Am andern Morgen, es war noch sehr früh, traf der Oberamtmann sein
Töchterchen, wie es eben im Begriffe war, hinaus auf die Wiese zu reiten,
um das Heu mit einzuholen. Ungeniert hatte Fräulein Ilse sich auf eines
der Pferde, das vor dem Leiterwagen gespannt war, von dem Kutscher
hinaufheben lassen, derselbe stand auf dem Wagen und hielt die Zügel in
der Hand.
»Guten Morgen, Papachen!« rief sie ihm laut schon von weitem entgegen,
»wir wollen auf die Wiese fahren, das Heu muß herein; der Hofmeister sagt,
wir bekommen gegen Mittag ein Gewitter. Ich will gleich mit aufladen
helfen!«
Der Vater hatte heute nicht die unbefangene Freude an dem Wesen seines
Kindes, ihm fielen die Worte seiner Frau vom gestrigen Abend ein. Ilse sah
wenig weiblich in diesem Augenblicke aus, eher glich sie einem wilden
Buben. Wie ein solcher saß sie auf dem Pferde und hatte die Füße an beiden
Seiten herunterhängen. Das kurze blaue Kleid deckte dieselben nicht, man
sah den plumpen, hohen Lederstiefel und noch ein Stück des bunten
Strumpfes. Es war wahrlich kein schöner Anblick.
»Steig’ herab, Ilse,« sagte Herr Macket, dicht zu ihr tretend, um ihr beim
Heruntersteigen behilflich zu sein, »du wirst jetzt nicht auf die Wiese
reiten, hörst du, sondern deine Aufgaben machen.«
Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß der Vater in so bestimmter Weise
zu ihr sprach. Im höchsten Grade verwundert blickte sie ihn an, aber sie
machte keine Miene, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie schlug die
Arme ineinander und fing an, herzlich zu lachen.
»Hahahaha! Arbeiten soll ich! Du kleiner reizender Papa, wie kommst du
denn auf diesen komischen Einfall? Mach’ nur nicht ein so böses Gesicht!
Weißt du, wie du jetzt aussiehst? Gerade wie Mademoiselle, die letzte,
Papa, von den vielen, – wenn sie böse war! ›Fräulein Ilse, gehen Sie auf
Ihr Zimmer _mais tout-de-suite_. Aben Sie mir _compris_!‹ Dabei zog sie
die Stirn in Falten und riß die Augen auf – so«, und sie versuchte es
nachzuahmen. »Oh, es war zu himmlisch! Adieu Papachen, zum Frühstück komm’
ich zurück!«
Sie warf ihm noch eine Kußhand zu, lachte ihn schelmisch an und fort
ging’s im lustigen Trabe hinaus auf die Wiese in den taufrischen
Sommermorgen hinein.
Herr Macket schüttelte den Kopf, mit einem Male stiegen ernstliche
Bedenken wegen Ilses Zukunft in ihm auf. Er fand den Gedanken, sie in eine
Pension zu geben, heute weniger schrecklich, als gestern. Sie hatte ihm
soeben den Beweis gegeben, daß sie auch ihm Widerstand entgegensetzte.
Freilich mußte er sich gestehen, daß er durch seine Nachgiebigkeit
denselben in ihr groß gezogen hatte.
Er ging in das Speisezimmer und trat von dort auf die Veranda, die
weinumrankt sich an der Vorderseite des Hauses entlang zog. Seine Frau
erwartete ihn dort am gedeckten Frühstückstische.
Ganz gegen seine Gewohnheit war er still und einsilbig. »Hattest du
Unannehmlichkeiten?« fragte Frau Anne und reichte ihm den Kaffee.
»Nein,« entgegnete er, »das nicht.« Er hielt einen Augenblick inne, als ob
es ihm schwer würde, weiter zu sprechen, dann fuhr er fort: »Ich möchte
dir eine Mitteilung machen, oder richtiger gesagt, dir meinen Entschluß
wegen unsres gestrigen Gespräches verkünden. Zum 1. Juli soll Ilse in die
Pension.«
»Du scherzest,« sagte Anne und sah ihn fragend an.
»Es ist mein Ernst,« erwiderte er. »Wirst du im stande sein, bis zu dem
Termine alles zu Ilses Abreise einrichten zu können? Wir haben heute den
12. Juni.«
»Ja, das würde ich können, lieber Richard; aber verzeihe, mir kommt dein
Entschluß etwas übereilt vor. Wird er dich nicht gereuen? Laß Ilse die
schönen Sommermonate noch ihre Freiheit genießen und gieb sie erst zum
Herbste fort. Der Abschied von der Heimat wird ihr dann weniger schwer
werden.«
»Nein, keine Aenderung,« sagte er, bei einem längeren Hinausschieben
seinen Wankelmut fürchtend, »es bleibt dabei – zum 1. Juli wird sie
angemeldet.«
Nach einigen Stunden kehrte Ilse wohlgemut mit erhitzten Wangen und über
und über mit Heu bestreut zum zweiten Frühstücke zurück. Wie sie war, ohne
den Anzug zu wechseln, trat sie höchst vergnügt auf die Veranda.
»Da bin ich,« rief sie. »Bin ich lange geblieben? Ich sage dir, Papa, das
Heu ist kostbar! Nicht einen Tropfen Regen hat es bekommen. Du wirst deine
Freude daran haben. Der Hofmeister meint, so gut hätten wir es seit Jahren
nicht gehabt.«
»Laß das Heu jetzt, Ilse,« entgegnete Herr Macket, »und höre zu, was ich
dir sagen werde.«
Er sagte es ziemlich ernst, es wurde ihm nicht leicht, von seinem Plane zu
sprechen – sie war so ahnungslos, ja sie nahm gar keine Notiz von seiner
Stimmung. Ihr Augenmerk war auf den wohlbesetzten Frühstückstisch
gerichtet, sie war sehr hungrig von der Fahrt.
»Soll ich dir Frühstück schneiden?« fragte Frau Anne freundlich, aber Ilse
lehnte es ab.
»Ich will es schon selbst thun,« sagte sie, nahm das Messer und schnitt
sich ein tüchtiges Stück Schwarzbrot ab. Die Butter strich sie fast
fingerdick darauf. Nachdem sie ein dickes Stück Wurst zugelangt hatte,
fing sie an, wohlgemut zu essen. Bald von dem Brote, bald von der Wurst,
die sie in der Hand hielt, einen Bissen nehmend. Höchst ungeniert lehnte
sie dabei hintenüber in einem Sessel und schlug die Füße übereinander. Es
schmeckte ihr köstlich.
»Ich denke, du wolltest mir etwas sagen, Papachen!« rief sie mit vollem
Munde, »nun schieß los, ich bin ordentlich neugierig darauf.«
Er zögerte etwas mit der Antwort, noch war es Zeit, noch konnte er seinen
Entschluß zurücknehmen – einen Augenblick überlegte er und es fehlte nicht
viel, so hätte er es wirklich gethan, aber die Schwäche ging vorüber und
so ruhig wie es ihm möglich war, teilte er Ilse seinen Beschluß mit.
Wenn er erwartet hatte, daß sie sich stürmisch widersetzen würde, so hatte
er geirrt. Zwar blieb ihr buchstäblich der Bissen im Munde stecken vor
Ueberraschung und Schreck, aber ihr Auge flog zur Mutter hinüber und sie
unterdrückte den Sturm, der in ihr tobte. Um keinen Preis sollte diese
erfahren, wie furchtbar es ihr war, die Heimat, den Vater vor allem, zu
verlassen, sie, die doch sicherlich nur allein die Anstifterin dieses
Planes war, denn der Papa – nein! Nimmermehr würde er sie von sich gegeben
haben!
»Nun, du schweigst?« fragte Herr Macket, »du hast vielleicht selbst schon
die Notwendigkeit eingesehen, daß du noch tüchtig lernen mußt, mein Kind,
denn mit deinen Kenntnissen hapert es noch überall, nicht wahr?«
»Gar nichts habe ich eingesehen!« platzte Ilse heraus, »du selbst hast mir
ja oft genug gesagt, ein Mädchen brauche nicht so viel zu lernen, das
allzu viele Studieren mache es erst recht dumm! Ja, das hast du gesagt,
Papa, und nun sprichst du mit einemmal anders. Nun soll ich fort, soll auf
den Schulbänken sitzen zwischen andern Mädchen und lernen, bis mir der
Kopf weh thut. Aber es ist gut, ich will auch fort, ja ich freue mich auf
die Abreise. Wenn nur erst der 1. Juli da wäre!«
Und sie erhob sich hastig, warf den Rest ihres Frühstücks auf den Tisch
und eilte fort, hinauf in ihr Zimmer, und jetzt brachen die Thränen
hervor, die sie bis dahin nur mühsam zurückgehalten hatte.
Frau Anne wäre dem Kinde gar zu gern gefolgt, sie fühlte, was in dem
jungen Herzen vorging, aber sie wußte genau, daß Ilse ihre gütigen Worte
trotzig zurückweisen würde; so blieb sie zurück und hoffte auf die Zeit,
wo Ilses gutes Herz den Weg zu ihrer mütterlichen Liebe finden werde. – –
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Die wenigen Wochen bis zum festgesetzten Termine vergingen schnell. Frau
Anne hatte alle Hände voll zu thun, um Ilses Garderobe in Ordnung zu
bringen. Die Vorsteherin der Pension hatte auf Herrn Mackets Anfrage
sofort geantwortet und sich gern zu seiner Tochter Aufnahme bereit
erklärt. Zugleich hatte sie ein Verzeichnis der Sachen mitgeschickt, die
jede Pensionärin bei ihrem Eintritt in das Institut mitzubringen habe.
Ilse lachte spöttisch über die, nach ihrer Meinung vielen unnützen Dinge,
besonders die Hausschürzen fand sie geradezu lächerlich. Sie hatte bis
dahin niemals eine solche getragen.
»Die dummen Dinger trage ich doch nicht, Mama!« sagte sie, als Frau Anne
dabei war, den Koffer zu packen, »die brauchst du gar nicht einzulegen.«
»Du wirst dich doch der allgemeinen Sitte fügen müssen, mein Kind,«
entgegnete die Mutter. »Warum wolltest du auch nicht? Sieh’ einmal her,
diese blau und weiß gestreifte Schürze mit den gestickten Zacken ringsum,
ist sie nicht ein reizender Schmuck für ein kleines Fräulein, das sich im
Haushalte nützlich machen wird?«
»Ich werde mich aber im Haushalte nicht nützlich machen!« rief Ilse in
ungezogenem Tone, »das fehlte noch! Ihr denkt wohl, ich soll dort in der
Küche arbeiten oder die Stuben aufräumen? Die Schürzen trage ich nicht,
ich will es nicht!«
»Uebertreibe nicht, Ilse,« entgegnete Frau Anne, »du weißt recht gut, daß
man dergleichen nie von dir verlangen wird. Wenn du durchaus die Schürzen
nicht tragen magst, so kannst du ja deinen Wunsch der Vorsteherin
mitteilen, vielleicht erfüllt sie dir denselben.«
»Ich werde sie nicht erst darum fragen! Solche Dinge gehen sie gar nichts
an!« war Ilses unartige Antwort.
Sie verließ die Mutter, auf welche sie einen wahren Groll hatte. All die
schönen Wäsche- und Kleidungsstücke, die Frau Anne mit Liebe und Sorgfalt
für sie ausgewählt hatte, fanden keine Gnade vor ihren Augen, nicht einen
Funken Interesse zeigte sie dafür.
Dem Papa erklärte sie, daß sie ein kleines Köfferchen für sich selbst
packen werde. Niemand solle ihr dabei helfen, niemand wissen, welche
Schätze sie mit in das neue Heim hinüberführen werde.
»Das ist eine prächtige Idee, Ilschen,« stimmte Herr Macket bei, »nimm nur
mit, was dir Freude macht.«
Und er ließ sofort einen allerliebsten, kleinen Koffer kommen und
überraschte seinen Liebling damit. Als Ilse ihm erfreut und dankend um den
Hals fiel, als sie ihn seit längerer Zeit zum erstenmal wieder »mein
kleines Pa’chen« nannte, da wurde es ihm so weich ums Herz, daß er sich
abwenden mußte, um seine Rührung zu verbergen.
[Illustration]
Am Tage vor ihrer Abreise schloß sich Ilse in ihr Zimmer ein und begann zu
packen. Aber wie! Bunt durcheinander, wie ihr die Sachen in die Hand
kamen. Zuerst das geliebte Blusenkleid nebst Ledergürtel, es wurde nur so
in den Koffer hineingeworfen und mit den Händen etwas festgedrückt, dann
die hohen Lederstiefel mit Staub und Schmutz, wie sie waren, dann eine
alte Ziehharmonika, auf der sie nur ein paar Töne hervorbringen konnte,
ein neues Hundehalsband mit einer langen Leine daran, ein ausgestopfter
Kanarienvogel, und zuletzt, nachdem die wunderbarsten Dinge in den Koffer
gewandert waren, griff sie nach einem Glase, in welchem ein Laubfrosch
saß. Es ist kaum zu glauben, indessen auch dieses sollte mitverpackt
werden, – sie hatte sich so an das Tierchen gewöhnt. Sie nahm ein gutes,
gesticktes Taschentuch aus dem Kommodenkasten, band dasselbe über das
Glas, legte auch noch eine Papierhülle darüber, schnitt ganz kleine Löcher
in beides und steckte einige Fliegen hindurch.
»So,« sagte sie höchst befriedigt von ihrer Packerei, »nun bist du gut
versorgt, mein liebes Tierchen, und wirst nicht verhungern auf der weiten
Reise.«
Wie sie das Glas hineinbrachte in den Koffer, war wirklich ein Kunststück,
das ihr erst nach vieler Mühe gelang. Aber endlich war sie doch so weit,
daß sie den Deckel schließen konnte. Er klemmte etwas und Ilse mußte sich
erst darauf knieen, bevor derselbe ins Schloß fiel. Den kleinen Schlüssel
zog sie ab, befestigte ihn an einer schwarzen Schnur und band diese sich
um den Hals.
Als das Abendbrot verzehrt war und die Eltern noch am Tische saßen, ging
Ilse in den Hof und machte eine Runde durch alle Ställe. Von den Hühnern,
Tauben, Kühen, Pferden – sie hatte so viele Lieblinge darunter – nahm sie
Abschied; morgen sollte sie ja alle auf lange Zeit verlassen. Das Lebewohl
von den Hunden wurde ihr am schwersten, sie waren alle ihre guten Freunde.
Dianas Sprößlinge, die schon allerliebst herangewachsen waren und sie
zärtlich begrüßten, lockten ihr Thränen des tiefsten Leides hervor.
Neben ihr stand Johann. Er hatte das kleine Fräulein vom ersten Tage ihres
Lebens an gekannt und liebte sie abgöttisch. Als er ihre Thränen sah,
liefen auch ihm einige Tropfen über die Wangen.
»Wenn das kleine Fräulein wiederkommt,« sagte er mit kläglicher Stimme und
fuhr mit der verkehrten Hand über die Wange, »dann wird es wohl eine große
Dame sein. Ja ja, Fräulein Ilschen, unsre schöne Zeit ist dahin! Ach und
die Hunde, wie werden sie das Fräulein vermissen! Die sind gescheit!
Menschlichen Verstand hat das dumme Vieh! Wie sie schmeicheln, die kleinen
Krobaten, als ob sie wüßten, daß unser kleines Fräulein morgen abreist –
–« hier wurde seine Stimme so unsicher, daß er nicht weiter sprechen
konnte.
»Johann,« entgegnete Ilse unter Schluchzen, »sorge für die Hunde. Und wenn
du mir einen großen – den letzten Gefallen thun willst, so,« hier sah sie
sich erst vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch niemand in der Nähe
war, »so nimm Bob,« diesen Namen hatte sie Dianas kleinem Söhnchen
gegeben, »mit auf den Kutscherbock morgen, wenn du mich zur Bahn fährst,
aber heimlich. Niemand darf es wissen, ich will ihn mitnehmen. Ein
Halsband und eine Leine habe ich schon eingepackt. Aber Johann, heimlich,
hörst du?«
Der Kutscher war glücklich über diesen Auftrag und daß er dem lieben,
kleinen Fräulein noch einen Liebesdienst erweisen konnte. Er lächelte
verschmitzt und versprach, Bob so geschickt unterzubringen, daß keine
menschliche Seele von dem Hunde etwas merken solle.
Früh am andern Morgen stand der Wagen vor der Thür, der Ilse fortbringen
sollte. Herr Macket begleitete sie bis W., um sie der Vorsteherin,
Fräulein Raimar, selbst zu überbringen. Er mußte sich doch persönlich
überzeugen, wo und wie sein Liebling aufgehoben sein werde. Frau Anne
nahete sich Ilse im letzten Augenblick, um zärtlich und gerührt von ihrem
Kinde Abschied zu nehmen, aber diese machte ein finsteres, trotziges
Gesicht und entwand sich der Mutter Armen.
»Lebe wohl,« sagte sie kurz und sprang in den Wagen; nicht um die Welt
hätte sie der Mutter verraten mögen, wie weh und schmerzlich ihr das
Scheiden wurde.
Als der Wagen sich in Bewegung setzte und Diana denselben laut bellend
noch eine kurze Strecke begleitete, bog sie sich weit zum Wagen hinaus mit
thränenden Augen und nickte ihr zu. Gut war es, daß der Vater nichts von
den Thränen merkte, er würde vielleicht augenblicklich Kehrt gemacht
haben.
Auf dem Bahnhofe, als alles besorgt und Ilse mit dem Papa in das Koupee
gestiegen war, trat Johann hinzu mit Bob unter dem Arme und der Mütze in
der Hand.
»Leben Sie recht wohl, Fräulein Ilschen, und kommen Sie gut hin,« sagte er
etwas verlegen. »Die Hunde werde ich schon besorgen, dafür haben Sie nur
keine Angst nicht. Den hier nehmen Sie wohl mit, es ist doch gut, wenn Sie
nicht so allein in der Pension sind.«
Ilse jauchzte vor Freude. Sie nahm den Hund in Empfang, liebkoste und
streichelte ihn, dann reichte sie Johann die Hand.
»Leb wohl,« sagte sie, »und habe Dank. Ich freue mich zu sehr, daß ich ein
Hündchen mit mir nehmen kann.«
»Ja, aber Ilse, das geht doch nicht,« wandte der erstaunte Oberamtmann
ein, »du darfst doch keine Hunde mit in das Institut bringen. Sei
vernünftig und gieb Bob Johann wieder zurück.«
Doch daran war nicht zu denken. Ilse ließ sich durch keine Vorstellung
dazu bewegen.
»Die einzige Freude laß mir, Pa’chen! Willst du mich denn ganz allein
unter den fremden Menschen lassen? Wenn Bob bei mir ist, dann habe ich
doch einen guten Freund. Nicht wahr, Bobchen, du willst nicht wieder fort
von mir,« wandte sie sich an den Hund, der es sich bereits höchst bequem
auf ihrem Schoße gemacht hatte, »du bleibst nun immer bei mir!«
Es war dem Oberamtmann unmöglich, ein Machtwort dagegen zu sprechen, zumal
ja Ilse so triftige Gründe für ihren Wunsch anführte. Am meisten
überzeugte ihn der Gedanke, daß die Kleine doch einen heimatlichen Trost
mit in die Fremde brächte.
Es war eine lange und ziemlich langweilige Fahrt, meist durch flaches
Land, erst zuletzt kamen die Berge. Für Ilse that sich eine neue Welt auf,
sie hatte noch nie eine so große Reise gemacht. Auf jeder Station schaute
sie mit neugierigen Augen hinaus, jedes Bahnwärterhäuschen amüsierte sie.
Ueber all den neuen Eindrücken, die sich ihr aufdrängten, trat der
Trennungsschmerz in den Hintergrund.
Spät am Abend, es war zehn Uhr vorbei, langten sie in W. an. Natürlich
übernachtete Ilse mit ihrem Vater im Hotel, erst am andern Morgen sollte
sie in ihre neue Heimat eingeführt werden.
Als es am nächsten Tage neun Uhr schlug, stand Ilse fertig angezogen vor
ihrem Papa. Sie sah in ihrem grauen Reisekleide und den zierlichen
Lederstiefeln ganz allerliebst aus. Unter dem runden, weißen Strohhute,
der mit einem Feldsträußchen und schwarzen Samtband aufgeputzt war, fielen
die braunen Locken herab. Die schönen, großen Augen blickten heute nicht
so fröhlich wie sonst, sie hatten einen ängstlich erwartungsvollen
Ausdruck, und um den Mund zuckte es in nervöser Aufregung.
»Dir fehlt doch nichts, Ilschen?« fragte Herr Macket und sah sein Kind
besorgt an. »Du bist so blaß, hast du schlecht geschlafen?«
Die herzliche Frage des Vaters löste mit einemmal die unnatürliche
Spannung in Ilses Wesen. Sie fiel ihm um den Hals, und die bis dahin
trotzig zurückgehaltenen Thränen brachen mit aller Macht hervor.
»Aber Kind, Kind,« sagte Herr Macket sehr geängstigt durch ihre
Leidenschaftlichkeit, »du wirst ja nicht lange von uns getrennt bleiben.
Ein Jahr vergeht schnell, und zu Weihnachten besuchst du uns. Komm,
Kleines, trockne die Thränen. Du mußt dir das Herz nicht schwer machen. Du
wirst uns fleißig Briefe schreiben und die Mama oder ich werden dir
täglich Nachricht geben von uns, von allem, was dich in Moosdorf
interessiert.« Und er nahm sein Taschentuch und trocknete damit die immer
von neuem hervorbrechenden Thränen seines Kindes.
Der Oberamtmann befand sich in einer gleich aufgeregten Stimmung wie sein
Kind, es wurde ihm nicht leicht zu trösten, wo er selbst des Trostes
bedürftig war. So schwer hatte er sich die Trennung nicht gedacht, er
würde sonst nicht darein gewilligt haben; aber da er das einmal gethan
hatte, wollte er sich in die Notwendigkeit fügen.
Er strich Ilse das Haar aus der Stirn und setzte ihr den herabgesunkenen
Hut wieder auf. »Komm,« sagte er, »jetzt wollen wir gehen. Nun sei ein
verständiges Kind.«
»Die Mama soll mir nicht schreiben!« stieß Ilse schluchzend heraus, »nur
deine Briefe will ich haben! Meine Briefe an dich soll sie auch nicht
lesen!«
»Ilse!« verwies Herr Macket, »so darfst du nicht sprechen. Die Mama hat
dich lieb und meint es sehr gut mit dir.«
»Sehr gut!« wiederholte sie in kindischem Zorne, »wenn sie mich lieb
hätte, würde sie mich nicht verstoßen haben!«
»Verstoßen! Du weißt nicht, was du sprichst, Ilse! Werde erst älter, dann
wirst du das große Unrecht einsehen, das du heute deiner Mutter anthust,
und deine bösen Worte bereuen.«
»Sie ist nicht meine Mutter, – sie ist meine Stiefmutter!«
»Du bist kindisch!« sagte der Oberamtmann, »aber merke dir, niemals wieder
will ich dergleichen Aeußerungen von dir hören. Du kränkst mich damit!«
Ilse sah schmollend zur Erde nieder und konnte nicht begreifen, wie es
kam, daß der Papa sie nicht verstand, er mußte doch einsehen, wie unrecht
ihr geschah.
»Komm jetzt,« fuhr er in mildem Tone fort, »wir wollen gehen, mein Kind.«
Sie ergriff den Hund, nahm ihn auf den Arm und wollte so ausgerüstet dem
Vater folgen.
»Laß ihn zurück,« gebot derselbe, »wir wollen die Vorsteherin erst fragen,
ob du ihn mitbringen darfst.«
Aber Ilse setzte ihren Kopf auf, »dann gehe ich auch nicht,« erklärte sie
mit aller Bestimmtheit. »Ohne Bob bleibe ich auf keinen Fall in der
Pension!«
Macket that dem Eigensinne den Willen aus Furcht, von neuem Thränen
hervorzulocken. Aber Ilses Widerstand war ihm im höchsten Grade peinlich.
Was sollte Fräulein Raimar denken!
Eine Viertelstunde darauf standen Vater und Tochter vor einem stattlichen,
zweistöckigen Hause, das vor dem Thore der kleinen Stadt mitten im Grünen
lag; es war das Institut des Fräulein Raimar.
Der Oberamtmann blieb überrascht davor stehen. »Sieh Ilse, welch ein
schönes Gebäude!« rief er höchst befriedigt. »Der Blick von hier aus in
die nahen Berge ist geradezu bezaubernd.«
Was kümmerten sie die Berge! Sie fühlte sich so gedrückt von Kummer, daß
ihr die ganze Welt ein Jammerthal dünkte.
»Wie kannst du dies Haus schön finden, Papa,« entgegnete sie. »Wie ein
Gefängnis sieht es aus.«
Herr Macket lachte. »Betrachte doch die hohen, breiten Fenster, Kind,«
sagte er. »Glaubst du, daß in einem Gefängnisse ähnliche zu finden sind?
Die armen Gefangenen sitzen hinter kleinen, blinden Scheiben, die außerdem
noch mit einem Eisengitter versehen sind.«
»Ich werde jetzt auch eine Gefangene sein, Papa, und du selbst lieferst
mich in dem Gefängnisse ab.«
»Du bist eine kleine Närrin!« lachte er und brach das Gespräch, das ihm
bedenklich zu werden schien, ab.
Er stieg die breiten, steinernen Stufen, die zu dem Eingange führten,
hinauf und zog an der Klingel. Ilse, die ihm langsam gefolgt war, schrak
unwillkürlich zusammen, als sie den hellen Schall im Hause vernahm.
Gleich darauf wurde die Thür von einer Magd geöffnet. Nachdem dieselbe die
Angekommenen gemeldet hatte, wurden sie in das Empfangszimmer der
Vorsteherin geführt.
Bevor sie dasselbe erreichten, mußten sie den Hausflur und einen langen
Korridor, von welchem zwei Ausgänge in einen schönen, großen Hof führten,
durchschreiten. Es war gerade die Frühstückspause in der Schule und so war
es natürlich, daß überall lachend und plaudernd große und kleine Mädchen
umherstanden. Sie verstummten, als sie die neue Pensionärin, von der sie
wußten, daß sie heute ankommen werde, erblickten, und aller Augen
richteten sich auf Ilse, der es plötzlich höchst beklommen zu Mute wurde.
Es schien ihr, als höre sie verstecktes Kichern hinter sich und sie war
herzlich froh, als die Thür in dem Empfangszimmer sich hinter ihr schloß.
Noch war dasselbe leer.
Ilse blickte sich um, und in diesem großen, vornehmen Raume, der
künstlerisch und elegant zugleich eingerichtet war, stieg mit einem Male
ein etwas banges Gefühl in ihr auf wegen Bob, sie wünschte fast, des
Vaters Willen gefolgt zu sein. Hätte sie den Hund in ihrem Arme plötzlich
unsichtbar machen können, sie hätte es gethan. Nun wollte der Unartige
auch noch herunter auf den Boden, und diesen Wunsch konnte sie ihm doch
unmöglich erfüllen, wie hätte sie wagen dürfen, ihn auf den kostbaren
Teppich, der durch das Zimmer gebreitet lag, herab zu lassen!
Die Thür öffnete sich und Fräulein Raimar trat ein. Sie begrüßte Herrn
Macket mit steifer Freundlichkeit, dann blickte sie mit ihren stahlgrauen
Augen, die einen zwar strengen, ernsten, trotzdem aber gewinnenden
Ausdruck hatten, auf Ilse. Diese war dicht an den Vater getreten und hatte
seine Hand ergriffen.
»Sei willkommen, mein Kind!« Mit diesen Worten begrüßte die Vorsteherin
Ilse und reichte ihr die Hand. »Ich denke, du wirst dich bald bei uns
heimisch fühlen.« Als sie den Hund sah, fragte sie: »Hat dich dein Hund
bis hierher begleitet?«
Ilse blickte etwas hilflos den Papa an, der dann auch für sie das Wort
nahm. »Sie mochte sich nicht von ihm trennen, Fräulein Raimar,« sagte er
etwas verlegen, »sie glaubte, daß Sie die Güte haben würden, ihren kleinen
Kameraden mit ihr aufzunehmen.«
Das Fräulein lächelte. Es war das erste Mal, daß man ihr eine solche
Zumutung machte. »Es thut mir leid, Herr Oberamtmann,« sagte sie, »daß ich
den ersten Wunsch Ilses rücksichtslos abschlagen muß. Sie wird verständig
sein und einsehen, daß ich nicht anders handeln kann. Stelle dir einmal
vor, liebes Kind, wenn alle meine Pensionärinnen den gleichen Wunsch
hätten, dann würden zweiundzwanzig Hunde im Institute sein. Welch ein
Spektakel würde das geben! Möchtest du das Tier gern in deiner Nähe
behalten, so wüßte ich einen Ausweg. Mein Bruder, der Bürgermeister hier,
wird deinen Hund gewiß aufnehmen, wenn ich ihn darum bitte; dann kannst du
täglich deinen Liebling sehen.«
Ilse war rot geworden und dicke Thränen perlten in ihren Augen. »Dann
bleibe ich auch nicht hier!« – sie wollte es eben aussprechen, aber sie
wagte es nicht. Die Dame vor ihr hatte so etwas Unnahbares, Vornehmes in
ihrem Wesen. Wie eine Fürstin erschien sie ihr trotz des schlichten,
grauen Kleides, dessen kleiner Stehkragen am Halse mit einer einfachen
goldenen Nadel zusammengehalten wurde. Ilse senkte den Blick und schwieg.
Der Oberamtmann lachte. »Sie haben recht, Fräulein,« sagte er, »und wir
hätten das selbst vorher bedenken können. Ihre große Güte, den Hund bei
Ihrem Herrn Bruder unterzubringen, wird Ilse mit vielem Danke annehmen,
nicht wahr?«
Sie schüttelte den Kopf. »Fremde Leute sollen Bob nicht haben, Papa, du
nimmst ihn wieder mit nach Moosdorf.«
Herr Macket schämte sich der Antwort seines Kindes, aber Fräulein Raimar
überhob ihn geschickt seiner Verlegenheit. Mit ihrem erfahrenen Sinne
hatte sie sofort das Trotzköpfchen vor sich erkannt. Sie that, als merkte
sie Ilses Unart nicht.
»Du hast ganz recht,« sagte sie freundlich, »es ist das beste, der Papa
nimmt das Tier wieder mit in die Heimat. Du würdest durch dasselbe
vielleicht doch mehr zerstreut, als mir lieb wäre. Soll die Magd den Hund
in das Hotel zurücktragen, wo Sie abgestiegen sind, Herr Oberamtmann?«
»Ich will ihn selbst dorthin tragen, nicht wahr, Papachen?« fragte Ilse
und hielt Bob ängstlich fest.
»Ich wünsche nicht, daß du es thust, liebe Ilse,« wandte Fräulein Raimar
ein. »Ich möchte dich gleich zu Mittag hier behalten, um dich den übrigen
Pensionärinnen vorzustellen. Ich halte es so für das beste. Es thut nicht
gut, Herr Oberamtmann, wenn ein Kind, sobald der Vater oder die Mutter es
mir übergeben haben, noch einmal mit ihnen zurückkehrt in das Hotel. Der
Abschied wird ihm weit schwerer gemacht.«
»Nein, nein!« rief Ilse zitternd vor Aufregung, »ich bleibe nicht gleich
hier! Ich will mit meinem Papa so lange zusammen sein, bis er abreist. Du
nimmst mich mit dir, nicht, Papa?«
Es wurde Herrn Macket heiß und kalt bei ihrem Ungestüm, indes auch diesmal
half ihm Fräulein Raimar über die peinliche Lage hinweg.
»Gewiß, mein Kind,« entgegnete sie mit Ruhe, »dein Wunsch soll dir erfüllt
werden. Darf ich Sie bitten, Herr Oberamtmann, heute mittag mein Gast zu
sein? Sie würden mich sehr erfreuen.«
Ilse warf ihrem Papa einen flehenden Blick zu, der ungefähr ausdrücken
sollte: »Bleib’ nicht hier, nimm mich mit fort! Ich mag nicht hier bleiben
bei dem bösen Fräulein, das mich schlecht behandeln wird!« Leider verstand
er den Blick anders, er hielt ihn für eine stumme Bitte, die Einladung
anzunehmen und sagte zu.
Die Vorsteherin erhob sich und zog an einer Klingelschnur. Der
eintretenden Magd trug sie auf, Fräulein Güssow zu rufen. Wenige
Augenblicke darauf trat dieselbe in das Zimmer.
Die Gerufene war die erste Lehrerin im Institute und wohnte daselbst. Weit
jünger als die Vorsteherin, war sie eine höchst anmutige, liebenswürdige
Erscheinung von sechsundzwanzig Jahren. Sämtliche Tagesschülerinnen und
besonders die Pensionärinnen schwärmten für sie, sie verstand es, durch
gleichmäßige Güte sich die jungen Herzen zu gewinnen.
»Wollen Sie die Güte haben, Ilse auf ihr Zimmer zu geleiten,« sagte die
Vorsteherin, nachdem sie die junge Lehrerin vorgestellt hatte, »damit sie
dort ihren Hut ablegen kann.«
»Gern,« erwiderte die Angeredete und trat auf Ilse zu. »Komm, liebes
Kind,« sagte sie freundlich und ergriff sie bei der Hand, »jetzt werde ich
dir zeigen, wo du schläfst. O, du hast ein schönes, großes Zimmer; aber du
wohnst nicht allein dort. Ellinor Grey wird deine Stubengenossin sein. Sie
ist ein liebes Mädchen. Du möchtest gern gleich mit ihr bekannt werden,
nicht wahr?«
Ilse überhörte die Frage. Mit scheuen, ängstlichen Augen sah sie den Vater
an und fragte: »Du gehst doch nicht fort, Papa?« Als er sie darüber
beruhigte, folgte sie Fräulein Güssow.
»Aber den Hund mußt du wohl hier lassen, du kannst ihn doch nicht mit
hinauf in dein Zimmer nehmen,« sagte Fräulein Raimar. »Du kannst ihn
draußen der Magd übergeben, damit sie ihn so lange in Verwahrung nimmt.«
Fräulein Güssow dachte weniger streng als die Vorsteherin. Sie fand es
nicht so schlimm, wenn Ilse ihren Hund im Arme behielt.
»Hast du ihn so sehr gern?« fragte sie, als sie mit dem jungen Mädchen den
Korridor entlangging.
»Ja,« entgegnete Ilse, »sehr, sehr lieb habe ich Bob. Und ich darf ihn
nicht hier behalten.«
Sie legte ihre Wange auf des Hundes Kopf und kämpfte mit dem Weinen.
»Gräme dich nicht darum, Kind,« tröstete Fräulein Güssow, »das ist nicht
so schlimm. Du findest hier viel etwas Besseres. Du sollst einmal sehen,
wie bald du den Bob vergessen haben wirst. Wir haben zweiundzwanzig
Pensionärinnen jetzt im Institute, du wirst manche liebe Freundin unter
ihnen finden. Hast du Geschwister?«
»Nein,« sagte Ilse, die ganz zutraulich gegen Fräulein Güssow wurde, »ich
bin allein.«
»Nun, siehst du! Da kann ich mir deine Liebe zu dem unvernünftigen Tiere
erklären, dir fehlten die Gespielinnen. Gieb deinen Hund getrost dem Papa
wieder mit zurück, du wirst ihn nicht vermissen.«
Sie stiegen eine Treppe hinauf und kamen auf einen großen, hellen Vorsaal,
auf welchem eine Anzahl Thüren mündeten. Eine derselben öffnete die
Lehrerin, und sie traten in ein geräumiges Zimmer ein, das nach dem Garten
führte. Die Fenster waren geöffnet und ein mächtiger Apfelbaum streckte
seine Zweige fast zum Fenster hinein.
Die Einrichtung war nicht elegant, nur das Notwendigste befand sich in dem
Zimmer. Zwei Betten, zwei Kommoden und zwei Kleiderschränke, dann noch ein
großer Waschtisch und einige Stühle.
Als Fräulein Güssow mit Ilse eintrat, erhob sich schnell ein junges
Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren, das mit einem Buche in der Hand am
Fenster gesessen hatte. Es war ein schlankes, zartgebautes Wesen, mit
goldblondem Haar, das sie in einem Knoten aufgesteckt trug, mit blauen
Augen und mit schelmischen Grübchen in den Wangen, sobald sie lachte. Es
war Ellinor Grey, eine Engländerin.
»Hier bringe ich dir Ilse Macket, Nellie,« so wurde der Engländerin Namen
allgemein abgekürzt. »Ich denke, du wirst dich ihrer liebreich annehmen.«
»O ja, ich werde ihr sehr lieben,« antwortete Nellie und reichte der
Neuangekommenen die Hand. »Bleibt die Hund auch hier?« fragte sie.
»Nein,« sagte Fräulein Güssow.
»O wie schade! Es ist ein so süßes Tier!« Und sie streichelte Bob.
Es klang so drollig und sie sah so schelmisch aus, daß Ilse sofort sich
von ihr angezogen fühlte. Gern hätte sie noch ein Weilchen dem komischen
Geplauder Nellies zugehört, aber sie mußte dem Fräulein folgen, die sich
vorgenommen hatte, ihr einige Schulräume zu zeigen. Zuerst öffnete sie die
Thür zu dem Musikzimmer, dann gingen sie in den Zeichensaal und zuletzt
wurde Ilse in den sogenannten großen Saal geführt. Die junge Lehrerin
erzählte ihr, daß in demselben alle Examen und zuweilen auch
Festlichkeiten stattfänden. Ilse hörte mit halbem Ohre, sie hatte nämlich
durch eine offenstehende Thür einen Blick in eine leerstehende Klasse
gethan und Schulbänke darin entdeckt. Dort eingeklemmt sollte sie von
jetzt an sitzen, nicht aufstehen dürfen, wenn es ihr beliebte – o, es war
entsetzlich! Ein Grauen überkam sie plötzlich, ihr war, als würde ihr die
Brust zusammengeschnürt.
»In welche Klasse meinst du, daß du kommen wirst?« fragte das Fräulein,
»deinem Alter nach müßtest du wohl in die erste versetzt werden. Hast du
deine Arbeitsbücher mitgebracht? Wie steht es mit den Sprachen?
Französisch und Englisch sind dir wohl geläufig, da du stets, wie dein
Papa schrieb, eine englische oder französische Gouvernante hattest.«
Von unten herauf tönte eine Glocke. Dies war eine sehr gelegene
Unterbrechung für Ilse, der es unheimlich bei dem Examen wurde. Sie sagte,
daß sie nicht wisse, wie weit sie sei, französisch glaube sie sprechen zu
können.
»Nun laß nur, mein Kind,« meinte das Fräulein, »heute wollen wir noch
nicht an das Lernen denken, bei deiner Prüfung morgen werden wir ja sehen,
welch kleine Gelehrte du bist. – Wir wollen jetzt hinunter in den
Speisesaal gehen, die Glocke hat uns zu Tisch gerufen.«
Als sie in denselben eintraten, fanden sie die Vorsteherin mit dem
Oberamtmann bereits dort. Erstere machte ihn mit der herkömmlichen
Einrichtung während des Essens bekannt. Zum Beispiel, daß die zuletzt
angekommene Pensionärin stets ihren Platz neben der Vorsteherin angewiesen
erhalte. Dann, daß zwei junge Mädchen wöchentlich den Tisch zu besorgen
hatten. Dieselben mußten denselben decken und genau acht geben, daß nichts
fehlte und sämtliche Gegenstände sauber und blank waren. Die Jüngste der
Pensionärinnen sprach stets das Tischgebet.
Dem Oberamtmann gefielen die Anordnungen vortrefflich und als er seinen
Blick über die junge Mädchenschar hingleiten ließ, mußte er seine Freude
aussprechen, wie gesund und fröhlich fast alle aussahen.
Ilse sah auch umher, aber es waren nicht die fröhlichen und gesunden
Gesichter, die sie interessierten, sondern die Schürzen. Jede Einzelne
trug ein solches von ihr verachtetes Ding, und Fräulein Raimar sah nicht
aus, als ob sie eine Ausnahme bei ihr gelten lassen würde.
Nach dem Gebete wurden die Speisen aufgetragen. Dieselben waren kräftig
und gut gekocht, und Herr Macket konnte sich überzeugen, daß sein Kind
auch in dieser Hinsicht gut versorgt sein werde.
Nach dem Essen verabschiedete er sich bald, und Ilse durfte ihn begleiten.
Nellie hatte kaum davon gehört, als sie wie der Wind die Treppe
hinaufflog, um gleich darauf mit Ilses Hut und Handschuhen zurückzukommen.
Diese dankte ihr dafür, und Herr Macket reichte ihr die Hand.
»Leben Sie wohl, mein Fräulein,« sagte er herzlich, denn Nellie hatte
durch diese kleine Aufmerksamkeit ihn sofort für sich eingenommen, »und
haben Sie Geduld mit meinem kleinen Wildfang.«
»O ja,« entgegnete Nellie, »ich werde mir schon gern von sie annehmen.«
»Nun, Ilse, wie gefällt dir das Institut?« fragte der Oberamtmann, als sie
auf der Straße gingen, »ich gestehe, daß ich sehr befriedigt von hier
abreise, ich weiß, ich lasse dich in guten Händen.«
»Mir gefällt es gar nicht hier!« erklärte Ilse höchst verstimmt. »Es ist
mir alles so fremd, und vor dem grauen Fräulein mit dem blonden, glatten
Scheitel fürchte ich mich. Sie ist so hart, so ungefällig! Du sollst
sehen, Papa, sie ist nicht gut gegen mich. Warum soll ich Bob nicht
behalten?«
»Du hast gehört, weshalb nicht, nun mußt du auch nicht mehr so hartnäckig
auf deinen Wunsch zurückkommen,« verwies er sie leicht.
»Nun fängst auch du an, mit mir zu zanken! Niemals hast du so böse mit mir
gesprochen,« rief Ilse schmerzlich beleidigt. Und sie fühlte sich in dem
Gedanken, daß kein Mensch, selbst der Papa nicht, sie leiden möge, so
unglücklich, daß das große Mädchen auf offner Straße zu weinen anfing.
Der Oberamtmann nahm ihren Arm und legte ihn in den seinigen. Des Kindes
Thränen machten ihn so weich.
»Aber Kleines,« sagte er zärtlich und versuchte zu scherzen, »was machst
du denn? Sollen dich die Leute auslachen, wenn das große, kleine Mädchen
weint?«
Er führte sie zurück in das Hotel und dort fanden sie bereits Bob. Freudig
bellend begrüßte er Ilse, und diese nahm ihn hoch und liebkoste ihn unter
lautem Schluchzen.
Um fünf Uhr reiste der Oberamtmann wieder zurück in die Heimat. Die
wenigen Stunden bis dahin vergingen schnell und stürmisch. Je näher der
Abschied rückte, desto aufgeregter wurde Ilse, und es bedurfte seiner
ganzen Festigkeit, um ihrem Wunsche, sie wieder mit nach Moosdorf zu
nehmen, entgegenzutreten.
»Sei doch verständig!« Wie oft bat er sie in dringendem Tone darum, wenn
sie in leidenschaftlicher Erregung allerhand Drohungen ausstieß, wie:
»Ich laufe heimlich davon,« oder »ich werde so ungezogen sein, daß mich
das böse Fräulein wieder fortschickt!« Er wußte, sie werde beides nicht
thun, aber es machte ihm doch Kummer, seinen Liebling so trostlos zu
sehen.
Sie wollte ihn wenigstens zur Bahn begleiten, auch das litt Herr Macket
nicht.
»Ich fahre dich zurück in das Institut und dann allein zur Bahn. So ist es
am besten. Nun komm, Ilschen,« fuhr er fort, als der Wagen unten vorfuhr,
und nahm sie zärtlich in den Arm, »und versprich mir ein gutes, folgsames
Kind zu sein. Du sollst einmal sehen, wie bald du dich eingewöhnt haben
wirst.«
Sie hing sich an seinen Hals und mochte sich nicht von ihm trennen. Es
fiel ihr mit einemmal schwer auf das Herz, wie sehr sie den Papa gequält
hatte in den letzten Stunden.
»Sei mir gut, mein lieber, lieber Papa!« bat sie, »sei mir gut! Du bist ja
der einzige Mensch auf der Welt, der mich lieb hat!«
Als der Wagen vor der Anstalt hielt, trennte sich Ilse lautschluchzend von
ihrem Vater, und als sie denselben davonfahren sah, war es ihr zu Mute,
als ob sie auf einer wüsten Insel allein zurückgelassen, elendiglich
untergehen müsse.
* * *
Noch eine Weile stand sie vor der verschlossenen Pforte, sie konnte sich
nicht entschließen, an der Klingel zu ziehen. Da wurde die Thür von selbst
geöffnet und Fräulein Güssow stand in derselben. Sie hatte von einem
Fenster in der oberen Etage den Wagen kommen sehen und war hinuntergeeilt,
um Ilse zu empfangen.
»Jetzt gehörst du zu uns, liebes Kind,« sagte sie mit warmer Herzlichkeit
und nahm sie in den Arm. »Weine nicht mehr, wir werden dich alle lieb
haben.«
Ilse gab keine Antwort, sie fühlte sich so unglücklich, daß selbst der
liebevolle Empfang der jungen Lehrerin kein Echo in ihrem Herzen fand.
»Möchtest du auf dein Zimmer gehen?« fragte diese.
[Illustration]
Ilse nickte stumm, sie hielt noch immer das Tuch gegen die Augen gedrückt.
»Nellie!« rief Fräulein Güssow, »gehe mit Ilse hinauf und sei ihr beim
Auspacken ihrer Sachen behilflich. Du möchtest doch sicher gern deine
Sachen in Ordnung haben, liebe Ilse.«
Sie wußte sehr wohl, daß Ilse durchaus nicht diesen Wunsch hatte, aber sie
wußte auch, daß die Thätigkeit das beste Heilmittel gegen Kummer und
Herzeleid ist.
Die beiden Mädchen begaben sich auf ihr Zimmer. Ilse setzte sich auf einen
Stuhl, behielt den Hut auf dem Kopfe und starrte zum Fenster hinaus. Es
fiel ihr nicht ein, ihre Sachen auszupacken, und sie war geradezu empört,
daß man Dinge von ihr verlangte, die den Dienstboten zukämen. Nellie hatte
schweigend den Schrank geöffnet und die Schubladen der Kommode aufgezogen,
dann sah sie Ilse an, ob diese sich nicht erheben werde.
»Gieb mich deiner Schlüssel, ich werde aufschließen die Koffers,« sagte
sie, »wir müssen auspacken.«
Unlustig verließ Ilse ihren Platz und da sie an irgend etwas ihren
augenblicklichen Unmut auslassen mußte, nahm sie ihren Hut vom Kopfe und
warf ihn mitten in das Zimmer.
»Warum soll ich alles auspacken? Ich weiß gar nicht, ob ich hier bleiben
werde,« sagte sie. »Mir gefällt es hier nicht!«
Nellie hatte den Hut aufgenommen und ihn auf ein Bett gelegt. »O,« sagte
sie sanft, »du gewöhnst dir schon. Es geht uns alle wie dich, wenn wir
kommen. Du mußt nur deiner Kopf nicht hängen lassen. Nun gieb die
Schlüssels, daß ich öffnen kann.«
Ilses Trotz konnte durch keine Waffe besser geschlagen werden, als durch
Nellies Sanftmut. Sie gab den Schlüssel und jene schloß auf und begann
auszuräumen. Ilse stand dabei und sah zu.
»O, du mußt dich dein Sachen selbst aufräumen in dein Kommode,« sagte
Nellie. »Ich werde dich alles zureichen.«
Ilse hatte wenig Lust dazu, Ordnung kannte sie nur dem Namen nach. Sie
nahm die sauber, mit roten Bändern gebundene Wäsche und warf sie achtlos
in die Schubkasten, es war ihr gleich, wie alles zu liegen kam. Nellie sah
diesem Treiben einige Augenblicke zu, dann fing sie an zu lachen.
»Was machst du?« fragte sie. »Weißt du nicht, wie Ordnung ist?
Taschentücher, Kragen, Schürzen – alles wirfst du durcheinander. Das sieht
sehr bunt aus. Hübsch nebeneinander mußt du es machen, so –,« und sie zog
einen Kasten nach dem andern in ihrer Kommode auf und zeigte Ilse, wie
sauber dort alles geordnet lag.
»Das kann ich nicht!« entgegnete Ilse. »Uebrigens fällt es mir auch gar
nicht ein, so viel Umstände um die dummen Sachen zu machen!«
»Dumme Sachen!« wiederholte Nellie. »O Ilse, wie kannst du so sagen! Sieh
diesen feinen Taschentücher, wie sie schön gestickt, – o und diese süße
Schürzen! Und du hast die schwere Bücher daraufgethan – wie hast du sie
zerdrückt! – Laß nur sein,« fuhr sie fort, als Ilse im Begriffe war,
Schuhe und Stiefel auf die Wäsche zu werfen, »ich werde ohne dir machen –
du verstehst nix!«
Ilse ließ sich das nicht zweimal sagen. Ruhig sah sie zu, wie Nellie das
Schuhzeug nahm und es unten in den Kleiderschrank stellte, wie sie
überhaupt jedem Dinge den rechten Platz gab.
»O, ein schönes Buch!« rief diese plötzlich und nahm ein Buch aus dem
Koffer, das höchst elegant in braunen Samt gebunden und mit silbernen
Beschlägen verziert war. In der Mitte des Deckels befand sich ein kleines
Schild, auf welchem eingraviert war: Ilses Tagebuch.
Ilse nahm dasselbe Nellie aus der Hand und sah es verwundert an. Was war
das für ein Buch? Sie wußte nichts davon. Ein kleiner Schlüssel steckte in
dem Schlosse desselben und als sie es aufgeschlossen hatte, fiel ein
beschriebenes Blatt ihr gerade vor die Füße. Sie hob es auf und las:
Mein liebes Kind!
Möge dieses Buch Dein treuer Freund in der Fremde sein. Wenn Dein Herz
schwer ist, flüchte zu ihm und teile ihm mit, was Dich bedrückt. Es wird
verschwiegen sein und Dein Vertrauen nie mißbrauchen.
Gedenke in Liebe
Deiner
Mama.
Ohne ein Wort zu sagen, legte Ilse das Buch beiseite. Sie empfand keinen
Funken Freude über die reizende Ueberraschung, auch blieben die
liebevollen Worte der Mutter ohne Eindruck auf sie.
»Freut dir das Buch nicht?« fragte Nellie, die sich über diese
Gleichgültigkeit wunderte.
Ilse schüttelte den Kopf. »Was soll ich damit?« fragte sie und ihr
hübscher, frischer Mund zog sich trotzig in die Höhe, »ich schreibe
niemals etwas hinein. Ich werde froh sein, wenn ich meine Aufgaben gemacht
habe. Zu langen, unnützen Geschichten habe ich keine Zeit und keine Lust.«
»Ich würde viel Freude haben, wenn ich ein Mutter hätte, die mir so
beschenkte,« sagte Nellie traurig.
»Ist deine Mutter tot?« fragte Ilse teilnehmend.
»O sie ist lange, lange tot,« entgegnete Nellie. »Sie starb, als ich noch
eines klein Baby war. Meine Vater ist auch tot – ich bin ganz allein.
Niemand hat mir recht von Herzen lieb.«
»Arme Nellie,« sagte Ilse und ergriff ihre Hand. »Aber du hast
Geschwister?«
»O nein! keine Schwester – ganz allein! Ein alte Onkel laßt mir in
Deutschland ausbilden, und wenn ich gutes Deutsch gelernt habe, muß ich
ein Gouvernante sein.«
»Gouvernante!« rief Ilse erstaunt. »Du bist doch viel zu jung dazu! Alte
Mädchen können doch erst Gouvernanten werden!«
Ueber diese naive Anschauung mußte Nellie herzlich lachen, und nun war
ihre traurige Stimmung wieder verschwunden und ihre angeborene Heiterkeit
brach hervor, wie der Sonnenstrahl durch graue Wolken. Auf Ilse aber hatte
Nellies Verlassensein einen tiefen Eindruck gemacht.
»Laß mich deine Freundin sein,« bat sie in ihrer kindlich offnen Weise,
»ich will dich auch sehr lieb haben.«
»Gern sollst du meine Freundin sein,« entgegnete Nellie und reichte Ilse
die Hand. »Du hast mich von der erste Augenblick so nett gefallen.«
Der große Koffer war nun leer, und Nellie ergriff den kleinen und war eben
im Begriffe die Riemen desselben loszuschnallen, als Ilse ihr ihn unsanft
aus der Hand nahm.
»Der bleibt geschlossen!« sagte sie, »du darfst nicht sehen, was darin
ist!«
»O je! Was du machst so böse Augen!« rief Nellie und stellte sich höchst
erschrocken. »Hast du Heimlichkeiten in der kleine Koffer? Ist wohl Kuchen
und Wurst darin?«
Nellie begleitete ihre Worte mit so komischen Gebärden, daß Ilse lachen
mußte. Sie bereute auch schon ihre Heftigkeit.
»Ich war recht heftig, Nellie, sei mir nicht böse,« bat sie. »Wenn du mich
nicht verraten willst, dann werde ich dir zeigen, was darin ist; aber gieb
mir die Hand darauf, daß du schweigen wirst.«
Nellie legte den Zeigefinger auf den Mund und besiegelte mit einem
Händedrucke ihre Verschwiegenheit.
Jetzt nahm Ilse den Schlüssel, den sie am schwarzen Bande um den Hals
trug, und als sie eben im Begriffe war aufzuschließen, wurde zum
Abendessen geläutet.
»O wie schade!« rief Nellie, die vor Neugierde brannte, die
geheimnisvollen Schätze zu sehen. »Nun müssen wir hinunter und erst nach
die Schlafgehen können wir auspacken!«
»Nach dem Schlafengehen?« fragte Ilse erstaunt. »Da liegen wir ja doch in
unsren Betten.«
»Schweig!« entgegnete Nellie und legte abermals den Finger auf den Mund.
»Das ist meines Geheimnis.« – –
Ilse erhielt ihren Platz neben der Vorsteherin. An ihrer andern Seite saß
eine junge Russin, Orla Sassuwitsch. Dieselbe war eine pikante, elegante
Erscheinung mit kurzgeschnittenem, schwarzen Haar, sehr lebhaften, dunklen
Augen und einem Stumpfnäschen. Sie zählte siebzehn Jahre, sah aber älter
aus. Uebrigens sprach sie fließend deutsch.
Ilse hätte gern neben Nellie gesessen, mit der sie in den wenigen Stunden
so vertraut geworden war, die aber saß weit entfernt von ihr.
Augenblicklich hatte sie ihren Platz noch gar nicht eingenommen, sondern
sie stand mit noch einem Mädchen an einem Nebentische und war der
Wirtschafterin behilflich, den Thee zu servieren.
Es war ein allerliebster Anblick, die jungen Mädchen mit ihren sauberen
Latzschürzen so häuslich geschäftig zu sehen. Geschickt gingen sie an den
Tafeln entlang und reichten die Tassen herum.
Verschiedene Schüsseln mit Butterbrötchen, die reichlich mit Wurst und
Braten belegt waren, standen verteilt auf den Tischen.
Fräulein Raimar ergriff die vor ihr stehende und reichte sie Ilse.
»Nimm dir,« sagte sie, »und gieb dann weiter an deine Nachbarin.«
Ilse war hungrig. Am Mittag hatte sie fast keinen Bissen genießen können,
jetzt aber machte die Natur ihre Rechte geltend. Sie nahm sich vier
Schnitten auf einmal, legte zwei und zwei aufeinander und verschlang den
ganzen Vorrat in drei bis vier Bissen. Freilich hatte sie den Mund recht
voll, die Backen traten wie geschwollen heraus, das kümmerte sie indes
wenig, sie war gewohnt, von einem ländlichen Butterbrote tüchtig
abzubeißen, so zarte Theebrötchen hatte sie daheim stets verschmäht. Als
sie trank, hielt sie ihre Tasse mit beiden Händen und stützte die Ellbogen
dabei auf den Tisch.
Fräulein Raimar hatte nicht acht auf Ilse gegeben und wurde erst
aufmerksam, als sie in ihrer Nähe unterdrücktes Kichern hörte. Melanie und
Grete Schwarz, zwei Schwestern aus Frankfurt am Main, die Ilse gerade
gegenüber saßen, amüsierten sich köstlich über deren Ungeniertheit,
stießen heimlich ihre Nachbarinnen an und zeigten verstohlen auf die
nichts ahnende.
Ein strenger Blick der Vorsteherin brachte die Mädchen zur Ruhe. Sie
liebte es nicht, daß über andrer Schwächen und Fehler gespottet wurde.
Ueber Ilses unmanierliche Art zu essen sagte sie vorläufig nichts, um sie
nicht vor den vielen Mädchen zu beschämen, erst unter vier Augen pflegte
sie dergleichen Fehler zu rügen.
»Bist du noch hungrig, Ilse?« fragte sie. Statt einer Antwort nickte diese
mit dem Kopfe, sie hatte ja erst angefangen zu essen.
Abermals wurde ihr die Brotschüssel gereicht und abermals nahm sie die
gleiche Portion und verzehrte dieselbe genau in der früheren Weise.
»Die ist gefräßig!« flüsterte die fünfzehnjährige Grete ihrer um zwei
Jahre älteren Schwester zu. »Sieh nur, wie sie wieder stopft.«
Melanie mußte die Hand vor den Mund halten, sonst hätte sie laut
herausgelacht.
Um halb acht Uhr war das Abendessen vorbei und zugleich den Pensionärinnen
die Erlaubnis gegeben, frei zu thun, was sie wollten, bis neun Uhr. Dann
war Schlafenszeit.
»Komm,« sagte Nellie und trat auf Ilse zu, »ich werde mit dich in die
Garten spazieren. Aber du hast ja dein Serviette noch nicht schön gelegt
und die Ring drauf gezogen! Das mußt du erst machen.«
»Nein,« entgegnete Ilse, »das werde ich nicht! Wozu sind denn die
Dienstmädchen da? Zu Hause hatte ich niemals nötig, solche Dinge zu thun.«
»Ist egal, meine liebe Kind. Hier mußt du solche Dinge thun, wir machen es
alle.«
Richtig, da lagen sämtliche Servietten sauber zusammengewickelt, sie war
die einzige, die es nicht gethan hatte. Ungeduldig nahm sie die ihrige,
schlug sie flüchtig zusammen und zog den Ring darüber.
»So nicht,« meinte Nellie, »das ist ungeschickt.«
Und sie faltete die Serviette noch einmal schnell und geschickt mit ihren
kleinen Händen. Die junge Engländerin hatte bei allem, was sie that,
Grazie und Anmut, es war eine Lust, ihr zuzusehen.
»Nun schnell in der Garten!« sagte sie, nahm Ilses Arm und führte sie
dorthin.
Es war ein hübscher Garten, den Ilse jetzt kennen lernte. Nicht so groß
und parkartig wie der heimatliche, aber wohl gepflegt. Schöne, hohe Bäume
standen darin, auch fehlte es nicht an lauschigen Plätzen. Von allen
Seiten sah man auf die grünbewaldeten Berge.
»Ist es nicht nett hier?« fragte Nellie, habt ihr bei dich auch so schöne
Berge?«
»Nein, Berge haben wir nicht,« entgegnete Ilse, »aber es gefällt mir doch
besser bei uns. Es ist alles so frei, ich kann das ganze Feld übersehen.
Eine Mauer haben wir auch nicht um unsren Park, nur eine grüne Hecke, das
ist viel hübscher.«
Nellie zeigte ihr sämtliche Lieblingsplätze. Sie führte sie zur Schaukel,
zum Turnplatz und zuletzt zu einer alten Linde, die mit ihren breiten
Zweigen und Aesten einen großen, runden Raum beschattete.
»O, es ist süß hier! Nicht wahr?« fragte sie entzückt und sah mit
leuchtenden Augen hinauf in das grüne Blätterdach. »Hier machen wir unsre
Ruhe zu Mittag. Dieser alter Baum kann viel erzählen, wenn er sprechen
will! Er weiß so viel Geheimnisse, die hier verraten sind!«
Bei dem Geplauder Nellies verging die Zeit schnell. Ilse, die am Morgen
sich so unglücklich gefühlt hatte, die am Nachmittage geglaubt hatte, daß
sie nie die Trennung vom Papa überleben könne, hatte schon verschiedenemal
herzlich über Nellie lachen müssen, denn diese hatte eine so drollige Art,
sie auf diese oder jene Pensionärin aufmerksam zu machen.
»Wie heißt das junge Mädchen, das bei Tische neben mir sitzt?« fragte
Ilse.
»Die mit die kurze Haar und der Klemmer auf die Nase? Das ist Orla
Sassuwitsch. Oh sie ist klug! Wir haben alle eine kleine wenig Furcht für
sie, weil sie immer die Wahrheit gerade in die Gesicht sagt.«
»Das ist doch hübsch,« meinte Ilse.
»O ja, wenn sie angenehm ist, aber zuweilen thut die Wahrheit weh, das
hört keiner Mensch gern. Wenn ich zu sie sagen würde: ›Orla, du hast
geraucht!‹ das würde sie gar nicht gefallen, und es ist doch die Wahrheit.
Ich habe durch ihr Schlüsselloch geluxt und habe große, rauchige Wolken
gesehen. –«
Sie waren jetzt bei einer Trauerweide angelangt, die ihre grünen Zweige
bis auf den Boden gesenkt hatte. Nellie blieb stehen und bog einige Zweige
auseinander.
»Hier, Ilse, stell ich dich unsre Dichterin vor,« sagte sie lachend.
Die Angeredete blickte hinein und sah ein junges Mädchen auf einer kleinen
Bank sitzen, die hochaufgeschossen, blond und blaß, und deren Gesicht mit
zahllosen Sommersprossen bedeckt war. Dieselbe hatte auf dem Schoße ein
dickes, blaues Heft, in welchem sie eifrig schrieb.
Mit einer gewissen neugierigen Scheu blickte Ilse sie an, es war ihr so
neu, daß junge, siebzehnjährige Mädchen schon dichten können.
»Sie schreibt Romane,« fuhr Nellie fort, »aber wie! Es kommen immer
zerbrochene Herzen drin vor. – Du wirst dir die Auge schaden, du hast ja
keine Licht genug zu deine Romane!«
Bis dahin hatte Flora Hopfstange sich nicht stören lassen in ihrer Arbeit,
jetzt aber wurde sie ärgerlich.
»Ich bitte dich, laß mich in Ruhe, Nellie!« rief sie und schlug ihr
hellblaues Auge schwärmerisch auf. »Ich hatte eben einen so wundervollen
Gedanken, nun habe ich ihn verloren!«
»O, ich will ihn suchen!« neckte Nellie und bückte sich auf die Erde
nieder, als ob sie ihn dort finden könne.
[Illustration]
»Du bist unausstehlich!« entgegnete Flora aufgebracht. »Du freilich hast
keine Ahnung von meiner Poesie, verstehst du doch nicht einmal deutsch zu
sprechen!«
»Das ist wahr,« meinte Nellie lachend und verließ mit Ilse die
schwerbeleidigte Dichterin.
Melanie und Grete kamen ihnen jetzt entgegen. In ihrer Mitte führten sie
ein junges Mädchen, sie mochte in Melanies Alter sein, mit lieben, sanften
Gesichtszügen. Das braune Haar trug sie einfach und glatt gescheitelt,
kein Härchen sprang widerspenstig hervor. Freundlich lächelte sie Ilse und
Nellie an, die beiden Schwestern dagegen musterten im Vorübergehen die
Neuangekommene mit spöttischen Blicken.
»Die Schwestern kennst du,« bemerkte Nellie, »sie sitzen dich gradeüber
bei Tisch, aber unsre ›Artige‹ ist dich noch unbekannt. O, ich sage dich,
Ilse, sie ist so artig wie eines ganz wohlgezogenes Kind. Sie ist immer
der erste in alle Stunden und macht nie eine dummer Streich, kurz, Rosi
Möller ist eines Musterkind.«
»Was sagst du von unsrem Musterkinde?« rief plötzlich eine fröhliche
Mädchenstimme. »Nellie, Nellie, dein böses Zünglein geht sicher mit dir
durch!«
»Du irrst dir, liebes Lachtaube,« entgegnete Nellie, »Ilse ist noch so
fremd, ich mache ihr bekannt.«
»Wer war das?« fragte Ilse, als die kleine, runde Mädchengestalt, die an
Orlas Arme hing, vorüber war.
»Das ist Annemie von Bosse, genannt Lachtaube. Sie lacht sehr viel,
eigentlich immer, und sie kann keine Ende davon finden. Man muß mitlachen,
sie steckt an. – Nun habe ich dich aber alle Mädchen gezeigt, die in unsre
Alter sind, die anderen sind zu jung oder es sind Engländerinnen. Von die
ist nicht viel zu sage, sie sind alle langweilig und sie sprechen noch
viel weniger gut deutsch als ich.« –
Mit dem Schlage neun begaben sich sämtliche Pensionärinnen zurück in das
Haus. Bevor sie zur Ruhe gingen, war es Sitte, daß sich alle erst in das
Zimmer der Vorsteherin begaben, um ihr gute Nacht zu wünschen. Dieselbe
reichte jeder einzelnen einen Kuß auf die Stirn. Zuweilen ermahnte, lobte
oder tadelte sie diese oder jene dabei, wenn sie den Tag über etwas gut
oder schlecht gemacht hatten, alles geschah aber in liebevollem Tone,
nicht anders als wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht.
»Ich möchte noch mit dir sprechen, liebe Ilse,« sagte Fräulein Raimar, als
Ilse ihr gute Nacht bot. »Verweile noch einen Augenblick hier.«
Und als sämtliche Mädchen das Zimmer verlassen hatten, ermahnte sie Ilse,
etwas manierlicher zu essen.
»Du darfst die Tasse nicht mit beiden Händen fassen und die Ellbogen dabei
aufstützen, Kind, du glaubst nicht, wie unschön das aussieht. Achte auf
deine Mitschülerinnen, du wirst sehen, daß keine einzige es wie du macht.
Und dann, weißt du, stecke nicht wieder so große Bissen in den Mund. Die
kleinen Kinder machen es zuweilen so, aber dann nennt die Mama sie:
Nimmersatt!«
Ilse war dunkelrot geworden vor Aerger über die erhaltene Ermahnung.
Trotzig biß sie die Lippen aufeinander und unterdrückte eine ungezogene
Antwort.
»Geh nun zu Bett, mein Kind, und schlafe gut.«
Sie war im Begriffe, Ilse einen Kuß auf die Stirn zu reichen, als diese
mit einer heftigen Bewegung den Kopf zurückbog. Es war ihr unmöglich, sich
von der Vorsteherin küssen zu lassen, die sie in diesem Augenblicke
geradezu haßte.
Fräulein Raimar wandte sich unwillig von dem Trotzkopfe ab, ohne noch
etwas zu sagen, und Ilse verließ das Zimmer.
Sie lief die Treppe hinauf und trat atemlos zu Nellie in das Zimmer. Die
Thüre warf sie heftig in das Schloß und schob auch noch den Riegel vor,
was in der Pension streng untersagt war.
»Mach nicht der Riegel zu,« sagte Nellie, »wir dürfen das nicht thun. Wenn
wir in die Bett liegen, kommt Fräulein Güssow bei uns nachsehen.«
Ilse rührte sich natürlich nicht, und Nellie mußte das selbst besorgen.
Ungestüm warf sie sich auf ihr Bett und brach in Thränen aus.
»O, was ist dich?« fragte Nellie erschrocken.
»Hier bleibe ich nicht! – Ich reise morgen fort! Wenn das mein Papa wüßte,
wie sie mich behandelt hat!« rief Ilse aufgeregt.
Durch viele Fragen bekam Nellie in einzelnen abgerissenen Sätzen von Ilse
heraus, was Fräulein Raimar gesagt hatte.
»Ich esse ungeschickt, – ich nehme zu große Bissen – und ich bin ein
Nimmersatt! Zu Hause darf ich essen, wie und was ich will! – Ich will
wieder fort! Morgen reise ich! –«
»Du mußt dir nicht so viel grämen um so kleine Sach’,« sagte Nellie sanft
und strich liebkosend Ilses lockiges Haar. »Fräulein Raimar ist sehr
gerecht, sie meint es gut und will dir nicht beleidigen. Mit uns alle
macht sie es so. Wir sind doch jung und dumm und müssen noch lernen. – Nun
komm, wir legen uns jetzt in die Bett und später, wenn Fräulein Güssow bei
uns eingesehen hat, stehen wir ganz leise wie die Mäuschen wieder auf und
packen deiner kleine Koffer leer.«
Aber so leicht war Ilse nicht zu beruhigen. »Nein!« rief sie und sprang
auf, »der kleine Koffer bleibt verschlossen! Ich reise wieder fort!«
Hastig zog sie sich aus, warf ihre Kleidungsstücke drunter und drüber und
legte sich schluchzend in ihr Bett. Schweigend ordnete Nellie die
zerstreuten Sachen, sie hing das schöne Kleid an einen Nagel, Ilse hatte
dasselbe auf einen Stuhl geworfen, und legte alles übrige glatt und
ordentlich zusammen. Dann ging auch sie zur Ruhe.
Bevor sie indes ihr Lager bestieg, kniete sie vor demselben nieder,
faltete die Hände und betete leise ein kurzes Gebet.
»Gut’ Nacht, Ilse,« sagte sie dann und gab ihr einen Kuß. »Du mußt nun
nicht mehr weinen, – alle Anfang ist schwer.«
Aber Ilse weinte noch lange. Ihre Gedanken kehrten zum Vater zurück und
begleiteten ihn auf seiner Rückreise. In wenigen Stunden mußte er die
Heimat erreicht haben. Ach, wenn er wüßte, wie sein einziges Kind
behandelt wurde! Sie fühlte sich zu unglücklich in der Gefangenschaft! –
Wie ein Kind weinte sie sich in den Schlaf, aber böse Träume schreckten
sie mehrmals auf. Bald hielt sie eine mächtige Theetasse in der Hand und
ließ sie zur Erde fallen, bald hielt ihr die Vorsteherin im grauen Kleide
ein heimatliches Butterbrot dicht vor den Mund, wollte sie aber zubeißen,
war es verschwunden.
* * *
Um sechs Uhr am andern Morgen hieß es: Aufgestanden! Da galt kein langes
Besinnen, und wenn die jungen Glieder noch so sehr vom Schlafe befangen
waren, es wurde keine Gnade geübt. Ilse pflegte daheim bald früh, bald
spät aufzustehen, wie sie gerade Lust hatte. Einer bestimmten Ordnung, wie
sie die Mama so sehr gewünscht, hatte sie sich nicht fügen wollen. Es
wurde ihr denn auch nicht wenig schwer, so auf Kommandowort sich erheben
zu müssen, gerade heute hatte sie den Wunsch, noch einigemal sich im Bette
herumzudrehen, sie war so spät erst eingeschlafen. Aber daran war nicht zu
denken, Nellie stand schon da und wusch sich. Mit einem Sprunge war sie
Schlag sechs Uhr aus dem Bette gewesen.
»Wach auf, Ilse,« sagte sie, »um halb sieben trinken wir Kaffee.«
»Schon aufstehen,« antwortete die Verschlafene, »aber ich bin noch so
müde.«
»Thut nix, du darfst nicht mehr schlafrig sein.«
Aber Ilse zögerte noch. Nellie stand schon fertig da, ja hatte schon
alles, was sie zur Nacht- und Morgentoilette nötig hatte, beiseite
geräumt, als sie sich langsam erhob.
»O Ilse, eile dir, du hast nur zehn Minuten Zeit! Schnell, schnell, ich
will dich helfen! Wo sind dein Kamm?«
Ilse zeigte auf ein Papier, das im Fenster lag. »Dort liegen sie
eingewickelt,« gab sie zur Antwort.
»Das ist nicht nett, das gefällt mir nicht,« meinte Nellie und rümpfte das
Näschen. »Du mußt dich ein Taschen nähen, von grauer Stoff und rote Band,
sieh, wie dies da,« und sie zeigte ihre Kammtasche, »siehst du, so ist’s
fein.«
Ilse machte nicht viel Umstände mit ihrem Haar. Sie kämmte und bürstete
es, damit war alles abgemacht, die natürlichen Locken ringelten sich von
selbst ohne weitere Bemühung. Ein hellblaues Band schlang ihr Nellie durch
dieselben und band es mit einer Schleife seitwärts zu.
»Nun noch die Schürze,« sagte sie, als Ilse soweit fertig war, »sie darf
nicht fehlen.« Sie lachte, als Ilse sich dagegen sträubte.
»Du bist ein klein, albern Ding,« schalt sie und band ihr die Schürze vor,
trotz Ilses heftigem Widerstande. »Gleich hältst du still! Ohn’ ein
Schürzen giebt es kein Kaffee.«
Die lustige Nellie setzte es wirklich durch, daß Ilse sich ihrem Willen
fügte.
»So,« sagte sie, »nun bist du schön! Die blau gestickter Schürze ist sehr
nett und du bekommst einer süßer Kuß.«
An langen Tafeln saßen die Mädchen bereits, Nellie und Ilse waren die
letzten. Fräulein Raimar war des Morgens niemals zugegen, nur Fräulein
Güssow führte die Aufsicht. Ilse mußte sich zu ihr setzen. Als ihr der
Kaffee gereicht wurde, nahm sie die Tasse ganz manierlich beim Henkel in
die Hand, aß auch wie es sich gehört nicht mit großen Bissen, wie am Abend
zuvor; aber sie hatte eine andre Unart, die ebenfalls zu tadeln war, sie
schlürfte den Kaffee so laut, daß sie allgemeine Heiterkeit erregte.
Ilse hatte keine Ahnung, daß ihr das Gelächter galt, Orla machte sie damit
bekannt.
»Du führst ja ein wahres Konzert auf,« sagte sie. »Machst du das immer so?
Schön hört sich diese Tafelmusik nicht an, das kann ich dich versichern.«
Ilse fühlte sich schwer beleidigt über diese Zurechtweisung. Hastig setzte
sie die Tasse nieder, erhob sich und eilte hinaus.
»Du durftest sie nicht vor all’ den übrigen so beschämen, Orla,« tadelte
Fräulein Güssow, indem sie ebenfalls aufstand, um Ilse zu folgen, »das
kränkt sehr.«
Ilse war gerade im Begriff in den Garten zu gehen, als die junge Lehrerin
sie zurückrief.
»Wo willst du hin, Ilse?« fragte sie. »Was fällt dir ein, mein Kind, daß
du nach deinem Gefallen davonläufst? Es ist nicht Sitte bei uns, daß
jemand eine Mahlzeit verläßt, bevor dieselbe beendet ist. Komm gleich
zurück und verzehre dein Frühstück.«
»Ich mag nicht mehr frühstücken,« entgegnete Ilse, »und ich gehe nicht
wieder hinein! Sie haben mich alle ausgelacht und Orla war ungezogen gegen
mich. Es geht niemand etwas an, wie ich esse und trinke, ich mache es, wie
ich will! Vorschriften lasse ich mir nicht machen, nein!«
»Ehe ich weiter mit dir spreche, bitte ich dich erst ruhig und vernünftig
zu sein, liebe Ilse. Ich kann nicht dulden, daß du in einem so unartigen
Tone zu mir sprichst.«
Sehr ernst und nachdrücklich hatte Fräulein Güssow gesprochen, aber es
klang doch ein Ton der Liebe hindurch. Ihr schönes, weiches Organ
verfehlte selten den Weg zum Herzen, das lernte auch Ilse in diesem
Augenblicke kennen. Sie blickte zu Boden, und etwas wie Beschämung stieg
in ihr auf.
Die Lehrerin las in Ilses beweglichen Zügen und wußte, was in ihr vorging.
»Gieb mir deine Hand, du kleiner Brausekopf!« sagte sie freundlich, »und
versprich mir, nicht wieder so stürmisch zu sein und deiner
augenblicklichen Laune zu folgen, selbst wenn du glaubst, im Rechte zu
sein. Heute warst du es nicht einmal, du trankest wirklich etwas
unappetitlich. Orla hat es gut gemeint, daß sie dich darauf aufmerksam
machte, du darfst ihr darum nicht böse sein. So eine kleine wohlverdiente
Lehre muß sich jede von euch gelegentlich gefallen lassen. Es ist doch
besser, jetzt als Kind zurechtgewiesen zu werden, als wenn deine Fehler
und Angewohnheiten späterhin zum Spott der Gesellschaft würden.«
Daheim hatte Ilse niemals hören wollen, daß sie eine junge Dame sei, und
jetzt berührte es sie gar nicht angenehm, daß man sie gewissermaßen noch
zu den Kindern rechnete.
»Nun siehst du das ein, Ilse?« fragte die Lehrerin.
Vielleicht that sie es, aber sie würde ein Ja nicht über die Lippen
gebracht haben. Fräulein Güssow begnügte sich mit ihrem Stillschweigen und
nahm dasselbe für eine Zustimmung. Sie meinte, daß eine Natur wie Ilses
nicht mit Gewalt zum Nachgeben gezwungen werden dürfe.
»Nun wollen wir zurück in den Speisesaal gehen,« sagte sie, und Ilse wagte
keine Widerrede. Sie folgte dem Fräulein mit niedergeschlagenen Augen, sie
hatte Furcht vor den vielen peinlichen Blicken, die sich alle auf sie
richten würden.
Als sie eintraten, war das Zimmer leer und die Frühstückszeit vorüber.
Niemand war froher als Ilse, die sich wie erlöst vorkam.
»Ich habe noch einen Auftrag für dich, Ilse,« sagte die Lehrerin.
»Fräulein Raimar wünscht deine Arbeitshefte zu sehen, auch sollst du
zugleich mündlich geprüft werden. In einer Stunde finde dich in dem
Konferenzzimmer ein, du wirst dort zugleich deine zukünftigen Lehrer und
Lehrerinnen zum Teil kennen lernen.«
»Wollen sie mich alle prüfen?« fragte Ilse etwas besorgt.
»Nein,« entgegnete das Fräulein, »aber sie werden zuhören, wenn Fräulein
Raimar dich examiniert. Später wirst du dann erfahren, in welche Klasse du
gesetzt bist, und morgen nimmst du zum erstenmal an dem Unterricht teil.«
Ilse ging in ihr Zimmer und suchte ihre Hefte zusammen. Sie waren nicht in
der besten Verfassung. Das deutsche Aufsatzheft machte besonders keinen
Staat. Verschiedene Tintenflecke zierten es, und sogar einige naseweise
Fettflecke machten sich darauf breit. Das französische Heft wurde ganz
beiseite gelegt. Sie hatte versucht, einige Seiten, die gar zu verschmiert
aussahen, herauszureißen und durch diesen Gewaltstreich waren alle andern
Blätter gelockert – unmöglich konnte sie das Buch in dieser Verfassung
vorzeigen.
Nellie, die gerade eine freie Stunde hatte, sah erstaunt Ilses Treiben zu.
»Was thust du?« fragte sie. »Willst du dein Bücher so an Fräulein Raimar
vorzeigen? das darfst du nicht. Hat deiner Herr Pastor dir dies erlaubt?
Gieb schnell, ich will dich blaues Umschläge drum wickeln, das ist nett
und man sieht die alte Flecken nicht.«
»Gieb her!« rief Ilse gereizt. »Sie sind gut so! Es ist mir ganz egal, ob
Fräulein Raimar die Flecken sieht oder nicht!«
»Nicht so zornig, Fräulein Ilse! Sie sind eine kleine, unordentliche junge
Dame! Würde es dir vielleicht spaßig sein, wenn Fräulein Raimar deine Buch
mit spitze Finger hoch hielt und sie alle Lehrer zeigte? O nein, das wär
dich nicht egal und nicht spaßig. Besonders wenn Herr Doktor Althoff,
unser deutscher Lehrer, mit seine bekannte, höhnische Lachen dir so von
die Seiten ansieht und fragt: Wie alt sind Sie, mein Fräulein?«
Trotzdem Ilse ungeduldig wurde, trotzdem sie entschieden erklärte, es wäre
höchst unnütz, daß so viele Umstände wegen der dummen Bücher gemacht
würden, setzte Nellie ihren Willen durch.
»So, nun kannst du gehen,« sagte sie, als sie auch dem letzten Hefte ein
blaues Kleid gegeben hatte, »nun bedanke dir für mein Mühe.«
»Du bist doch sehr gut, Nellie,« meinte Ilse. »Wie ist es dir nur möglich,
stets so sanft und geduldig zu sein? Ich kann das nicht!«
»O, du lernst schon, Kind. Wirst noch eine ganz zahme, kleine Vogel sein!«
entgegnete Nellie.
Um elf Uhr ging Ilse hinunter in das Konferenzzimmer. Als sie eintrat,
fand sie mehrere Lehrer und einige Lehrerinnen anwesend. Sie saßen um
einen Tisch, Fräulein Raimar nahm den Platz obenan ein.
»Tritt näher, Ilse,« sagte sie und machte mit einigen freundlichen Worten
die neue Schülerin mit ihren zukünftigen Lehrern bekannt. Darauf ließ sie
sich die Schreibhefte reichen. Das Aufsatzbuch fiel ihr zuerst in die
Hand. Sie blätterte und las darin, und einigemal schüttelte sie den Kopf.
»Oft recht gute und klare Gedanken,« bemerkte sie zu dem neben ihr
sitzenden Lehrer der deutschen Sprache, Doktor Althoff, »und dabei diese
oberflächliche, flüchtige Schrift. Sehen Sie einmal, ›uns‹ mit einem ›z‹
geschrieben – ›Land‹ mit einem ›t‹. Da werden wir viel Versäumtes
nachzuholen haben. Wie schreibst du ›Land‹, Ilse, buchstabiere einmal.«
Ilse konnte unmöglich diese Frage für ernst halten. War sie denn ein
kleines Mädchen aus der A-B-C-Klasse? Sie zögerte mit der Antwort.
Die Vorsteherin indes war nicht gewöhnt zu scherzen, sie sah erstaunt die
schweigende Ilse an.
»Wie du Land schreibst, möchte ich von dir wissen,« wiederholte sie noch
einmal in bestimmtem Tone, der jeden Zweifel, ob er ernst gemeint sei oder
nicht, benahm.
Ilse kräuselte etwas unwillig die Stirn, zog die Lippe in die Höhe und
buchstabierte so schnell, daß man ihr kaum folgen konnte: L–a–n–d. Den
Blick hatte sie zum Fenster hinausgewandt, um Fräulein Raimar nicht
anzusehen.
»Also nur flüchtig, ich dachte es mir,« sagte diese. »Wenn du in Zukunft
deine Aufsätze machst, wirst du sehr aufmerksam sein. Fehler, wie ich sie
in deinen Aufgaben finde, kommen bei uns nicht mehr in der dritten Klasse
vor.«
Es wurden nun Ilse Fragen in den verschiedensten Fächern vorgelegt.
Manchmal fielen die Antworten überraschend aus, zuweilen dagegen geradezu
einfältig. Doktor Althoff lächelte einigemal, was Ilse das Blut bis hinauf
in die braunen Locken trieb. Sie ärgerte sich darüber und drehte ihr
Taschentuch wie eine Wurst fest zusammen.
Im Französischen bestand sie gut. Monsieur Michael, der französische
Lehrer, ein älterer Herr mit weißem Haar, redete sie gleich in dieser
Sprache an, sie antwortete ihm korrekt und fließend.
Miß Lead, die englische Lehrerin, die ebenfalls im Institute wohnte, hatte
weniger Glück bei ihrer Anrede. Ilse holperte sehr, als sie die Antwort
gab.
»Nun kannst du uns verlassen, Kind,« sagte Fräulein Raimar. »Dein Examen
ist zu Ende. Später werde ich dir mitteilen, welche Klasse du besuchen
wirst.«
Nachdem Ilse das Zimmer verlassen, wurde nach einigem Hin- und Herberaten
der Beschluß gefaßt, sie in die zweite Klasse zu geben, im Französischen
solle sie indes die erste besuchen.
»Ich glaube, Ilse wird uns viel Not machen,« äußerte die Vorsteherin
besorgt. »Sie ist widerspenstig und trotzig, auch kann sie nicht den
geringsten Tadel vertragen.«
»Aber sie hat ein gutes Herz,« fiel Fräulein Güssow lebhaft ein. »Ich habe
noch keine Beweise dafür, aber ich lese es in ihrem schönen, offnen Auge.
Ich bin überzeugt, daß ich mich nicht täusche. Eins ist mir indes klar,
mit Strenge werden wir wenig ausrichten, dagegen hoffe ich, mit Liebe und
Energie wird es uns gelingen, ihren Trotz zu zähmen.«
»Das ist ganz meine Ansicht!« stimmte Monsieur Michael bei, »Sie werden
sehen, meine Damen und Herren, Mademoiselle Ilse wird eine Zierde der
Pension sein! Mit welcher Eleganz spricht sie französisch, wie gewählt
setzt sie die Worte! Ah, sie ist ein Genie!« – Der kleine Herr hatte sich
ordentlich in Begeisterung gesprochen und seine Worte mit lebhaften
Gestikulationen begleitet.
»Ich wünsche von Herzen, daß Sie recht haben mögen,« entgegnete Fräulein
Raimar und erhob sich von ihrem Platze. »An Liebe und Nachsicht wollen wir
es nicht fehlen lassen, vielleicht gelingt es uns, Ilse verständig und
gefügig zu machen.« –
Fürs erste schien noch wenig Aussicht dazu. Beim Mittagessen legte Ilse
wieder den Beweis ab, wie recht Fräulein Raimar hatte, wenn sie
behauptete, daß Ilse keinen Tadel vertragen könne.
Sie hielt die Gabel schlecht. Die Fingerspitzen berührten fast die
Speisen. Das Gemüse verzehrte sie mit dem Messer und so heiß, daß sie
manchmal, um sich nicht zu verbrennen, den Bissen wieder aus dem Munde
fallen ließ. Auch hielt sie den Kopf sehr tief über den Teller gebeugt,
was ihr das Aussehen eines hungrigen Kindes gab.
»Sitze gerade, liebe Ilse,« ermahnte die Vorsteherin, »es ist dir nicht
gesund, so krumm zu sitzen.«
»Ich esse immer so,« erwiderte sie ziemlich kurz.
»Ich aß immer so, meinst du wohl, mein Kind, denn hier wirst du dich daran
gewöhnen, zu thun, was Sitte ist ... Hast du zu Hause auch stets die Gabel
so kurz gefaßt und mit dem Messer gegessen?«
»Ja,« sagte Ilse und warf den Kopf leicht in den Nacken. »Papa hatte nie
etwas an mir auszusetzen, er war zufrieden, wenn es mir nur schmeckte.«
»Aber die Mama, hat auch sie deine Art zu essen gutgeheißen?«
Ilse schwieg. Eine Unwahrheit konnte und mochte sie nicht sagen, denn wie
oft hatte die Mutter sie ermahnt, und wie oft hatte sie derselben zur
Antwort gegeben: »Dann will ich gar nichts essen, wenn du mich immer
tadelst.«
Das Fräulein hatte leise, nur für Ilse verständlich gesprochen. Niemand
ahnte, was sie sagte, denn ihre Züge sahen mild und freundlich aus. Eine
Antwort auf ihre Frage wartete sie nicht ab, aber es gefiel ihr, daß Ilse
lieber schwieg, als gegen ihre Ueberzeugung sprach.
»Nun iß nur, Kind,« fuhr sie fort, »mit der Zeit wirst du dich schon
gewöhnen. In wenigen Wochen hast du alle deine kleinen Unebenheiten
abgestreift und wir werden niemals nötig haben, etwas an dir zu rügen.
Nicht wahr?«
»Ich weiß es nicht,« erwiderte Ilse und sah mit einem ziemlich
verdrießlichen Gesicht auf ihren Teller nieder.
»Du mußt dir Mühe geben, dann wird es schon gehen.«
Dazu schwieg Ilse. Natürlich war sie fest davon überzeugt, daß ihr das
größte Unrecht geschah. Warum sollte sie nicht natürlich essen? Der Papa
hatte stets gesagt, sie solle keine Zierpuppe werden, nun hatte man bei
allem, was sie that und wie sie es that, etwas auszusetzen. Sie wagte kaum
noch etwas zu genießen und wenn das so weiter ging, wollte sie lieber
verhungern. –
* * *
Am Abend, als Nellie und Ilse sich schlafen gelegt hatten, als Fräulein
Güssow bereits ihre Runde gemacht, als das Licht gelöscht und alles still
im Hause war, rief Nellie, »wachst du, Ilse?«
»Ja,« antwortete diese, »was soll ich?«
»Zieh dir leise an, wir wollen dein kleiner Koffer auspacken.«
»Es ist ja aber dunkel,« meinte Ilse.
»O laß nur, ich habe schon eine Licht.«
Leicht und unhörbar stieg Nellie aus ihrem Bette und ging auf Strümpfen an
ihre Kommode. Sie zog den oberen Kasten vorsichtig heraus und nahm einen
kleinen Wachsstock aus demselben. Nachdem sie ihn angezündet hatte,
stellte sie ein Buch davor, damit kein Lichtschimmer durch das Fenster
drang.
»Ist doch fein, nicht?« fragte sie. »Nun eile dich aber,« trieb sie Ilse,
die sich flüchtig ankleidete.
»Wo hast du der Schlüssel?«
»Hier habe ich ihn,« entgegnete Ilse und zog ihn unter dem Kopfkissen
hervor, »ich werde selbst aufschließen.«
Nellie leuchtete mit dem Wachsstocke und hielt die Hand davor.
Vornübergebeugt stand sie in neugieriger Erwartung, der Schätze harrend,
die sich vor ihren Augen aufthun würden. Recht enttäuscht wurde sie, als
Ilse anfing auszupacken. Die erwarteten Delikatessen – Nellie war eine
Freundin davon – kamen nicht zum Vorschein.
»O, hast du keine Kuchen?« fragte sie, warf den Plunder heraus und
durchsuchte mit der Hand bis auf den Grund.
»Au, au!« rief sie plötzlich und fuhr mit der Hand zurück. »Was ist dies?
Ich habe mir gestochen!« Und richtig, ein roter Blutstropfen hing an dem
kleinen Finger.
Ilse begriff nicht, woher die Verwundung kam, bis sie selbst in den Koffer
griff und die Ursache entdeckte, – – o Schrecken! das Glas mit dem
Laubfrosche war zerbrochen, und Nellie hatte sich an einem Glassplitter
geritzt.
»Wo nur der Frosch ist,« sagte Ilse ängstlich und räumte die Scherben
fort.
»Was? – eine Frosch? Eine lebendige Frosch? O je – hast du ihn verpackt?
Wie kannst du so eine arme Tier in die Koffer thun? Ohne Luft muß er tot
gehen!«
Ilse hatte soeben den kleinen Laubfrosch gefunden, – natürlich war er tot.
Sie legte ihn auf die flache Hand und hauchte ihn an, vielleicht brachte
sie ihn wieder zum Leben. Nellie lachte sie aus.
»Du hast die arm, klein Frosch gemordet,« sagte sie und nahm ihn in die
Hand. »O, er ist kaput! Er kriegt keine Leben wieder, niemals! Morgen früh
wollen wir ihn in ein Schachtel legen und unter die Linde vergraben.«
Ilse sah traurig auf den Frosch und die Thränen traten ihr in die Augen.
Sie hatte das Tierchen selbst gefangen, es stets gefüttert und eine große
Freude daran gehabt, nun hatte sie es getötet durch eigne Schuld.
[Illustration]
»Wie schlecht von mir, daß ich so dumm sein konnte!« klagte sie sich an.
»Ich dachte gar nicht daran, als ich meine Sachen packte, daß er ersticken
müsse. Es ging so schnell –«
Einigermaßen tröstete sie die Aussicht auf das Begräbnis unter der Linde.
»Wir machen eine kleiner Hügel,« sagte Nellie, »und pflanzen Blumen
darauf. Und ein klein Holzkreuz stecken wir in die Erden und schreiben
daran: Hier ruht Ilses Frosch. Er mußte sein junge Leben lassen, weil ihm
der Luft ausging.«
Dieser komische Einfall trocknete Ilses Thränen, sie mußte darüber lachen.
Als sie den ausgestopften Kanarienvogel ansah, fand sie, daß er sehr
gelitten hatte. Das Köpfchen war ganz breit gedrückt und der eine Flügel
hing herunter. Nellie gab ihm wieder einige Façon. Sie drückte den Kopf
rund und versprach auch, den Flügel wieder gut zu machen. Sie wollte ihn
am andern Tage anleimen.
»Laß mir nur machen,« sagte sie, »ich werde ihm schon wieder in die
Ordnung bringen.«
»Was ist denn das?« fragte sie plötzlich und hielt Ilses Blusenkleid in
die Höhe, »warum hast du diese schmacklose Robe eingepackt, – und die alte
schmutzige Stiefel, – was soll damit?«
Warum? Darüber hatte Ilse selbst noch nicht nachgedacht, aber sie war
ärgerlich, ihr Lieblingskostüm so verachtet zu sehen.
»Du verstehst nichts davon,« sagte sie und nahm es Nellie fort. »Es ist
mein liebster und schönster Anzug! Ich mag die andern Kleider gar nicht
leiden, sie sitzen so fest und sehen so geziert aus.«
»O laß mir ihn probieren,« bat Nellie, »ich will ihn anziehen.«
Dagegen hatte Ilse nichts einzuwenden. Sie half Nellie ankleiden und in
wenigen Augenblicken stand diese in einem ganz wunderbaren Aufzuge da.
Der Rock war ihr zu kurz, da sie etwas größer als Ilse war, unter
demselben sah das lange, weiße Nachtgewand hervor, die Bluse war
stellenweise zerrissen und Nellie hatte den Aermel verfehlt und war durch
ein großes Loch dicht daneben herausgefahren, so daß der Aermel auf dem
Rücken hing. Nachdem sie auch noch den schäbigen Ledergürtel um ihre
zierliche Taille geschnallt hatte, stand sie fertig da, bis auf die
Stiefel, die sie nicht anziehen mochte, weil sie zu schmutzig waren.
»Bequem ist diese Kostüm, das ist wahr,« sagte sie und fing an, allerhand
lustige Sprünge auszuführen und sich im Kreise zu drehen. »Man ist so
luftig – so leicht!«
Ilse brach plötzlich in ein so herzhaftes Gelächter aus, daß Nellie auf
sie zueilte und ihr den Mund mit der Hand verschloß.
»Du darfst nicht so toll lachen,« sagte sie, »du wirst uns verraten!«
»Ich kann nicht anders, du siehst ja zum totlachen aus.«
Nellie trat mit dem Wachsstocke vor den kleinen Spiegel und betrachtete
sich.
»O wie abscheulich!« sagte sie und riß die Sachen herunter, »wie kannst du
so ein häßlicher Anzug schön finden!«
Ilse verschloß ihre Herrlichkeiten wieder in den Koffer, dann wurde das
Licht gelöscht und in wenigen Augenblicken schliefen die beiden Mädchen
fest und tief.
* * *
Vierzehn Tage waren seit Ilses Aufnahme in der Pension vergangen. Manche
bittre Thräne hatte sie in der kurzen Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit
erschien, geweint, und oft, recht oft hatte sie die Feder angesetzt, um
dem Vater zu schreiben, daß er sie zurückholen möge. Nur weil sie sich vor
der Mutter scheute, that sie es nicht. Erst zweimal hatte sie die vielen
und langen Briefe, die sie aus der Heimat erhalten, beantwortet, nur ganz
kurz und mit der Entschuldigung, daß ihr die Zeit zu längeren Briefen
fehle.
Endlich, eines Sonntag Nachmittags, den fast alle Pensionärinnen zum
Briefschreiben benutzten, setzte auch sie sich dazu nieder. Große Lust
hatte sie indessen nicht. Sie wußte gar nicht recht, was sie schreiben
sollte; wie es ihr eigentlich um das Herz war, mochte sie ja doch nicht
sagen.
Sie schlug die neue Schreibmappe auf, wählte nach langem Suchen einen rosa
Bogen mit einer Schwalbe darauf, tauchte eine Feder in das Tintenfaß und –
malte allerhand Schnörkeleien auf ein Stückchen Papier. Nachdem sie diese
Unterhaltung ein Weilchen getrieben, begann sie endlich den Brief. Nach
wenigen Zeilen hörte sie auf und legte das Geschriebene beiseite. Der
Anfang gefiel ihr nicht. Es wurde ein neuer Schwalbenbogen geopfert und
noch einer. Der vierte endlich hatte mehr Glück. Sie beschrieb denselben
von Anfang bis zu Ende, ja, sie nahm noch einen fünften Bogen dazu. Sie
war nun einmal in das Plaudern gekommen, immer wieder fiel ihr etwas ein,
das sie dem Papa mitteilen mußte.
Als sie zu Ende war, durchlas sie noch einmal ihre lange Epistel und wir
blicken ihr über die Schulter und lesen mit.
»Mein liebes Engelspapachen!
Es ist heute Sonntag. Das Wetter ist so schön und im Garten blühen die
Rosen (da fällt mir eben ein, hat meine gelbe Rose, _maréchal Niel_, die
der Gärtner im Frühjahre verpflanzte, schon Knospen angesetzt? bitte,
vergiß nicht, mir Antwort zu geben) – und die Vögel singen so lustig –
ach! und deine arme Ilse sitzt im Zimmer und kann sich nicht im Freien
umhertummeln. Mein liebes Pa’chen, das ist recht traurig, nicht wahr? Ich
komme mir oft vor wie unser Mopsel, wenn er genascht hatte und zur Strafe
dafür eingesperrt wurde. Ich möchte auch manchmal, wie er es that, an der
Thüre kratzen und rufen: macht auf! Ich will hinaus!
Es ist gar nicht hübsch, immer eingesperrt zu sein. Zu Haus konnte ich
doch immer thun und treiben, was ich wollte, im Garten, auf dem Felde, in
den Ställen, überall durfte ich sein und meine reizenden Hunde waren bei
mir und liefen mir nach, wohin ich ging. Ach, das war zu himmlisch nett!
Was macht Bob, Papachen, und Diana und Mopsel und die andern? O, wenn ich
sie gleich hier hätte!
Es ist in der Pension alles so furchtbar streng, man muß jede Sache nach
Vorschrift thun. Aufstehen, Frühstücken, Lernen, Essen, – immer zu
bestimmten Stunden. Und das ist gräßlich! Ich bin oft noch so müde des
Morgens, aber ich muß heraus, wenn es sechs geschlagen hat. Ach, und wie
manchmal möchte ich in den Garten laufen und muß auf den abscheulichen
Schulbänken sitzen! Die furchtbare Schule!
Ich lerne doch nichts, Herzenspa’chen, ich bin zu dumm. Nellie und die
andern Mädchen wissen viel mehr, sie sind auch alle klüger als ich. Nellie
zeichnet zu schön! Einen großen Hundekopf in Kreide hat sie jetzt fertig,
als wenn er lebte, sieht er aus. Und Klavier spielt sie, daß sie Konzerte
geben könnte – und ich kann gar nichts!
Wenn ich doch lieber zu Hause geblieben wäre, dann wüßte ich doch gar
nicht, wie einfältig ich bin. Nellie tröstet mich oft und sagt: ›Es ist
keiner Meister von der Himmel gefallen, fang’ nur an, du wirst schon
lernen!‹ Aber ich habe angefangen und doch nichts gelernt. Ich weiß nur,
daß ich sehr, sehr dumm bin.
Am fürchterlichsten sind die Mittwoch Nachmittage. Da sitzen wir alle von
drei bis fünf in dem Speisesaale. Die Fenster nach dem Garten sind weit
offen und ich blicke sehnsüchtig hinaus. Es zuckt mir förmlich in Händen
und Füßen, daß ich aufspringen möchte, um in den Garten zu eilen – ich
darf es nicht, ganz still muß ich dasitzen und muß meine Sachen
ausbessern, – Strümpfe stopfen und was ich sonst noch zerrissen habe,
wieder flicken. Denke Dir das einmal, mein kleines Papachen! Deine arme
Ilse muß solche fürchterliche Arbeiten thun! – Und Fräulein Güssow sagt,
das wär’ notwendig, Mädchen müssen alles lernen. Sie war ganz erstaunt,
daß ich nicht stricken konnte. Man kauft doch jetzt die Strümpfe, das ist
ja viel netter, warum muß ich mich unnütz quälen? Es wird mir so schwer,
die Maschen abzustricken, und ich mache es auch sehr schlecht.
Melanie Schwarz, sie ist sehr hübsch, ziert sich aber und stößt mit der
Zunge an, und dann sagt sie immer zu allem: ›Furchtbar nett, furchtbar
reizend, oder furchtbar scheußlich‹ – sie meinte neulich: ›Du strickst
aber furchtbar scheußlich, Ilse.‹ Du siehst, Pa’chen, ich kann nichts!
In den Arbeitsstunden wird einmal französisch, einmal englisch die
Unterhaltung geführt. Französisch kann ich mich allenfalls verständlich
machen, aber englisch geht es sehr schlecht, so schlecht, daß ich mich
schäme, den Mund aufzuthun. Nellie ist gut, sie hilft mir nach und will
oft mit mir sprechen, wenn wir allein sind.
Du fragst mich, lieber Papa, ob ich schon Freundinnen habe, – ja – Nellie
und noch sechs andre Mädchen sind meine Freundinnen, Nellie aber habe ich
am liebsten. Wie sie alle heißen, will ich Dir das nächstemal schreiben,
auch Dir erzählen, wie sie aussehen, heute kann ich mich nicht dabei
aufhalten, sonst nimmt mein Brief kein Ende. Eine Schriftstellerin ist
auch dabei, das muß ich Dir noch mitteilen.
Wenn wir spazieren gehen, nämlich jeden Mittag von zwölf bis eins und
jeden Nachmittag von fünf bis sieben, gehe ich fast immer mit Nellie in
einer Reihe. Wir müssen nämlich wie die Soldaten zwei und zwei
nebeneinander marschieren. Eine Lehrerin geht voran, eine hinterher mit
einer kleinen Pensionärin an der Hand. Nicht rechts, nicht links dürfen
wir gehen, immer in Reih’ und Glied bleiben. Ach! und ich habe so oft
Lust, einmal recht toll davonzulaufen, auf die Berge hinauf – immer
weiter! – aber dann würde ich nicht wieder in mein Gefängnis zurückkehren
– –
In die Kirche gehen wir einen Sonntag um den andern, dort gefällt es mir
aber gar nicht. Ich sitze zwischen so viel fremden Leuten, und der
Prediger, ein ganz alter Mann, spricht so undeutlich, daß ich Mühe habe,
ihn zu verstehen. In Moosdorf ist es viel, viel hübscher! Da sitzen wir
eben in unsrem Kirchstuhle und wenn ich hinunter sehe, kenne ich alle
Menschen. Und wenn unser Herr Kantor die Orgel spielt und die Bauernjungen
so laut und kräftig anfangen zu singen – und mein lieber Herr Prediger
besteigt die Kanzel und predigt so schön zu Herzen, dann ist es mir so
feierlich, so ganz anders als hier! – ach, und manchmal, wenn die
Sonnenstrahlen durch das bunte Kirchenfenster fallen und so schöne Farben
auf den Fußboden malen, dann ist es so herrlich, so herrlich, wie
nirgendwo auf der ganzen Welt!«
[Illustration]
Hier mußte Ilse mitten im Lesen innehalten und eine Pause machen. Der
Gedanke an die Heimat und die Sehnsucht dahin überwältigten sie dermaßen,
daß sie weinen mußte. Erst als ihre Thränen wieder getrocknet waren, las
sie zu Ende.
»Grüße nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die Mama; das Tagebuch, das
sie mir mit eingepackt hat, kann ich nicht gebrauchen, ich habe keine
Zeit, etwas hineinzuschreiben. Aber ich bedanke mich dafür. Nun leb’ wohl,
mein lieber, süßer, furchtbar netter Papa. Ich küsse Dich
hunderttausendmal. Bitte, gieb auch Bob einen Kuß und grüße Johann von
Deiner
Dich unbeschreiblich liebenden Tochter
_Ilse_.
_N. S._ Ich will gern Zeichenunterricht nehmen bei dem Herrn Professor
Schneider, ich darf doch? Morgen fange ich an.
_N. S._ Beinah hätte ich vergessen, Dir zu schreiben, daß Du mir doch eine
Kiste mit Kuchen und Wurst schickst. Nellie ist immer so hungrig, wenn wir
des Abends im Bette liegen und ich auch.
_N. S._ Lieber Papa, ich kriege immer so viel Schelte, daß ich so
ungeschickt esse, schreibe mir doch, ob das nicht sehr unrecht ist. Der
Mama sage nichts hiervon. Deine Hand drauf! – Fräulein Güssow habe ich
sehr lieb.« –
Gerade saßen Ilses Eltern mit dem Prediger zusammen auf der Veranda am
Kaffeetische, als ihr langer Brief eintraf. Der Oberamtmann las ihn vor
und wurde bei einigen Stellen so gerührt, daß er kaum weiter zu lesen
vermochte.
»Ich möchte das arme Kind zurückhaben,« sagte er, nachdem er zu Ende
gelesen, »es fühlt sich unglücklich, und ich sehe nicht ein, warum wir
unsrer einzigen Tochter das Leben so verbittern sollen. Was meinst du,
Annchen, und Sie, lieber Vollert, wär’ es nicht besser?«
Der Prediger durchlas noch einmal den Brief, faltete ihn wieder zusammen
und machte ein höchst zufriedenes Gesicht.
»Ich bin nicht Ihrer Meinung,« entgegnete er, »ja ich würde das für eine
Sünde halten. Ilse ist bereits auf dem Wege einzusehen, daß sie noch
vieles lernen muß, sie vergleicht sich mit den Genossinnen und erkennt
ihre Fehler, die Lücken in ihrem Wissen. Wir haben schon mehr erreicht in
dieser kurzen Zeit, als ich mir gedacht habe.«
»Das Heimweh ist ja natürlich,« fiel Frau Anne ein, »bedenke nur, wie
schwer es einem an die Freiheit gewöhnten Wesen werden muß, sich plötzlich
in den Schulzwang zu fügen! Die Regelmäßigkeit des Instituts ist ihrer
ungebändigten Natur zuwider; zu Ilses Glück, sie wird sich fügen lernen,
ihre Wildheit abstreifen und ein liebes, herziges Mädchen sein.«
Der Oberamtmann war verstimmt, daß man ihn nicht verstand. Weder der
Prediger noch Frau Anne überzeugten ihn mit ihren Vernunftgründen. Er
urteilte eben nur mit seinem weichen Herzen, und das litt sehr bei dem
Gedanken an sein heimwehkrankes Kind.
Ilses Wünsche wurden natürlich alle erfüllt und zwar umgehend: Es mußte
Kuchen gebacken und die schönste Wurst, nebst einem Stück Schinken aus der
Rauchkammer geholt werden. Der Oberamtmann packte selbst die kleine Kiste
und legte noch allerhand Leckereien mit hinein.
»Not soll sie wenigstens nicht leiden,« sagte er zu seiner Frau, die ihm
lächelnd zusah. »Junge Menschen, die noch wachsen, haben immer Hunger.
Wenn der Magen knurrt, muß er sein Teil haben; der beruhigt sich nicht,
wenn man zu ihm sagt: ›Warte nur bis es zwölf schlägt oder Morgen oder
Abend ist, dann bekommst du etwas.‹«
Frau Anne hätte gern erwidert, daß es viel besser sei, den Magen an
regelmäßige Mahlzeiten zu gewöhnen, als zu jeder Tageszeit zu essen, aber
sie schwieg. Sie dachte mit Recht, daß mit der Zeit Ilse von selbst von
dieser Untugend zurückkommen werde.
* * *
Es war an einem Mittwoch Nachmittag im Monat August. Die erwachsenen
Mädchen der Pension saßen im Speisezimmer beisammen, stopfend, flickend
oder mit anderen Arbeiten dieser Art beschäftigt. Es war sehr heiß und
gewitterschwül, und durch die geöffneten Fenster drang kein erfrischender
Luftzug.
Ilse hielt ihren Strickstrumpf in der Hand und quälte sich, Masche auf
Masche abzuheben. Es machte ihr Mühe mit den heißen, feuchten Fingern. Die
Nadeln saßen so fest in den Maschen, daß sie kaum zu schieben waren. Sie
glühte wie eine Rose bei ihrer sauren Arbeit, und der graue Strumpf, der
eigentlich weiß sein sollte, wurde öfters aus der Hand gelegt. Nun fielen
auch noch einige Maschen herunter, und Fräulein Güssow, die anwesend war,
forderte Ilse auf, einmal zu versuchen, ob sie dieselben nicht allein
wieder aufnehmen könne.
»Ich kann das nicht,« sagte Ilse, »die Nadeln kleben so, ich mag sie nicht
mehr anfassen.«
»Wasche dir die Hände,« riet Fräulein Güssow, »dann wird es besser gehen.«
»Das hilft nicht,« erwiderte Ilse unmutig und legte das Strickzeug vor
sich hin.
Die Mädchen lachten, und Grete, die ihr gegenübersaß, nahm es vorwitzig in
die Hand, um den Fehler zu verbessern.