_Berlin_, 19. Nov. 18.
Hiebei erhalten Sie, hochgeehrter Gönner und Freund, ein Exemplar des
Fortunatus. Mögen Sie es mit Geneigtheit empfangen, und mit Nachsicht
beurtheilen! Wie ganz anders sollte einzelnes ausgefallen sein, wenn
ich so glücklich wäre bei schwierigen, mir dunkeln oder verdorbenen
Stellen einen Kenner, wie Sie, in der Nähe zu haben, mit dem ich mich
hätte besprechen, von dem ich Rath und Hülfe hätte erhalten können. So
weit man sein eigenes Werk beurtheilen kann, so glaube ich den Geist,
welcher hinter den Zeilen lebt, verstanden und vielleicht wieder
gegeben zu haben. Und das scheint mir das erste Erforderniß einer
Uebersetzung, welche nicht für die gelehrten Kenner des Originals,
sondern für deutsche Leser bestimmt ist. Aber freilich ist es bei
weitem nicht das einzige; namentlich sind die kurzen gewichtigen Worte
des englischen von Decker so wunderbar zusammen gepreßt, daß gar
manches in den ernsthaften Theilen hat ausfallen müssen, weil unsere
schleppenden Endungen auf e leider im Verse immer mit zählen. Das ist
bei dem überreichen Ausdruck des jungen englischen Dichters vielleicht
für uns Deutsche kein Nachtheil, aber freilich giebt die Uebersetzung
dann immer kein ganz getreues Abbild des Originals. Bei den Wortspielen
muß man sich so helfen, wie man kann, und leichte Ungezwungenheit,
welche allein komische Wirkung machen kann, scheint mir hier die
Hauptsache. --
Was meine Arbeit über Calderon betrifft, so haben Sie mir davon ein
so hohes Ideal in Ihrem Brief aufgestellt, daß ich davor erschrocken
bin, indem ich meine Kräfte gegen die Aufgabe maß. Wenn ich Ihnen den
Titel des Buches schreibe, glaube ich ungefähr anzugeben, was ich
glaube mit Gründlichkeit und Sicherheit leisten zu können. „Geist aus
200 (oder wie viel ich auftreiben kann) Schauspielen des Calderon
d. L. B. mit Untersuchungen über Zeitfolge, Quellen, Nachahmungen,
das Geschichtliche, Lesearten, Anspielungen u. d.“ In drei bis vier
Bändchen möchte ich nun zuerst die Deutschen mit dem ganzen Reichthum
des Spaniers, (der durch seine rührende Anhänglichkeit an das Haus
Oestreich und die Deutschen sich so gern selbst uns anschließt)
bekannt machen. Und dies Werk soll so wenig eine Uebersetzung des
ganzen überflüssig machen, daß vielmehr dadurch das Bedürfniß
derselben hoffentlich recht fühlbar wird. Denn ich gestehe Ihnen
offen, daß mir scheint, wir werden die besten Stücke Calderons, aus
seinem Mannesalter, wo Form und Stoff sich innig durchdrungen haben,
nimmermehr so vollendet als es möglich in unserer Sprache lesen,
wenn wir von den bogenlangen Assonanzen und steilen Reimen bei der
Uebersetzung nicht abstehen. Der Deutsche hat nun einmal immer nur
Einen Reim, wo der Spanier zehn hat. Das kann kein Gott ändern.
Die ewig wieder kehrenden Endungen auf _eben_, _oben_, und _ieben_
verglichen mit der Fülle, Glätte und Anspruchslosigkeit des spanischen
bilden in der That einen größern Abstand, als wenn jemand diese
unnatürliche Fessel abwerfend, nunmehr die Mittel hat sich genau in
allen wesentlichen Stücken dem Original anzuschließen, oder lieber
dies aus sich heraus zu gebären. Mir scheinen die bewundernswürdigen
Stücke von Schlegel und Gries vielmehr Kunststücke als Kunstwerke. Eine
Freundin von mir (von welcher Ostern der Bojardo in hundert Bildern
bearbeitet erscheint) wird einige der besten Dramen zugleich mit meiner
Schrift, so wieder gegeben, drucken lassen, doch dies beiläufig. Mein
erster Band soll die eigentlichen Intriguen-Stücke enthalten, der
zweite die sogenannten heroischen, worunter die geschichtlichen, der
dritte die mythologischen Festspiele, der vierte und stärkste die
geistlichen, nebst den wichtigsten Autos. Und das nach der Zeitfolge,
so weit ich sie herausbringen kann. Für 36 Stücke hat die Ausgabe des
Vera-Tassis (Apontes hat eine wunderliche Verwirrung angerichtet,
und sich wahrscheinlich nur nach dem augenblicklichen Bedürfniß des
Buchhändlers bestimmt) das Datum der ersten Erscheinung. Für etwa eben
so viel der andern sind geschichtliche Andeutungen, oder Anspielungen
auf frühere Stücke (was Cald. sehr liebt) vorhanden, welche durch
eine gesunde combinatorische Kritik ungezwungen die Folge angeben.
Dann tragen die Dramen des späteren Alters unverkennbare Spuren von
Mattigkeit, Unlust an dergl. Arbeiten und Manier, wobei als Brennpunkt
~Fieras afemina amor~ angenommen werden muß, in welchem Tag und Jahr
der Abfassung selbst angegeben ist. -- Zuerst wird bei jedem Drama
der Inhalt angegeben, oder, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben, die
Lebenspunkte. Und das in einem Styl, welcher dem jedesmaligen Ton
des Drama angemessen ist. Dies ist theils für die nothwendig und
erfreulich, welche das so seltene Original nicht haben, theils aber
wird es auch für andere nicht unangenehm sein, einen Faden zu haben,
sich durch die labyrinthischen Gänge durchzufinden. Außerdem sieht und
weist vielleicht auch der, welcher sich ~ex professo~ lange mit dem
Dichter beschäftigt hat, auf manches hin, was der gewöhnliche Leser
übersieht, oder gering achtet, und sich dadurch Kenntniß und Genuß
verkümmert. Ohne das würde auch schwerlich ein Buchhändler in Europa
sich zu dem Verlag unter irgend einer Bedingung verstehen, selbst
wenn ich auch lateinisch oder französisch es abfassen wollte. Dann
folgen hinter jedem Stück die Bemerkungen. In einem Anhang das Leben
des Calderon nach Vera Tassis, in einem zweiten die Vergleichung der
Ausgaben, in einem dritten Conjecturen und Lesearten, und Druckfehler
(die letzteren im Apontes verbessert aus Vera-Tassis) in der
einfachen Form wie die ~Castigationes~ zu griechischen und römischen
Schriftstellern sonst gemacht und gedruckt wurden (namentlich die von
Falkenburg zum Homerus).
Die drei Bände, welche Sie mir übersandt haben, sind mir äußerst
willkommen gewesen, und ich kann Ihnen mit keinen Worten ausdrücken,
wie verpflichtet ich mich Ihnen hierfür, für das Verzeichniß, und für
Ihr gütiges Anerbieten fühle. Den Katalog habe ich sogleich durch den
hiesigen Bibliothekar und wunderlichen Spanier Liaño nach Spanien
befördert, und gebeten die Stücke welche dort etwa einzeln zum Verkauf
zu haben wären mir zu übersenden. Wenn Sie aber nach Wien oder München
schreiben, würden Sie die Verpflichtungen, welche ich Ihnen habe, noch
vermehren, wenn Sie wegen dieser Dramen nachfragten. Durch eine der
hiesigen Buchhandlungen läßt sich der Transport vielleicht besorgen.
Denn ich traue Liaños Commissionarien in Spanien nicht Neigung und
Kenntniß genug zu, um sich lebhaft dort für die Sache zu bekümmern.
(Wir glauben eine nun folgende, lange Stelle dieses Briefes, die ein
Verzeichniß von wichtigen Büchertiteln enthält, und nur dem Gelehrten
vom Fache Interesse gewähren könnte, unterdrücken zu sollen.)
Wie lieb wäre es mir, wenn ich öfter Ihrer belehrenden und ermunternden
Unterhaltung genießen könnte. Erhalten Sie mir Ihre Gewogenheit und
Liebe.
Der Ihrige
_F. W. V. Schmidt_
Fischerstraße 22.
Auf die Anzeige in der Literatur-Zeitung habe ich mir sogleich
angeschafft: ~De poeseos dramaticae genere hispanico, praesertim de
Petro Calderone de la Barca. Scr. Heiberg. Hafniae 1817.~ Es hat
mir Leid gethan, daß der so viele Liebe für den span. Dichter zeigt,
ein ganz unbrauchbares Buch darüber geschrieben hat. Denn für den
_Kenner_ ist es _ganz_ überflüssig, er lernt auch nicht Ein
Wort daraus. Für den Nicht-Kenner unverständlich.