_München_, den 7. Julius 1826.
Unvergeßlich sind mir die Stunden, verehrungswürdigster Herr Hofrath,
die ich während Ihres lezten, nur zu kurzen Aufenthaltes zu München in
Ihrer Gesellschaft zubrachte. Sie gestatteten dem Manne, der vor 16
Jahren als Jüngling den gefeyerten Dichter nur schüchtern schweigend
aus ehrerbietiger Entfernung bewundert hatte, Ihnen zu nahen, sich
mit Ihnen über die anziehendsten Gegenstände der Literatur und Kunst
wie über die heiligsten Angelegenheiten der Menschheit traulich zu
besprechen, und Sie selbst schienen sich mit Wohlwollen zu ihm herab zu
neigen. Diese schöne Erinnerung geht mir jezt lebhafter als je durch
die Seele; sie erhöht das freudige Gefühl, welches die Veranlassung
meines Schreibens an Sie in mir erregen mußte. -- Doch zur Sache!
Es ist Ihnen ohne Zweifel aus öffentlichen Blättern bekannt, daß der
König, mein allergnädigster Herr, die Versezung der Universität von
Landshut nach München beschloßen hat, daß diese Versezung schon im
nächsten Wintersemester stattfinden wird und daß in den Kreis der
würdigen Männer des Inlandes, die zu Mitgliedern der neuen Universität
bereits bestimmt sind, auch einige ausgezeichnete Gelehrte des
Auslandes oder vielmehr des übrigen Deutschlands eingeladen werden
sollen. In die Zahl dieser Männer hat nun des Königs Majestät auch
Sie, verehrtester Herr Hofrath, eingeschlossen und mir den äußerst
angenehmen Auftrag ertheilt, Ihnen diese Einladung mit der Bitte zu
eröffnen, mir vorläufig gefälligst die Bedingungen mittheilen zu
wollen, unter welchen Sie diesen Ruf, -- im Falle Sie überhaupt Ihre
gegenwärtigen Verhältniße in Dresden zu verlaßen geneigt sind, --
annehmen würden.
Die Gegenstände, über welche Sie an der hiesigen Universität
Vorlesungen halten würden, sind ganz Ihrer eigenen Wahl überlaßen. Weit
entfernt, Ihre akademische Wirksamkeit auf den engen, systematisch
gezogenen Kreis gewöhnlicher Collegien beschränken zu wollen, lebt
vielmehr der König der Ueberzeugung, daß ein Mann, wie Ludwig Tieck,
durch seine Persönlichkeit, durch seine freyesten Vorträge und
Gespräche, selbst durch die Würde und Anmuth seines geselligen Umganges
mehr wirken und anregen könne, als Andere durch die ausführlichsten
und ausholendsten Vorlesungen über Aesthetik, Literatur-Geschichte u.
s. w. Wählen Sie aus dem umfaßenden Gebiete Ihrer Forschungen einzelne
Theile, lesen Sie über Shakespear, Dante, Calderon oder lesen Sie
einzelne Werke dieser großen Dichter nur vor und es wird sich ein
liebevoller Kreis jugendlicher Zuhörer begierig um Sie sammeln und er
wird durch diese ewigen Muster -- _so_ vorgetragen und _so_
erläutert, -- wahre Kunst und wahre Schönheit kennen lernen.
Ich brauche Ihnen nicht erst anzuführen, mit welcher begeisterten Liebe
Sie von Ihren hiesigen Freunden werden aufgenommen werden, -- aber das
muß ich beyfügen, daß außer Ihnen auch noch einige andere treffliche
Männer, und unter diesen Ihr Freund Raumer in Berlin zu der hiesigen
Universität eingeladen sind. Es würden sich also in München Ihre in
Deutschland zerstreuten Freunde um Sie sammeln.
Wegen des Gehaltes bitte ich Sie, mir Ihre Wünsche gefälligst zu
eröffnen. Auch wird es Ihnen hier an Muße nicht fehlen, uns fortwährend
durch neue Hervorbringungen Ihres Genius zu erfreuen. --
Indem ich schließe, wage ich die Bitte, mich dem Herrn von Lüttichau,
Ihrem verehrten Freunde, vielmal zu empfehlen und ihm vorläufig zu
melden, daß ich ihm das Manuscript des Belisar, welches er zur Einsicht
verlangt hat, demnächst übersenden werde.