_Rochlitz_.
=Rückert, Friedrich.=
Geb. am 16. Mai 1789 zu Schweinfurt. -- Lebt seitdem er (1849)
seine Stellung in Berlin aufgegeben, auf seinem Gute Neuseß in der
Nähe von Coburg.
Als _Freimund Reimar_ hat er zuerst seine ersten Kampf-,
Zorn- und Spottlieder gegen Deutschlands Erbfeind erschallen
lassen, und hat sich seit fünfzig Jahren mit einer noch nie und
nirgend erlebten Fülle poetischer Gaben und Schätze; mit einer
unübertroffenen Herrschaft in Form und Sprache; mit einem ganzen
Frühling und Sommer voll Blüthen so tief in dieses Deutschlands
Leben und Weben hineingesungen, daß deutsche Dichtung und Friedrich
Rückert für ewig unzertrennlich bleiben. Das hat Friedrich Wilhelm
der IVte erkannt, und hat ihn nach Berlin berufen, den
großen Poeten, der auch für dieses Königs Mutter, für Königin
Luise, den Kranz von immer blühenden weißen Rosen wand, der in
den „Geharnischten Sonetten“ den Ahnherrn, den alten Fritz,
heraufbeschwor!
Daß Rückert in Berlin nicht heimisch werden könne, war
vorauszusehen. Nach 1848 wurd’ es unmöglich. Und daß der
verstorbene König diese _Unmöglichkeit_ begriff, macht seinem
Verstande, daß er dem Dichter die _Möglichkeit_ gönnte, sich
in den Frieden ländlicher Stille aus dem Geräusch der großen
aufgeregten Stadt zu flüchten, macht seinem Herzen Ehre.
Deshalb auch begegnen wie den innigen Worten, die in nachstehenden
Zeilen dem königlichen Gönner gelten, mit aufrichtiger Freude.
_Berlin_ d. 11. Okt. 41.
_Hochverehrter Meister!_
Hier stellt sich mein armenischer König vor Ihren Richterstuhl. Sehen
Sie die Arbeit so an, wie ich mündlich sie Ihnen zu zeigen versuchte,
als eine erste Einübung der mir neuen Kunstform, und zwar als ersten
rapiden Hinwurf ohne Durchsicht und Feile. Ich sagte Ihnen schon,
daß noch einige dergl. Uebungstücke folgen sollen, eh ich an meinen
eigentlichen Vorsatz, vaterländische Stücke (aus der brandenburgischen
Geschichte) gehen werde. Wäre das Stück nicht zu unvollendet und nicht
zu lang, so könnt’ ich ihm nichts besseres wünschen, als es durch Sie
selbst unsrem König vorgeführt, von dessen Begeisterung in mir es die
erste Eingebung ist. Wenigstens möcht’ ich Sie bitten, Ihm bei guten
Gelegenheiten von meinen Intentionen zu sagen, was ich selbst mündlich
thun möchte, aber er hat mich bis jetzt noch nicht zu sehen verlangt,
da ich ihn zu sehen nicht verlange, sondern brenne. Der gnädigen Gräfin
empfehl’ ich mich unterthänig. In vollster Hochachtung
der Ihrige
_Rückert_.
Ueber den Zauber Ihrer Vorlesung möcht ich noch einmal mich mündlich
gegen Sie aussprechen. Ganz besonders hat mich Malvoglio befriedigt,
der beim Lesen immer als ungebührlich mishandelt mir wehe that. Aber
Ihre Stimme macht ihn so dick und derb, daß man kein Mitleid mehr mit
ihm fühlt.
=Rühs, Christian Friedrich.=
Geb. in Greifswalde 1779, gestorben 1820 in Florenz.
Er wurde 1801 Privatdocent in Göttingen, 1802 in Greifswalde, 1808
Professor der Philosophie, 1810 Professor der Geschichte in Berlin,
1817 königl. preuß. Historiograph und Bibliothekar.
Versuch einer Geschichte der Religion &c. der alten Skandinavier
(1801.) -- Unterhaltungen für Freunde altdeutscher und
altnordischer Litteratur (1803.) -- Pommersche Denkwürdigkeiten
(1803.) -- Finnland und seine Bewohner (1804.) -- Entwurf einer
Propädeutik des historischen Studiums (1811.) -- Die Edda
(1812.) -- Zeitschrift für die neueste Geschichte, Staaten- und
Völkerkunde, 4 Bde. (1814-15.) -- Historische Entwickelung des
Einflusses Frankreichs &c. (1815.) -- Handbuch der Geschichte des
Mittelalters (1817.) -- und noch viel Anderes.
Dürfen wir von der Handschrift dieses Briefes auf jene in den
Manuskripten seiner zahlreichen Werke schließen, dann mögen die
Setzer bei ihrer Arbeit manchen Seufzer ausgestoßen, vielleicht
auch manchen Fluch losgelassen haben. An ersteren wenigstens haben
wir es nicht fehlen lassen.
_Berlin_, d. 14. Jul. 16.
_Mein hochgeschätzter und verehrter Freund!_
Den Babingtonschen Catalog hab’ ich Ihnen nicht gesandt, auch Reimer
nicht, aber mit Vergnügen hab’ ich Ihre Aufträge an Hrn. Spiker
befördert, der bis zum October in London bleibt. Sein Aufenthalt ist
für die Königl. Bibliothek sehr vortheilhaft gewesen: schon haben wir 3
große Kisten mit englischen und einigen spanischen und portugiesischen
Büchern erhalten. Wir haben bereits alle alten Hauptchroniken von
England und von Schottland bekommen: ferner in der schönen Literatur
jetzt 2 Ausgaben der ~old plays~ und die sämmtlichen neuen
Commentatoren über Shakespear, auch Hawkins, Massinger ~Works~ u.
dgl. Sobald alle diese Sachen, die mehrere hundert Volumina ausmachen,
geordnet sind, zweifle ich nicht, daß Sie dieselben zu Ihrem Gebrauch
werden bekommen können. Besonders wünschte ich, daß Sie einige Zeit
hier bleiben könnten, um genauer mit diesen Schätzen bekannt zu werden.
Nun bitte ich Sie, wenn Sie noch einige ältere für die Geschichte der
Sprache und Literatur wichtige Werke wissen, die eine Bibliothek, die
die Ehre haben will, die erste eines großen Staats zu seyn, haben
muß, mich darauf aufmerksam zu machen: ich werde dann sorgen, daß sie
angeschafft werden. Ich hoffe, daß die Bereicherungen, die unmittelbar
durch meinen Betrieb der Bibliothek zugewachsen sind, noch in der Folge
schöne Früchte tragen werden. Ich habe den ganzen Vorrath selbst nur
erst flüchtig durchgesehn. Zwei Kisten kommen noch. Das Parlament hat
uns ein Geschenk mit allen den Sachen gemacht, die auf Veranstaltung
desselben gedruckt sind und darunter sind wichtig der Catalog der
Bodleyanischen und Coltonianischen Handschriften: diese Sachen sind
aber noch nicht hier: wir erwarten sie aber noch mit der ersten
Gelegenheit. Unsre Bibliothek ist durch diese Erwerbungen wirklich
sehr bereichert und wir brauchen nun nicht mehr so sehnsüchtig nach
den Fleischtöpfen Aegyptens, der Göttinger Büchersammlung auszuschauen.
Hr. Reuß verlangt nun die Bücher zurück, die Sie haben, und ich muß
Sie bitten sie ihm wiederzuschicken. Hawkins ist hier und Sie können
ihn wieder bekommen, vermuthlich auch was Sie sonst haben: melden Sie
es mir nur bald, ich will dann schon suchen, Ihnen die Bücher zu
schaffen. Es ist natürlich von hier aus leichter als aus Göttingen
Sendungen zu machen. Kennen Sie schon das neue angelsächsische Gedicht,
das Thorkelin herausgegeben hat? Es ist gewiß sehr merkwürdig, aber
über die Maßen schwer zu verstehn, ich kann gar nicht damit aus der
Stelle kommen. Schon früher hat die Bibliothek auch viele recht
interessante Bücher zur spanischen Literatur erhalten: nicht nur alte
Chroniken, auch poetische Werke, alte Schauspiele u. s. w., sie sind
theils aus der Graf Palmschen Auction in Regensburg, theils aus Hamburg
gekommen.
Wie sehr wünschte ich, daß Sie etwas näher wären: um Ihnen auch manches
nordische mitzutheilen. Ich habe mir jetzt alle Werke von Bellmann
verschaft, auch die alten schwedischen Volkslieder mit Melodien,
worüber ich gar zu gern Ihr Urtheil hören möchte. Ich bin in sehr
nüchternen Arbeiten begriffen: ich lese 3 Collegia, das ist völlig so
gut als Holz hacken: ein neues über die Politik, das mir viele Zeit
kostet, weil ich selbst noch nicht recht viel davon wußte, ich habe
es aber gethan, um dem Schlendrian und den gemeinen Ansichten, die
gerade hier wieder recht die Tagesordnung werden sollen, die Stirn zu
bieten. Mein Mittelalter ist noch immer nicht fertig, obgleich schon
43 Bogen gedruckt sind. Man denkt jetzt ernsthaft an die Ordnung der
hiesigen Kunstsammlungen, wozu eine eigne Comißion ernannt ist: mir ist
auch mein Theil nemlich die Menge des Mittelalters angewiesen. Es hat
sich bei dieser Gelegenheit das ganze herrliche Stoschsche Cabinett
von geschnittenen Steinen wiedergefunden, das selbst nach gedruckten
Nachrichten ganz zerstreut seyn sollte.
Herr Garlieb Merkel hat sich wieder eingefunden, um den _alten
Freimüthigen_ herauszugeben: mich erinnert seine Ankündigung an den
Gastwirth in Hamburg, der anfangs sein Schild vertauscht hatte und da
nun ein andrer sich seines alten bediente, unter sein neues (es hieß
zum Prinzen von Hessen) setzen ließ: das ist der rechte goldne Esel.
Reimer hatte den boshaften Einfall, gleich nach Merkel’s Ankunft,
in alle hiesigen Zeitungen einrücken zu lassen: es wären jetzt von
der Schrift ~Testimonia autorum de Merkelio~ wieder Exemplare
vorräthig. --