X.

_Berlin_, d. 28. Mai 1801.

Es ist ganz und gar nicht fein von Dir, Freund Tieck, daß Du mir nicht

schreibst. Meinen Brief mit den Aufträgen hast Du gewiß noch in Leipzig

erhalten, und wenn Du in Ansehung derselben nichts hast thun können,

so hättest Du mir wenigstens dies melden sollen, damit ich weitere

Schritte thun konnte. Diese Unterlassung würde in der That so aussehn,

als ob Du Dich um das Schicksal meines Shakspeare wenig kümmertest,

wenn ich Dich nicht besser kennte. Ich will Dich indessen von allem

Schreiben hierüber für jetzt lossprechen, -- ich bin auf einem andern

Wege so gut von der Lage der Sachen unterrichtet, wie ich es durch

einen Brief von Dir nur immer sein könnte. Ferner verweist mich

Cotta wegen der Verabredungen über den Druck des Almanachs an Dich.

Wahrhaftig an den rechten! Worauf, zum Henker, wartest Du denn noch,

mir dergleichen Nachrichten zu ertheilen? Was ist noch für Zeit zu

versäumen? Wenn der Almanach zeitig auf Michaelis erscheinen soll, so

muß der Druck doch gewiß mit dem Julius seinen Anfang nehmen. Da ich so

manche Mühe bei der Herausgabe freiwillig übernommen habe, sollte Dir

es doch nicht zu beschwerlich dünken, ein paar Zeilen zu schreiben.

Endlich habe ich Dich schon vor der Reise nach Leipzig gebeten, mir die

geistlichen Lieder von Hardenberg, und den Camaldulenser von Schütze zu

schicken. Es ist nothwendig, daß ich das Vorräthige beisammen habe, um

zu übersehen und zu ordnen. In des Teufels Namen, schick, oder Du wirst

mich sehr böse machen. -- Caroline wird Dir eine neue Romance und ein

Sonett von mir geschickt haben. Ich bin in diesen Tagen mit ~Henry

VI. P. 3~ fertig geworden, und mache nun noch verschiednes für den

Almanach. Von Dir erwarte ich recht sehr bald etwas neues. Vor allen

Dingen den Moses, den Du ja an der Spitze zu sehen wünschtest. Soll er

da wirklich hinkommen, so mußt Du Hand an’s Werk legen; gewartet kann

auf ihn nicht werden.

Von Fr. ist unterdeß noch nichts weiter eingelaufen, als wovon ich

neulich schrieb. Ueber die Sachen, die er überhaupt zu geben gedenkt,

wirst Du ihn selbst gesprochen haben. Mnioch hat ein vortreffliches

Gedicht (_Hellenik und Romantik_) für den Almanach eingeschickt.

-- Von Deiner Schwester habe ich ein Gedicht in Stanzen bekommen, das

ich nun abschreibe, um einige Kleinigkeiten zu ändern. Die Epigramme

von Röschlaub auf Reinhold habe ich; es fragt sich, ob ihretwegen von

der Maxime, nichts Litterarisches aufzunehmen, abgewichen werden soll?

Gries hat sich erkundigt, ob wir Beiträge annähmen. Fr. hat es aber

höflich abgelehnt.

Vermehren soll mit seinem Almanach in einiger Noth sein. Er hat

Beckern in Dr. eine Parthie eigner Fabricate gegen andre auszutauschen

angeboten. Dem Becker mußt Du um des Himmelswillen nichts für sein

Taschenbuch geben. Er wird Dich vermuthlich sehr darum angehen.

Ich habe bei den Gedichten, die ich Dir zusenden muß, noch die Mühe

des Abschreibens, da sie sonst verloren gehen könnten. Indessen sollen

sie sogleich erfolgen, wenn ich die Sachen von Hardenberg und Schütze

habe. Schickst Du diese aber nicht _mit umgehender Post_, so werde

ich Dich von neuem mahnen, und zwar, da Du einmal weißt, was ich will,

durch ein bloßes Couvert ohne Brief darin, welches ich posttäglich so

lange wiederholen werde, bis ich sie habe.

Lebe übrigens recht wohl, und grüß Deine liebe Frau.

_A. W. S._

Noch eins: sind Dir die beiden Lieder aus dem Heinrich von Ofterdingen:

_Lob des Weines_ und _Bergmannsleben_ erinnerlich, und billigst Du die

Wahl?

Noch eins: Schreib an K. _von Hardenberg_ über seine eingesandten

Gedichte, oder schicke sie mir zurück, damit ich es thun kann. Besser

wäre es aber, Du thätest es, da ich mich auf Jakob Böhme noch gar nicht

verstehe.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 205 / 309 题