Ganz der Ihrige

_F. Schlosser_.

=Schmidt, Friedr. Ludwig.=

Geboren zu Hannover 1772, gestorben in Hamburg 1840.

Er begann seine Schauspielerlaufbahn in Braunschweig, kam dann

zu Döbelin, wurde Regisseur der Magdeburger Bühne, ging von da

nach Hamburg, und übernahm 1806 aus _Schröders_ Händen die

Direktion des dortigen Stadttheaters, die er erst mit Herzfeldt,

dann mit Lebrün u. A. vierunddreißig Jahre hindurch geführt.

So lange das Schrödersche Haus „am Gänsemarkte“ der Schauplatz

blieb, blieben auch die wohlthätigen Grenzen gesteckt, welche

äußerlichen Tand und Prunk ausschließend, dem _inneren_

künstlerischen Zusammenwirken eine Schutzmauer gegen andringende

Neuerungen waren. Mit dem Bau des großen Hauses löseten sich

diese schönen Verhältnisse; steigende Ansprüche des Publikums

nach „Ausstattung“ steigerten den Etat; das Ensemble zerfiel im

weiten Raume; Gastspiele jagten und hetzten sich; aus dem ernsten

Schüler Schröders wurde nach und nach ein moderner Unternehmer; man

speculirte in Decorationen, Pomp und Ballet; man durfte auch in

Hamburg sprechen: ~c’est chez nous comme partout~! Gleichwohl

hielt Schmidt noch immer fest an ihm heiligen Traditionen; er blieb

mitten im Geräusch und Tumult der Gegenwart immer noch der eifrige

Repräsentant theatralischer Zucht und Ordnung; der gewissenhafte

Vertreter des Zunftwesens aus einer Zeit, wo es Lehrlinge, Gesellen

und Meister gegeben; der „alte deutsche Komödiant“ im üblen --

dagegen auch im edelsten Sinne des Wortes. Er bewahrte bis in

den Tod, (welcher im _ersten_ Jahre nach seinem goldenen

Schauspieler-Jubiläum erfolgte) feurige Begeisterung für die Sache,

der er mit allen Kräften gedient. Er konnte wüthen, wenn jüngere

Leute neben ihm all zu leicht nahmen, was ihm so wichtig war. Dann

lachte er höhnisch: „Herrliche Fortschritte! _Meister_ wohin

man spuckt; aber brauchbare Lehrlinge sind mit der Laterne zu

suchen!“

Wir hatten Gelegenheit, ihn in Tiecks Abendkreise (in Dresden)

zu beobachten, als bei vierundzwanzig Grad Réaumür, und bei fest

geschlossenen Fenstern, einer schier verschmachtenden Gesellschaft

„Romeo und Julia,“ ohne Weglassung einer Silbe, vorgelesen wurde.

Wir Alle standen förmlich ab, wie Fische in warmem Wasser. Der

alte Schmidt hielt sich munter. Er lauschte Tiecks beredeten Lippen

eben so andächtig die Schlußworte des Fürsten ab, wie er andächtig

in der ersten Scene gelauscht. Der Kunstenthusiasmus des Greises

überbot den manches Jünglings.

Was er als Bühnenschriftsteller geleistet, gewann sich überall

Geltung: Der leichtsinnige Lügner. -- Die ungleichen Brüder. --

Berg und Thal. -- Die Theilung der Erde. -- Gleiche Schuld, gleiche

Strafe. -- Mehrfache Bearbeitungen &c.

Seine _dramaturgischen Schriften_ zeichnen sich durch

praktische Nutzbarkeit vor vielen theoretischen Salbadereien

vortheilhaft aus. Vorzüglich die dramaturgischen Aphorismen (1820.)

Er faßte gern, was die Zeit eben bewegte, in Epigramme, die er

jedoch nur näheren Bekannten vertraulich mittheilte, wobei er

zu äußern pflegte: „da sind mir wieder einige politische Würmer

abgegangen!“

In seinem Hause gastfrei, unterhaltend, belehrend; in öffentlichen

Verhältnissen hochgeehrt; als Schauspieler (wenn auch nicht frei

von Manier) sehr bedeutend;... so geleitete ihn die allgemeine

Achtung seiner Mitbürger zu Grabe.

_Hamburg_, d. 24ten April 1824.

_Wohlgeborner

Hochgeehrtester Herr Doctor!_

Es war schon lange mein innigster Wunsch, mich dem Manne einmal

brieflich zu nähern, dessen geistreichen Schriften ich so viel

verdanke. Ich wähle dazu einen Augenblick, wo ein Bändchen meiner

Lustspiele erschienen ist und würde mich geehrt fühlen, wenn Sie

dasselbe einer critischen Beleuchtung werth achteten.

Ich weiß nicht, ob meine Kürzungen des _zerbrochenen Krugs_ Ihre

Billigung erhalten werden; doch ich darf sagen, daß ich um jede Strophe

einen Kampf gekämpft habe, ehe ich mich daran vergriff; aber meine

Vorliebe für den herrlichen Dichter mußte ich verläugnen, wenn es mir

einigermassen gelingen sollte, die Dichtung bühnengerecht zu machen.

Traurig genug, daß man so herrliches Gut gleichsam einschmuggeln muß!

Es gehört dies zu der Tirannei, der man sich, wie Sie kürzlich so

treffend bemerkten, leider zu fügen hat.

Verleiht Ihnen jedoch der Himmel noch recht lange Lust und Humor für

die Critik der Bühne: so dürfte doch über kurz oder lang eine bessere

Aera anbrechen. Wie erfreut mich Ihre öftere Erinnerung an Schröder! Ich

war so glücklich in den letzten 15 Jahren seines Lebens sein täglicher

Hausgenoß zu seyn und darf mich seines wahren Vertrauens rühmen. Einen

Schatz von Bemerkungen hab’ ich aus jenen Zeiten aufbewahrt, aber

eingezwängt in das Directoratsjoch, bleibt mir nur zu wenig Zeit, mich

in dem Rosengarten der Erinnerung zu ergehen.

Herzlichen Dank für den 1ten Band Ihrer Shakespeareschen Vorschule! Wer

durch _Sie_ diesen poetischen Löwen nicht kennen lernt, gebe die

Hoffnung auf, ihn je kennen zu lernen.

Leben Sie wohl, mein Hochverehrter! Möchte es Ihnen gefallen, noch

einmal einen kleinen Ausflug zu _unserm_ Elbgestade zu machen.

Wir Hamburger würden uns bemühen Ihren Aufenthalt in so viel Festtage

zu verwandeln. Bis dahin lassen Sie sich einiger Zeilen Antwort nicht

gereuen, womit Sie gar hoch erfreuen würden

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 299 / 309 题