VI.

_Braunschweig_, d. 23. Nov. 1800.

Verzeih, liebster Freund, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe,

Reisen, Zerstreuungen und Beschäftigungen haben mich abgehalten. Nun

hoffe ich bald Dich wieder zu sehn und eine Zeitlang mit Dir zu lieben.

Also nur das Nothwendige von Geschäften.

Du weißt, daß Cotta im Ganzen auf unsre Forderungen eingegangen

ist, nur mit der Einschränkung, daß ein Theil von den 100 Lsd. als

Grundhonorar festgesetzt, und das übrige erst, wenn der Erfolg der

Erwartung entspräche, nachgezahlt werden sollte. Er schlug mir vor,

die Summe des Grundhonorars zu bestimmen, dann wolle er die Zahl von

Exemplaren bestimmen, nach deren Absatz er das übrige nachzahlen könne.

Ich nannte nun, mit Voraussetzung Deiner Genehmigung, 60 Lsd. als das

Grundhonorar; Cotta ist es zufrieden, und verspricht nach Absatz von

1000 Ex. das übrige nachzuzahlen. Dieses scheint mir billig, er muß von

einem solchen Taschenbuch wohl 1500 absetzen, wenn er beträchtlichen

Vortheil haben soll. Von Schillers Almanach, den er freylich auch wohl

noch stärker bezahlt, sind immer 21-2200 Ex. gedruckt und, ich glaube,

auch ziemlich vollständig abgesetzt worden.

Ich betrachte nun also die Sache als völlig in Richtigkeit gebracht.

Mit dem Honorar, denke ich, machen wir nun folgende Einrichtung.

Das Taschenbuch muß etwa 300 S. also 13-14 Duodezbogen à 24 Seiten

enthalten. Wir honorirten also etwa unsre und der Freunde Beyträge

mit 4 Lsd. ~per~ Bogen. Die 40 Lsd. die nachgezahlt werden, wenn es

gelingt, theilen wir nachher unter uns. Hat das Taschenbuch gleich

einen guten Erfolg, so entschließt er sich nachher wohl, die gesammten

100 Lsd. künftig sogleich zu zahlen, und dann können wir die Beyträge

vielleicht noch etwas höher honoriren. Denn auf unhonorirte Beyträge

müssen wir schlechthin nicht speculiren, um nicht in das gewöhnliche

Musenalmanachswesen zu verfallen. Es muß schlechthin nichts aufgenommen

werden, was von einem zweydeutigen halben Talent zeugt, und wir

müssen uns die Grobheit nicht verdrießen lassen, wenn man uns so

etwas aufdrängen wollte. Wir beyden, dann Hardenberg, Friedrich und

Schelling (der sich aber vermuthlich nicht wird nennen wollen) können

das Büchlein schon hinreichend anfüllen. Ritter hat sich auch mit

poetischem Studium abgegeben, und ich habe Friedrich ermahnt, ihn

väterlich anzuleiten: aber da wird wohl für’s erste noch nichts zu

Stande kommen.

Was das beste ist, so schreibt mir Cotta, Goethen und Schillern würde

er gern bey Arbeiten für das Taschenbuch ihre eignen Bedingungen

zugestehn. Du weißt vielleicht, daß dießmal kein Schillerscher

Musenalmanach erscheint; sollte er nun auch in Zukunft unterbleiben,

wie ich vermuthe, (da Schiller sich wahrscheinlich ganz dem Theater

widmen will), so werden uns die beyden, was sie an kleinen Sachen

hervorbringen, gewiß nicht verweigern und so kann unser Taschenbuch

leicht der Musenalmanach ~par excellence~ werden. Ich schreibe

nächstens an Goethe darüber.

Zum einzigen Kupfer dabey wünschte ich für dießmal Goethe’s Porträt.

Ich werde mich bemühen, nach Burys Bilde, das jetzt in Hannover steht,

eine Zeichnung zu bekommen.

Nun ist also nur übrig, daß wir eifrig für das Taschenbuch sammeln.

Noch habe ich zwar nicht vieles ausgeführt, aber eine Menge Gedanken

zu Gedichten. Deine Sonette im Journal sind göttlich, ich habe sie

oft mit großer Erquickung meines innersten Gemüths gelesen, und

finde immer neue Tiefen darin. Fast hat es mir Leid gethan, daß sie

nicht für das Taschenbuch aufgehoben worden. Indessen, Du lobst

die andern Theilnehmer darin, und das würde denn freylich für eine

Unschicklichkeit gelten. Ich baue auch auf Deine Fruchtbarkeit. Nur

bitte ich Dich inständigst, jetzt von Deinen einzelnen Poesien ja

nichts zu verzetteln, sondern alles beysammen zu halten und aufzusparen.

Friedrich wird uns mit Lyrischen Stücken in Spanischen und

Italienischen Formen versorgen, (ich habe schon eine göttliche kleine

Canzone von ihm) Hardenb. mit einheimischem Liedergesange; von Dir

wünschte ich ganz besonders auch einige Romanzen. Versteht sich die

freyen Lieder, Fantasieen, oder die mehr geordneten Lieder, Sonette und

was es ist, wird auch willkommen seyn. -- Ich werde wohl der einzige

seyn, der Gedichte in antiken Formen unter die modernen mischt: den

Plan zu einer zweyten lehrenden Elegie über die Gestirne hatte ich,

wie Du weißt, lange. Jetzt gehe ich mit einer Idylle in deutschem

lokalen Kostüm um. -- Meine lyrischen Sachen werden meist alle zu einem

Todtenopfer bestimmt seyn. --

Von Schelling (der von Deinen Sonetten ebenfalls sehr bezaubert ist)

haben wir den _Pfarrer_[17], an dem er noch einiges verändert hat.

Er schreibt mir: „Das poet. Taschenbuch wird nun ohne Zweifel bald

ganz entschieden seyn. Wie froh wäre ich, mich mit würdigen Beyträgen

anschließen zu können. Allein ich befinde mich hier jetzt in einer

solchen prosaischen Lage, daß ich schwerlich so bald etwas neues zu

Stande bringe. -- Ein Lied jedoch kann ich Ihnen anbieten.“ -- Bis zum

Sommer wird ohne Zweifel noch manches hinzukommen.

Von Hardenberg habe ich noch das Lied an Dich über Jakob Böhme; sonst

habe ich lange nichts von ihm vernommen.

Das sind so ungefähr die Aussichten. Laß mich vorläufig Bibliothekar

und Registrator des Taschenbuchs seyn. Nach Neujahr hoffe ich nach

Berlin zu kommen, und da wird unser Beysammenseyn noch manches

hervorlocken.

Alsdann wollen wir auch überlegen, ob es besser ist, ganz friedlich mit

reiner Poesie anzufangen, oder gemeinschaftlich eine große Teufeley

auszubrüten. Die Abgeschmacktheit und Niederträchtigkeit ist groß, wie

Du aus Falk’s Taschenbuch und den Rez. davon und von Deinem Zerbin in

der A. L. Z. ersehen haben wirst. Die Frage ist nur, ob der Kampf grade

an dieser Stelle fortgeführt werden soll, oder ob wir lieber ganz in

unsrer Welt daheim bleiben sollen.

Ich habe auf meine eigne Hand einmal einen Streich ausgeführt, nämlich

mit der Kotzebueschen Posse, die jetzt gedruckt wird und die Du

nächstens erhalten wirst. Ich bin sehr begierig, wie sie Dir gefallen

mag. Für das Taschenbuch wäre der Spaß viel zu weitläuftig gewesen,

denn es werden an die sechs Bogen; auch dürfte es nicht veralten, da K.

nun schon eine Weile her wieder im Glück ist.

Noch eins; Cotta überläßt es uns, den Druck des Taschenbuchs selbst zu

wählen. Lateinische Lettern wirst Du nicht wollen; es bleibt also nur

die Wahl zwischen gewöhnlichen Deutschen und Ungerschen. Ich bin für

die letzten. Wie hübsch nehmen sich Goethe’s neuste Gedichte aus!

Dein 4ter B. ~D. Q.~ ist ja nun auch wohl fertig. Soltau’s Angriff

auf mich in der A. L. Z. wirst Du wohl gelesen haben. Ob er mit der

Beschuldigung gegen Dich, den ~alano~ betreffend, Recht hat, weiß

ich nicht, da ich das Original nicht in Händen habe.

Das Verdrießliche ist, daß er uns mit den Novellen wirklich

zuvorgekommen. Die ersten Bogen habe ich in Händen, sie werden hier bey

Vieweg gedruckt, und sind vielleicht um ein weniges besser, wie sein

~D. Q.~ Er ist doch, wie es scheint, ein wenig in sich gegangen.

-- Es wird für uns schwer halten einen Verleger zu finden, und wir

werden unsern Plan mit dem ganzen Cerv. vielleicht erst in Jahren

ausführen können.

Mich verlangt sehr, von dem Fortgang Deiner eignen Arbeiten, Sternbald

und Gartenwochen etwas zu hören.

Ich habe mich herzlich gefreut über den Preis, den Dein Bruder

gewonnen, und es thut mir nun doppelt leid, daß er nicht nach

Deutschland kommt, um das Monument ausführen zu können. Melde mir

seine Addresse, ich wollte gern einen schon vor langer Zeit von ihm

empfangenen Brief beantworten.

(Ohne Schluß.)

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 200 / 309 题