III.

_Berlin_, 22. Febr. 19.

Abermals, mein hochgeehrter Gönner und Freund, muß ich mit Beschämung

an Sie schreiben, denn noch immer bleibe ich tief in Ihrer Schuld.

Schieben Sie dies aber ja nicht auf die einigen Gelehrten eigene

Fahrläßigkeit bei Benutzung von fremden Büchern; ich habe in der That

in den letzten zwei Monaten so viel unerwartete Geschäfte bekommen,

daß ich kaum weiß, wenn ich darauf zurück sehe, wie ich bei meinen

drückenden Amtsgeschäften habe durchkommen können. Ich habe nämlich

auf höhere Aufmunterung gestützt mich bei der hiesigen Universität

als Docent für die neuere Literatur, Geschichte der Poesie und dergl.

gemeldet, und neben unzähligen Gängen und Weitläuftigkeiten (welche mir

indeß durch Solgers, Wilkens und Böckhs gütiges Benehmen erleichtert

sind) zwei lange Abhandlungen anfertigen, und Reden halten müssen, die

Eine lateinisch ~de Petri Alfonsi libro inedito, qui inscriptus est

Disciplina Clericalis~, die andere deutsch, über Calderon, worin

ich mir erlaubt habe Ihrer zu erwähnen. Diese letztere wird jetzt

gedruckt, und ich werde sie Ihnen in wenig Wochen zugleich mit Ihren 3

Theilen Calderon übersenden, mit einem längeren Brief. Möge Ihnen dies

als Grund der Verzögerung genügen. Es liegt mir doch so am Herzen, die

Stücke durchzuarbeiten, und Sie erhalten sie auf jeden Fall vor Ostern

wieder.

Hiebei erhalten Sie mit Dank Ihren _Indice general_ zurück. Ich

habe einen Auszug der zweifelhaften Stücke des Calderon gemacht, und

lege Ihnen hier eine Abschrift davon bei. Wenn Sie nun sich deshalb

nach Wien meinetwegen und des Calderon wegen wenden wollten, so würde

vielleicht kein Zeitpunkt günstiger sein, als der jetzige. Denn es wird

jetzt in Wien durch die Gnade des Ministers Altenstein eine Abschrift

des griechischen Codex der sieben weisen Meister auf der dortigen

Bibliothek für mich gemacht (Aus Paris habe ich schon den Anfang

der griechischen 7 Meister und der ~Disciplina clericalis~ vom

Ministerium erhalten); es würden also die dortigen Bibliothekare so

weniger Bedenken tragen einem Mann dergleichen anzuvertrauen, der Ihr

Vorwort und das Zutrauen des Ministeriums besitzt. Vielleicht ließe

sich der Transport dann auch auf gesandtschaftlichem Wege (denn so

werden mir die Abschriften übermacht) besorgen.

Aber auch den Dunlop kann ich Ihnen leider in diesem Augenblick nicht

schicken. Ich will nämlich (~N. B.~ wenn ich Zuhörer gewinnen

kann) Ostern Geschichte der neueren Litteratur auf der Universität

lesen, nach eignen Diktaten. Ich muß die Collegia dazu vorher ziemlich

ausarbeiten, da ich Anfänger im Collegium-Lesen bin, und da ist der

Dunlop ein unentbehrliches Noth- und Hülfsbuch. Indeß hoffe ich

doch recht bald Ihnen damit dienen zu können, denn ich habe auf der

hiesigen Königl. Bibliothek um dessen Anschaffung dringend gebeten,

und hoffe mit Erfolg. Sobald er nun hier angelangt ist, erhalten Sie

mein Exemplar zum Gebrauch, denn alsdann bin ich zu dem Exemplar der

Bibliothek der nächste.

Vielleicht kennen Sie die neue Uebersetzung der 1001 Nacht von Scott

noch nicht, deren 6ter Theil von Galland, Cardonne und dem letzten

Franzosen (der Name fällt mir nicht ein) nicht gekannte Stücke enthält.

In dieser Voraussetzung übersende ich Ihnen diesen, um doch nicht ganz

leer zu erscheinen. Bald meine Vorlesung über Calderon und Ihre 3

Bände zurück. Werden Sie nächstens ganz gesund, und erhalten mir Ihre

Zuneigung und Freundschaft, die mir so werth ist.

_In großer Eil._

Ihr

_F. W. V. Schmidt_,

Fischerstraße 22.

Viele Empfehlungen an Ihre werthen Angehörigen.

=Schnaase, Karl.=

Geb. am 7. Dec. 1798 zu Danzig.

Dieser bedeutende Kunsthistoriker -- sein Hauptwerk: Geschichte

der bildenden Künste war 1861 noch nicht vollendet -- lebte

längere Zeit in Düsseldorf, wo er zum schönen Vereine gehörte,

den Immermann, Schadow, Uechtritz und Andere bildeten. Dies

Zusammenleben ist Allen förderlich gewesen, hat zu gegenseitiger

Belebung und Erhebung gewirkt, und schöne Wissenschaften wie Kunst

haben dadurch gewonnen. Solche Bündnisse sind hienieden selten und

leider in der Regel auch nicht dauernd; Tod wie Leben lockern und

lösen was so fest schien.

Herr Obertribunalrath Schnaase lebt jetzt in Berlin.

_Düsseldorf_, d. 1. December 1840.

_Theurer, verehrter Herr Hofrath!_

Sie waren bei meiner Abreise von Dresden so freundlich, mich

aufzufordern, Ihnen von Berlin aus zu schreiben. So gern ich Ihnen

den Dank für die überaus gütige Aufnahme, die Sie mir gewährt,

wiederholt und den tiefen und wohlthätigen Eindruck, den ich davon

trug, geschildert hätte, so hielt mich eine Scheu davon ab, Ihnen

gleich wieder mit meiner unbedeutenden Person vor die Augen zu

treten. Vielleicht mit Unrecht, aber es liegt einmal so in meinem

Wesen. Gestern theilte mir unsre Freundin Immermann Ihren Brief mit,

dessen Inhalt uns höchst erfreute und wieder so innig und freundlich

war, daß ich nun nicht länger zögern kann. Es ist überaus schön und

gütig, daß Sie Hand daran legen wollen, den Grundriß des unausgebaut

gebliebenen Theiles in dem Gedicht unsres Freundes auszuzeichnen.

Ihrer Meisterschaft wird es vortrefflich gelingen, das Unfertige mit

leichten, kräftigen Zügen so zu malen, daß es wie in perspektivischer

Verkürzung und Entfernung an das Vollendete und Nahe sich anschließt

und der Phantasie ein Ganzes wird. Niemand versteht es ja so gut

wie Sie, was der innere Einheits- und Lebenspunkt eines Gedichtes

ist. -- Frau Immermann bittet, damit ich diesen Punkt sogleich ganz

bespreche, daß Sie das Manuscript, welches sie Ihnen geschickt, da

behalten mögen. Es ist eine Abschrift von der hier zurückbehaltenen,

nach welcher auch der Druck bereits begonnen hat. Bei dem reichen Stoff

zu eigenen Arbeiten, der Ihnen gewiß auch jetzt wieder vorliegt, darf

man Ihre Güte nicht mißbrauchen, darum mache ich nur im Vorbeigehn

darauf aufmerksam, daß wie gesagt, der Druck schon angefangen hat. Daß

Sie bei dieser Gelegenheit auch ein Wort über Immermanns dichterische

Gestalt überhaupt sprechen wollen, ist unschätzbar; ich hatte es im

Stillen gehofft. Das würde dann füglich dem Bande, welcher den Tristan

enthält, auch beigegeben werden. Meinen Nekrolog beabsichtigen

wir (etwas erweitert) in einem spätern Bande, wo nachgelassene und

gesammelte Schriften erscheinen können, beizugeben. Des Nachgelassenen

ist eigentlich nicht viel da, hauptsächlich nur ein Tagebuch, aus

dem man noch dazu die besten Stellen (zum Theil) wegen persönlicher

Beziehungen fortlassen muß, aus der Theaterperiode. Dagegen kann

manches Vereinzelte (Gismonde, der Aufsatz über Grabbe, die in der

Pandora abgedruckten Düsseldorfer Anfänge) gesammelt, vielleicht auch

Vergriffenes wieder abgedruckt werden.

Ihre Vittoria habe ich mit der größten Freude und Bewunderung, mit

dem ausdauerndsten Interesse gelesen. Es ist ein _historischer_

Roman, im besten Sinne des Worts, mehr als irgend einer. Ich kann den

Eindruck, den er mir macht, am Meisten mit dem der Hauptwerke einer

älteren Periode vergleichen, aus denen mir der Geist, das Leben jener

Zeit so concentrirt, thatkräftig, mehr die Wurzel der Entwickelung,

als die Breite der Zustände entgegentritt. Dies warme, innige Gefühl

eines frühern Zeitgeistes, einer andern Gestaltung des Menschengeistes

in einem Momente, wie in lebendigem Athem mitgetheilt zu erhalten,

ist mir ein großer Genuß, und ebenso empfinde ich ungefähr bei

Ihrer Vittoria. Jenes Geschichtsgefühl (wenn ich es so abstract und

barbarisch nennen darf) fesselt mich auch oft bei Kunstwerken einer

Zeit, welche an sich für diese Kunstgattung nicht geeignet war, und

die daher in ästhetischer Würdigung nicht sehr hoch zu stehn kämen,

und das macht dann wieder den Vergleich hinkend, weil in Ihrem Gedicht

dieser Kontrast nicht vorhanden ist. Aber dennoch bleibt etwas

Aehnliches, weil Zeit und Volk, die Sie für die empfängliche Phantasie

so überaus treu und wahr schildern, in der moralischen Würdigung

der Zeiten auch nicht die erste Stufe einnehmen. Auch darin ist der

Eindruck ein historischer, weil man fühlt, wie nicht blos der große

Haufe, dem die Selbstständigkeit fehlt, und die Heroen und Leiter

der öffentlichen Dinge, die sich damit identificiren, sondern auch

die ausgezeichnetesten, edelsten Gestalten der mittlern Region, des

weiblichen und häuslichen Lebens, ganz von dem geschichtlichen Leben

ihrer Zeit durchdrungen, mit demselben verwachsen sind. Dieser Eindruck

ist, wie billig, ein tragischer, -- herbe, weil so seltene, edelste

Gestalten, wie Vittoria, wie Bracciano, dem Schicksale erliegen, nicht

bloß kämpfend, sondern eben weil sie von der verderblichen Richtung

selbst durchdrungen sind -- erhebend, weil auch in entarteter,

verfallender Zeit die Verderbniß selbst ein Stoff wird, in dem sich

die großen Naturen bilden und entwickeln. Vortrefflich tritt es in

Ihrem Werke ans Licht, wie in der Auflösung einer edlen, mildernden

Sittlichkeit alles das Maaß überschreitet, im sinnlich Reichen und

Weichlichen, wie im Herkulisch oder athletisch Angespannten. -- Mit

Einzelnem will ich Sie nicht behelligen, und es ist vielleicht schon

sehr keck, daß ich Ihnen meine Auffassung des Ganzen vortrage. Denn

soviel vermuthe ich selbst, daß dieser Gedanke es nicht war, von dem

Sie ausgingen, daß Sie vielmehr die Ahndung einer Gestalt, wie Sie sie

nachher in der Vittoria wirklich gezeichnet haben, begeisterte und Sie

die Schönheit derselben (die freilich jene historischen Umgebungen

hervorrief) als eine ganz reine, an und für sich werthvolle empfanden.

Aber diese Differenz ist vielleicht nur eine nothwendige, und wenn

auch nicht, so werden Sie mir meine Auffassung gönnen und verzeihen,

da es bekannt ist, daß der Dichter sich gefallen lassen muß, in

verschiedenen Lesern Verschiedenes hervorzurufen. Uebrigens habe ich

bei diesem Gedichte wieder die Erfahrung gemacht, wie jedes Werk mit

seinem Meister zusammenhängt. Ich glaube Ihre Dichtungen noch besser zu

verstehn, seit ich Sie persönlich kennen gelernt habe. Das Zeitalter

der Rhapsoden war darin glücklich, wo das ganze Volk das Gedicht von

den Lippen des Sängers selbst empfing. Ich glaube Ihre Stimme, Ihren

Vortrag durchzuhören, und der Sinn, die geistige Harmonie eröffnet sich

mir dadurch mehr.

Von Berlin erzähle ich Ihnen nichts. Sie sind dort besser bekannt, wie

ich, wenn auch nicht mehr unmittelbar, so durch Ihre Freunde. Eine

große Stadt hat etwas Ruhiges, Instinktartiges, was vortheilhaft und

nachtheilig wirkt, und dies Mal wohl that. Unsres Königs schöne Gestalt

war dabei ein würdiger Augenpunkt. Leider verlautet noch nichts, was

seine Huld für Immermann’s Wittwe thun wird. --

Meine Frau empfiehlt sich in dankbarster Erinnerung der schönen Tage,

die wir bei Ihnen verlebten, wir beide bitten uns der Frau Gräfin

und Ihren lieben Fräulein Töchtern bestens zu empfehlen. Mit inniger

Verehrung

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 307 / 309 题