XVIII.

_Wien_, 16ten März 1829.

Ich war einige Zeit unwohl, besonders an den Augen leidend, dies ist

die Ursache warum ich Ihr liebes Blatt durch die Nichte Buttlar noch

nicht beantworten konnte. Theurer werther Freund, wie sehr hat Ihr

freundliches gefühlvolles Schreiben mich erfreut, mir in der Seele

wohlgethan! Ich weiß nicht, wie man sagen kann, daß die theilnehmenden

Worte eines Freundes im Schmerze nicht trösten können? ich habe das

Gegentheil erfahren, und erst recht gelernt, wie wichtig und heilig

das Wort des Menschen ist. -- Nehmen Sie meinen innigsten Dank, und

auch dafür, daß Sie sich einer schönen frühern Zeit erinnerten, und sie

auch mir ins Gedächtniß zurückriefen. Wenn auch ganze Stücke von Zeit,

durch das verworrne Leben, uns wie untergehen, so bleiben doch einzelne

Punkte lebendig blühend in der Seele schwebend zurück, und überleben

alle Zeiten, bleiben in Ewigkeit lebend. -- Alles was über die

Herausgabe der Schriften des seeligen, und den Druck der Vorlesungen

Ihnen mitzutheilen ist, hat unser vortrefflicher Freund Buchholz zu

thun übernommen. Ein Wort von Ihnen zur Einleitung derselben, wäre

höchst wichtig und tausendmal willkommen! Die einzige Schwierigkeit

ist nur wegen des Manuscripts, welches wir wohl gern zuerst hier haben

möchten. Verschiedne Verhältnisse machen es wohl wünschenswerth, dieses

Manuscript baldmöglichst, auf eine kleine Zeit hier zu haben, und da

ohnehin Friedrichs Handschrift, besonders in solchen ersten Entwürfen

schwierig zu lesen zu seyn pflegt, und ich schon eine ziemliche Uebung

darin habe, weil ich jedesmal seine Arbeiten copirt habe, so will ich

mit großem Vergnügen zu Ihrem Gebrauch eine solche Abschrift machen,

und sie Ihnen mit der fahrenden Post zurücksenden; auf eben diese

Weise würden Sie gütigst das Manuscript unter der Adresse des Herrn

von Bucholz herzuschicken die Güte haben. Sollten Sie aber dennoch

es vorziehen, das Manuscript sogleich selbst durchzulesen, so würde

dies freilich in kurzer Zeit geschehen müssen, und darüber wird

Freund Bucholz Ihnen das nähere bestimmen; derselbe wird hoffentlich

Ihnen auch ein Exemplar seines schönen Aufsatzes aus dem Archiv für

Geschichte, Staatenkunde &c. zuschicken, den er zur Erinnerung an

unsern theuern Verstorbenen darin hat drucken lassen. -- Glauben Sie

nicht auch, lieber Tieck, daß eine genaue ausführliche Biographie

nicht passen würde für Friedrichs Leben, dessen verschiedene Zeiten

und Stufen mehr in einem innern Gang, in einer inneren Entwicklung,

als aus äußerlichen Thaten und Schicksalen bestanden? sind alle seine

Werke nur Bruchstücke zu nennen, wie vielmehr sein ganzes Leben, in

welchem es ihm fast nie vergönnt war, ein vollständiges Gelingen seiner

Bestrebungen zu erreichen, und so war auch seine ganze Wirksamkeit

immer mehr eine unsichtbare, innerlich fortlebende zu nennen, als daß

nach außen hin viel davon gesagt werden könnte, dünkt mich. So wie

Sie Novalis Leben in kurzen Umrissen darstellten, das scheint mir das

Einzig schickliche; und nur Sie vermögen es mit solcher Zartheit und

Leichtigkeit auszuführen; nur besorge ich, daß dies nicht leicht seyn

möchte, da noch so gar manche fremde Persönlichkeit dabey verschont

bleiben muß; ist es nicht überhaupt jetzt noch zu früh damit? Ihre

Ansicht, daß manches in seinen spätesten Meynungen besser gar nicht

erörtert werde, theile ich ganz vollkommen, aber nicht so wohl um

der Gegner willen -- denn diese darf man ja wohl nicht scheuen, wenn

von der Wahrheit die Rede ist; -- sondern weil eben noch so viel

schwankendes, man möchte sagen, unfertiges unklares, in diesen seinen

ersten Wahrnehmungen herrscht, so daß man sie in das Reich der Wahrheit

noch nicht vollkommen aufgenommen denken muß. Es sind mehr Ahndungen

und Träume zu nennen, und diese mögen verschleyert ruhen, da ihm

selbst nicht vergönnt ward, und wohl niemand in diesem Erden-Leben,

-- das Räthsel vollkommen zu lösen. -- Was ich von Novalis Schriften

gefunden habe, wird Bucholz Ihnen zusenden, eben so einige Ihrer

Briefe, die sich vorgefunden haben. -- Die Nichte Buttlar sagt mir, daß

es Ihnen angenehm wäre die Büste von A. W. Schlegel, von Ihrem Bruder

verfertigt, zu besitzen; es macht mir ein besonderes Vergnügen Ihnen

die Unsrige überlassen zu dürfen, da ich ohnehin wohl Wien in Kurzem

verlassen werde. Wenn es Ihnen also recht ist, so will ich diese Büste

von einem Sachverständigen einpacken lassen und Ihnen dieselbe durch

Fracht-Gelegenheit zusenden. Nun erbitte ich mir aber ein Gegengeschenk

von Ihnen, theurer Freund! nämlich ich höre, daß man das Gesicht nach

dem Tode abgeformt habe, und die Nichte sagte, es wäre sehr ähnlich

ausgefallen. Würden Sie es wohl übernehmen, den Künstler zu bewegen,

daß er einen Gyps-Abguß von dieser Form macht, und mir dieselbe dann

mit fahrender Post zusenden, oder durch irgend einen gefälligen

Reisenden? Wenn etwas dafür zu zahlen wäre, so will ich es sehr gern

wieder erstatten. Ich wünsche sein Bildniß vor den Vorlesungen in

Kupfer stechen zu lassen, und da könnte dieser Gypsabguß wohl mit dazu

benutzt werden.

Sollten Sie mich noch einmal durch einen Brief erfreuen, so schreiben

Sie doch auch, welche Plane Sie für den künftigen Sommer haben? ich muß

nothwendig recht bald etwas zur Befestigung meiner jetzt sehr wankenden

Gesundheit unternehmen, und da wäre es ja vielleicht thunlich, daß ich

Ihnen in irgend einem Sommer-Aufenthalt oder Badeort begegnete, was

ich sehnlichst wünschen würde; ja, sehr, sehr gern möchte ich Sie noch

wiedersehen!

Leben Sie wohl, und bleiben Sie mein Freund.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 286 / 309 题