und warf prüfende Blicke in den Baum.

»Siehst du, auf diesen Zweig steige ich zuerst,« sagte sie ganz erregt,

»und dann auf den dort, – es hängen drei herrliche Aepfel daran, – die

pflücke ich zuerst und werfe sie dir zu, – dann geht es höher hinauf bis

an Melanies und Orlas Stubenfenster, – sie lassen es immer offen stehen

des Nachts – dann stecke ich den Kopf hinein und rufe: Gute Nacht!«

»Ilse!« rief Nellie entsetzt, »du darfst der Unsinn nicht thun! Gieb dein’

Hand darauf!«

»Es war nur Scherz,« entgegnete Ilse. »Sei ohne Sorge, Nellie, ich werde

ganz artig und still sein, niemand soll von unsrem entzückenden Abenteuer

erfahren!« –

Die Zeit verging den beiden Mädchen wie mit Schneckenpost. Ilse, die sich

wenig verstellen konnte, war während des Abendessens ganz besonders lustig

und aufgeregt.

»Du siehst so unternehmend und fröhlich aus,« bemerkte Fräulein Güssow,

»hast du eine gute Nachricht aus der Heimat erhalten?«

Ilse wurde rot und fühlte sich wie ertappt. Ein Glück für sie, daß die

Lehrerin ganz arglos die Bemerkung machte und gar nicht weiter auf sie

achtete, vielleicht wäre ihr doch die verräterische Röte aufgefallen.

Endlich, endlich, war alles still im Hause. Die Runde durch sämtliche

Schlafgemächer war gemacht, und Fräulein Güssow war bereits in ihr Zimmer

zurückgekehrt.

Nellie saß in ihrem Bett und lauschte. Sie hatte unten die Thür sich

schließen hören, wartete noch eine kleine Weile, dann erhob sie sich und

glitt wie ein Geist durch das Zimmer und lehnte sich weit zum Fenster

hinaus.

»Was machst du?« fragte Ilse.

»Ich will sehen, ob Fräulein Güssow noch Licht in sein’ Schlafstube hat –«

flüsterte sie. »Noch ist hell unten, – immer noch – –«

»Soll ich aufstehen?« fragte Ilse.

»Nein, du sollst dir ganz ruhig halten und nicht so laut sprechen. Sie hat

noch immer hell. Wie langweilig! Was sie nur anfangt! Warum geht sie nicht

in ihr Bett und macht die Auge zu.«

Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus und sah unverwandt auf die

seitwärts liegenden, noch immer erleuchteten Fenster. Im Flüstertone rief

sie Ilse ihre Bemerkungen zu. Plötzlich fuhr sie schnell mit dem Kopfe

zurück und legte den Finger auf den Mund.

»Sei ganz still, Ilse, rühr’ dir nicht,« sagte sie dann, sich auf den

Zehen zu derselben heranschleichend, »sie hat eben der Kopf zum Fenster

ausgesteckt und sieht in der Mond. Beinah’ hat sie mir erblickt.«

Nach einem kleinen Weilchen hörte sie das Fenster schließen und als Nellie

vorsichtig hinunter blickte, war das Licht gelöscht.

»Jetzt ist die große Augenblick gekommen,« wandte sie sich in pathetischem

Tone an Ilse und streckte die Hand aus, »erheben Sie sich, mein Fräulein,

und gehen Sie an das großes Werk!«

Ilse war so aufgeregt durch den Gedanken an das nächtliche Abenteuer, daß

sie gar nicht bemerkte, wie urkomisch Nellie aussah, als sie in ihrem

langen Nachtgewande, den Arm weit ausgestreckt, so vor ihr stand.

Eilig erhob sie sich und begann sich anzukleiden. Das war bald geschehen,

da das Blousenkleid, und was sie sonst noch nötig hatte, schon bereit lag.

Gegen die Stiefel erhob Nellie Einsprache. »Sie sind zu unschicklich, zu

plump, du machst eine so laute Schritt, daß alles aufwacht.«

Ilse hörte nicht darauf. Sie hatte dieselben bereits angezogen und schlich

auf den Zehen zum Fenster hin.

»Gieb mir das Körbchen,« bat sie. Nellie hing ihr ein solches um den Hals,

damit sie den Arm frei behalte.

»So, nun bist du reisefertig, mach’ deine Sach’ brav, mein Kind,« sagte

sie und küßte Ilse auf die Wange.

Die hörte nichts. Mit leichtem Sprunge schwang sie sich auf das

Fensterbrett und von dort stieg sie in den Baum.

Aengstlich blickte ihr Nellie nach. Aber sie hatte nicht Ursache, besorgt

zu sein. Ilse kletterte leicht und gewandt wie ein Eichkätzchen trotz

ihrer schweren Stiefel. Als sie die drei bewußten Aepfel erreichen konnte,

brach sie dieselben und warf sie Nellie zu.

»Da hast du eine Probe!« rief sie übermütig in halblautem Tone, »damit dir

die Zeit nicht lang werde, bis ich wiederkomme!«

Die Früchte kollerten bis an das Ende des Zimmers zu Nellies Entsetzen.

»O, was thust du!« flüsterte sie und erhob drohend die Finger. »Die Köchin

schläft unter dieser Zimmer, soll sie von der Spektakel aufwachen?«

»Bärbchen schläft fest, ich höre sie draußen schnarchen,« gab Ilse zurück.

– »Wir können ganz ohne Sorge sein – alles schläft – alles ist still und

dunkel. – Nun lebe wohl, Nellie, jetzt trete ich meine Reise an. Ach, es

ist köstlich hier!«

Plötzlich bekam es Nellie mit der Angst. »Ich zittre für dir,« sprach sie

mit bebenden Lippen, – »komm wieder her, – es könnte ein Unglück sein.«

Ilse lachte in sich hinein und stieg keck höher und höher. Sie war so

recht in ihrem Elemente und frei wie der Vogel in der Luft regte sie ihre

Schwingen.

Bald hatte sie die Spitze erreicht. Der Mond schien voll und klar und

zeigte ihr jeden Schritt, den sie zu machen hatte. Als sie in gleicher

Höhe mit dem Schlafgemache Orlas und der Schwestern war, konnte sie der

Versuchung nicht widerstehen, einen Blick in das Fenster zu thun.

Vorsichtig und behende balancierte sie auf dem Ast, der sie trug und

dessen grüne Spitzen beinahe das eine Fenster berührten, und sah hinein.

Ruhig, nichts ahnend lagen die Schläferinnen da, hell vom Mondlicht

beschienen.

Einen Augenblick regte sich der Uebermut in ihr. Ob sie den Mädchen einen

Schabernak spielte? »Nur einmal gegen die Fensterscheibe klopfen,« dachte

sie, und schon streckte sie den Finger aus dazu, – da bewegte sich Orla im

Schlafe. Unwillkürlich fuhr Ilse zurück und ihre tolle Idee blieb

unausgeführt.

Es hingen so viel schöne Aepfel rechts und links und überall, mit kleiner

Mühe hätte sie in wenigen Augenblicken ihr Körbchen damit füllen können,

aber dazu hatte sie keine Lust, immer höher hinauf strebte ihr Verlangen,

sie hatte nun einmal die Freiheit gekostet, so schnell wollte sie dieselbe

nicht wieder aufgeben. Die Krone des Baumes war ihr Ziel, wohl eine

beschwerliche Fahrt, aber sie schreckte nicht davor zurück.

Wie ein Bube erklomm sie die manchmal schwer zu erreichenden Zweige, – ein

einziger Fehltritt und sie lag unten mit zerbrochenen Gliedern, – dieser

Gedanke kam ihr nicht in den Sinn, sie hatte daheim ganz andre tollkühne

Kletterpartien ausgeführt und jede Furcht vor Gefahr verlernt.

Mutig ging es vorwärts. Die lauschende Nellie vernahm dann und wann ein

Knacken der Aeste, oder das Herabfallen eines Apfels. Einmal schrak sie

heftig zusammen, ein Vogel flog auf. Ilse mochte ihn in seiner Nachtruhe

gestört haben. – Es wurde ihr recht ängstlich auf ihrem Lauscherposten,

eine Ewigkeit dünkte es ihr, daß Ilse sie verlassen hatte.

»Ilse!« rief sie leise. Keine Antwort erfolgte. Wie war es auch möglich,

daß ihr Ruf zu derselben emporgetragen wurde, die oben in der Krone stand

und die erfrischende Nachtluft mit vollen Zügen einsog.

Wie fühlte sie sich glückselig, wie frei, wie heimatlich wurde es ihr zu

Mute! Keine Fesseln drückten sie mehr, Schulzwang, Pension, Vorsteherin –

alles entschwand ihr wie in nebelweite Ferne – der Garten da unten gehörte

dem Papa, der Baum, auf dem sie war, stand vor seinem Fenster, es war der

alte Nußbaum, in dessen grünem Laubwerk sie so manchmal neckend Versteck

gespielt hatte mit dem Papa, wenn er sie überall suchte, von dessen

oberster Spitze sie dann plötzlich mit einem schlichen »Juchhe!« ihm

antwortete.

»Juchhe!« Ganz in Erinnerung versunken, brach es plötzlich laut und

kräftig aus ihrer Kehle hervor, daß es weithin durch den Garten schallte.

Im selben Augenblicke erwachte sie aus ihrem Traume und ganz erschrocken

fuhr sie mit der Hand nach dem Mund. Was hatte sie gethan! Aber die Reue

kam jetzt zu spät, vor allem mußte sie an den schnellsten Rückzug denken,

denn wie sie vermutete, so war es, ihr unvorsichtiger Ruf war im Hause

vernommen worden.

Melanie war davon erwacht und richtete sich entsetzt in ihrem Bette auf.

»Grete!« rief sie mit bebenden Lippen, »hast du gehört?«

»Ja,« tönte es gedämpft zurück. »Melanie, ich fürchte mich tot!« Sie hatte

sich die Decke über den Kopf gezogen und erwartete mit zitternder Angst

ihr Schicksal.

Auch Orla war erwacht. »Was war das?« fragte sie, »wo kam der laute Schrei

her? Mir war es, als ob er dicht vor meinem Bette ausgestoßen wurde.«

»Allmächtiger Gott!« schrie Melanie auf, »siehst du nichts? O, ich habe

etwas furchtbar Schreckliches gesehen! Eben dort! – dicht am Fenster flog

es vorüber! Ein Gespenst war es, mit fliegenden Haaren und großen,

glühenden Augen! Hu, wie es mich ansah, als ob es mich verschlingen

wollte! O, Orla – ein Gespenst – ein Gespenst!«

Sie klapperte mit den Zähnen vor Furcht und Schrecken, und Orla, die

nichts gesehen hatte, sondern nur ein lautes Brechen und Knacken im Baume

vernommen, sprang mutig aus ihrem Bette, schlug ihre Steppdecke über die

Schultern und sah zum Fenster hinaus.

Grade hatte Ilse ihre tolle Fahrt beendet. In rasender Hast und Angst

hatte sie dieselbe von der Höhe des Baumes bis zu ihrem Zimmerfenster

gemacht, und Nellie, sie erwartend, streckte ihr beide Arme, soweit sie

konnte, hilfreich entgegen. Sie war leichenblaß und außer sich über Ilses

Tollkühnheit.

»Was hast du gemacht?« flüsterte sie, »du hast uns verraten! – hast du

gehört? Ueber uns sind sie aufgeweckt! – Orla spricht ... Wir sind

verloren!«

Eilig nahm sie der am ganzen Körper zitternden Ilse, deren Hände blutig

geritzt waren, das Körbchen ab, warf die wenigen Aepfel, die nicht

herausgefallen waren, in ihr Bett, das Körbchen hinter den Schrank, und

legte sich nieder, alles in der größten Hast.

Ilse hatte ein gleiches gethan. Ohne sich zu entkleiden, mit Stiefel und

Blousenkleid, sprang sie in ihr Bett und deckte sich bis an das Kinn zu.

Sie schloß die Augen und erwartete in Todesangst das furchtbare

Strafgericht, das ihrer wartete. –

Bei dem trügerischen Lichte des Mondes konnte Orla nicht erkennen, was

eigentlich vorging. Sie sah wohl eine Gestalt – sah ein Paar weiße Arme,

die ihr fabelhaft lang erschienen, aber nur einen flüchtigen Moment, dann

war die ganze Erscheinung lautlos und still wie im Nebel verschwunden.

Sie lauschte noch einige Augenblicke atemlos, aber der Spuk war vorbei –

nichts rührte sich. Trotz ihres Mutes wurde es ihr unheimlich zu Mute. Sie

zog den Kopf zurück.

»Nun?« fragte Melanie, »sahst du etwas?«

»Ja,« entgegnete Orla, »deutlich habe ich eine Gestalt gesehen, und ich

könnte darauf schwören, daß sie von zwei langen, weißen Armen in Nellies

Zimmer gezogen wurde.«

»Liebe, liebe Orla!« bat Melanie kläglich und mit gerungenen Händen,

»wecke die Leute! Wenn das Gespenst noch einmal erscheint, sterbe ich vor

Angst!«

[Illustration]

Orla ergriff die Klingelschnur, die sich dicht neben ihrem Bette befand,

und läutete. In jedem Zimmer war eine solche angebracht, für den Fall, daß

ein plötzliches Unwohlsein eine Pensionärin des Nachts befiel. Sämtliche

Schnüre führten zu einer Hauptglocke, die unten, dicht neben Fräulein

Raimars Schlafzimmer angebracht war.

Laut und schrill, wie eine Sturmglocke, tönte ihr Klang, der noch niemals

die Ruhe gestört, durch die Stille der Nacht. Nellie und Ilse erzitterten,

als ob sie ihr Sterbeglöcklein hörten.

Wie mit einem Zauberschlage wurde es lebendig im Hause. Die Fenster, die

eben noch dunkel und wie träumend in den Garten geblickt hatten, erhellten

sich. Thüren wurden geöffnet, Stimmen laut.

Die Vorsteherin, im tiefen Negligee, ein Licht in der Hand, trat zuerst

aus ihrem Zimmer. Fast gleichzeitig erschien Fräulein Güssow. Als beide

den Korridor passierten, schoß Miß Lead aus ihrer Zimmerthür, ängstlich

fragend blickte sie die Damen an.

Sie war nicht gerade eine Heldin, die gute Miß, der Glockenschall war ihr

in alle Glieder gefahren. Zitternd war sie aus dem Bette gesprungen und

hatte nach ihren Kleidungsstücken gesucht. Im Dunkeln tappte sie

vergeblich darnach. Sie hatte Licht anzünden wollen, aber die Schachtel

mit Streichhölzern war ihr in der Aufregung entfallen. In nervöser Hast

ergriff sie einen schottischen Plaid und drapierte sich denselben wie

einen Mantel um ihre Gestalt. Ihr spärliches Haar, das sie jeden Abend

eine gute Viertelstunde kämmte und bürstete, hing gelöst auf ihre Schulter

herab.

Sie machte einen höchst komischen Eindruck in diesem abenteuerlichen

Kostüme und die Vorsteherin gab ihr den ernstlichen Rat, sie möge sich

wieder niederlegen, aber Miß Lead wehrte dieses Ansinnen lebhaft ab.

»Nein, nein!« Und sie hing sich an Fräulein Güssows Arm so fest, als ob

sie bei ihr Schutz und Beistand suche.

Auch mehrere Pensionärinnen waren von dem ungewohnten Lärm erwacht und

aufgestanden. Angstvoll stürzten sie aus ihren Zimmern und folgten den

Lehrerinnen dicht auf dem Fuße, Flora hatte sogar einen Rockzipfel der

Vorsteherin erfaßt.

Orla hörte Stimmen auf der Treppe und öffnete die Thür.

»Ist dir oder den Schwestern etwas passiert?« fragte Fräulein Raimar

schnell in das Zimmer tretend.

Statt Orla antwortete Melanie: »Etwas furchtbar Schreckliches haben wir

erlebt!« rief sie. »Ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst haben wir

gesehen!«

»Du hast geträumt,« sagte die Vorsteherin, »es giebt keine Gespenster!«

»Ich sah es mit offenen Augen, Fräulein!« entgegnete Melanie mit voller

Ueberzeugung. »Erst erwachten wir alle drei von einem furchtbar lauten

Schrei, nicht wahr, Orla! gleich darauf sauste das Gespenst hier ganz

dicht am Fenster vorbei.«

»Es war vielleicht ein Spitzbube, der sich Aepfel holen wollte,« beruhigte

die Vorsteherin. »Hast du auch etwas gesehen, Orla?«

»Ja,« sagte sie. »Ich sah zum Fenster hinaus und da schien es mir, als ob

etwas in Nellies Zimmer verschwand –«

Die Pensionärinnen, sogar Miß Lead, drängten sich im dichten Knäuel

ängstlich um Fräulein Raimar. Gespenster – Spitzbuben! das war ja um sich

tot zu fürchten. So schauerliche Dinge hatte man noch niemals in der

Pension erlebt. Flora zitterte zwar vor Furcht und Erregung, trotzdem fand

sie dieses Erlebnis höchst romantisch. Sie nahm sich vor, in ihrem

nächsten Romane dasselbe zu verwerten.

Fräulein Güssow hatte kaum vernommen, daß der Spuk in Nellies Zimmer

verschwunden sein solle, als sie still die Treppe hinunterstieg und sich

zu den beiden Mädchen begab. Sie öffnete die Thür und leuchtete in das

Zimmer. Ihr Blick glitt prüfend durch dasselbe, es war nichts Verdächtiges

zu sehen. Die Fenster waren geschlossen und Ilse schien fest zu schlafen.

Nellie hatte sich im Bett erhoben und that ganz erstaunt beim Anblick der

Lehrerin.

»O, was giebt es?« fragte sie. »Warum ist der Glocke gezogen? Ich habe mir

so erschreckt.«

»Es soll hier jemand in das Fenster bei euch gestiegen sein,« antwortete

Fräulein Raimar, die mit den übrigen Fräulein Güssow gefolgt war.

Nellie stockte der Atem vor Angst. Was sollte sie beginnen? Die Wahrheit

gestehen? Unmöglich! Es wäre zugleich Ilses und ihre Entlassung aus der

Pension gewesen. Und lügen? Sie wäre nicht dazu im stande gewesen.

Entsetzt blickte sie die Vorsteherin an und gab keine Antwort.

Dieselbe deutete Nellies stummes Entsetzen anders und sah es für eine

Folge des plötzlichen Schreckens an.

»Nun, nun,« beruhigte sie, »du darfst dicht nicht weiter ängstigen. Orla

und die Schwestern wollen durchaus einen lauten Schrei gehört haben und

Orla behauptet fest, es sei ein Gespenst vor ihrem Fenster vorbeigeflogen

und hier in eurem Zimmer verschwunden.«

»O, eine Gespenst! Wie furchtbar!« wiederholten Nellies zitternde Lippen

und ihr blasses Gesicht – die Angst, die sich in ihren Zügen malte,

erweckten Mitleid in Fräulein Raimars Herzen.

»Beruhige dich nur,« sagte sie, »die Mädchen werden geträumt haben. Das

ganze Haus haben sie in Aufruhr gebracht. – Ich denke, wir legen uns

wieder nieder,« wandte sie sich zu Fräulein Güssow, »es ist das beste

Mittel, die aufgeregten Gemüter zur Ruhe zu bringen.«

Schon im Herausgehen begriffen, fiel ihr die schlafende Ilse ein. Sie trat

an das Bett derselben und beugte sich leicht darüber. »Ist denn Ilse gar

nicht erwacht von dem Spektakel?« fragte sie erstaunt.

Mit Todesangst verfolgte Nellie jede Bewegung der Vorsteherin. Wenn sie

sich ein wenig zur Seite wandte, wenn ihr Blick das Fußende des Bettes

streifte – dann waren sie verloren. Unter dem Deckbette – o Entsetzen! sah

eine Spitze von Ilses fürchterlichem Stiefel vor.

»Sie hat immer ein so fester Schlaf,« brachte Nellie mühsam hervor und

plötzlich – im Augenblicke der höchsten Not kehrte ihre Geistesgegenwart

zurück.

»Bitte, bitte, Fräulein Güssow,« sagte sie und erhob flehend die Hände,

»sehen Sie unter meines Bett, ob keine Gespenst daliegt.«

Sofort lenkte sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf Nellie und die

Angeredete nahm wirklich das Licht und leuchtete unter das Bett. Fräulein

Raimar schüttelte unwillig den Kopf.

»Sei nicht kindisch, Nellie,« verwies sie dieselbe, »du wirst in deinem

Alter doch wahrlich nicht mehr an Spukgeschichten glauben!«

Und Miß Lead, die bis dahin mit den Pensionärinnen vor der äußeren Thür

gestanden, trat zu ihrer Landsmännin und schalt sie wegen ihrer

Furchtsamkeit.

Kaum hatte Nellie die sonderbar Gekleidete erblickt, als sie in ein lautes

Gelächter ausbrach. »O, Miß Lead!« rief sie aus. »Sie haben die Aussicht

wie eine Räuberhauptmann! Seien Sie nicht böse, aber ich muß lachen!« Und

die übrigen Mädchen stimmten fröhlich ein in das Gelächter, sie hatten bis

jetzt nicht auf die englische Lehrerin geachtet.

Miß Lead wurde hochrot vor Aerger, und die Vorsteherin gab Nellie einen

ernsten Verweis über ihr unartiges Benehmen. Es wurde darüber die

Gespenstergeschichte vergessen und Ilse nicht weiter beachtet. Oder doch?

Fräulein Güssow entfernte sich, mit dem Lichte in der Hand, sehr schnell

aus der Thür – hatte sie vielleicht die unselige Stiefelspitze entdeckt?

»Wir wollen Ilses Ruhe nicht stören,« sagte sie, »warum soll die Aermste

auch noch ermuntert werden?«

»Sie haben recht, wir wollen sie nicht stören. Aber sie hat einen

wunderbar festen Schlaf. Nun geht zur Ruhe, Kinder. Melanies Gespenst war

sicherlich nichts weiter, als eine Katze, die sich im Baume einen Vogel

gefangen hat. Ihr könnt ganz ohne Sorge sein, zum zweitenmal wird es nicht

wiederkehren.«

Damit hatte der nächtliche Spuk sein Ende erreicht. In kurzer Zeit lag

alles wieder im tiefen Schlafe. Melanie hatte die Lampe brennen lassen, um

keinen Preis würde sie im Dunklen geblieben sein.

Als Nellie sich vollkommen überzeugt hatte, daß alles wieder still im

Hause war, da kehrte mit dem Gefühle der Sicherheit auch ihre frohe Laune

wieder. Sie suchte die Aepfel unter der Bettdecke hervor und fing an,

gemütlich zu essen, als ob nichts vorgefallen wäre.

»Was machst du denn?« fragte Ilse, als sie das knirschende Geräusch hörte.

Sie hatte bis jetzt noch nicht gewagt, sich zu rühren, und lag wie im

Schweiße gebadet da.

»Ich speise Aepfel,« entgegnete Nellie sorglos.

»Aber, Nellie, wie kannst du das nur!« rief Ilse ganz entrüstet. »Ich

zittre noch an allen Gliedern, mein Herz schlägt wie ein Hammer – und du

kannst essen! Wirf die Aepfel fort – sie gehören ja gar nicht uns. Ach,

Nellie, ich ärgere mich über meinen dummen Streich!«

»O was!« sagte Nellie ruhig weiter essend, »man muß thun, als ob man zu

Haus ist! Gräm’ dir nicht mit unnütze Gedanke, zieh’ dir lieber aus und

pack’ deine Sache fort in deine Koffer. Du kannst ruhig schlafen, mein

Darling, morgen weiß kein’ Seel’ von unser lustiges Abenteuer und du wirst

sehr klug sein, liebe Ilschen, und schweigen.«

Ilse ging heute nicht auf Nellies scherzenden Ton ein; der Gedanke, die

Vorsteherin hintergangen zu haben, drückte sie schwer. Schweigend

entkleidete sie sich und verschloß ihre Sachen sorgfältig in den Koffer.

Dann legte sie sich nieder.

Der Schlaf aber wollte nicht kommen. Nellies regelmäßige Atemzüge

verrieten längst, daß dieselbe sanft und süß eingeschlummert war, als sie

noch immer wachend im Bette lag. Der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen

war, entdeckt zu werden, schreckte sie immer von neuem auf. Sobald sie im

Begriffe war, einzuschlafen, fuhr sie angstvoll in die Höhe. Endlich

schlief sie ein, aber selbst im Traum quälten sie die schrecklichsten

Bilder. Bald wurde sie verfolgt, bald fiel sie vom Baume und zuletzt hatte

sie sich in einen Vogel verwandelt und eine große Eule wollte sie

fressen. –

Früh am andern Morgen, als Fräulein Raimar ihren Spaziergang durch den

Garten machte, blieb sie vor dem Apfelbaume stehen. Sie schüttelte den

Kopf und rief den Gärtner.

»Es müssen Diebe in diesem Baume gewesen sein, Lange,« sagte sie, »sehen

Sie nur das viele Laub und sogar einige abgebrochene Zweige darunter. Da

liegen auch mehrere Aepfel, die sie verloren haben mögen. Machen Sie doch,

solange das Obst noch nicht abgenommen ist, öfters des Nachts eine Runde

durch den Garten.«

»Es ist mir ein Rätsel, wie sie hereingekommen sind,« bemerkte der Gärtner

kopfschüttelnd, »die Gartenpforte war fest verschlossen. Sie müssen

geradezu über die Mauer geklettert sein.«

»Wohl möglich,« stimmte Fräulein Raimar ihm bei, und im Weitergehen dachte

sie, daß Melanie doch im Rechte gewesen sei. Freilich ein Gespenst hatte

sie nicht gesehen, wohl aber einen Spitzbuben.

Oben, am offnen Fenster, standen die beiden Mädchen und hatten jedes Wort

vernommen. Ilse war es heiß und kalt dabei geworden und sie hatte sich wie

eine arme Sünderin ertappt und beschämt gefühlt. Nellie dagegen lachte so

recht vergnügt in sich hinein und nahm alles wie einen köstlichen Scherz

hin.

»Das ist eine spaßige Sach’,« sagte sie übermütig, »ich kann mir

totlachen! Wenn sie wüßte, daß die böse Spitzbuben mit sie unter eine Dach

wohnen. – Wie würde sie sich staunen!«

Ilse hielt ihr den Mund zu. »Du darfst nicht darüber lachen, Nellie,«

gebot sie entschieden, »ich schäme mich so sehr! Spitzbuben hat uns

Fräulein Raimar genannt, und das sind wir auch. Ich hatte gar nicht daran

gedacht, und das war recht dumm von mir.«

»Wer wird so strenge richten, kleine Weisheit,« tröstete Nellie. »Was man

in der Mund steckt, ist kein Diebstahl, merken Sie sich das! Fräulein

Raimar bekommt auch so große Kostgeld, da bezahlen wir die paar lumpige

Apfel alle mit. – Komm, gieb mir ein Kuß und sieh nicht so trübe aus, du

klein Spitzbube!«

Mit Nellie war schwer streiten. Sie widerlegte so harmlos und sah so

schelmisch dabei aus, daß Ilse, wenn sie auch nicht überzeugt wurde, sich

wenigstens nicht mehr so hart anklagte. Aber auf einem bestand sie. Nellie

mußte ihr die Hand darauf geben, daß niemals wieder ein ähnlicher Streich

von ihnen ausgeführt werden solle. – –

* * *

Die Tage wurden kürzer und kürzer. Der Oktoberwind fuhr sausend durch die

Bäume und trieb sein lustiges Spiel mit den trocknen, gelben Blättern.

Oede und verlassen lag der Garten des Instituts, denn der schöne

Aufenthalt im Freien hatte so ziemlich ein Ende, die Mädchen waren mehr

und mehr auf die Zimmer angewiesen.

In den Wochentagen empfanden sie das kaum, aber an den

Sonntagnachmittagen, die sie gewohnt waren, im Garten zu verleben, da

fühlten sie sich doppelt eingeengt. In den Zimmern war es so dumpf, so

langweilig; so war Ilses Ansicht. Man konnte doch nicht immer Briefe

schreiben, oder nähen. Sich die Zeit verkürzen mit Romanschreiben, das

konnte nur Flora, die denn auch den innigen Wunsch hatte, die

Sonntagnachmittage möchten ewig dauern.

[Illustration]

»Ich komme heute auf euer Zimmer,« sagte sie eines Sonntagmorgens zu den

Freundinnen. »Ich werde euch meine neueste Novelle vorlesen, natürlich nur

den Anfang und den Schluß, das andre habe ich noch nicht geschrieben, ich

mache es immer so. Ich sage euch, ihr werdet entzückt sein, Kinder! Ich

selbst fühle, wie entzückend mein neuestes Werk mir gelungen ist!«

Nellie lächelte. »Wie ich mir auf dieser neue Werk freue!« sprach sie

neckend. »Immer nur die Anfangs und die Endes macht Flora. Die langweilige

Mitte laßt sie aus! O, sie ist ein großer Dichter!«

Flora war heute gar nicht empfindlich, sie that, als höre sie Nellies

Neckereien nicht.

»Also auf heute nachmittag!« sagte sie und drückte Ilse die Hand.

Nach der Kaffeestunde begleitete sie denn auch die beiden Mädchen auf ihr

Zimmer, und nachdem alle drei am Fenster Platz genommen hatten, zog sie

mit wichtiger Miene mehrere lose Blätter aus ihrer Kleidertasche hervor.

»Fang doch an dein’ Novelle, warum besinnst du dir?« fragte Nellie, als

Flora ein Blatt nach dem andern ansah und wieder beiseite legte.

»Entschuldigt einen Augenblick,« entgegnete Flora, »das ist mir alles so

durcheinandergekommen. – Seite 5–10–11–3–« zählte sie. »Halt! hier ist

Blatt I. So, nun will ich beginnen! – Und Nellie, thue mir den einzigen

Gefallen, unterbrich mich nicht fortwährend mit deinen witzigen Einfällen,

du schwächst wirklich den ganzen Eindruck damit. – Nun hört zu. Meine

Novelle heißt:

_Ein Schmerzensopfer._

Das Meer brauste und der Sturm tobte. – Weiße Möwen flogen krächzend

darüber hinweg. – Der Mond lugte dann und wann zwischen zerrissenen Wolken

hervor – traurig – einsam. – –

Da schaukelt ein kleines Schiff auf den hohen Wogen und nähert sich dem

Strande. Ein junges Mädchen sitzt allein darin. Leichtfüßig schwingt sie

sich aus dem Schiff und setzt sich auf ein Felsstück, das von den Wellen

des Meeres umspült wird und hart am Strande liegt.

Tief seufzt sie auf und ihre großen Vergißmeinnichtaugen füllen sich mit

Thränen.

[Illustration]

›Was soll ich beginnen?‹ flöten ihre Lippen und in ihrem süßen

Blumenangesichte drückt sich ein schmerzliches Entsagen aus. ›Er liebt

mich – und ich ihn! Aber Aurora liebt ihn auch und sie ist meine geliebte

Schwester! Kann ich sie leiden sehen? – Nein – nimmermehr! Und sollte ich

darüber an gebrochenem Herzen sterben!‹

Sie seufzte tief. ›O sterben! Aber ich fühl’s, ich werde nicht sterben –

mein Herz wird nicht brechen, – es wird weiter schlagen, – – wenn es auch

besser wäre, das zähe Ding stände zur rechten Zeit für ewig still!‹ – –«

Hier machte Flora eine kleine Pause und Nellie konnte es nicht

unterlassen, sie zu unterbrechen.

»O wie furchtbar traurig!« rief sie aus, »das arme Blumenangesicht mit die

Vergißmeinnichtsauge und das zähe Herz! Wo ist sie denn hergekommen auf

ihres kleines Schiff, – so allein auf die brausende Meer?«

Und sie lachte mit ihren Schelmengrübchen so herzlich über Floras Unsinn,

daß ihr die Thränen in die Augen traten.

»Wie abscheulich von dir, Nellie,« fuhr Flora sehr erzürnt auf, »daß du

mich so unterbrichst! Wenn nur ein Funken Poesie in deinem Busen

schlummerte, würdest du meine Werke verstehen. Aber du bist nüchtern vom

Scheitel bis zur Sohle!«

»O, o!« lachte Nellie ausgelassen, »o, wie komisch bist du, Flora! Lies

nur weiter dein ›Schmerzensopfer‹, ich will nun artig hören und kein Laut

mehr lachen.«

Aber Flora nahm schmollend ihre Blätter zusammen. Das heißt, es war ihr

nicht so recht Ernst damit, denn als auch Ilse sich aufs Bitten legte, sie

möge doch nun auch den Schluß ihrer Novelle vorlesen, da ließ sie sich

erweichen. Schon hatte sie die Lippen geöffnet, um fortzufahren, da wurde

sie unterbrochen durch Melanies hastigen Eintritt.

»Kinder!« rief diese aufgeregt, »es ist etwas furchtbar Interessantes

passiert! Denkt euch, eben ist eine höchst elegante Dame vorgefahren mit

einem reizend netten, kleinen Mädchen. Fräulein Raimar empfing sie schon

an der Thür und Orla hat deutlich gehört wie sie sagte: ›Sie bringen das

Kind selbst, gnädige Frau!‹ – Es bleibt also hier in der Pension, und wir

haben nichts davon gewußt! Warum wird nun die ganze Geschichte so

furchtbar geheimnisvoll gemacht? Wir haben doch stets gewußt, wenn eine

neue Pensionärin ankam! Ich finde das, aufrichtig gesagt, klassisch!« –

Die Mädchen horchten erstaunt auf und selbst Flora vergaß das Weiterlesen.

Welch eine Bewandtnis hatte es mit dem kleinen Mädchen, das so plötzlich

hereingeschneit kam?

»O, welch eine klassische Geschichte!« rief Nellie. »Kommt, wir wollen

gleich die fremde Dame mit ihres Kind uns ansehen!«

Und sie eilten die Treppe hinunter mit einer Hast und Neugierde, als ob

ein neues Wunder aufgegangen sei, Nellie den andern immer voran, sie mußte

die erste sein, die dasselbe in Augenschein nahm.

Es war aber gar nichts zu sehen, denn vorläufig verweilten die Fremden in

Fräulein Raimars Zimmer. Indessen der Wagen hielt noch auf der Straße und

Nellie schloß daraus, daß die Dame sich nicht allzulange aufhalten werde.

»Sehen müssen wir ihr,« sagte Nellie, »kommt, wir stellen uns an der

großen Glasthür im Speisesalon und warten, bis sie kommt.«

Als sie dort eintraten, fanden sie bereits die Thür belagert. Es gab noch

andre Neugierige in der Pension.

»Ihr kommt zu spät!« rief Grete, die natürlich den besten Platz hatte.

»Dahinten könnt ihr nichts sehen!«

Nellie aber wußte sich zu helfen. Sie zog einen Stuhl heran und stellte

sich darauf. Ilse natürlich kletterte ihr nach.

Die Geduld der Mädchen wurde auf eine harte Probe gestellt, wohl eine gute

halbe Stunde mußten sie noch warten, bevor die Erwartete erschien. –

Langsam und lebhaft sprechend ging sie mit der Vorsteherin an den

Lauschenden vorüber. Zum Glück war es bereits dämmerig und die Damen waren

so in der Unterhaltung begriffen, daß sie nicht auf die vielen

Mädchenköpfe hinter der Glasthür achteten, Fräulein Raimar würde die

kindische Neugierde ernstlich gerügt haben.

»O, wie sie hübsch ist!« bemerkte Nellie halblaut.

»Sei doch still, Nellie,« gebot Orla, die das Ohr dicht an der Thür hielt,

um einige Worte zu erlauschen.

»Was sagt sie?« fragte Flora, »ich glaube, sie spricht französisch.«

»Nein, italienisch,« behauptete Melanie, die nämlich seit einigen Tagen

angefangen hatte, diese Sprache zu treiben.

»Sie spricht deutsch,« erklärte Grete. »Eben hat sie gesagt: Meine kleine

Lilli.«

»Gott bewahre, was du gehört hast!« widerstritt Orla, »sie spricht

englisch.«

»O, eine Landsmann von mir!« rief Nellie laut und erfreut.

Ueber diese drollige Bemerkung kam Annemie in das Lachen. Orla wurde ganz

böse darüber und hielt ihr den Mund zu.

»Fräulein Raimar ist ja noch im Korridor mit der Dame,« flüsterte sie,

»wenn sie sich umsieht, sind wir blamiert.«

In diesem Augenblicke kam von der andern Seite des Korridors Rosi Müller.

Erstaunt sah sie auf die Belagerung der Glasthür. Die Mädchen mußten

zurücktreten, um sie einzulassen.

»Wie könnt ihr euch nur so kindisch benehmen,« sagte sie sanft und

vorwurfsvoll. »Ich begreife eure Neugierde nicht.«

»Du bist auch unsre ›Artige‹,« meinte Grete.

Rosi überhörte diese vorlaute Bemerkung. »Kommt, setzen wir uns an die

Tafel mit unsren Handarbeiten,« fuhr sie fort, als das Gas angezündet war,

»wir haben die Erzählung von Ottilie Wildermuth noch nicht zu Ende gehört.

Willst du heute vorlesen, Orla?«

Aber es kam nicht dazu. Gerade als Orla beginnen wollte, trat Fräulein

Güssow mit der kleinen Lilli an der Hand ein.

Sofort sprangen die Mädchen von ihren Plätzen auf und umringten dieselbe.

»Sieh’, Lilli,« sagte die junge Lehrerin, »nun kannst du gleich deine

zukünftigen Freundinnen kennen lernen.«

Die Kleine schüttelte den Kopf. »Die Madel sind schon so groß,« antwortete

sie im süddeutschen Dialekt und ohne Befangenheit, »die können doch nit

meine Freundinnen sein!«

Nellie fand gleich einen Ausweg, sie kniete sich zu dem Kinde nieder und

sagte: »Jetzt bin ich ein klein Madel wie du und du kannst mit mich

spielen.«

Lilli lachte. »Nein, du bist groß,« sagte sie, »aber du gefallst mir. Und

du auch,« wandte sie sich zu Ilse, die neben Nellie stand. »Du hast halt

so schöne Lockerl wie ich. Weißt, du sollst meine Freundin sein, mit dir

will ich spielen.«

Sie ergriff Ilses Hand und sah dieselbe mit ihren großen Augen treuherzig

an. Das junge Mädchen war ganz entzückt von der Zutraulichkeit der Kleinen

und küßte und liebkoste sie.

Natürlich waren sämtliche Pensionärinnen ganz hingerissen von dem Kinde,

das wie eine zarte Elfe in ihrer Mitte stand. Lange blonde Locken fielen

ihm über die Schulter herab und die schwarzen Augen mit den

feingeschnittenen, dunklen Augenbrauen darüber bildeten einen wunderbaren

Kontrast zu denselben. Das gestickte, sehr kurze weiße Kleidchen ließ Hals

und Arme frei. Eine hochrote, seidene Schärpe vervollständigte den höchst

eleganten Anzug.

»O du süßes, entzückendes Geschöpfchen!« »Du Engelsbild! Kleine Fee!« und

mit ähnlichen überschwenglichen Ausdrücken überschütteten die

Pensionärinnen das Kind. Fräulein Raimar war unbemerkt eingetreten und

hörte diese Ausrufe kopfschüttelnd an.

Sie trat in den Kreis und nahm Lilli bei der Hand. »Komm,« sagte sie zu

ihr, »du sollst erst umgekleidet werden. Du möchtest dich erkälten in dem

leichten Anzuge.«

»Bitt’ schön, laß mich hier, Fräulein,« bat das Kind. »Ich hab’ gar nit

kalt. Schau, ich geh’ halt immer so. Die Madel sind so gut, es gefallt mir

hier!«

Fräulein Raimar ließ sich nicht erbitten. »Komm nur, Kind,« sagte sie

gütig, »du wirst die Mädchen alle wiedersehen zum Abendessen.«

Die abgeschlagene Bitte verstimmte Lilli nicht. »Laß Ilse mit mir gehen,

Fräulein,« bat sie.

Dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Als Ilse mit dem Kinde das Zimmer

verlassen hatte, wandte sich die Vorsteherin mit ernsten, ermahnenden

Worten an ihre Zöglinge.

»Ich bitte euch, in Zukunft Lilli nicht wieder so große Schmeicheleien in

das Gesicht zu sagen. Wollt ihr sie eitel und oberflächlich machen? Sie

ist ein sehr schönes Kind und wird bereits manche Aeußerung hierüber

gehört haben, es giebt ja unvernünftige Leute genug. Wir wollen nicht in

diesen Fehler verfallen, und ich denke, ihr werdet mir beistehen und in

Zukunft vorsichtiger sein. – Lilli bleibt bei uns. Ich hatte noch nichts

davon zu euch gesprochen, weil ihr Eintritt in die Pension noch nicht fest

beschlossen war.«

»Wo wohnen Lillis Eltern?« fragte Flora.

»In Wien,« entgegnete das Fräulein. »Der Vater ist tot und die Mutter ist

eine bedeutende Schauspielerin. Weil sie sich in ihrem Berufe wenig um die

Erziehung ihres Kindes kümmern kann, hat sie es in eine Pension gegeben.«

»Lillis Mutter ist ein schönes Frau,« bemerkte Nellie.

»Wo hast du sie gesehen?« fragte die Vorsteherin etwas erstaunt.

»O, ich habe ihr vorbeigehen sehen,« entgegnete Nellie leicht errötend.

»Sie konnte leider nicht länger verweilen,« wandte sich Fräulein Raimar an

die junge Lehrerin, »mit dem Schnellzuge fährt sie heute abend wieder

fort.«

Die jungen Mädchen hatten die Damen dicht umringt und horchten auf jedes

Wort. Sie hätten so »furchtbar« gern recht Ausführliches über Lillis

Mutter erfahren, die als »bedeutende Schauspielerin« ihre Gemüter lebhaft

erregte und interessierte. Aber sie erfuhren nichts. Das Gespräch wurde

abgebrochen und Fräulein Raimar führte die Wißbegierigen recht unsanft in

die Wirklichkeit zurück.

»Wer hat den Tisch zu besorgen?« fragte sie. »Es ist Zeit, daß wir den

Thee einnehmen.«

Ilse und Flora hatten heute dieses Amt. Letztere verließ sofort das

Zimmer, um kurze Zeit darauf mit Ilse zurückzukehren. Jede trug einen Stoß

Teller, welchen sie auf einen Seitentisch stellten. Sie legten die

Tischtücher auf und fingen an, die Tafel zu decken.

Vor wenigen Monaten hatte Ilse es für eine Unmöglichkeit gehalten, daß sie

je eine solche Beschäftigung thun würde, – heute stand sie da in ihrer

rosa Latzschürze und besorgte alles so geschickt und manierlich wie irgend

eine andre Pensionärin.

Manierlich und geschickt war sie freilich nicht immer gewesen und es hatte

manche Mühe gekostet, ehe sie es so weit gebracht, bis sie überhaupt sich

überwunden hatte, »Dienstbotenarbeiten« zu verrichten. Die gutmütige

Wirtschafterin konnte manches Lied über Ilses Widerspenstigkeit singen,

manche unartige Antwort hatte sie derselben zu verzeihen.

Einmal, als sie einen Teller mit Butterschnitten fallen ließ und auch noch

den Milchtopf umgestoßen hatte, ermahnte sie die Wirtschafterin,

vorsichtiger zu sein.

»Nein,« hatte sie trotzig geantwortet, »ich will nicht vorsichtiger sein,

solche Arbeit brauche ich nicht zu thun.«

Aber sie nahm sich das nächste Mal doch mehr in acht, es war am Ende kein

sehr angenehmes Gefühl, von allen ausgelacht zu werden. Auch bemerkte sie,

daß keine der Pensionärinnen, selbst die ungraziöse Grete nicht, sich so

einfältig benahm wie sie, die meisten verrichteten die kleinen häuslichen

Geschäfte mit Anmut und besonders mit einem freundlichen Gesichte, –

sollte sie die einzig Dumme unter allen sein?

Lilli erhielt ihren Tischplatz zwischen der Vorsteherin und Ilse. Während

der Mahlzeit belustigte sie die ganze Gesellschaft. Sie plauderte ganz

unbefangen, gar nicht schüchtern und blöde. »Das macht,« bemerkte Flora,

»weil sie unter Künstlern groß geworden ist.«

»Du, Fräulein, gieb mir noch a Gipferl, bitt’ schön. Ich hab’ halt so

großen Hunger,« rief sie ungeniert. Und als Fräulein Güssow fragte,

welches ihre Lieblingsgerichte seien, meinte sie: »Wianer Würstl und

Sauerkraut.«

»Aber eine Mehlspeise wirst du doch lieber essen,« meinte Fräulein Raimar.

»O nein! Mehlspeis’ eß i gar nit gern – aber a groß Stückerl Rindfleisch

mit Gemüs – das mag i!«

Alles lachte. Selbst die Vorsteherin stimmte ein. Wer hätte auch nicht mit

Vergnügen dem Geplauder der Kleinen zuhören sollen!

Mit Lilli war ein andres Leben in die Pension gekommen. Alles drehte sich

um sie, jeder wollte ihr Freude machen. Und wenn die Mädchen auch

vermieden, ihr Schmeicheleien in das Gesicht zu sagen, so waren doch alle

bemüht, ihr den Hof zu machen. Am glücklichsten waren sie, wenn Lilli sich

herabließ, ein kleines Volkslied zu singen. Ich sage herabließ, denn wenn

sie nicht aufgelegt war, ließ sie sich durch keine Bitten dazu bewegen. –

Flora geriet jedesmal in Verzückung, prophezeite Lilli eine große Zukunft

und schwur darauf, daß sie einst mit ihrer vollen, weichen Stimme ein

Stern erster Größe am Theaterhimmel sein werde.

Voll und weich war die Stimme nicht, Flora blickte einmal wieder durch

ihre romantische Brille, aber es klang weh und traurig, wenn das Kind mit

so ernsthafter Miene dastand und sang.

»Sie ist furchtbar süß!« lispelte Melanie, als Lilli zum erstenmal ›Kommt

a Vogerl geflogen‹ vortrug. »Sieh nur, Flora, wie melancholisch sie die

Augen in die Ferne richtet.«

»Ja, melancholisch,« wiederholte Flora langsam und pathetisch, »du hast

recht. Weißt du, Melanie, es liegt so etwas Geheimnisvolles –

Traumverlorenes in ihren samtnen, dunklen Mignonaugen, so etwas, das sagen

möchte: ›Du fade Welt, ich passe nicht für dich.‹«

»Denn es kümmert sich ka Katzerl – ka Hunderl um mi,« schloß Lilli ihr

Liedchen.

»O wie reizend!« rief Nellie und klatschte in die Hände.

»Wie kann man diese Worte reizend finden!« rief Flora entrüstet. »Traurig

– düster – das ist der rechte Ausdruck dafür. Ein einsames, verlassenes

Herz hat sie empfunden und welche Folterqualen mag es dabei erlitten

haben.«

»O, das Herz ist eine sehr zähe Ding, und doch wär’ es manchmal besser,«

deklamierte Nellie mit komischem Pathos, aber sie kam nicht weiter. Flora

hielt ihr den Mund zu.

»Du bist schändlich – ganz abscheulich!« rief sie, »nie, nie wieder weihe

ich dich in meine geheimsten Gedanken ein! Wie kannst du mein Vertrauen so

mißbrauchen?«

* * *

Weihnachten rückte heran und fleißig rührten sich aller Hände. Da wurde

genäht, gestickt, gezeichnet, Klavierstücke wurden eingeübt, um die Eltern

oder die Angehörigen liebevoll zu überraschen.

Ilse hatte noch niemals den Vater oder die Mutter mit einer Arbeit

erfreut. Zuweilen hatte sie eine kleine Arbeit angefangen, auf dringendes

Zureden ihrer Gouvernanten, aber sie war nicht weit damit gekommen. Sie

habe einmal kein Geschick dazu, behauptete sie, und dachte nicht daran,

daß es ihr nur einfach an Geduld und Ausdauer mangele.

»Was willst du deine Eltern geben?« fragte Nellie, die eifrig dabei war,

einen sterbenden Hirsch in Kreide zu zeichnen, er sollte ein Geschenk für

den Onkel in London werden, der sie im Institute ausbilden ließ.

»Ich habe noch nicht daran gedacht,« entgegnete Ilse. »Meinst du, Nellie,«

fügte sie nach einigem Besinnen hinzu, »daß die Rose, die ich jetzt

zeichne, dem Papa Freude machen würde?«

»O sicher! Aber du mußt sehr fleißig sein, mein klein’ Ilschen, sonst wird

die liebe Christfest kommen und du bist noch lang nicht fertig. Und was

willst du deine Mutter geben?« fragte Nellie.

»Meiner Mama?« Sie dehnte ihre Frage etwas in die Länge. »Ich werde ihr

etwas kaufen,« sagte sie dann so obenhin.

Nellie war nicht damit zufrieden. »Kaufen, das macht keine Freude!«

tadelte sie. »Warum wollen deine Finger faul sein?«

»Nellie hat recht,« mischte sich Rosi in das Gespräch, die neben Ilse saß

und an einer altdeutschen Decke arbeitete. »Deine Mama wird wenig Freude

an einem gekauften Gegenstand haben.«

»Ich bin zu ungeschickt,« gestand Ilse offen.

»Wir werden dir helfen und dir alles gern zeigen,« versprach Rosi. Und

Fräulein Güssow, die grade hinzutrat, benahm Ilse den letzten Zweifel.

»Du kannst ein gleiches Nähkörbchen, wie Annemie anfertigt, arbeiten, ich

weiß bestimmt, es wird dir gelingen.«

Und es gelang wirklich, ja weit besser, als Ilse sich selbst zugetraut.

Sie hatte eine kindliche Freude, als das Körbchen so wohlgelungen in acht

Tagen fix und fertig vor ihr stand.

»Es sind noch vierzehn Tage bis Weihnachten,« sagte sie zu Rosi, »und ich

möchte noch etwas arbeiten, für Fräulein Güssow und Fräulein Raimar.«

»Und für meine Lori, bitt’ schön, meine gute Ilse!« bettelte Lilli, die

gewöhnlich an den Mittwochnachmittagen im Arbeitssaale zugegen war und

dann ihren Platz dicht bei Ilse wählte, die sie, wie sie sich ausdrückte,

zum aufessen liebte. »Mein’ Lori muß halt a neues Kleiderl haben,« fuhr

sie fort und hielt ihre Puppe in die Höhe, »bescher’ ihr eins zum heil’gen

Christ. Schau, das alte da ist ja schlecht!«

Natürlich versprach Ilse, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen, und zur

Besiegelung drückte sie dem kleinen Liebling einen Kuß auf die roten

Lippen.

»Ich habe eine famose Idee!« (famos war seit kurzer Zeit Modewort im

Institute) rief Ilse am Abend desselben Tages aus, als sie mit Nellie

allein war. »Ich kaufe für Lilli eine neue Puppe und kleide sie selbst an.

Was meinst du dazu?«

»O, das ist wirklich ein famos Gedanke,« entgegnete Nellie, »aber lieb

Kind, hast du auch an der viele Geld gedacht, die so ein’ Puppe mit ihrer

Siebensachen kostet? Wie steht’s mit dein’ Kasse?«

»O, das hat keine Not, ich habe sehr viel Geld!« versicherte Ilse sehr

bestimmt. Und sie nahm ihr Portemonnaie aus der Kommode und zählte ihre

Schätze.

»Zwölf Mark,« sagte sie, »das ist mehr, als ich brauche, nicht?«

»Sie sind ein sehr schlecht’ Rechenmeister, mein Fräulein,« riß Nellie sie

unbarmherzig aus ihrer Illusion, »ich mein’, Sie reichen lang’ nicht aus.«

Ilse sah die Freundin zweifelnd an. »Du scherzest,« meinte sie, »zwölf

Mark ist doch furchtbar viel Geld?«

»Reicht lang nicht!« wiederholte Nellie unerbittlich, »hör zu, ich will

dir vorrechnen:

1) Ein Nähtischdecken für Fräulein Raimar macht vier Mark,

2) ein Arbeitstaschen für Fräulein Güssow macht drei Mark,

3) eine schöne Geschenk für die liebe Nellie und all die andren

junge Fräulein – macht – sehr viele Mark.

Der Trotzkopf: Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen · 第 5 / 11 题