III.

_Regensburg_, den 6. May 1835.

Erlauben Sie mir, hochverehrter Herr und Freund, daß ich mich durch

diese Zeilen in Ihr wohlwollendes Andenken zurückrufe. Der Ueberbringer

derselben ist Herr Appellations-Gerichts-Accessist Halenke aus

Regensburg, der im verflossenen Jahre eine Reise durch Italien gemacht

hat und nun auch den Norden Deutschlands und England kennen zu lernen

wünscht. Er hat mich bey dieser Veranlassung um ein Wort der Empfehlung

gebeten, das ihn bey dem größten, -- vielmehr dem einzigen großen unter

den lebenden Dichtern Deutschlands einführen soll. Er ist ein sehr

wackerer, gebildeter junger Mann und ich wage daher zu bitten, daß Sie

ihm einige Minuten vergönnen wollen.

Seit ich zum leztenmal das Glück hatte, Sie zu sehen, verehrtester

Freund, hat sich in meinen äußern Lebensverhältnissen Vieles

umgestaltet; doch fühle ich mich in meiner gegenwärtigen Stellung und

Umgebung weit glücklicher und zufriedener als in München, dessen reiche

wissenschaftliche und Kunstschätze ich zwar hier entbehre, doch auch

dort unter der fast erdrückenden Last der Berufs-Geschäfte nur wenig

genießen konnte. --

Ich hoffe, daß auch Ihre Gesundheit keine neue Erschütterung mehr zu

erleiden gehabt hat. Die Kraft und überschwängliche Fülle Ihres Geistes

hat zwar zu keiner Zeit durch Ihre körperlichen Leiden gehemmt oder

gedrückt werden können, indessen quillt gerade seit den letzten Jahren

der Strom Ihrer Dichtungen so reich, so tief, lebendig und heiter, daß

er auch auf ein ununterbrochenes äußeres Wohlseyn schließen läßt.

Daß unser edler König Ihrem herrlichen Genius dieselbe anerkennende

Huldigung dargebracht hat, die er einst Göthe’n gezollt, hat mich auch

um Seinetwillen innig gefreut; es war mir ein neuer Grund, auf meinen

König stolz zu seyn.

Und nun noch das Geständniß einer Kühnheit nebst der Bitte um deren

Verzeihung! Ich habe in dem, jetzt erscheinenden dritten Bande meiner

Schauspiele mein neuestes dramatisches Werk: „Die Griechen in Nürnberg“

ohne Ihre vorgängige Zustimmung Ihnen, verehrtester Freund, gewidmet.

Ich werde Ihnen das Buch, sobald der Druck vollendet, zu übersenden die

Ehre haben, fühle aber jetzt schon, daß die Kühnheit, ein so geringes

Werk einem solchen Manne, -- und noch dazu hinter Seinem Rücken, -- zu

dedicieren, nur durch das Vertrauen auf Ihr mir so vielfach bewiesenes

Wohlwollen und durch die Wärme innigster Freundschaft und unbegränzter

Verehrung entschuldigt werden kann, mit welcher ich unwandelbar beharre

der Ihrige

_E. Schenk_.

Den 17. Juny 1835.

Der junge Mann, der Ihnen dieses Schreiben überbringen sollte, ist in

Amberg erkrankt und hat, hiedurch an seiner Weiterreise verhindert,

mir dasselbe zurückgesendet. Da jedoch meine Zeilen mehr ein

Empfehlungsbrief für _mich_ selbst als für _ihn_ seyn sollen,

so bin ich so frey, sie Ihnen unverändert durch die Post zu übersenden.

_Schenk_.

=Schlegel, August Wilhelm.=

Geboren zu Hannover 8. September 1767, gestorben zu Bonn am 12. Mai

1845.

Gedichte (1800) -- Ion, Tragödie (1803) -- Vorlesungen über

dramatische Kunst und Litteratur, 3 Bde. (1809-11) -- Poetische

Werke, 2 Bde. (1811-15) -- Indische Bibliothek, 2 Bde. (1820-26) --

Kritische Schriften &c. &c.

All’ diese Büchertitel, mögen sich auch an einige derselben unsere

jugendlich-begeisterten Erinnerungen knüpfen, sind doch keinesweges

genügend die umfassenden Verdienste des Mannes einigermaßen zu

bezeichnen. Wohin wir blicken, ist er von Jugend auf Vorgänger,

Führer, Lehrmeister gewesen auf dem Wege zur Erkenntniß des Großen

und Schönen in der Poesie aller Völker. Er ist’s gewesen, der

mit genialem Fleiße Calderons geheimnißvolle Tiefen deutschem

Verständniß näher gerückt; _Er_ hat uns zuerst durch große

kühne _That_ dargethan, daß Shakspeare auch _uns_ gehört;

die siebzehn Dramen, die Schlegel (und wann? und _ohne_

Vorbild; ohne jegliche Beihilfe!) _verdeutschte_, sind so

recht unser Eigenthum geworden.

Leider kam eine Zeit, wo man sich die Miene gab, vergessen zu

wollen, was wir ihm verdanken. Es ist ihm schändliches Unrecht

widerfahren. Aber es läßt sich nicht leugnen: das größte Unrecht

hat er sich selbst gethan durch thöricht-kindische Eitelkeit,

die er leider unbefangen zur Schau trug. Wer ihn nach diesem

äußerlichen Scheine beurtheilte, hatte freilich leichtes Spiel, um

ihn lächerlich zu finden, wohl gar lächerlich zu machen. Wer jedoch

Pietät genug besaß, in’s Innere zu dringen und den _Kern_ des

Mannes zu durchforschen, der verkannte gewiß nicht, daß er sich

treu geblieben trotz mancher scheinbarer Geckereien.

Das sollen nun auch diese Briefe darthun, die ein halbes

Jahrhundert umfassen, und aus deren letzten noch uns derselbe

August Wilhelm entgegentritt, den wir um seiner humoristisch-derben

redlichen Aufrichtigkeit willen, schon in den ersteren lieben

lernten.

Gewöhnlich wollen auch Diejenigen, die ihn im Ganzen zu würdigen

wissen, den Kritiker, den Sprachkünstler, den Uebersetzer allein

gelten lassen, während sie den _Dichter_ kaum anerkennen.

Erstens vergessen sie, daß um _so_ zu _übersetzen_, wie

Er’s den größten Dichtern gethan, der Uebersetzer selbst ein großer

Dichter sein muß. Zweitens aber scheinen sie (Schlegels polemischer

Poesieen, welche unerreichbare Meisterstücke bleiben, nicht zu

gedenken), Dichtungen unter den seinigen vergessen zu haben, deren

Tiefe und Gedankenreichthum der höchstmöglichen Formvollendung ganz

entspricht. Unser _Bürger_ wußte schon, weshalb er „dem jungen

Aar, dessen Flug die Wolken überwinden“ würde, prophetisch zurief:

„Dich zum Dienst des Sonnengott’s zu krönen,

Hielt ich nicht den eignen Kranz zu werth, --

Doch Dir ist ein besserer bescheert!“

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 189 / 309 题