_Genf_, d. 4ten April 1809.
Dein Brief, geliebter Freund, war mir ein sehr werthes Lebens- und
Liebeszeichen, und ich begreife kaum, wie ich ihn so lange habe
unbeantwortet lassen können. Indessen wird es Dir durch Friedrich
und Deine Schwester nicht an Nachrichten von mir gefehlt haben.
Was ich diesen Winter von Deiner Gesundheit gehört habe, bekümmert
mich; der Winter in Jena wo Du zur Aufheiterung der Andern so viel
beytrugest, wiewohl Du selbst so viel littest, ist mir noch lebhaft
im Gedächtnisse. Wie mancherley ist seitdem mit uns und in der Welt
vorgegangen! Wir sollten uns wirklich einmal wieder irgendwo zusammen
finden, um aus dem Herzen darüber zu sprechen.
Solltest Du nach der Schweiz kommen, so wirst Du auf dem Schlosse
meiner Freundin bestens aufgenommen seyn. Sie trägt mir auf, Dich zu
grüßen. Schon seit langer Zeit hat sie lebhaft gewünscht, Dich kennen
zu lernen, wenn es nur irgend eine Sprache giebt, worin ihr euch
verständigen könnt. Sie hat fast alles von Dir gelesen, den Sternbald
liebt sie am meisten.
Ich danke Dir für die ~desengaños~ über unsre ehemaligen Bekannten
in Berlin. Deine Berichte scheinen mir nur allzu glaubhaft, auch von
andern Seiten ist mir dergleichen zu Ohren gekommen. Es kann mir
wohl sehr gleichgültig seyn, was jene in ihrer armseligen und dunkeln
Existenz über mich ausbrüten. Nur bedauert man seine verlohrne Auslage
an redlichen Gesinnungen. Schütz ist nach seinen Tragödien zu urtheilen
ein großer Fratz geworden, die wahnwitzige Eitelkeit richtet solche
Menschen zu Grunde. Ueber Fichte bist Du nun selbst besser aufgeklärt,
sein Betragen in der Sache Deiner Schwester scheint unverantwortlich
zu seyn. Von seinen Schriften will ich nichts sagen, es ist aus mit
ihm. Was ist lächerlicher ja lästerlicher als seine Einbildung, das
Christenthum wieder herstellen zu wollen, und seit dem Evangelisten
Johannes der erste zu seyn, der es versteht? Man ist versucht, ihm
seine Reden an die Deutschen des Muthes wegen anzurechnen; allein es
ist eine solche Mischung von Zaghaftigkeit, Unwissenheit der Geschichte
und Unvernunft darin, daß man sich darüber noch am bittersten betrüben
möchte, daß wir keine besseren Propheten haben. -- Schleiermacher,
der Friedrichen und mir doch manches verdankt, soll sich ebenfalls
feindselig betragen. Der einzige dankbare Schüler, den ich gehabt, ist
Fouqué.
Auf Deine Uebersetzung von ~Love’s labours lost~ bin ich sehr
begierig. Du solltest sie doch ja fertig machen und in demselben
Format wie die meinige drucken lassen. Ich habe die Uebung in
Wortspielen ganz verlohren, und würde sehr verlegen seyn, wie ich dieß
Stück übersetzen sollte. Ueberhaupt geht es mir seltsam mit diesem
gebenedeyten Shakspeare: ich kann ihn weder aufgeben, noch zum Ende
fördern. Indessen hoffe ich diesen Sommer einen großen Ruck zu thun.
Richard III. ist fertig, und Heinrich VIII. angefangen. Es ist leicht
möglich, daß mir Mad. Unger Deine Arbeit am Shakspeare in einem etwas
veränderten Lichte vorgestellt hat, damit es mir ein Antrieb zur Eile
werden möchte. Uebrigens klagte sie vor einiger Zeit über Mangel an
Nachrichten von Dir, und daß sie von manchem, was Du ihr versprochen,
nichts weiter höre. Du hast freylich nicht nur ihr, sondern der Welt
überhaupt vieles versprochen. Was wird aus allen Deinen dichterischen
Planen? Auch über Shakspeare, über die altdeutschen Gedichte wolltest
Du schreiben. Ich gestehe, ich bestellte mir von Dir lieber _etwas_ als
_über etwas_.
Melde mir baldigst, wohin ich Dir den zweyten Band des Spanischen
Theaters und den ersten meiner Vorlesungen, die jetzt eben, auf die
Messe, erscheinen, schicken lassen soll?
Lebe tausendmal wohl, und behalte mich in gutem Andenken. Dein Bruder
wird Dir manches von mir erzählen können.
Unveränderlich Dein
treuer Freund
_A. W. S._