IV.

_Jena_, den 5ten Novemb. 1801.

_Geliebter Freund!_

Du mußt mir verzeihn, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe. Ich

war sehr beschäftigt und oft auch gestört durch die Kränklichkeit der

Veit, die mich oft sehr unmuthig gemacht hat. Dennoch freue ich mich

sehr in der Hoffnung, Dich bald zu sehn. Wir haben viel mit einander

zu sprechen, und wollen dann recht viel zusammen sein.

Heute nur das Nöthigste von Geschäften. Die Geschichte der Gothischen

Könige kann (Lücke) nicht finden, wie er Dir wohl wird geschrieben

haben. Die Charakteristiken hast Du nun. Sowohl den ~Aeschylus~

als die ~guerres civiles~ kannst Du leicht in Dresden haben, daher

halte ich’s für besser, sie lieber selbst mitzubringen.

In diesen Tagen war Karl Hardenberg bei mir auf der Durchreise nach

Meiningen, wo er etwa 4 Wochen bleiben wird. Er war nur eine Stunde

bei mir, indessen habe ich doch gleich die Zeit benutzt, um über die

Herausgabe von Novalis Schriften das Nöthige mit ihm zu reden. Er war

alles sehr zufrieden, wie Du es eingerichtet hast, und wie ich es ihm

vorschlug. Die Biographie, die er zu machen Lust hat, soll für sich

bestehn, und also darfst Du darauf nicht warten. Ich wünschte nun

herzlich, daß Du den Druck gleich anfangen ließest, da eben keine große

Vorrede nöthig ist, und diese immer noch nachher gedruckt werden kann:

denn es ist doch am besten, wir machen sie, wenn wir zusammen sind,

gemeinschaftlich.

Ich dächte nun, Du nähmest in den ersten Theil, was fertig ist vom

Ofterdingen, auch das Fragment zum 2ten Theil, ferner einen Bericht von

dem, was er Dir mündlich über die Fortsetzung gesagt, und wenn so viel

Raum ist, etwa noch den Lehrling zu Sais.

Den zweiten Theil können dann die _Hymnen an die Nacht_, die

_geistlichen Lieder_, und die Fragmente, die ich aus seinen

Papieren wählen werde ausfüllen. Zu diesen denke ich das Beste

und Wichtigste aus den _Blühenstaub, Glauben und Liebe_ und

_Europa_ zu nehmen. Da alle diese drei Aufsätze in ihrer Ganzheit

und individuellen Beziehung nur irre leiten würden über den Charakter

des Schriftstellers; da die Hymnen über die Nacht hingegen am

schönsten und leichtesten im Ganzen erklären, so halte ich auch ihren

unveränderten Abdruck für nothwendig.

Karl geht sehr ein in diese Idee, auch hat Novalis selbst noch in

der letzten Zeit immer einen ganz besondern Werth in die Vollendung

dieser Arbeit gelegt. Der Papiere sind so viele, daß Karl sie mir nicht

schicken kann; ich werde also diesen Winter auf 8-14 Tage hingehen, um

an Ort und Stelle zu sehen, wie viel und auf welche Weise sich daraus

nehmen läßt. Was Du mir in Rücksicht der Bedingungen von Unger &c.

schreibst, ist gut. 25 Exemplare müßten wir dem Bruder wohl wenigstens

geben.

Hast Du nicht ausdrücklich so viele bei U. bedungen, so müßten die

übrigen von uns nachgekauft werden. Ueber die Anerbietung, die Du mir

in dieser Rücksicht machst, bin ich etwas erstaunt, besonders über die

Veranlassung derselben.

Ich habe Wilhelm gelegentlich zu verstehn gegeben, wie weit entfernt

Du in dieser Angelegenheit von aller eigennützigen Absicht seist. Er

behauptet aber, nie ein Mißtrauen der Art und gegen Dich gehabt noch

geäußert zu haben. Freilich weiß er immer nicht recht, was er sagt,

oder schreibt, wenn er einmal in Hitze ist. Was die Sache selbst

betrifft, so kann ich Dein Anerbieten keineswegs unbedingt annehmen,

sondern höchstens nur in Rücksicht der Zeit und Reisen, die es mir wohl

diesen Winter kosten wird, eingehen, daß wir zu gleichen Theilen gehn;

worüber Du denn Ungern Deine Disposition geben magst. Ob er mir es

giebt oder abrechnet, ist mir im Grunde ziemlich eins, und mag von ihm

selber abhängen.

Vielleicht geh ich in diesen Tagen auf ein paar Wochen nach Berlin

und dann könnte ich die Correctur selbst besorgen; sonst dächte ich,

übertrügst Du sie Wilhelmen, weil er sie doch gewiß sehr genau besorgen

wird.

Ich freue mich, daß gerade wir das Unternehmen gemeinschaftlich

besorgen und sehe es als einen guten Anfang an für künftige Projecte.

Es freut mich von Herzen, daß Du Lust hast, etwas in Gemeinschaft mit

mir zu unternehmen; alles nähere darüber mündlich; ich habe alles schon

ausgedacht.

Wilhelm ist in diesen Tagen wieder nach Berlin gegangen. Ich habe ihn

ziemlich oft gesehn, einigemal recht interessant mit ihm gesprochen,

doch nimmt seine Pedanterie sehr zu, und er wird immer breiter und

härter. Wir berührten die Familienverhältnisse nicht, aber er hat wohl

dafür gesorgt, daß ich sie ein paarmal empfunden habe. Unter anderm hat

W. mich einmal auf eine solche Weise beleidigt, die es mir unmöglich

macht, ferner an dem Almanach Antheil zu nehmen, so leid es mir der

Sache selbst und auch Deinetwegen ist.

Du erinnerst Dich vielleicht, daß ich vorigen Winter ein Gedicht, der

_welke Kranz_ gemacht habe, und wer mich und meine Verhältnisse

kennt, der wird allenfalls errathen können, daß es sich auf Auguste

bezieht und an eine Freundin von mir gerichtet ist (welches aber

das Gedicht selbst nichts angeht). Damals hat er nicht nur zwei

Seiten voll Lobes über Sylbenmaß und Stil des Gedichtes an mich

darüber geschrieben, sondern auch in den stärksten Ausdrücken davon

geschrieben, wie es ihn _rühre_, und wie es ihm lieb und werth

sei. -- Viermal wenigstens habe ichs ihm in einer umständlichen

Specification von allem, was ich zum Almanach geben wolle, ausdrücklich

mit genannt, und jedesmal hat er es mit den größten Beifallsbezeugungen

auf’s lebhafteste acceptirt, bis er mir’s jetzt vor Kurzem, da

der Almanach fast fertig war, zurückgeschickt mit einem albernen,

verächtlichen Geschwätz von Persönlichkeit, innerer Religion, und daß

ich nicht würde mit einem zerrissenen Herzen rechten wollen. Du kennst

mich genug, um zu wissen, ob mir viel daran gelegen sein kann, ein

solches Gedicht von mir gedruckt zu sehn oder nicht; aber Du mußt auch

fühlen, welche unausstehliche _persönliche_ Beleidigung grade

bei _diesem Gedicht_ in der Zurückgabe liegt. Ich war lange in

Verlegenheit, was ich thun sollte; endlich beschloß ich, gar nicht

zu antworten, denn thät ich es einmal, so hätte es schwerlich anders

geschehen können, als auf eine Weise, die völlig jedes Verhältniß

zwischen uns unmöglich gemacht hätte. Um aber nicht ähnliche Gefahr zu

laufen (-- vor der ich bei der größten Behutsamkeit nicht sicher sein

würde, da die Gedichte, die man zu einem Almanach geben kann, mehr oder

weniger ins Subjective spielen, und da Karoline alles dazu zu machen

weiß, was auch noch so wenig dahin gehört) -- und auch weil jenes

Betragen W.’s so unwürdig, und besonders seiner gewohnten Pünktlichkeit

als Herausgeber so entgegengesetzt ist, daß ich berechtigt bin,

vorauszusetzen, Karoline sei die Urheberin jener Beleidigung; und ich

nun unmöglich an einem Werke Theil nehmen kann, dessen unsichtbare

Herausgeberin eine Person ist, die sich in jeder Rücksicht infam gegen

mich betragen hat; so muß es bei jenem Entschluß bleiben, und ich

wünsche nur, daß -- was doch früher oder später geschehen muß -- ich

darüber mit W. nicht auf eine Art zur Sprache kommen mag, die jede

fernere Gemeinschaft zwischen uns unmöglich macht. Schreibst Du ihm

also darüber, so thu es auf die gelindeste Art.

Dein Bruder ist seit einiger Zeit in Weimar, und auch dann und wann

hier, wo ich ihn einigemal gesehn, wenn gleich nicht viel, weil er bei

W.’s logirt und da sehr fest gehalten wird.

Die Art, wie er über seine Kunst spricht, mißfällt mir nicht; doch

scheint mir’s, daß ihm ein Umgang mit Dir auf längere Zeit sehr nöthig

wäre. Er ist sich im Wesentlichen gar nicht klar, und leidet im weniger

Wesentlichen (was doch auf das Wesentliche bald wesentlichen Einfluß

hat) sehr an Halbheit, Unkenntniß und falschen Vorstellungen. Er muß

aber recht lange mit Dir beisammen sein und Du mußt es gelinde angehn

lassen. Uebrigens weiß ich freilich nicht viel von ihm; vor einigen

Wochen kam er einmal sehr freundschaftlich und wollte mich auch für

Dich zeichnen; seit er aber jetzt wieder hier ist, ist nicht weiter die

Rede davon gewesen, und ich weiß weiter nichts, als daß er Schelling

statt dessen zeichnet.

Ja überhaupt, muß ich Dir sagen, ist sein Benehmen dieses letztemal so

gegen mich, daß es mich in Verlegenheit setzt, und wenn Dein Bruder

unhöflich gegen mich ist, so nehme ichs ihm nicht übel, weil ichs

schon voraussetze; aber ich darf auch wohl voraussetzen, daß eine neue

Klätscherei aus der alten wohlbekannten Kutte daran Schuld ist.

Herzliche Grüße von der Veit an Dich, und von uns beiden an Deine Frau.

Es soll uns recht freuen, Euch in Dresden vergnügt und gut eingerichtet

zu sehn. Auf die kleine Dorothea freue ich mich sehr, sowie auf die

kleine Auguste.

Ich wollte Dir heute noch weit mehr schreiben, über den göttlichen H.

Dümmling u. s. w.

Aber die Veit ist eben gar nicht wohl. Lebe also recht wohl.

_Friedrich_.

Die Romanze rechne ich zu den göttlichsten und vollendetsten Werken,

die Du gemacht hast. Die andern Gedichte im Almanach -- der Zornige,

Sanftmüthige, Einsamkeit -- sind nur Anklänge aus einer _neuen_

Region Deiner Poesie, von der ich bald größere Studien zu sehn wünsche.

Grüße meine Schwester herzlich, wenn Du sie siehst, und sag’ ihr, daß

ich sehnlich auf Nachricht von ihr warte.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 261 / 309 题