_Carlsruhe_ d. 15. Obr. 1824.
_Verehrtester Freund_.
Ihre Besorglichkeit war ungegründet. Ich habe mich in dem
ungesellschaftlichen München nicht länger aufgehalten, als eben
nöthig war, es kennen zu lernen. Um eine alte Krummstadt herum,
und in sie hinein entsteht eben eine neu’st-modige, griechisirende
und romantisirende, und giebt so ein Bild der _geistigen_
Baulichkeiten: der Bildung. Man steht mit dem Einen Fuße tief unten
im Wust und Schlamm noch nicht weggeschafter Barbarei, und hat den
andern über viele Mittelstufen hinweg, so plötzlich und so hoch
erhoben, daß man gar nicht begreifen kann, wo man die Kraft zu einem
solchen Sieben-Meilen-Schritt hernehmen soll. Auch macht man diesen
Schritt nicht; man spreitzt sich eben nur und wähnt unter Anderm
z. B. Preußen weit überflügelt zu haben. Reinlichkeit der Straßen
und unelegante finstere Kaufläden; Gewühl von Menschen, Pferden,
Soldaten und Güter- und Bier-Wagen, und keine Equipagen, außer denen
des Hofes und zweier Gesandten; Napoleonische Polizei und andre
Einrichtungen, bei altfränkischen ärgerlichen unnützen Formen;
Soldaten-putz und wissenschaftlich-militärisches Treiben, bei höchstem
Spießbürgersinn des Volkes; eleganter Pariser Damenputz im Theater, und
Fraubasen-Gespräche mit breiter unangenehmer Mundart; ächt deutsche
und höchst rührende Liebe zu dem angebohrenen Herrscher, und doch im
Ganzen ein höchst undeutsches, ungemüthliches, egoistisches Wesen, das
auf den sarmatischen Ursprung des Stammes hindeutet -- und so könnt ich
noch hundert Gegensätze anführen, die man hier dicht neben einander
findet und die Einen bald unangenehm berühren, bald wieder mit Hoffnung
für die Zukunft erfüllen, dabei ein rauhes unangenehmes Klima bei ganz
unfruchtbarem Kiesboden. Man sieht den Schnee auf den Alpen liegen,
der Südwind bringt Eiskälte und in gewöhnlichen Jahren schneit es noch
in Juni -- Gott sey also gedankt, daß ich wieder in meinem milden,
einsamen und freundlichen Carlsruhe bin. -- Und nun zur Hauptsache,
zu Ihren Geschäften. Ich habe mit Cotta gesprochen und gegen Ihren
Forderung von 10,000 Rthlr. für Ihre sämmtlichen Werke hat er, nachdem
ich ihm das Geschäft anschaulich machte, Nichts einzuwenden gefunden;
dagegen verlangt er hauptsächlich, daß Sie ihn sicher stellen, daß
Ihre früheren Verleger nichts gegen diese neue Auflage einwenden und
er nicht mit Jenen in Streit komme; dann rechnet er auf die Vor- oder
Einleitungsreden, von welchen ich ihm, Ihrem Auftrage gemäß, gesprochen
habe; auch wünschte er die Zahl der Bände zu wissen, die ich ihm nicht
angeben konnte, aber ungefähr auf einige und zwanzig anschlug; endlich
fordert er die baldigst schnelle Erscheinung des Werks und will sich
vor dem Beginne des Drucks zu keinem Vorschusse verstehen. -- Dies ist,
mit kurzen Worten, das Resultat eines langen Gesprächs. Sie mögen ihm
nun schreiben, sich auf diese Punkte beziehen und sich mit ihm einigen,
welches ich Ihnen um so mehr rathe, da mir seine Forderungen billig
scheinen und mit ihm, hinsichtlich der prompten Baarzahlungen durchaus
nichts zu befürchten ist, welches bei minder reichen Buchhändlern
doch mehr oder weniger der Fall seyn dürfte. -- Was die Beiträge zum
Morgenbl. betrifft, so scheinen sie ihm sehr angenehm zu seyn. So wie
ich den Mann kenne, so werden Sie Sich auch hierüber mit ihm einigen,
wenn Sie damit beginnen, ihm sogleich einen gewichtigen Beitrag
einzusenden. Versäumen Sie aber ja nicht, diese Angelegenheiten zu
betreiben!!! Und schmieden Sie das Eisen, dieweil es glüht!!!!! Es ist
schon nicht vortheilhaft, daß Sie ihm nicht, wie Sie mir versprachen,
bereits geschrieben hatten; ich kam dadurch in einige Verlegenheit.
-- So weit die Geschäfte! Nun will ich als Unterhändler aber auch ein
Douceur haben; und das soll darin bestehen, daß Sie über meinen jetzt
herausgekommenen Paradiesvogel ein öffentliches Wort irgendwo sagen.
Daß ich kein unbedingtes Lob erwarte, brauche ich Ihnen, der Sie mich
kennen, nicht zu sagen; aber -- da Sie doch einigen Antheil an meinen
Arbeiten nehmen, warum sollte ich nicht begehrlich hoffen, daß mir
auch die Ehre werde, daß Sie ein Wort darüber drucken lassen? -- Aber
nun kommt etwas, das ich fast für eine Pflicht, die Ihnen obliegt,
halte. Nehmlich eine Beurtheilung jener Novelle zu geben, die in den
diesjährigen Rheinblüten vom Mahler Müller in Rom abgedruckt ist. Sie
haben Sich früher für dieses Talent interessirt, sie waren Herausgeber
desselben, er hat eine lange Reihe von Jahren geschwiegen und erscheint
nun endlich wieder auf dem Felde der deutschen Literatur. Ich glaube,
daß _Sie_ dieses nicht ignoriren dürfen und gut wäre es, wenn
man den derben Tüchtigen, wenn auch ein wenig Unmodischen, neben
die süßlichen Zierbengel unserer Almanache zu Nutzen und Frommen
des nervenschwachen Publikums hinstellte. Die moralische Kraft in
seinen obscönen Schilderungen, die nicht nur nicht lüstern machen,
sondern Abscheu erregen und dennoch Produkte der Kunst bleiben, ist
bewundernswürdig, ist kunstreich, künstlich und sogar ein Kunststück.
Wäre das Ende der Erzählung minder breit, so wäre, ich wenigstens,
vollkommen mit ihr zufrieden. Ich bin begierig, was Sie darüber sagen
werden; aber thun Sie es ja! Es kostet Sie ja nur ein Stündchen. Aber
thun Sie es bald, denn dadurch würden Sie den Debit des Taschenbuchs
und also meines Schwagers Nutzen vermehren. Sie dürfen ihm wohl diesen
Gefallen erzeigen. Ueber die ihm zum neuen Jahre versprochene Novelle
wird er Ihnen selbst schreiben, und ich füge meine Bitte hinzu, diese
Angelegenheit nicht zu verschieben, dagegen verpflichte ich mich, Ihnen
auch sogleich nach der Einsendung des Mspts. für die rasche Einsendung
des Honorars zu sorgen. Schreiben Sie mir doch ein Wörtchen. Grüßen Sie
Ihre mir höchst verehrten Hausgenossen freundlichst
von
Ihrem
_L. Robert_.
So wenig Platz und so viele Gefühle und Einfälle! Gedanken kann ich
nicht sagen, denn dazu kömmt es noch lange nicht, denn jetzt habe
ich zu viel mit der Poesie, Begeisterung, zu thun; ich richte meine
Haushaltung ein, damit Sie nächsten Sommer eine „schöne“ Tasse Thee bei
mir trinken können und kaufe Tischchen, einen Lehnstuhl und Leuchter
zum Vorlesen! Ueber München bin ich mit Rob. ganz einverstanden, und
so wie ich Zeit habe, schreibe ich ausführlicher, für Ihre und Ihres
verehrten Hauses Gastfreundschaft zu danken, die ich in München nach
ihrem ganzen Werthe hätte können schätzen lernen, wenn mein Herz nicht
schon ganz davon überzeugt wäre und überflöße. Mich best. empfehlend