_Frankfurt_ am Main, d. 17t. Nov. 1846.
_Hochgeehrter Herr Geheimer Rath!_
Eine mehrmonatliche Abwesenheit im Süden (in Catalonien und Valencia),
während welcher mir wegen vielfach wechselnden Aufenthaltes keine
Briefe nachgeschickt werden konnten, hat gemacht, daß mir Ihr
hocherfreuliches Schreiben erst jetzt nach meiner Rückkunft zugekommen
ist. Empfangen Sie nun, wenn auch verspätet, meinen innigsten Dank
für die wohlwollend-nachsichtige Aufnahme, welche Sie meiner Arbeit
angedeihen ließen, so wie für die vielen, mir gemachten, lehrreichen
Mitteilungen. Ich verfehle nicht, Ihnen beifolgend das gewünschte
Exemplar des dritten Bandes zu übersenden, indem ich die Hoffnung zu
hegen wage, daß es für den Zweck, für welchen es bestimmt, nicht zu
spät eintreffen werde. Sollte mich diese Hoffnung täuschen, so wird
der angeführte Umstand meiner Entfernung von Frankfurt zu meiner
Entschuldigung gereichen.
Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr Geheimer Rath, die Versicherung der
innigsten Verehrung und Hochachtung, mit welcher ich verharre
Ihr
ganz gehorsamster
_A. F. v. Schack_.
=Schall, Karl.=
Geb. am 24. Februar 1780 zu Breslau, gestorben ebendaselbst am 18.
August 1833.
Schall mag wohl nicht der einzige Poet sein, dessen eigentliche
That- und Schöpfungs-Kraft durch liebenswürdige Gesellschaftsgaben
und vielseitigen Verkehr im Kleinen gleichsam zersplittert worden
sind. Er wußte viel, er erlernte täglich mehr, er konnte mit den
Gelehrten verschiedenster Fächer wissenschaftliche Gespräche
durchfechten, machte geistreiche, zierliche Gedichte, schrieb
unzählige witzige pikante Billetchen, war und blieb ein Orakel
für Schriftsteller, Schauspieler und Studenten, die sich um ihn
schaarten, galt bei Männern aus allen Ständen für eine bedeutende
Autorität, und brachte es dabei doch nur zu wenigen Lustspielen,
von denen _drei_ allerdings zu ihrer Zeit, wirklich Epoche
machten:
Kuß und Ohrfeige -- Trau schau wem -- die unterbrochene
Whistpartie. -- Ein viertes: -- Mehr Glück als Verstand -- hat
weniger gefallen. Und seine größte Arbeit -- _Theatersucht_
-- ist auf dem Berliner Hoftheater (in Breslau machte sie Glück)
ausgepfiffen worden, als sie neu war (1815); wohl hauptsächlich
weil sie die Narrheiten der Dilettanten-Theater verspottet, und
weil die zahlreichen Mitglieder derselben Anstalten sich gegen
solchen Spott auflehnten. So ging das vorzüglichste seiner
Lustspiele halb und halb verloren und dieses Mißgeschick hemmte
die frischbegonnene Thätigkeit. Er ließ sich einschüchtern und
wurde verzagt. Durch eine im Jahre 1827 versuchte Wiederaufnahme
der Theatersucht, welche im königstädter Theater glücklich von
Statten ging, ließ er sich neu anregen. Doch was er fürder mühsam
schuf, ist breit, schleppend, ohne rechtes theatralisches Leben.
Wenn man Stücke betrachtet wie: Das Kinderspiel -- Eigne Wahl --
der Knopf am Flausrock -- Schwert und Spindel u. s. w. kann man
nur bedauern, daß solche Fülle von Geist, Witz, Gemüth und Wissen
zu einem wirkungslosen Hin- und Herreden verschwendet worden.
Für „Schwert und Spindel“ waren zehnjährige Studien gemacht und
ganze Stöße von Excerpten zusammen getragen worden, um einige --
auf der Bühne langweilige -- Scenen damit auszustaffieren! Und
dies von einem berufenen Kenner dramatischer und dramaturgischer
Zustände; von einem in’s Detail gehenden Theaterkritiker! -- Es
ist lehrreich, und fordert zu ernsten Betrachtungen auf, daß
ähnliche Selbsttäuschungen fortwähren konnten bis zum Tode. (Siehe
den vorletzten, ein Jahr vor seinem Ende geschriebenen Brief.)
-- Eines kleinen Gelegenheitsstückes haben wir noch zu gedenken,
welches Schall für die Bühne seiner Vaterstadt schrieb, und in
welchem Ludwig Devrient, damals in vollster Blüthe des Genie’s,
die Hauptrolle gab. Es hieß: _das Heiligthum_, und galt dem
Jahresfeste der Königin Luise von Preußen. Es war ein Meisterwerk
dieser Gattung; es war zugleich ein kühnes Wagstück: umgeben von
Spionen, unter französischem Drucke, treue Preußenherzen zu solcher
Huldigung aufzurufen. -- Nur Wenige der Jetztlebenden werden noch
eine Erinnerung an jenen festlichen Abend in ihrer Seele bewahren;
aber bei diesen wird sie auch erst mit dem Leben erlöschen.