II.

_Jena_, den 11ten Dec.

(Ohne Jahreszahl.)

Es ist schön, daß unsre Briefe einander auf halbem Wege entgegen

gekommen sind. Die Correspondenz ist also nun förmlich eingerichtet,

bis zur persönlichen Bekanntschaft, auf die ich mich lebhaft freue.

Haben Sie Dank für die übersandten Volksmährchen, sie haben mir eine

sehr angenehme Lectüre gewährt, es verdrießt mich nun noch mehr, daß

sie ein Andrer, wie mir däucht, nicht mit sonderlicher Einsicht,

beurtheilt hat, und ich sinne darauf, wie diese Versäumniß wieder

gut zu machen wäre. Ihr Don Quixote soll mir gewiß nicht entgehen;

ich bin überzeugt, daß es Ihnen damit sehr gelingen wird, da Sie die

darstellende Prosa so in Ihrer Gewalt haben. Der Don Quixote ist

vielleicht unter allen Romanen _vor_ W. Meister derjenige, der am

meisten von dem epischen Numerus hat, worüber ich in der Beurtheilung

von Hermann und Dorothea einiges gesagt. Die vielen spanischen

Participien werden Ihnen einige Noth machen; ich denke, sie müssen in

den meisten Fällen in direkte Sätze aufgelöst werden, so daß ungefähr

eine so leichte Wortfolge und Structur, wie im W. M., bei gleicher

Fülle, heraus käme.

Ihr Prolog unter den Volksmährchen ist ein allerliebster Einfall, und

voll von allerliebsten Einfällen. In dem blonden Ekbert fand ich ganz

die Erzählungsweise Göthes in seinem Mährchen, im W. M. u. s. w. Sie

haben sich diesen reizenden Ueberfluß bei gleicher Klarheit und Mäßigung

auf eine Art angeeignet, die nicht bloß ein tiefes und glückliches

Studium, sondern ursprüngliche Verwandtschaft der Geister verräth.

So auch mit den Liedern. Man hätte mich mit einigen davon täuschen

können, sie wären von Göthe. Seltner glaubte ich darin einen von den

zerstreuten Zauberklängen in Shaksp.’s Liedern zu hören. Ueberhaupt

würde man, wie mir däucht, Ihre innige Vertrautheit mit diesem

Dichter weniger vermuthen. Vielleicht kommt es nur daher, weil Sie

noch nichts in Sh.s Form dramatisirt haben. Ein romantisch komisches

Schauspiel, der ernsthafte Theil in fünffüßigen Jamben, auch wohl mit

untermischten Reimen, nur der komische Dialog in Prosa, das müßte

Ihnen herrlich gelingen. Ich glaube, Sie müssen bei Ihren nächsten

Dichtungen hauptsächlich darauf achten, Ihre Kraft zu einer recht

entschiedenen Wirkung zu konzentriren, und vielleicht ist selbst die

äußere Schwierigkeit hierzu ein Mittel.

Den Lovell lese ich mit großem Interesse, doch scheint mir von ihm bis

zu einigen der Volksmährchen noch ein großer Schritt zu sein.

Im _Berneck_ und der _schönen Magelone_ finde ich noch

einige Erinnerungen an die frühere Manier. Jener hat mich überhaupt

am wenigsten befriedigt. In der Magelone wurde mir die Schwierigkeit

sichtbar, schwärmerische Regungen der Liebe in einem alten Kostüm ohne

moderne Einmischungen darzustellen. Doch sind die Lieder allerliebst,

und auch einige Stellen der Erzählung, z. B. den Traum S. 185, 186

könnte Göthe eben so geschrieben haben. Sie verzeihen, theuerster

Freund, daß ich Ihnen mein Urtheil so unbefangen sage, als ob wir schon

Jahre lang mit einander umgegangen wären. Lassen Sie mich doch auch

einmal Ihre Meinung über meine Gedichte im Almanach erfahren, wenn es

Ihnen nicht mühselig ist, und Sie es in der Kürze können.

Auf Ihre Briefe über Shakespeare bin ich sehr begierig. Wie sind Sie

mit meinem Aufsatze über Romeo zufrieden gewesen? Ich hoffe, Sie werden

in Ihrer Schrift unter anderm beweisen, Sh. sei kein Engländer gewesen.

Wie kam er nur unter die frostigen, stupiden Seelen auf dieser brutalen

Insel? Freilich müssen sie damals noch mehr menschliches Gefühl und

Dichtersinn gehabt haben, als jetzt. Ihre beiden Conjecturen im

_Sturm_ leuchten mir sehr ein, doch weiß ich nicht, ob ich sie in

die Uebersetzung aufnehmen darf -- es würde eine Note fordern, und ich

mache keine Noten. -- Die Englischen Kritiker verstehen sich gar nicht

auf Sh. -- ich will Ihnen ein Beispiel einer schlechten Conjectur von

Malone geben, der doch sonst für den besten _gilt_, und auch, wo

es bloß auf das diplomatische Vergleichen und Auftreiben veralteter

Redensarten ankommt, wirklich ist. Die Stelle ist in ~What you

will~, in meiner Uebersetzung S. 197.

~She took the ring of me: I’ll none of it.~ Hier will Malone

nach ~me~ ein Fragezeichen setzen: Sie sollte den Ring von mir

genommen haben? Der dumme Mensch kann nämlich nicht begreifen, daß

Viola Gegenwart des Geistes genug hat, um in Olivias Erfindung hinein

zu gehen, und sie nicht gegen den Malvolio Lügen zu strafen. -- So

ist im Romeo eine Stelle, über die sich Johnson den Kopf zerbricht,

obgleich nichts leichter zu verstehen ist. Es wäre rühmlich für unsre

Nation, wenn wir einmal eine _kritische Ausgabe_ des Engl. Sh.’s

bekämen, welche den in England erschienenen vorzuziehen wäre. Nicht

selten wünschte ich Sie über einzelne Stellen Sh-s befragen zu können,

ob Sie sie eben so wie ich verstehen?

Leben Sie recht wohl.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 191 / 309 题